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6. Die Geometrie des Fehlers (Ryu-POV)

Author: Eva Jenning
last update publish date: 2026-07-18 23:09:54

Die Marmorblöcke schlugen mit einem dumpfen, mahlenden Krachen auf den gefrorenen Schiefer des Gipfelplateaus.

Eine wirkliche Erleichterung brachte das Ende des Aufstiegs jedoch nicht. Beim Entgleiten der Last wich der brennende Druck auf Ryus Knochen lediglich einer tauben, haltlosen Erschöpfung, die ihm kalt in die Glieder kroch.

Vor ihnen dehnte sich das gigantische, schweigende Weiß des Wolkenmeers wie ein erstarrter Ozean aus, aus dem die nackten, pechschwarzen Felskuppen der Nachbargipfel wie versteinerte Seeungeheuer emporragten. Die Welt lag tief unter ihnen vergraben.

Selbst das mächtige Solis Vanth wirkte aus dieser schwindelerregenden Höhe nur noch wie eine winzige, quadratische Festung aus grauen Spielzeugsteinen, verloren im ewigen Frost der Berge.

Mit klammen Fingern griff Ryu in seinen Nacken und riss den gefrorenen Lederriemen mit einem ungeduldigen Ruck aus den Haaren.

Das steife Band war starr vor Kälte und hatte sich schmerzhaft in seine nackte Haut geschnitten. Ein kurzes, brennendes Ziehen lief über seine Kopfhaut, als das schwere, tiefblaue Haar sich löste und glatt über seine Schultern fiel.

Im brutalen, ungefilterten Mittagslicht des Gipfels glänzten die Strähnen wie poliertes, sprödes Eis. Der eisige Wind zerrte augenblicklich an den nassen Spitzen und ließ feine Frostkristalle auf den dunklen Wellen schimmern, die ihm kühl ins Gesicht peitschten.

Bei der Drehung nach dem eisernen Schaber stockte seine Bewegung.

Drei Schritte entfernt verharrte Kael an der Außenmauer.

Die Hände des Rothaarigen hingen schwer an den Seiten herab, während er die Werkzeuge im eisigen Wind liegen ließ.

Seine nackte, sonnengebräunte Brust hob und senkte sich in raschem, unregelmäßigem Takt, umhüllt von dichtem, weißem Dampf.

Ryu verstand das stumme Bild sofort. Um während des mörderischen Aufstiegs nicht an der eigenen, unkontrollierten Hitze zu ersticken, hatte Kael die graue Novizentunika bis zur Hüfte heruntergestreift. Doch nun, da die Bewegung fehlte, holte der Frost ihn ein.

Ein heftiges Zittern lief durch Kaels breite Schultern, ehe seine blauroten, geschundenen Finger nach dem nassen Leinen griffen, den groben Stoff hastig über den Oberkörper zogen und das Band vor der Brust stramm verknoteten.

Trotz der Kälte blieben Kaels Bernsteinaugen starr auf Ryu gerichtet. Mit einer drückenden, fast greifbaren Intensität folgte dieser heiße Blick der nassen, dunkelblauen Linie von Ryus fliehendem Haar, wanderte die bleichen Wangen hinab und verharrte schließlich auf seinen vom Frost rissigen Lippen.

Ryus Unterarme reagierten, noch ehe sein Verstand die Barrieren wieder hochziehen konnte. Unter der blassen Haut zuckten die silberblauen Lumina in einem unregelmäßigen, fehlerhaften Rhythmus.

Für den Bruchteil einer Sekunde entglitt ihm die eiserne Herrschaft über sein Phreem.

Die Kälte, die er sonst so meisterhaft als Schild nutzte, drängte unruhig und völlig ungelenkt nach außen; winzige, unkontrollierte Frostnadeln schossen auf seinen Handgelenken auf und zerstoben augenblicklich wieder zu kaltem Staub. Ein eklatanter Verstoß gegen jedes klösterliche Gesetz der absoluten Beherrschung.

„Beweg dich, Kael“, sagte Ryu. Seine Stimme klang rauer, als er es beabsichtigt hatte, fast brüchig im scharfen Pfeifen des Windes. „Der Mörtel friert fest.“

Kaels Schultern zuckten kurz, als wäre er unsanft aus einem Traum gerissen worden, doch er wandte den Blick nicht ab.

Er tat einen langsamen, bewussten Schritt nach vorn.

Mit ihm drängte eine Welle stummer Hitze die eisige Höhenluft zurück und brachte die Luft um sie herum zum Zittern.

Die feine Schicht aus Reif, die sich auf Ryus nasser Tunika abgelegt hatte, begann an seinen Schultern ganz leise zu schmelzen und hinterließ dunkle, feuchte Flecken im grauen Leinen.

„Du bist…“, begann Kael, hielt mitten im Satz inne und schluckte schwer. Seine Stimme klang tief, heiser von der unbarmherzigen Anstrengung und seltsam gepresst, während er Ryus nasses Haar fixierte, das im Wind wie dunkles Glas funkelte. „Du hast gestanden wie eine Wand. Da unten auf den Stufen.“

Ein stummes Zugeständnis, vollkommen frei von Kaels üblichem Spott.

Das Wissen, wie obsessiv Kael ihn auf den Stufen beobachtet hatte, drang tiefer in Ryus Brust, als ihm lieb war. Kael hatte jede einzelne Muskelanspannung registriert, jeden gehetzten Atemzug, das verzweifelte Pulsieren der blauen Linien unter seiner blassen Haut.

Kael hatte alles gesehen.

Die makellose Maske des unnahbaren Genies war für diesen ungestümen Jungen in jedem kritischen Moment vollkommen durchsichtig gewesen. Dieses plötzliche, nackte Bloßgestelltsein schnitt tiefer in Ryus Stolz als der eisige Wind auf seinen Wangen.

Ryu bückte sich, umgriff den Griff der schweren Maurerkelle und presste die Finger so fest um das Holz, bis seine Knöchel weiß hervortraten.

Die trockene, unaufhaltsame Wärme des Rothaarigen drängte gegen seine Sinne, doch er stellte die gewohnte, schützende Distanz zwischen ihnen augenblicklich wieder her.

„Eine Wand gibt nicht nach, Kael“, erwiderte er mit schneidender Kälte. „Sorg lieber dafür, dass deine eigenen Beine dich tragen, anstatt meine Stabilität zu prüfen.“

„Dann sorg dafür, dass du keine Risse kriegst“, raunte Kael.

Ein einziger, kurzer Schritt brachte ihn so nah, dass das wilde, gehetzte Hämmern seines Herzens direkt in Ryus eigener Brust widerhallte und dessen mühsam erzwungenen Takt störte.

Kael hob langsam die Hand. Die schmutzigen Leinenbinden an seinen Knöcheln waren zerfranst und von verkrustetem Blut dunkel gefärbt, doch seine Finger näherten sich zentimeterweise einer nassen, dunkelblauen Strähne, die Ryu in die Stirn hing. Allein die strahlende Hitze dieser herannahenden Hand löste die feinen Eiskristalle an den Spitzen der nassen Haare auf.

Das plötzliche Tauwasser sammelte sich und rann Ryu als einzelner, warmer Tropfen die Wange hinab, eine winzige, brennende Spur auf seiner eiskalten Haut.

Ryu hob den Kopf, um der Berührung zuvorzukommen.

Er verengte die Lider und spürte das unelastische, straffe Ziehen des vernarbten Gewebes über seiner rechten Braue, während er das bernsteinfarbene Feuer vor sich fixierte.

Unter Kaels blutigen Binden flammte ein unruhiges, goldenes Knistern auf, das stumme Signal eines drohenden Phreem-Ausbruchs und ein ständiges Risiko für ihre Strafe.

Ryus Blick wurde noch schärfer, sandte eine stumme Warnung aus und erstickte jede weitere Annäherung im Keim.

Kaels Hand verharrte in der Luft, die Finger leicht gekrümmt. Ein trockenes Schlucken ging durch seine Kehle, ehe er die Hand schließlich zur Faust ballte und sie fest gegen die eigene Hüfte presste, um das unruhige Glimmen zurückzudrängen.

„Wir müssen den Stein einsetzen“, raunte Kael.

Der trotzige Zug kehrte rasch in seine Miene zurück und überschattete die vorangegangene Verwirrung. „Zusammen. Allein bezwingst du diese Last nicht, Genie.“ 

„Ich brauche deine Hilfe nicht“, eerwiderte Ryu mechanisch, während der unkontrollierte, verräterische Puls in seiner klammen Hand das Gegenteil bewies.

„Doch, das tust du“, beharrte Kael.

Er trat direkt an die beschädigte Zinne und umkrallte die linke Flanke des Marmors. Seine Augen schimmerten dunkel und verbissen. „Greif zu, Ryu. Bevor der Frost uns hier oben einholt.“

Ryu trat schweigend an seine Seite.

Sie beugten sich in einer einzigen, synchronen Bewegung herab. Ihre Schultern streiften sich für den Bruchteil eines Herzschlags.

Der flüchtige Kontakt löste eine lautlose Entladung aus, ein wildes Vibrieren ihrer blockierten Kräfte, das Ryu augenblicklich den Atem in der Kehle abschnürte. Er packte die rechte Seite des Blocks.

Auf der rauen, gefrorenen Oberfläche des Steins ruhten ihre Hände nur handbreit voneinander entfernt.

Eine unheimliche Stille lagerte auf dem Gipfel. Das leise Knirschen des Schnees unter ihren Sohlen und das raue Reiben der groben Kleidung wirkten unnatürlich laut.

Gemeinsam wuchteten sie den schweren Block in das geborstene Mauerwerk. Ohne ein weiteres Wort griffen ihre Bewegungen ineinander, exakt austariert in einem unerbittlichen, fehlerfreien Rhythmus.

Der Marmor glitt mit einem dumpfen, schweren Mahlen an seinen Platz.

Obwohl die Last ruhte, verharrten ihre Finger noch einen Atemzug zu lang auf der kalten Fläche.

Ryu spürte die unbändige Energie des Rothaarigen wie eine unsichtbare Brücke durch den Stein wandern; die eisige Starre des Marmors wich direkt unter Ryus Fingerkuppen einer pulsierenden, lebendigen Wärme. Erst dann wichen sie gleichzeitig zurück.

Ryu hielt den Blick starr auf das grenzenlose Wolkenmeer gerichtet, während der Höhenwind an seinen feuchten Haaren zerrte.

Kaels strahlende Wärme verharrte dicht an seiner Flanke. Sie teilten diesen qualvollen Aufstieg in jedem einzelnen Schritt, und die schwere, erschöpfte Stille erübrigte jedes weitere Wort.

Ryu presste die Zähne aufeinander.

Jedes Zugeständnis barg eine tödliche Gefahr. Sein Rachefeldzug verlangte Isolation, keine ablenkenden Bindungen, die seinen Fokus aufweichten.

Doch das gewohnte Fundament geriet ins Wanken. Es war kein einfacher Riss; tief im Inneren seiner gefrorenen Seele hatte ein unheimliches, unaufhaltsames Schmelzen begonnen.

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