FAZER LOGIN~Elvira~
„Ich bin Lisa, und der hübsche Riese da drüben ist mein Bruder Carson“, sagte Lisa mit fröhlicher Stimme. Sie zeigte zur Tür, wo ein großer, blonder Typ stand. Er war gut eins neunzig groß und schlank, aber muskulös. Er schenkte mir ein verlegenes Lächeln, und seine blauen Augen strahlten eine Wärme aus, die ich nicht gewohnt war. In meiner Vergangenheit waren Männer etwas, das man fürchten musste, aber Carson wirkte völlig harmlos. „Hey“, sagte er und trat ins Zimmer. „Du siehst schon besser aus. Wir waren überrascht, wie schnell du dich erholt hast. Du scheinst eine starke Natur zu haben.“ „Danke, dass ihr mir geholfen habt. Ich weiß das wirklich zu schätzen“, murmelte ich. Lisa biss sich auf die Unterlippe und legte den Kopf schief, während sie mich musterte. „Kannst du dich erinnern, was passiert ist? Wir haben dich in der Nähe der Straße gefunden, völlig nackt, als wir gerade von einer Wanderung zurückkamen. Wenn wir nicht da gewesen wären ...“ Sie ließ den Satz unbeendet, und ich sah, wie ein Frösteln ihren Körper durchlief. „Die hauptsache ist doch, dass wir dich gefunden haben“, unterbrach Carson sie und schnitt ihren düsteren Gedanken den Faden ab. „Wie heißt du eigentlich?“, fragte Lisa. „Elvira“, antwortete ich. „Elvira“, wiederholte Carson. Die Art, wie er es aussprach, gab mir das Gefühl, gesehen zu werden – und nicht gejagt. Es brachte erneut dieses gefährliche Gefühl von Sicherheit mit sich. „Ich liebe übrigens das Tattoo auf deinem unteren Rücken“, fügte Lisa hinzu. „Muster ist so fein ausgearbeitet, aber so ein Design habe ich noch nie ...“ „Tattoo?“, fiel ich ihr ins Wort. „Ich habe keine Tattoos. Ich war noch nie in einem Tattoostudio.“ Die Geschwister tauschten einen verwirrten Blick aus. „Aber du hast eins“, beharrte Lisa. „Direkt am Steißbein. Es ist ein merkwürdiges Symbol. Ich habe es gesehen, als wir dir den Schlafanzug angezogen haben.“ Ein Gefühl von Begreifen und Angst überkam mich. Ich hatte kein Tattoo gehabt, als ich noch bei meinem Stiefvater lebte. War das ein Zeichen des Erbes meiner Mutter oder etwas, das meine Wölfin Val an die Oberfläche gebracht hatte? Carson trat näher und streckte die Hand aus, um meine Temperatur zu fühlen. „Mir geht es gut“, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln. „Ich bin nur müde.“ *** Die nächsten zwei Wochen waren von einer friedlichen Existenz und einer Ruhe geprägt, die ich nicht kannte. Ich lernte ihre Lebensweise kennen; Lisas Lachen erhellte selbst den düstersten Nachmittag, und Carson strahlte eine ruhige, männliche Stärke aus. Auch sie waren Überlebende – Waisen, die den Laden weiterführten, den ihre Eltern hinterlassen hatten. Sie waren ein eingespieltes Team zu zweit, und am liebsten wäre ich einfach in ihrer Welt verschwunden. Aber ich war ein Werwolf und sie waren Menschen. Wenn mein Stiefvater mich hier fände, würde er mich töten und ihre Welt in Schutt und Asche legen. Ich hatte meinen Stiefbruder Calvin einmal erwähnen hören, dass das Silverblade-Rudel das tödlichste Rudel überhaupt sei – ein Ort voll hochmoderner Waffen und legendärer Krieger. Für die meisten war es ein Ort des Schreckens. Für mich war es eine Chance. Wenn ich ihr Training überlebte, würde ich stark genug sein, um den Mann zu töten, der meine Mutter ermordet hatte ... An einem späten Nachmittag, als die Sonne tief stand und die beiden begannen, den Laden zu schließen, brach ich das Schweigen. „Ich breche morgen nach Pennsylvania auf.“ Lisa erstarrte, das Staubtuch noch in der Hand. „Du könntest bleiben, Elvira. Bis du wieder richtig auf den Beinen bist.“ „Ich kann euch nicht länger zur Last fallen, Lisa. Ihr habt schon viel zu viel getan.“ Ich nestelte an dem Baumwollshirt herum, das sie mir geliehen hatte, und starrte auf den Boden. Carson kam zu mir herüber. „Du bist keine Last. Wir schulden dir nichts, aber du liegst uns am Herzen. Wenn du gehen willst, helfen wir dir. Wenn du bleiben willst, stehen wir dir zur Seite.“ Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme brachte meine Entschlossenheit beinahe zum Einsturz. Ich blickte von Lisas hoffnungsvollem Gesicht zu Carsons ruhiger Miene. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Und genau das war der Grund, warum ich gehen musste. „Könnt ihr mich morgen bis zur Grenze fahren?“, fragte ich. „Ich werde schreiben. Ich rufe an. Ich verspreche es.“ „In Ordnung“, flüsterten sie zurück und schlossen mich in eine Umarmung zu dritt. Als ich mich löste, wanderte mein Blick zu den langen Schatten, die sich von den Bäumen draußen über den Boden zogen. Morgen würde ich mich in die Höhle des Löwen wagen – direkt ins Territorium des Silverblade-Rudels. Es war ein Ticket ohne Rückfahrkarte, und die Chancen standen gut, dass ich am Ende tot oder gefoltert sein würde. Ich fragte mich, ob ich gerade den größten Fehler meines Lebens machte, während Val sich in meinen Gedanken regte und ein fernes Gefühl der Unruhe wahrnahm. Doch wenn man es positiv sah: Vielleicht würde ich endlich zu der Waffe werden, die ich sein musste ...~ Elvira ~Er trieb mich in die Enge.Wenn er die Frage so formulierte, gab es für mich keine Verteidigung.Ja, ich hatte sie weggeschleudert, aber der Vorwurf der Gewalt implizierte … Absicht.Es implizierte, dass ich ihr hatte wehtun wollen.Meine Gedanken überschlugen sich noch immer bei dem Versuch zu verstehen, wie mir das überhaupt gelungen war. Wie konnte ein Mädchen, das sein ganzes Leben lang misshandelt und gebrochen worden war, plötzlich die Kraft besitzen, eine ausgewachsene Werwölfin wie eine Stoffpuppe durch die Gegend zu schleudern?Ich starrte erneut auf meine Hände, halb in der Erwartung, sie würden leuchten. Dieses Rätsel würde ich später lösen müssen … Im Moment steckte ich tief in der Klemme.„Ja, ich habe sie weggeschleudert, aber es war—“„Du gibst also zu, Gewalt angewendet zu haben?“, fiel Alpha Gabriel mir ins Wort. Seine Stimme sank in eine Tonlage ab, die mir die Haare auf den Armen zu Berge stehen ließ, während er die Arme vor der Brust verschränkte.„Das w
~ Elvira ~Arias Hand umfasste meine zitternden Hände, doch ihr Griff konnte die Panik, die mir in der Kehle aufstieg, nicht eindämmen.„Wir können das klären“, flehte sie. „Es gibt keinen Grund, den Alpha zu …“„Kenn deinen Platz, Omega!“, spie Priscilla aus. „Du bist eine minderwertige Dienerin. Wie kannst du es wagen, mir Befehle zu erteilen?“„Priscilla!“, mahnte Janes Stimme lautstark.Die beiden waren absolute Gegensätze. Jane war die Besonnene, während Priscilla die Hitzköpfige war, die nach allem, was ich bisher gesehen hatte, das Chaos regelrecht suchte.Ich fragte mich, wie sie jemals befreundet gewesen sein konnten. Vielleicht wählte man in einem Rudel wie diesem einfach jemanden aus, der auf demselben Rang oder Niveau stand, und hoffte das Beste.„Du bist schuld, Jane!“, verachtete Priscilla und richtete ihr Gift wieder auf ihre ehemalige Freundin. „Du hast angefangen …“„Was ist hier los?“Die Stimme hallte aus dem Türrahmen, getränkt von absoluter Autorität.Wir wirbelte
~ Elvira ~„Wegen unserer Freundschaft werde ich deine Worte ignorieren … aber nenn mich nie wieder eine Schlampe“, sagte Jane, drehte sich um und wollte gehen.Doch Priscilla war noch nicht fertig. Sie grub ihre Fingernägel in Janes Handgelenk und riss sie wieder herum.„Ich bin noch nicht fertig mit dir! Halt dich von Kelvin fern, du Miststück!“, schrie sie mit vor Wut verzerrtem Gesicht.Jane riss sich los und strich mit kühler Gelassenheit ihr Kleid glatt.„In diesem Rudel herrscht freier Wille, Priscilla. Kelvin hat keine Gefährtin. Wenn er wieder zu mir kommt, werde ich ihn nicht zurückweisen. Er ist nicht an dich gebunden. Hör auf, dich wie seine Gefährtin aufzuführen, bevor die Mondgöttin überhaupt gesprochen hat.“„Ich hasse dich!“, zischte Priscilla.Sie packte eine Handvoll von Janes Haaren und riss ihren Kopf nach hinten.Jane schrie auf und versuchte, Priscillas Hände wegzudrücken. Der Wortgefecht schlug vor unseren Augen in ein Handgemenge um.Ohne nachzudenken handelte
~Elvira~Als Aria später am Abend zurückkehrte, hielt ich mich nicht zurück. Ich verlangte nach Keksen, Pommes und warmer Milch – ein tröstliches Festmahl, um sowohl meinen Körper zu stärken als auch Vals Kräften neue Energie zu schenken.Wenn Gabriel über mein Schicksal entscheiden wollte, wollte ich ihm mit klarem Verstand und gestärktem Geist entgentreten. Das Überleben war eine Schuld, die ich mir selbst und dem Andenken meiner Mutter schuldete.Aria brachte das Essen mit einem Lächeln. Bevor sie ging, machte ich den ersten Schritt, um mir meine erste Verbündete zu sichern. „Aria, würdest du mir morgen alles zeigen? Ich hätte gerne eine Führung.“Ihre Augen leuchteten auf, und zum ersten Mal fühlte es sich so an, als könnte sich die Anspannung im Anwesen des Rudels tatsächlich auflösen.Nach dem Abendessen schlief ich so tief wie seit Jahren nicht mehr. Die warme Milch und das weiche Bett wirkten wie ein Kokon gegen den Rest der Welt.Am nächsten Morgen entdeckte ich eine Notiz
~Elvira~Ich betrat das moderne Badezimmer des Zimmers. Die polierten Wandfliesen spiegelten ein Ebenbild von mir wider, das ich kaum wiedererkannte. Ich drehte am Hahn, und die Dusche erwachte zum Leben, umhüllte mich augenblicklich mit dichtem Dampf. Als das heiße Wasser auf meine Haut traf, stieß ich endlich einen lange angestauten Atemzug aus. Die Hitze löste die Anspannung in meinen Muskeln und wusch den Schmutz der Reise sowie den Geruch der Zelle fort. Ich seifte meine Haut mit dem Duschgel aus Lavendel und Vanille ein und begann mich für einen kurzen Moment wieder normal zu fühlen ...Ich versuchte, den Beschlag vom lebensgroßen Spiegel abzuwischen, als mein Blick an einem Spiegelbild hängen blieb ... Ich drehte mich um und spähte über meine Schulter auf meinen unteren Rücken, um eine bessere Sicht zu haben.Das Symbol, das Lisa erwähnt hatte, war genau dort ... Ein Doppelkreis, der zwei auf dem Kopf stehende Dreiecke umschloss, war mit präzisen Linien in meine Haut eingravie
~Elvira~Ein tiefes, grollendes Knurren lenkte meine Aufmerksamkeit von dem blonden Krieger ab. Alpha Gabriel starrte mich düster an, ein finsterer Ausdruck des Misfallens lag auf seinen Zügen. Meine Wangen liefen rot an ... Er hatte mich dabei ertappt, wie ich jemand anderen ansah, und durch das Gefährtenband fühlte es sich fast wie ein Verrat an. Ich senkte den Blick und nestelte an meinen Fingern.„Gabriel“, rief der Blonde ... Seine Stimme besaß einen angenehmen britischen Akzent. „Was du verlangt hast, ist fertig.“„Einen Moment, Cole. Ich bringe das hier schnell zu Ende“, murmelte Gabriel und nahm einen USB-Stick aus der Hand der Wache. Mit einem Nicken entließ er die Wachen, die augenblicklich den Raum verließen.Gabriel steckte den Stick in seinen Laptop. Es wurde still im Büro, während das Video ablief ... und genau das bewies, was ich ohnehin schon wusste: Ich hatte mich nicht vom Fenster wegbewegt ... und keinen einzigen Zettel angefasst.„Vanessa“, sagte Gabriel und versch







