MasukJulian Hale hatte es nicht eilig. Er hatte es nie eilig. Er musste es auch nie. Disziplin war das Einzige, was das Vermögen seiner Familie ihm niemals hätte kaufen können, und er hatte sein ganzes Leben darauf aufgebaut.
Doch als er die Bibliothekstreppe erreichte, hatte sich sein Puls noch immer nicht beruhigt. Und das war das erste Problem.
Das zweite waren seine Schuhe. Ein schwacher brauner Fleck zeichnete sich auf dem Leder ab, und eigentlich hätte ihn das ärgern müssen. Stattdessen stellte er fest, dass er ihn nur ungern wegwischen wollte.
Unter seiner Haut regte sich etwas Uraltes.
Etwas, das er nur zu gut kannte, obwohl er es seit Jahren nicht mehr hatte erwachen spüren. Es war der Alpha in ihm, jener Instinkt, den er sich seit seinem sechzehnten Lebensjahr mit strengen Zeitplänen, Regeln und eiserner, antrainierter Ruhe zu Gehorsam gezwungen hatte.
Menschenmengen brachten ihn nicht aus der Ruhe. Rivalen ebenso wenig. Nichts hatte ihn seit sehr langer Zeit aufgewühlt. Genau deshalb vertraute er darauf, dass dieser Teil von ihm weiterschlafen würde.
Und jetzt hatte er für eine Fremde mit Tinte auf dem Daumen den Kopf gehoben.
Unvorstellbar.
Erschöpfung, sagte er sich erneut. Und zum ersten Mal in seinem Leben klang dieses Wort wie eine Lüge.
Er öffnete die Mappe in seinen Händen und las dieselbe Zahlenreihe dreimal, ohne auch nur eine einzige Zahl wirklich aufzunehmen.
Dann hörte er Schritte. Schnell und leicht, die den Innenhof überquerten.
Der Wind drehte sich und trug ihren Duft zu ihm: regenfeuchtes Papier, Graphit, der bittere Nachhall von verschüttetem Kaffee. Und darunter etwas, das er nicht genau benennen konnte. Etwas, das durch ihn hindurchfuhr wie der Klang einer angeschlagenen Glocke.
Seine Hand schloss sich um das steinerne Geländer. Hitze stieg hinter seinen Augen auf, ein goldener Schimmer, den er seit Jahren nicht mehr zugelassen hatte.
Sofort senkte er den Blick, bevor die vorbeigehenden Studenten etwas bemerken konnten.
Unter seinen Fingern zog sich ein feiner Riss durch den alten Stein.
Er starrte darauf, entsetzt.
Kontrolle.
Er hatte immer die Kontrolle gehabt.
Er zwang sich, wieder aufzusehen.
Mira überquerte gerade die Rasenfläche. Ihr Handy lag in ihrer Hand, ihr Haar löste sich erneut aus der Klammer, und ihr Gesichtsausdruck war von einem kleinen Hoffnungsschimmer erhellt.
Sie bemerkte ihn nicht. Sie sah nicht einmal in Richtung der Bibliothek.
Sie ging einfach weiter, dem Brunnen entgegen, und wurde mit jedem Schritt kleiner.
Und jeder Schritt, den sie sich von ihm entfernte, fühlte sich an, als würde ein Seil durch seine Brust gleiten und sich immer weiter spannen.
Er wandte sich zum Gehen. Er machte einen Schritt – und blieb stehen.
Es war keine bewusste Entscheidung. Sein Körper hatte sich einfach geweigert weiterzugehen, als hätte etwas in ihm die Füße fest auf den Boden gepflanzt.
Er kannte sie nicht. Er hatte sie noch nie getroffen.
Da war er sich sicher, denn er erinnerte sich an Gesichter genauso gut, wie andere Männer sich an Zahlen erinnerten. Und ihres hätte er nicht vergessen.
Doch sein Wolf, still, sicher und vollkommen unvernünftig, schien etwas zu sagen, das sein menschlicher Verstand nicht übersetzen konnte.
Es war keine Warnung.
Es fühlte sich eher wie Wiedererkennen an. So, wie man eine vertraute Stimme in der Dunkelheit erkennt.
Julian sah zu, wie ihre kleine Gestalt über das Gras ging, bis sie hinter den Bäumen verschwand.
„Wer genau“, murmelte er leise,
ohne sich an irgendjemanden zu wenden, „ist dieses Mädchen?“
Bis Freitag hatte Mira drei Dinge darüber gelernt, Julian Hales Freundin zu sein.Erstens: Die Leute starrten sie an. Zweitens: Sie starrten weniger, wenn sie zurückstarrte. Drittens: Julian Hale hatte die Angewohnheit, Nachrichten zu verschicken, die sich wie Sitzungsprotokolle lasen:Samstag, 19 Uhr. Das Herbstbankett der Hale-Stiftung. Meine Familie richtet es jedes Jahr aus, und die Hälfte der Universitätssponsoren wird anwesend sein. Gemäß Klausel drei möchte ich dich dazu einladen. Du kannst selbstverständlich ablehnen.Mira starrte noch immer finster auf die Nachricht, als er sie zur Mittagszeit im Bibliotheksgarten entdeckte. Sie saß auf einer Bank unter einem kahlen Ahorn, hielt ein Sandwich in der einen Hand und hatte ihr Skizzenbuch auf den Knien balanciert.„Du schreibst in jede Nachricht, die du mir schickst, dass ich selbstverständlich ablehnen kann“, sagte sie, ohne aufzusehen.„Du hast mich schließlich schon zweimal abgewiesen.“„Guter Punkt.“ Sie legte das Sandwich be
Am nächsten Morgen um sieben Uhr leuchtete ihr Handy auf. Julian hatte ihr eine Nachricht geschickt, und sie war so förmlich formuliert, dass Mira laut auflachen musste.Gemäß Klausel zwei möchte ich vorschlagen, dass wir heute Morgen gemeinsam auf dem Campus erscheinen. Haupteingang, 8:30 Uhr. Du kannst selbstverständlich ablehnen.Sie tippte In Ordnung, löschte es wieder und schrieb stattdessen: In Ordnung. Aber komm bloß nicht zu früh. Anschließend verbrachte sie die nächste Stunde damit, ihre Meinung über ihren Mantel zu ändern.Er war zu früh da.Julian stand im grauen Morgenlicht am Haupteingang, die Hände in den Taschen, während die Sicherheitsleute so taten, als würden sie ihn nicht bemerken. Als er sie sah, richtete er sich ein wenig auf.„Guten Morgen“, sagte er.„Soll ich jetzt deinen Arm nehmen?“„Nur, wenn du möchtest.“ Sein Blick wanderte kurz zum Tor und dann zurück zu ihr. „Heute könnte es hilfreich sein.“Mira holte tief Luft, hakte sich bei ihm unter und spürte, wie
Die dritte Nachricht traf am nächsten Morgen um 6:12 Uhr ein.Mira las sie halb verschlafen auf der Bettkante. Eine eisige Kälte breitete sich von ihren Fingerspitzen bis zu ihrer Wirbelsäule aus.Deine Mutter ruft sonntags an. Deine Miete ist am Ersten fällig. Du solltest vorsichtiger sein, wem du vertraust.Sie las die Nachricht dreimal.Nichts davon stand in ihren sozialen Medien. Sie hatte nie etwas über die Gewohnheiten ihrer Mutter oder ihre finanziellen Schwierigkeiten veröffentlicht. Niemand an der Universität wusste, wie sehr sie jeden einzelnen Pfundbetrag für ihre Miete umdrehen musste.Wer auch immer dahintersteckte, kannte sie. Und diese Person wollte, dass sie es wusste.Mira legte ihr Handy mit dem Display nach unten auf die Decke und starrte lange an die Wand.Auf der anderen Seite der Stadt hörte Julian Rowans Bericht schweigend zu.„Zwei Anrufe seit gestern“, sagte Rowan. „Einer aus Ashgrove, einer aus dem Hause Thorne. Beide waren höflich, aber ungewöhnlich interess
Mira hatte einen Plan, um über Daniel Whitmore hinwegzukommen: ARBEITEN.Sie besuchte jede Vorlesung, beendete den Auftrag, den sie beinahe verpasst hätte – einen Drachen für einen Fantasy-Autor, der ihr drei Ausrufezeichen und ein Dankeschön geschickt hatte. Sie aß immer am selben Ecktisch im Designstudio zu Mittag, hielt den Kopf gesenkt und ließ ihren Bleistift ununterbrochen über das Papier gleiten.Es war ein wirklich guter Plan … bis Dienstag.Bis Dienstag war der Vorfall am Brunnen zum Gesprächsthema Nummer eins auf dem Campus geworden, und niemand erzählte die Geschichte freundlich. Ein Mädchen aus ihrem Typografiekurs hatte sie vor allen anderen mit gespieltem, beinahe freudigem Mitgefühl gefragt: „Stimmt es, dass Daniel mit dir Schluss gemacht hat?“ Das war grausam. Wenn Mira den Flur entlangging, verstummten die Gespräche plötzlich und begannen erst wieder, sobald sie vorbeigegangen war. Jemand hatte sogar ein Video aufgenommen, das bis Mittwoch bereits in drei Gruppenchats
„Finde heraus, wer sie ist“, sagte Julian.Rowan Vale blickte aus dem Ledersessel in Julians Arbeitszimmer auf und hob eine Augenbraue. Als Beta des Hale-Rudels hatte er seinen Alpha schon Firmenübernahmen, Grenzstreitigkeiten und sogar einen denkwürdigen Rauswurf anordnen sehen, ohne dass dieser dabei jemals seinen Tonfall verändert hätte. Doch noch nie hatte Julians Stimme einen solchen Unterton gehabt. Das war definitiv überraschend und einigermaßen beunruhigend.„Wer ist wer?“„Ein Mädchen. Braune Haare, Tinte am rechten Daumen. Das Gebäude der Geisteswissenschaften, gegen zwei Uhr. Sie hat Kaffee auf meine Schuhe verschüttet.“ Julian stand mit dem Rücken zum Raum am Fenster. „Unauffällig, Rowan. Niemand sonst darf erfahren, dass ich danach gefragt habe.“Rowan stellte keine weiteren Fragen. Er nickte lediglich und ging.Der Bericht lag am nächsten Morgen auf Julians Schreibtisch.Rowan stand daneben und sah etwas mitgenommen aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Er
Julian Hale hatte es nicht eilig. Er hatte es nie eilig. Er musste es auch nie. Disziplin war das Einzige, was das Vermögen seiner Familie ihm niemals hätte kaufen können, und er hatte sein ganzes Leben darauf aufgebaut.Doch als er die Bibliothekstreppe erreichte, hatte sich sein Puls noch immer nicht beruhigt. Und das war das erste Problem.Das zweite waren seine Schuhe. Ein schwacher brauner Fleck zeichnete sich auf dem Leder ab, und eigentlich hätte ihn das ärgern müssen. Stattdessen stellte er fest, dass er ihn nur ungern wegwischen wollte.Unter seiner Haut regte sich etwas Uraltes.Etwas, das er nur zu gut kannte, obwohl er es seit Jahren nicht mehr hatte erwachen spüren. Es war der Alpha in ihm, jener Instinkt, den er sich seit seinem sechzehnten Lebensjahr mit strengen Zeitplänen, Regeln und eiserner, antrainierter Ruhe zu Gehorsam gezwungen hatte.Menschenmengen brachten ihn nicht aus der Ruhe. Rivalen ebenso wenig. Nichts hatte ihn seit sehr langer Zeit aufgewühlt. Genau de







