INICIAR SESIÓNSeit der Rettungsaktion auf Jonas’ Anwesen in Liechtenstein war Sabine jeden einzelnen Tag vor Tagesanbruch wach gewesen.Um fünf Uhr morgens ging Hayley den Flur im zweiten Stock des Ostflügels entlang. Ihre Stiefel mit Gummisohlen verursachten auf dem Hartholzboden kein Geräusch. Sie öffnete die Tür zu Sabines Zimmer und fand sie aufrecht in dem hölzernen Sessel am Fenster sitzend vor. Sabine hatte sich fest in eine dicke graue Wolldecke gewickelt und starrte auf die dunkle Bergstraße hinaus, als würde sie noch immer damit rechnen, dass jemand ihren Namen rief oder die Tür öffnete, um sie einer weiteren Verhörsitzung zu unterziehen.Hayley schloss die Tür leise, durchquerte das Zimmer und setzte sich auf die Bettkante.„Du solltest schlafen, Sabine“, sagte Hayley. „Der Arzt meinte, dein Körper braucht mindestens zehn Stunden Schlaf am Tag, um sich von der Zeit in dem Kellerverlies zu erholen.“Sabine wandte den Kopf nicht vom Fensterglas ab. Ihr Blick blieb auf den grauen Nebelschwa
Vier Tage strikter ärztlich verordneter Bettruhe waren alles, was Hayley bereit war, Saskie zuzugestehen. Am fünften Morgen wachte sie früh auf, zog ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen ihre übliche Feldhose und Wolljacke an und ging den Hauptflur entlang, um Lysander mitzuteilen, dass sie direkt nach Neukölln fahren würde.Lysander öffnete den Mund, um zu widersprechen, warf einen Blick auf ihren Gesichtsausdruck, schloss ihn wortlos wieder und ging zum Schreibtisch, um den Transportwagen anzufordern.Kai erwartete sie am Rand des Bezirks, nahe der Geschäftsstraße mit ihren zahlreichen Läden. Er trug einen dunklen Mantel, und sein Gesichtsausdruck verriet Hayley sofort, dass die Lage weitaus schlimmer war, als es in den Funkmeldungen geklungen hatte.Seit drei Tagen setzten Jonas’ Vollstrecker die Menschen in dem Bezirk massiv unter Druck. Wölfe mit den Farben des Liechtensteiner Rudels standen ganz offen vor Bäckereien, Lebensmittelgeschäften und kleinen Läden an Straßenecken. Von j
Da Saskie Hayley befohlen hatte, im Bett zu bleiben, breitete Hayley die Unterlagen und Dokumente des Morgens auf der Baumwolldecke aus, anstatt sich an ihren Schreibtisch zu setzen. Sie legte Jonas’ offiziellen Brief, eine detaillierte topografische Karte des südlichen Grenzpasses und ein Spiralnotizbuch bereit, in dem sie jedes rechtliche Detail festgehalten hatte, an das sie sich aus der Nacht erinnern konnte, in der sie Liechtenstein verlassen hatte.Zehn Minuten später betrat Vane das Schlafzimmer. Er trug ein Tablett mit zwei Tassen heißem schwarzen Tee, setzte sich auf die Kante des Stuhls neben dem Bett und nahm ihre handschriftlichen Notizen zur Hand, um sie Zeile für Zeile durchzugehen.„Geh mit mir noch einmal den genauen Wortlaut deiner Zurückweisung durch, Hayley“, sagte Vane und stellte seine Teetasse auf den Nachttisch. „Langsam, damit wir die rechtlichen Begriffe richtig erfassen.“Hayley richtete sich gegen die Kissen auf und zog die Knie unter die dicke Decke.„Ich s
Am nächsten Morgen um acht Uhr bog ein schwarzes Motorrad von der Autobahn ab und hielt vor dem Haupttor des Anwesens im Tal. Der Fahrer trug einen dunklen Helm und eine Lederjacke mit den offiziellen Farben des Rudels aus Liechtenstein. Er ließ den Motor laufen, während Friedrich und zwei Wachen ihn auf dem Überwachungsmonitor beobachteten.Der Fahrer griff in eine wasserdichte Seitentasche, holte einen dicken Pergamentumschlag hervor, der mit schwarzem Wachs versiegelt war, und reichte Friedrich das Schreiben direkt durch die eisernen Gitterstäbe. Anschließend ließ er den Motor aufheulen und raste die Bergstraße hinunter, ohne ein einziges Wort zu sagen.Friedrich brachte den versiegelten Brief direkt ins Arbeitszimmer im zweiten Stock.Lysander saß hinter dem großen Schreibtisch aus Mahagoni, während Hayley unmittelbar neben ihm in einem hochlehnigen Ledersessel Platz genommen hatte. Friedrich und Valentin standen mit verschränkten Armen am Fenster, das auf die vordere Zufahrt hina
Die beiden dunklen Transporter rollten gerade durch die großen Eisentore des Anwesens im Tal, als die Dämmerung den Bergrücken erreichte. Die Bewohner des Anwesens hatten sich schweigend entlang der Zufahrt versammelt, doch sobald die Reifen über den Kies fuhren, setzten sich die ersten in Bewegung. Friedrich hob die Hand, um die Zufahrt freizumachen, und Henrik parkte direkt vor den Garagentoren.Vane stieg als Erster aus und half Sabine auf den Boden. Saskie stand mit ihrem Klemmbrett direkt neben der Fahrzeugtür und schenkte der Menschenmenge keinerlei Beachtung. Noch bevor Hayley vom Beifahrersitz aussteigen konnte, packte Saskie sie am Arm.„Du kommst auf direktem Weg in den Krankenraum“, sagte Saskie und hielt Hayleys Jacke fest umklammert.„Saskie, mir geht es gut“, erwiderte Hayley und versuchte, sich loszumachen. „Ich muss zuerst dafür sorgen, dass Sabine sich in ihrem Zimmer einrichten kann.“„Sabine hat drei Wachen, und Marlene kümmert sich um sie“, entgegnete Saskie und fü
Zwei Stunden später erwachte Sabine in einer Ecke der Kühllagerhalle. Die warme Wolldecke war ihr bis zum Kinn hochgezogen. Saskie hatte zuvor ihren Puls überprüft und eine Flasche sauberes Wasser sowie eine frische Schüssel mit heißer Gemüsesuppe auf der Holzkiste neben ihrem Feldbett zurückgelassen. Sabine trank langsam das Wasser, während ihre Hände allmählich ruhiger wurden und die Wärme in ihre Finger zurückkehrte.Hayley saß auf einem Metallstuhl am Fußende des Feldbetts und wartete geduldig, bis Sabine sich aufsetzte und sich im Raum umsah. Lysander und Vane standen ein paar Schritte entfernt an die Betonwand gelehnt und warteten darauf, dass Sabine wieder zu Kräften kam.Nachdem Sabine gegessen und sich ausgeruht hatte, erzählte sie ihnen alles mit ruhiger, bedachter Stimme, als würde sie Einzelheiten aus einem Vorfallsbericht vorlesen, der jemand anderem zugestoßen war.„Jonas hatte nie vor, mich zu töten“, sagte Sabine und richtete den Blick auf den grauen Betonboden. „Er hi







