Masuk„Finde heraus, wer sie ist“, sagte Julian.
Rowan Vale blickte aus dem Ledersessel in Julians Arbeitszimmer auf und hob eine Augenbraue. Als Beta des Hale-Rudels hatte er seinen Alpha schon Firmenübernahmen, Grenzstreitigkeiten und sogar einen denkwürdigen Rauswurf anordnen sehen, ohne dass dieser dabei jemals seinen Tonfall verändert hätte. Doch noch nie hatte Julians Stimme einen solchen Unterton gehabt. Das war definitiv überraschend und einigermaßen beunruhigend.
„Wer ist wer?“
„Ein Mädchen. Braune Haare, Tinte am rechten Daumen. Das Gebäude der Geisteswissenschaften, gegen zwei Uhr. Sie hat Kaffee auf meine Schuhe verschüttet.“ Julian stand mit dem Rücken zum Raum am Fenster. „Unauffällig, Rowan. Niemand sonst darf erfahren, dass ich danach gefragt habe.“
Rowan stellte keine weiteren Fragen. Er nickte lediglich und ging.
Der Bericht lag am nächsten Morgen auf Julians Schreibtisch.
Rowan stand daneben und sah etwas mitgenommen aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Er hatte die Nacht in den privaten Aufzeichnungen des Rudels verbracht und mit Informanten telefoniert – mit Menschen, die den Hales Gefallen schuldeten und vor allem wussten, wie man den Mund hielt.
„Mira Callahan, zwanzig Jahre alt. Designstudentin im zweiten Studienjahr. Nebenbei freiberufliche Illustratorin, hauptsächlich Buchcover und Charakterzeichnungen. Sie bezahlt ihre Miete selbst und arbeitet dafür bis spät in die Nacht.“
„Familie?“
„Ganz gewöhnlich. Eine Mutter, die in einer Kleinstadt lebt, und ein Vater, der keine Rolle in ihrem Leben spielt. Keine Verbindungen zu einem Rudel, keine alten Blutlinien, niemand in irgendeinem Register, das ich einsehen konnte.“ Rowan zögerte. „Ich habe es dreimal überprüft. Sie ist ein Mensch, Julian. Vollkommen und auf geradezu langweilige Weise menschlich.“
Julian blätterte um. „Und?“
„Sie wurde gestern verlassen. Daniel Whitmore hat vor dem Brunnen Schluss gemacht, vor den Augen der halben Gesellschaft seines Freundeskreises. Es war inszeniert und grausam.“ Rowans Kiefer spannte sich an. „Anscheinend wollte er dabei gesehen werden. Er wollte sie demütigen.“
Im Arbeitszimmer wurde es vollkommen still.
Julian bemerkte, dass die Fensterscheiben zu summen begonnen hatten. Langsam atmete er ein und zog den Druck in sich zurück, so wie er es seit seinem sechzehnten Lebensjahr jeden Tag getan hatte, bis das Summen verstummte.
Rowan war blass geworden. „Verstehst du jetzt, warum ich mir Sorgen mache?“
„Ich verstehe.“ Julian schloss die Mappe. „Danke, Rowan. Das wäre alles.“
Er redete sich ein, dass er nicht nach ihr suchen würde.
Dieser Entschluss hielt nicht lange, denn um die Mittagszeit sah er sie wieder, als er den östlichen Innenhof überquerte. Da saß sie, auf einer Steinbank, das Skizzenbuch auf den Knien. Ihre Augen waren gerötet, doch ihr Bleistift bewegte sich weiter – ruhig und unbeirrbar.
Julian wusste nur zu gut, was geschah, sobald er einen Raum betrat. Der Druck eines Alphas ging ihm voraus wie ein aufziehendes Unwetter: Studenten wurden still, Gespräche verstummten, Menschen wichen unbewusst zur Seite. Es war ein Druck, den er überallhin mit sich trug. Gebändigt, aber niemals verschwunden. Eine ständige Anspannung hinter seinen Rippen, als würde er eine Tür gegen einen Sturm geschlossen halten.
Er machte einen Schritt in den Innenhof, und die Anspannung ließ nach. Mit einem weiteren Schritt lockerte sich der Druck in seiner Brust, bis er schließlich ganz verschwand. Die rastlose, zermürbende Hitze, die ihn seit Jahren begleitete, kam einfach zur Ruhe.
Er blieb stehen, ein Dutzend Schritte von ihr entfernt, und wagte kaum, sich zu bewegen.
Mira blickte auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie sah ihn leicht verwirrt an, so wie man ein Gesicht betrachtet, das einem vage bekannt vorkommt. Dann schenkte sie ihm ein kleines, müdes und verlegenes Nicken, bevor sie sich wieder ihrer Zeichnung widmete.
Sie spürte nichts, und das wusste er. Keine Anspannung, kein instinktives Zurückweichen, kein Hauch von Angst in ihrem Duft. Sie war einfach nur ein Mädchen auf einer Bank.
Und zum ersten Mal seit Jahren konnte Julian Hale wieder atmen.
An diesem Abend empfing Elder Aldric ihn im alten Anwesen außerhalb der Stadt, in einem Raum, der nach Holzrauch und Papier roch. Er war der älteste noch lebende Berater der Familie Hale. Er hatte Julians Vater und schon dessen Vater beraten. Nun hörte er sich Julians Erklärung an, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen.
Als Julian geendet hatte, schwieg der alte Mann lange.
„Ein Mensch“, sagte er schließlich. „Ohne eigenen Duft. Ohne Angst. Und dein Druck lässt nach.“
„Ja.“
„Es scheint, als wäre doch mehr daran als nur eine Geschichte.“ Aldric ließ sich in seinen Sessel sinken. „In den alten Schriften werden sie Resonatoren genannt. Menschen, die keine eigenen Pheromone besitzen, sodass die Instinkte eines Alphas in ihnen auf nichts treffen, woran sie sich reiben könnten. Sie unterdrücken den Wolf nicht. Sie … bringen ihn einfach zur Ruhe.“
Julians Hände waren kalt geworden. „Bringen ihn zur Ruhe.“
„Ganz genau. Du weißt, was mit Alphas unserer Blutlinie geschieht, Julian. Die Anspannung wächst von Jahr zu Jahr. Manche zerbrechen mit dreißig, andere noch früher.“ Der Blick des alten Mannes war nicht unfreundlich. „Ein Resonator kann diese Belastung in Schach halten. Sie sind äußerst selten, vielleicht nur einer in mehreren Generationen. Jedes Rudel, das jemals von einer solchen Person erfahren hat, hat um sie gekämpft.“
„Gekämpft“, wiederholte Julian.
„Sie beansprucht, versteckt oder als Verhandlungsmasse benutzt. Manche wurden sanft behandelt … die meisten nicht.“ Aldric beugte sich vor. „Wenn die anderen Alphas erfahren, dass sie existiert, werden sie kommen. Und keiner von ihnen wird sie um Erlaubnis bitten.“
Das Feuer knackte. Julian starrte in die Flammen und dachte an das Mädchen auf der Bank, mit den geröteten Augen und dem unbeirrbar weiterzeichnenden Bleistift.
Aldric beobachtete ihn. „Es gibt noch etwas, und ich sage es dir nur, damit du es aus meinem Mund erfährst. Einige alte Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass diese Verbindung in beide Richtungen wirkt. Der Mensch ist nicht einfach nur eine Quelle der Stabilität. Sie könnte auch von dem Alpha beeinflusst werden, mit dem sie in Resonanz steht.“
Julian hob den Kopf. „Inwiefern beeinflusst?“
„Die Aufzeichnungen widersprechen sich, und ich werde nicht spekulieren.“ Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Ich sage nur, dass du nicht davon ausgehen solltest, sie würde davon unberührt bleiben.“
„Aber sie weiß nichts davon“, sagte Julian.
„Nein. Und du musst entscheiden, was du damit anfangen willst.“ Aldrics Stimme wurde sanfter. „Du kannst sie nicht ohne Grund in deiner Nähe behalten, und den wahren Grund kannst du ihr zumindest vorerst nicht nennen. Ein Mensch, dem man erzählt, dass Wölfe hinter ihm her sind, wird sich wie ein Beutetier verhalten. Sie wird davonlaufen, und man wird sie jagen. Du musst äußerst vorsichtig sein.“
Julian erhob sich. „Niemand erfährt davon. Nicht der Rat, nicht unser Rudel und ganz sicher nicht die anderen Rudel. Nicht, bevor ich verstanden habe, was sie ist.“
„Dann hüte dein Schweigen genauso sorgfältig, wie du sie beschützt“, sagte der alte Mann.
Julian blieb an der Tür stehen. „Sie wird es erfahren, sobald ich selbst weiß, was ich ihr sagen muss. Es ist ihr Leben, Aldric. Es steht mir nicht zu, darüber zu bestimmen.“
Der alte Mann lächelte schwach. „Denk an deine Worte, wenn der Tag kommt, an dem es unbequem wird, dich daran zu halten.“
Rowan wartete am Wagen, den Kragen gegen die Kälte hochgeschlagen.
Ein einziger Blick auf Julians Gesicht genügte ihm, um nicht nach dem Verlauf des Treffens zu fragen. Er öffnete die Tür, wartete, bis Julian eingestiegen war, und fragte stattdessen leise:
„Was hast du mit ihr vor?“
„Was ist dein nächster Schritt?“
Julian blickte aus dem Fenster auf die dunkle Straße und die Lichter der fernen Stadt. Irgendwo dort schlief ein Mädchen mit Tinte am Daumen, ohne zu ahnen, was um sie herum geschah.
Sie zu beschützen war das eine. Sie im Unwissen zu lassen, etwas ganz anderes. Er würde ihr die Wahrheit sagen, sobald er sie selbst verstanden hatte. Und was auch immer sie danach entscheiden würde, sollte allein ihre Entscheidung sein.
Bis dahin würde er sich zwischen sie und alles stellen, was ihr etwas antun wollte.
„Ich werde dafür sorgen“, sagte er, „dass niemand sonst ihr zu nahe kommt.“
Bis Freitag hatte Mira drei Dinge darüber gelernt, Julian Hales Freundin zu sein.Erstens: Die Leute starrten sie an. Zweitens: Sie starrten weniger, wenn sie zurückstarrte. Drittens: Julian Hale hatte die Angewohnheit, Nachrichten zu verschicken, die sich wie Sitzungsprotokolle lasen:Samstag, 19 Uhr. Das Herbstbankett der Hale-Stiftung. Meine Familie richtet es jedes Jahr aus, und die Hälfte der Universitätssponsoren wird anwesend sein. Gemäß Klausel drei möchte ich dich dazu einladen. Du kannst selbstverständlich ablehnen.Mira starrte noch immer finster auf die Nachricht, als er sie zur Mittagszeit im Bibliotheksgarten entdeckte. Sie saß auf einer Bank unter einem kahlen Ahorn, hielt ein Sandwich in der einen Hand und hatte ihr Skizzenbuch auf den Knien balanciert.„Du schreibst in jede Nachricht, die du mir schickst, dass ich selbstverständlich ablehnen kann“, sagte sie, ohne aufzusehen.„Du hast mich schließlich schon zweimal abgewiesen.“„Guter Punkt.“ Sie legte das Sandwich be
Am nächsten Morgen um sieben Uhr leuchtete ihr Handy auf. Julian hatte ihr eine Nachricht geschickt, und sie war so förmlich formuliert, dass Mira laut auflachen musste.Gemäß Klausel zwei möchte ich vorschlagen, dass wir heute Morgen gemeinsam auf dem Campus erscheinen. Haupteingang, 8:30 Uhr. Du kannst selbstverständlich ablehnen.Sie tippte In Ordnung, löschte es wieder und schrieb stattdessen: In Ordnung. Aber komm bloß nicht zu früh. Anschließend verbrachte sie die nächste Stunde damit, ihre Meinung über ihren Mantel zu ändern.Er war zu früh da.Julian stand im grauen Morgenlicht am Haupteingang, die Hände in den Taschen, während die Sicherheitsleute so taten, als würden sie ihn nicht bemerken. Als er sie sah, richtete er sich ein wenig auf.„Guten Morgen“, sagte er.„Soll ich jetzt deinen Arm nehmen?“„Nur, wenn du möchtest.“ Sein Blick wanderte kurz zum Tor und dann zurück zu ihr. „Heute könnte es hilfreich sein.“Mira holte tief Luft, hakte sich bei ihm unter und spürte, wie
Die dritte Nachricht traf am nächsten Morgen um 6:12 Uhr ein.Mira las sie halb verschlafen auf der Bettkante. Eine eisige Kälte breitete sich von ihren Fingerspitzen bis zu ihrer Wirbelsäule aus.Deine Mutter ruft sonntags an. Deine Miete ist am Ersten fällig. Du solltest vorsichtiger sein, wem du vertraust.Sie las die Nachricht dreimal.Nichts davon stand in ihren sozialen Medien. Sie hatte nie etwas über die Gewohnheiten ihrer Mutter oder ihre finanziellen Schwierigkeiten veröffentlicht. Niemand an der Universität wusste, wie sehr sie jeden einzelnen Pfundbetrag für ihre Miete umdrehen musste.Wer auch immer dahintersteckte, kannte sie. Und diese Person wollte, dass sie es wusste.Mira legte ihr Handy mit dem Display nach unten auf die Decke und starrte lange an die Wand.Auf der anderen Seite der Stadt hörte Julian Rowans Bericht schweigend zu.„Zwei Anrufe seit gestern“, sagte Rowan. „Einer aus Ashgrove, einer aus dem Hause Thorne. Beide waren höflich, aber ungewöhnlich interess
Mira hatte einen Plan, um über Daniel Whitmore hinwegzukommen: ARBEITEN.Sie besuchte jede Vorlesung, beendete den Auftrag, den sie beinahe verpasst hätte – einen Drachen für einen Fantasy-Autor, der ihr drei Ausrufezeichen und ein Dankeschön geschickt hatte. Sie aß immer am selben Ecktisch im Designstudio zu Mittag, hielt den Kopf gesenkt und ließ ihren Bleistift ununterbrochen über das Papier gleiten.Es war ein wirklich guter Plan … bis Dienstag.Bis Dienstag war der Vorfall am Brunnen zum Gesprächsthema Nummer eins auf dem Campus geworden, und niemand erzählte die Geschichte freundlich. Ein Mädchen aus ihrem Typografiekurs hatte sie vor allen anderen mit gespieltem, beinahe freudigem Mitgefühl gefragt: „Stimmt es, dass Daniel mit dir Schluss gemacht hat?“ Das war grausam. Wenn Mira den Flur entlangging, verstummten die Gespräche plötzlich und begannen erst wieder, sobald sie vorbeigegangen war. Jemand hatte sogar ein Video aufgenommen, das bis Mittwoch bereits in drei Gruppenchats
„Finde heraus, wer sie ist“, sagte Julian.Rowan Vale blickte aus dem Ledersessel in Julians Arbeitszimmer auf und hob eine Augenbraue. Als Beta des Hale-Rudels hatte er seinen Alpha schon Firmenübernahmen, Grenzstreitigkeiten und sogar einen denkwürdigen Rauswurf anordnen sehen, ohne dass dieser dabei jemals seinen Tonfall verändert hätte. Doch noch nie hatte Julians Stimme einen solchen Unterton gehabt. Das war definitiv überraschend und einigermaßen beunruhigend.„Wer ist wer?“„Ein Mädchen. Braune Haare, Tinte am rechten Daumen. Das Gebäude der Geisteswissenschaften, gegen zwei Uhr. Sie hat Kaffee auf meine Schuhe verschüttet.“ Julian stand mit dem Rücken zum Raum am Fenster. „Unauffällig, Rowan. Niemand sonst darf erfahren, dass ich danach gefragt habe.“Rowan stellte keine weiteren Fragen. Er nickte lediglich und ging.Der Bericht lag am nächsten Morgen auf Julians Schreibtisch.Rowan stand daneben und sah etwas mitgenommen aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Er
Julian Hale hatte es nicht eilig. Er hatte es nie eilig. Er musste es auch nie. Disziplin war das Einzige, was das Vermögen seiner Familie ihm niemals hätte kaufen können, und er hatte sein ganzes Leben darauf aufgebaut.Doch als er die Bibliothekstreppe erreichte, hatte sich sein Puls noch immer nicht beruhigt. Und das war das erste Problem.Das zweite waren seine Schuhe. Ein schwacher brauner Fleck zeichnete sich auf dem Leder ab, und eigentlich hätte ihn das ärgern müssen. Stattdessen stellte er fest, dass er ihn nur ungern wegwischen wollte.Unter seiner Haut regte sich etwas Uraltes.Etwas, das er nur zu gut kannte, obwohl er es seit Jahren nicht mehr hatte erwachen spüren. Es war der Alpha in ihm, jener Instinkt, den er sich seit seinem sechzehnten Lebensjahr mit strengen Zeitplänen, Regeln und eiserner, antrainierter Ruhe zu Gehorsam gezwungen hatte.Menschenmengen brachten ihn nicht aus der Ruhe. Rivalen ebenso wenig. Nichts hatte ihn seit sehr langer Zeit aufgewühlt. Genau de







