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Kapitel 6; Die Anwendung

Author: AlterEgo
last update publish date: 2026-08-04 14:54:38

(Gabriels Sicht)

Das ist unmöglich, Claire Laurent, eine Bewerberin in meinem Unternehmen?

Der Name bleibt länger auf meinem Bildschirm, als er sollte, während mir verschiedene Gedanken durch den Kopf gehen.

Ich habe in meinem Leben Tausende von Profilen gelesen, noch viel mehr gefiltert und die meisten innerhalb von Sekunden verworfen. Aber dieses hier sticht heraus, weil sie die Frau meines größten Rivalen ist.

Ich habe es noch einmal gelesen, um sicherzugehen, dass ich nicht halluziniere.

Claire Laurent, immer noch derselbe Name. Es gibt keinen Rechtschreibfehler und keine Verwechslung der Identität, alles entspricht den Angaben auf dem Papier.

Ihre Qualifikationen sind hervorragend, ihr technischer Hintergrund beeindruckend und ihre Erfahrung mehr als ausreichend, um sie für eine Position bei Arnaud Enterprises zu qualifizieren.

Und dennoch mag ich sie nicht, nicht wegen dem, was sie ist, sondern wegen der Leute, mit denen sie in Verbindung steht.

Damien Laurents Ehefrau.

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, die Augen immer noch auf den Bildschirm gerichtet, während sich der Gedanke richtig setzt.

Damien handelt nicht willkürlich. Alles, was er tut, ist kalkuliert, selbst wenn es oberflächlich betrachtet emotional wirkt. Genau das macht ihn im Geschäftsleben so gefährlich: Er handelt nie, ohne eine Reaktion zu erwarten.

Diese Anwendung fühlt sich falsch und absichtlich an, als ob sie mich provozieren wollte. Wenn das die Absicht ist, dann funktioniert sie, denn ich kann im Moment nicht klar denken.

Ich überfliege ihre Akte erneut, diesmal langsamer, als ob ein anderer Blickwinkel das offenbaren würde, was sich unter ihrer Struktur verbirgt. Claire Laurent möchte für mich arbeiten.

Die Idee sollte eigentlich leicht zu verwerfen sein, aber das ist sie nicht.

Meine Finger ruhen leicht auf der Tischkante, während ich darüber nachdenke. Die naheliegendste Erklärung ist zugleich die ärgerlichste. Damien versucht, seine Frau in meine Firma einzuschleusen, einen kontrollierten Zugangspunkt. Das ist völlig sinnlos.

Ich atme langsam aus, mir entgeht nichts, ich werde es ganz bestimmt herausfinden. Er muss mich für dumm halten.

Aber irgendetwas daran fühlt sich immer noch nicht richtig an.

Ich stehe auf und gehe auf die Glaswand hinter mir zu. Paris breitet sich unter mir in sanften Schichten aus Licht und Bewegung aus, eine Stadt, die niemals ganz schläft. Normalerweise finde ich hier Klarheit, doch meine Gedanken kommen nicht so leicht zur Ruhe.

Warum sollte sich Damiens Frau bei meinem Unternehmen bewerben?

Ich ließ die Frage zunächst unbeantwortet, dann unterbrach mich ein anderer Gedanke.

Was, wenn es nicht Damien ist? Ich zögere kurz.

Was, wenn ich das falsch interpretiere? Was, wenn Claire Laurent nicht nur eine Figur ist, die von jemand anderem bewegt wird? Was, wenn sie sich selbst bewegt?

Die Möglichkeit ist nicht beruhigend. Ich gehe zurück an meinen Schreibtisch und öffne ihre Akte erneut. Die Details sind unverändert, aber ich betrachte sie jetzt anders.

Es wirkt etwas zu kontrolliert, zu sorgfältig arrangiert, als hätte jemand entschieden, was sichtbar sein soll und was niemals ans Licht kommen darf.

Das allein genügt schon, um mich zu beunruhigen. Ich drücke eine Taste auf meiner gesicherten Leitung.

„Leo“, sage ich.

Seine Stimme ertönt sofort. „Jawohl, Sir.“

„Ich verlange eine vollständige Hintergrundprüfung von Claire Laurent“, fahre ich mit ruhiger Stimme fort. „Alles: persönliche Daten, Finanzhistorie, Ausbildung, beruflicher Werdegang. Ich möchte alles, was über das hinausgeht, was ich hier sehe.“

Es folgt eine kurze Pause.

„Verstanden, ich werde es priorisieren“, antwortet er.

Die Linie wird unterbrochen.

Ich lehne mich langsam zurück, wende aber den Blick nicht vom Bildschirm ab.

Die Bewerbung ist noch offen, Claire Laurent, Damiens Ehefrau.

Was, wenn sie mir nur einen Streich spielen? Ich presse die Zähne zusammen, Wut steigt in mir auf. Wenn es das ist, werde ich es Damien heimzahlen.

Er will also seine Frau benutzen, um Spielchen mit mir zu treiben? Na gut, dann mal los.

Mein System meldet, dass die verschlüsselte Protokollierung noch im Hintergrund läuft. Die anonyme E-Mail, die heute Morgen eingegangen ist, ist immer noch da, verborgen unter mehreren umgeleiteten Sicherheitspfaden. Ich habe einmal versucht, sie zu verfolgen, aber sie brach ab, bevor ich etwas Brauchbares finden konnte.

Das allein sollte mich nicht beunruhigen, tut es aber. Ich muss wissen, wer mir diese Beweise geschickt hat. Wer auch immer dahintersteckt, muss wirklich gut sein, denn ich kann ihn nicht ausfindig machen.

Ich öffne die Spur erneut und versuche es noch einmal, indem ich über Nebenwege vordringe und tiefer in die Struktur meines eigenen Sicherheitsnetzwerks eindringe. Jede Schicht faltet sich in sich selbst zusammen, sobald ich mich nähere, als ob das System sich weigern würde, seinen Ursprung vollständig preiszugeben.

Ich höre nach einem Moment auf, nicht weil ich nicht weitermachen kann, sondern weil es sich im Moment sinnlos anfühlt, weiterzumachen.

Das hat jemand ordentlich gebaut, ich bin total genervt.

Ich beuge mich leicht nach vorn, meine Augen verengen sich vor dem Bildschirm, während ich den Gedanken vollständig reifen lasse.

Ein kontrollierter Sicherheitsverstoß, sorgfältig inszeniert, so konzipiert, dass er nicht zurückverfolgt werden kann. Ich koche vor Wut, Sophia hat mich verraten.

Ich sollte demjenigen dankbar sein, der mir diese Beweise geschickt hat, aber das bin ich nicht. Ich fühle mich durch die Sicherheitslücke in meinem System bedroht. Ich seufze frustriert.

Mein Blick wandert zu meinem Laptop-Bildschirm, wo ich Claires Akte erneut studiere. Irgendetwas daran sieht nicht nach einer normalen beruflichen Laufbahn aus.

Es gibt keine sichtbare Instabilität oder Unordnung, wie sie im realen Berufsleben üblicherweise anzutreffen ist. Alles wirkt zu sauber.

Ein Klopfen reißt mich aus meiner Konzentration.

„Sir“, sagt Leo beim Eintreten.

„Bericht“, sage ich, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

Er tritt ein und schließt die Tür hinter sich, das Tablet in der Hand. Sein Gesichtsausdruck ist beherrscht, aber ich kenne ihn gut genug, um die leichte Veränderung in seiner Körperhaltung zu bemerken. Er würde nicht persönlich hierherkommen, wenn nicht etwas Besonderes wäre.

„Ich habe die vorläufige Hintergrundprüfung von Claire Laurent durchgeführt“, sagt er.

Schließlich drehe ich mich ein wenig zu ihm um.

"Und?"

Er zögert einen Augenblick, bevor er antwortet.

„Ihr Hintergrund ist zu sauber.“

Mein Blick wird schärfer.

"Erklären."

Er scrollt auf seinem Tablet. „Es gibt erwartungsgemäß Lücken in ihren frühen Unterlagen, die nicht ihrem Fachwissen entsprechen. Ihr akademischer Werdegang ist zwar vorhanden, aber die Belege sind spärlich. Ihre Beschäftigungsnachweise sind auf dem Papier schlüssig, lassen sich aber im Detail nur schwer überprüfen.“

Ich höre zu, ohne zu unterbrechen.

Er beendete seinen Satz mit leiser Stimme, als hätte er Angst, weiterzusprechen. „Es wirkt konstruiert, Sir. Fast schon künstlich.“

Die Nachricht sickert im Raum durch. Ich schaue zurück auf den Bildschirm, wo ihr Name noch immer steht.

Claire Laurent.

Eine Frau mit Verbindungen zu meinem größten Konkurrenten. Eine Anwendung, die zu harmlos wirkt, um ihr zu trauen, und ein digitaler Einbruch, den ich nicht zurückverfolgen kann. Nichts daran passt zusammen.

Und genau das macht es so gefährlich. Ich lehne mich zurück, den Blick immer noch auf ihre Akte gerichtet, während meine Gedanken um das Problem kreisen, anstatt es direkt zu lösen.

Ich vermute, dass Damien hinter diesem digitalen Eingriff steckt, aber warum sollte Damien dann diese Beweise gegen Sophia senden, wenn er die darin enthaltenen Informationen zu seinem Vorteil nutzen kann?

Ich schüttle den Kopf, das ergibt für mich keinen Sinn.

Ich muss den anonymen Absender ausfindig machen, aber zuerst muss ich herausfinden, warum Claire Laurent in einem anderen Bundesstaat für mich arbeitet.

Leo blickt von seinem Tablet auf. „Sir, Sie haben noch nichts zu der Bewerbung gesagt. Wir müssen Sophias Stelle dringend besetzen. Haben Sie sich schon entschieden, wer ihre Stelle bekommen soll?“

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