ANMELDENAria stand in der Tür des Leuchtturms und spürte, wie der Nachtwind ihr das Haar ins Gesicht trieb. Der Scheinwerferkegel der ersten Limousine schnitt durch den Nebel, und dahinter bewegte sich eine Gestalt. Die Frau im roten Mantel ging langsam über den Felsen, als wäre der Weg ihr seit Jahren vertraut. Sie blieb stehen, als sie Aria sah, und lächelte, ein Lächeln, das in dem kalten Licht nicht warm wirkte.„Aria Bennett“, sagte die Frau. Ihre Stimme war tief und ruhig, mit einem Klang, der nach vielen Jahren des Schweigens verlangte. „Du bist größer geworden, als ich gedacht habe.“Aria blieb an der Tür stehen. Ihr Puls schlug hart, aber sie zwang sich, die Stimme ruhig zu halten. „Ich kenne Sie nicht.“„Nein.“ Die Frau trat einen Schritt näher. „Aber du kennst meinen Namen. Kassandra Whitmore. Deine Mutter.“Die Worte trafen Aria wie ein Schlag in die Magengrube. Sie griff nach dem Türrahmen, weil ihre Beine plötzlich weich wurden. „M
Die Dunkelheit im unteren Raum des Leuchtturms war vollkommen. Sie war nicht die Art von Dunkelheit, an die sich die Augen gewöhnen, sondern eine, die den Blick nirgendwohin fallen ließ, eine, die sich anfühlte wie Wasser über dem Kopf. Aria hörte ihren eigenen Atem, viel zu laut für einen Raum, der kleiner war als ihre Wohnung. Darunter lag Celestes Atem, flach und schnell, und unter allem das Rauschen des Meeres, das gegen die Felsen schlug, als wollte es sich Eintritt verschaffen.„Niemand bewegt sich“, sagte Damiens Stimme aus der Schwärze. „Hier unten gibt es keine Fenster. Wenn jemand stolpert, bricht er sich das Genick.“Arias Hand tastete nach der Wand neben sich. Der Stein war kalt und feucht. Sie fand die eiserne Leiter, die sie beim Herabsteigen berührt hatte, und hielt sich daran fest.„Ich habe mein Handy“, sagte Ethan. „Es ist in meiner Jacke.“„Deine Jacke liegt oben“, sagte Damien.„Ich weiß.“Aria hörte
Die Nacht war mondlos, und die Straße zum Meer lag wie ein schwarzes Band vor ihnen. Max fuhr den Wagen, während Ethan auf dem Beifahrersitz saß, die Hände im Schoß, den Blick starr nach vorn gerichtet. Im Fond lag Celeste auf der Rückbank, zugedeckt mit einer dünnen Decke, ihr Kopf auf Damiens Jacke. Aria saß neben ihr und hielt ihre Hand. Die Finger der Bewusstlosen waren kalt, aber sie zuckten manchmal, als träumte sie von etwas, das sie nicht losließ.Niemand sprach. Die Stille zwischen den Brüdern war lauter als jedes Wort. Aria beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Sie sah, wie Damien den Nacken seines Bruders anstarrte, als versuchte er, durch die Haut zu dringen und zu lesen, was darunter lag. Sie sah, wie Ethan die Kiefer anspannte, als biss er auf etwas, das er nicht ausspucken durfte.Nach einer halben Stunde hielt Aria es nicht mehr aus."Ethan", sagte sie leise. "Du hast gesagt, du hast Celeste damals geholfen. Warum hast du dich nie
Die Tür des Lagerhauses schloss sich hinter der fremden Gestalt, und für einen Moment blieb nur das Echo ihrer Schritte. Dann herrschte Stille, eine Stille, die schwerer wog als jeder Lärm. Aria hielt das Handy umklammert, als könnte sie den Drohbrief damit zerbrechen. Ihre Finger waren kalt, ihr Puls hämmerte in den Schläfen."Das war nicht Eleanor", sagte sie schließlich. "Eleanor würde niemals selbst kommen. Sie schickt andere.""Wenn sie nicht Eleanor war, wer dann?", fragte Ethan. Seine Stimme klang belegt, und sein Blick wanderte zwischen Aria und der Tür hin und her."Sie hat gesagt, sie kannte meine Mutter", flüsterte Aria. "Ich weiß nicht einmal, wann meine Mutter gestorben ist. Mein Vater hat mir gesagt, sie sei bei meiner Geburt gestorben. Aber ich habe nie ein Grab gesehen."Damien trat neben sie und legte seine Hand auf ihren Rücken. Sie zuckte nicht mehr zusammen, wenn er sie berührte."Wir müssen die Aufnahme höre
Der Morgen brach über die Stadt herein wie eine Wunde, die nicht heilen wollte. Aria saß in einer kleinen Wohnung am Stadtrand, die Max in derselben Nacht organisiert hatte. Sie gehörte einer alten Freundin, war unscheinbar, lag im sechsten Stock eines grauen Wohnblocks und hatte nur ein Fenster, das auf eine verstopfte Nebenstraße blickte. Nirgendwo eine Kamera. Nirgendwo ein Reporter. Für den Moment war es der sicherste Ort, den sie hatten.Aria hatte nicht geschlafen. Sie saß auf dem Sofa, ein Handy in der Hand, dessen Display ununterbrochen leuchtete. Über Nacht war ihr Name zu einem Stichwort geworden. In jeder Suchmaschine, auf jeder Nachrichtenseite, in jedem sozialen Netzwerk stand dasselbe Wort: Aria Bennett. Die unbekannte Verlobte. Die Frau mit der falschen Identität.Sie scrollte durch die Schlagzeilen und spürte, wie sich mit jeder Zeile ein weiterer Stein auf ihre Brust legte."Billionärsverlobte gab sich als andere aus.""
Der Konferenzraum im Erdgeschoss war ein Ort der Macht. Dunkles Holz, Porträts der Gründer, ein Mahagonitisch für zwölf Haie in teuren Anzügen. Heute Abend roch die Luft nach Blut.Aria stand neben Damien, als sie hereinkamen. Ihre beste Bluse, schnell aus dem Schrank gerissen. Gesicht blass, Haltung aufrecht. Sie wollte nicht wie eine Betrügerin wirken, auch wenn sie sich genau so fühlte.Der Aufsichtsrat war vollzählig. Zwölf Blicke, kalt, abschätzend.Am Kopfende saß Viktor LeBlanc. Schlank, silbergraues Haar, Brille, die ihn älter machte. Sein Lächeln war höflich. Seine Augen nicht."Damien", sagte er, Samt über Glas. "Wir haben auf dich gewartet. Und auf deine Begleitung."Damien ließ sich nicht auf das Spiel ein. "Ihr habt meine Unterlagen. Der Stromausfall war isoliert. Der Tower ist sicher.""Beeindruckend, die Unterlagen", sagte LeBlanc. "Aber sie erklären nicht, warum wir dieses Foto bekommen haben."