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Das Kind bleibt. Du kannst gehen
Das Kind bleibt. Du kannst gehen
Autor: Nebelklang

Kapitel 1

Autor: Nebelklang
In ihren sieben Ehejahren bekam Charlotte Wendt heimlich ein Kind.

Das Kind war inzwischen fünf.

Ihr Mann ahnte nichts davon.

Charlotte gab Konstantin Sternberg nie die Chance, Vater zu sein.

In einer Pause während ihres Nachtdienstes hörte sie sich eine Sprachnachricht ihrer Tochter an, die sie heimlich im Nachbarbundesland großziehen ließ. Die Stimme klang zart und unschuldig:

„Mama, warum hab ich Papa noch nie gesehen? Ist er tot?“

Charlotte dachte tatsächlich ernsthaft darüber nach.

Tot? Nein.

Aber so gut wie.

Die kleine Emma Holst machte sich in letzter Zeit immer mehr eigene Gedanken. Eine Frage ging ihr nicht mehr aus dem Kopf: Warum hatte sie ihren leiblichen Vater noch nie gesehen?

Ihre Neugier wuchs von Tag zu Tag.

So sehr, dass Charlotte überlegte, ob sie versuchen sollte, Konstantin die Wahrheit zu sagen: Sie hatten längst ein fünfjähriges Kind. Er konnte die anstrengenden ersten Jahre mit einem kleinen Kind einfach überspringen und völlig schmerzfrei Vater werden.

Charlotte schloss den Chat mit Emma und rechnete kurz nach.

Ihr und Konstantin blieben wohl nur noch drei Monate ...

Sie wog ihre Worte sorgfältig ab und öffnete die WhatsApp-Unterhaltung mit ihrem Mann. Der Verlauf bestand nur aus einer Handvoll Nachrichten. Sie tippte:

Wenn wir ein Kind hätten, würdest du ...

Bevor sie auf Senden drücken konnte, flog die Tür auf.

Eine junge Krankenschwester stürzte herein. „Charlotte, wir haben eine Notfallpatientin! Mögliche Frühschwangerschaft, Beschwerden nach Geschlechtsverkehr – Verdacht auf Gelbkörperruptur!“

Charlotte schaltete sofort das Display aus, sprang auf und folgte ihrer Kollegin mit schnellen Schritten. Ihre Stirn lag in Falten. „Was soll denn das? Bei einer möglichen Schwangerschaft sollte man doch vorsichtig sein! Können die nicht etwas mehr Rücksicht nehmen ...?“

Die Schwester zog den Vorhang um das Bett zurück. Als Charlotte die Frau darauf erkannte, brach sie mitten im Satz ab.

Zwei Sekunden lang zögerte sie, dann fragte sie überrascht: „Isabel?“

Ausgerechnet sie – die Frau, die bald in die Familie ihres Mannes einheiraten sollte?

Auch Isabel Brenner stockte kurz, als sie Charlotte sah, und antwortete nicht.

Ganz automatisch prüfte Charlotte mit geschultem Blick Isabels Zustand.

Isabel war die Verlobte von Konstantins Cousin.

Doch der saß seit fünf Monaten im Gefängnis, verurteilt zu anderthalb Jahren wegen Unregelmäßigkeiten in den Büchern seiner Firma.

Isabels Bauch war flach und ließ nichts von einer Schwangerschaft erkennen. Falls sie tatsächlich ein Kind erwartete, konnte sie noch nicht weit sein.

Woher also kam dieses Kind, bei dem die Rechnung nicht aufging ...?

Charlotte war allerdings nicht der Typ, der in den Privatangelegenheiten anderer herumschnüffelte. Mit geübtem Griff nahm sie die Untersuchungshandschuhe. „Leg dich hin. Ich untersuche dich erst mal.“

Isabel setzte sich jedoch abrupt auf. Charlottes Anwesenheit schien sie zu verärgern. „Nicht nötig. Ich will in eine andere Klinik verlegt werden.“

Die Krankenschwester warf Charlotte einen hilflosen Blick zu.

Charlotte riet davon ab. „Wenn du keine Komplikationen riskieren willst, bleib liegen. Ich kann zumindest eine erste Untersuchung machen.“

Isabel runzelte die Stirn. Diese aufgesetzte, überhebliche Art konnte sie an Charlotte nicht ausstehen.

Charlotte verlor kein weiteres Wort. Als Ärztin durfte sie keine Zeit verschwenden. Sie beugte sich vor, um Isabels Oberteil anzuheben.

Isabel verzog spöttisch die Lippen und schlug Charlottes Hand weg.

Klatsch!

Der Schlag saß.

Es tat ziemlich weh.

Charlotte senkte den Blick. Ihr Handrücken war bereits gerötet.

Noch bevor sie reagieren konnte, rief Isabel nach jemandem hinter Charlotte, nun in deutlich sanfterem Ton: „Konstantin ...“

Der vertraute Name ließ Charlotte sogar den Schmerz in ihrer Hand vergessen. Sie drehte den Kopf.

Ein Mann kam mit ruhigen, entschlossenen Schritten näher, den Mantel über dem Arm. Seine hochgewachsene Gestalt und seine vornehme Ausstrahlung waren unmöglich zu übersehen. Im Gehen schaute er kurz zur Seite und begegnete ihrem Blick.

Nur für eine Sekunde. Ohne stehen zu bleiben, wandte er sich gleichgültig ab.

Er ging an Charlotte vorbei wie an einer Fremden und trat auf die andere Seite des Bettes.

Seine tiefe, kühle Stimme klang leicht besorgt: „Wie geht es dir?“

Damit hatte Charlotte wirklich nicht gerechnet.

Ausgerechnet ihr eigener Ehemann stand Isabel hier als Angehöriger bei – nach sieben Jahren Ehe, die sie vor der Öffentlichkeit geheim hielten!

Während Konstantins ganze Aufmerksamkeit Isabel galt, drängte sich Charlotte eine Frage auf:

Hatte er überhaupt bemerkt, wie fest Isabel eben zugeschlagen hatte?

Kaum dass Konstantin sich nach ihrem Befinden erkundigte, warf Isabel der erstarrten Charlotte einen flüchtigen Blick zu.

Dann hob sie das Gesicht zu ihm, die Stimme weich und schmeichelnd, mit jener Vertrautheit, die nur Liebende verbindet: „Du weißt doch, dass ich wegen der Bauchschmerzen hergekommen bin.“

Dieser eine Satz genügte. Fast alle Umstehenden begriffen sofort.

Damit schien auch klar, mit wem Isabel eine intime Beziehung hatte.

Konstantin dementierte nichts und erklärte auch nichts.

Charlotte stand da und starrte auf die Szene.

Sie war wie gelähmt.

Fassungslos musste sie mit ansehen, wie ihr Mann sich so fürsorglich und nachsichtig um ... die Verlobte seines Cousins kümmerte.

Auch wenn Konstantin seine Gefühle nie zeigte – Frauen hatten ein feines Gespür für so etwas. Charlotte entging nicht, was hier in der Luft lag.

Isabel war aus einem derart peinlichen Grund in der Notaufnahme gelandet – und Konstantin wusste offenbar genau Bescheid!

Erst jetzt lief es Charlotte eiskalt über den Rücken.

Bisher hatte sie seine Kälte ihr gegenüber für einen angeborenen Wesenszug gehalten. An seiner Fähigkeit zu lieben hatte sie nie gezweifelt.

Jetzt begriff sie: Er trug nur eben eine andere im Herzen.

Die Situation, die Rollen, die sie alle hier spielten – das alles war so grotesk, dass sie beinahe lachen musste.

Für jeden schien offensichtlich, mit wem Isabel diese Nacht verbracht hatte.

Als Charlotte sich lange nicht rührte, richtete Konstantin endlich langsam den Blick auf sie.

Dieser Blick traf sie wie ein giftiger Stachel und riss sie kurz aus ihrer Erstarrung.

Ihre behandschuhte Hand, mit der sie Isabel eigentlich untersuchen wollte, zitterte kaum merklich.

Das Gift von Isabels Schlag schien erst jetzt zu wirken. Für einen Moment hatte Charlotte das Gefühl, dass ihr Gehirn keinen Sauerstoff mehr bekam.

Ihr Mann hatte ihr nicht bloß Hörner aufgesetzt – sie trug längst ein ganzes Hirschgeweih. Musste sie sich da wirklich noch die Demütigung antun, nachzufragen?

Isabel bemerkte, dass Konstantin Charlotte wie eine Fremde behandelte, und lächelte kaum verhohlen. „Konstantin, ich will in eine andere Klinik. Bring mich in eine renommiertere Klinik, ja?“

„Gut.“ Konstantin zögerte keine Sekunde. Anscheinend konnte Isabel alles von ihm verlangen.

Die beiden waren in einer Zweisamkeit versunken, in die kein Außenstehender eindringen konnte.

Und Charlotte, die diesen Mann als seine Ehefrau jahrelang innig geliebt hatte, spürte es nur allzu deutlich.

Der Anblick schmerzte so sehr, dass ihr Herz Stück für Stück zerriss.

Isabels Bitte um eine ‚renommiertere Klinik‘ war nichts anderes als eine offene Spitze: Für Isabel war Charlotte nicht gut genug, um sie zu behandeln.

Konstantin regelte alles ruhig und routiniert.

Er richtete kein einziges Wort an Charlotte. Und er zeigte nicht einmal einen Anflug von ...

Scham!

Auch nach dem Weggang der beiden stand Charlotte noch lange wie betäubt im Behandlungszimmer.

Unter den Kollegen, die alles mit angesehen hatten, entbrannte dagegen ein lebhaftes Gespräch über das Geschehen.

„Meine Güte! Die jungen Leute heutzutage kennen wohl keine Zurückhaltung!“

Die junge Krankenschwester seufzte neidisch. „Aber der Mann sieht wirklich unglaublich gut aus. Und an Leidenschaft fehlt es ihm offenbar auch nicht!“

Charlotte hielt den Kopf gesenkt und zog sich abwesend, Finger für Finger, die Handschuhe aus. „Ach ja?“

Die Kollegin bemerkte nichts. Stattdessen schien ihr etwas einzufallen. Sie beugte sich näher und fragte leise: „Sag mal, Charlotte, du bist doch auch schon seit Jahren verheiratet. Wieso hast du nie was von Kindern erzählt?“

Charlotte warf die Handschuhe in den Mülleimer. „Mein Mann hat Erektionsstörungen. Er ist noch in Behandlung.“

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