Masuk
Mira Callahan hatte genau vier Minuten, um Hörsaal B zu erreichen. In einer Hand hielt sie einen Becher dampfend heißen Kaffee, in der anderen einen Stapel Unterlagen, der jeden Moment auseinanderzufallen drohte.
Ihr Skizzenbuch klemmte zwischen ihren Vorlesungsnotizen. Die Seiten waren voller unvollendeter Charakterentwürfe und Illustrationen, die sie noch für ihre Kunden fertigstellen musste. Der neueste Auftrag war noch am selben Abend fällig, und das Honorar würde einen Teil ihrer Miete decken. Nicht alles, aber immerhin einen beträchtlichen Teil.
Die Universität war kein Ort, den man einfach so betreten konnte. Hinter schmiedeeisernen Toren ragten gotische Steingebäude empor, die Rasenflächen waren millimetergenau gestutzt, und die Sicherheitskräfte kontrollierten jeden Studentenausweis am Haupteingang – und anschließend noch einmal an den älteren Gebäuden. Die Studiengänge Design und Finanzwesen gehörten zu den anspruchsvollsten des Landes, und die Nachnamen der Hälfte der Studenten tauchten regelmäßig in den Nachrichten auf. Mira hatte nie ganz aufgehört, sich wie eine Außenseiterin zu fühlen. Und heute konnte sie es sich nicht leisten, auch noch zu spät zu kommen.
Ohne nach vorne zu schauen, bog sie um die Ecke des Geisteswissenschaftlichen Gebäudes, und plötzlich geriet alles aus dem Gleichgewicht.
Der Kaffee schoss in einem dramatischen Bogen aus dem Becher, klatschte mit einem viel zu lauten Geräusch auf den steinernen Gehweg, und einige dunkle Tropfen landeten auf einem Paar glänzender schwarzer Lederschuhe.
Schuhe, die offensichtlich mehr kosteten als ihre Semestergebühren.
„Oh nein! Es tut mir so leid!“ hauchte Mira, während sie sich bereits in die Hocke begab und in ihrer Tasche nach einem zerknitterten Taschentuch suchte. „Ich habe wirklich nicht aufgepasst. Normalerweise bin ich nicht so tollpatschig. Ich kann die Reinigung bezahlen oder …“
Sie verstummte, als sie aufsah und erkannte, wen sie gerade verärgert hatte.
Er war groß und stand vollkommen regungslos da. Dunkles Haar, ein anthrazitfarbener Mantel, der aussah, als wäre er eigens für ihn angefertigt worden, und Augen in der Farbe von Regen auf Schiefer. Julian Hale.
Jeder auf dem Campus kannte seinen Namen, obwohl nur wenige behaupten konnten, ihn persönlich zu kennen. Erbe des Hale-Vermögens, ein Name auf den Spenderplaketten der Universität, eher ein Gerücht als ein Mensch.
Noch am selben Morgen hatte jemand hinter ihr in der Kaffeeschlange seinen Namen erwähnt. Angeblich hatte er gerade ein vertrauliches Treffen mit dem Investitionsausschuss der Universität beendet. Mit gerade einmal zweiundzwanzig Jahren war er bereits an Entscheidungen beteiligt, mit denen die meisten Menschen erst Mitte dreißig in Berührung kamen. Außerdem hieß es, er halte sich so streng an seinen Zeitplan, dass ihn noch nie jemand zu spät gesehen habe.
Er sagte nichts. Er sah sie lediglich an.
Es war keine Wut. Mira wusste, wie Wut aussah, und das hier war etwas anderes. Es war weder Belustigung noch Verachtung. Vielmehr war es eine ausdruckslose, kontrollierte Reglosigkeit, wie eine verschlossene Tür ohne Klinke.
„Es tut mir wirklich leid“, versuchte sie es erneut, diesmal leiser.
Wieder nichts.
Und hinter dieser unbewegten Fassade erlebte Julian Hale gerade einen äußerst seltsamen Moment.
Irgendwo unterhalb seiner Rippen spürte er ein leichtes, unbekanntes Ziehen, als hätte jemand sanft an einem Faden gezogen, von dessen Existenz er bisher nichts gewusst hatte. Ihre Stimme war bei der Entschuldigung ins Stocken geraten, und aus irgendeinem absurden Grund hatte er sie wahrgenommen – so, wie man in einem überfüllten Raum plötzlich einen einzelnen Ton heraushört.
Ihr Haar löste sich langsam aus der Haarklammer. Auf ihrem Daumen klebte ein Tintenfleck. Sie betrachtete seine Schuhe, als hätte sie ein Verbrechen begangen, und nicht seinen Namen, seinen Mantel oder sein Vermögen.
Seit Jahren hatte ihn niemand mehr so angesehen. Als wäre er einfach nur ein Mann, der zufällig vor ihr stand.
Das Ziehen kehrte zurück.
Er verdrängte es.
Es war Erschöpfung, entschied er. Zu wenig Schlaf und zu viele Abendessen mit Menschen, die sich Gefallen von ihm erhofften. Es war nichts. Es bedeutete nichts.
„Schon gut“, sagte er schließlich. Seine Stimme war tief und ruhig und verriet keinerlei Emotionen. Einfach nur sachlich.
Er ging an ihr vorbei und setzte seinen Weg fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Mira blieb mit dem nutzlosen Taschentuch in der Hand auf dem Gehweg hocken. Ihr Herz schlug auf eine Weise, die sie sich nicht erklären konnte.
„Schon gut“, wiederholte sie leise. „Okay. Schon gut.“
Dann hörte sie den Glockenturm schlagen und erinnerte sich daran, dass sie immer noch zu ihrer Vorlesung musste.
Jetzt musste sie rennen.
Erst als die Vorlesung vorbei war, der Hörsaal sich geleert hatte und das Nachmittagslicht golden durch die hohen Fenster fiel, warf sie einen Blick auf ihr Handy.
Eine neue Nachricht. Von Daniel.
„Triff mich nach deiner letzten Vorlesung am Brunnen. Wir müssen reden.“
Mira las die Nachricht zweimal. Ihr Magen zog sich zusammen, allerdings nicht vor Angst, sondern vor Hoffnung.
In letzter Zeit war es zwischen ihnen merkwürdig gewesen. Sie hatte es an seinen knappen Antworten, den abgesagten Verabredungen und daran bemerkt, wie er immer in die Ferne blickte, wenn sie sprach, ohne ihr wirklich zuzuhören.
Sie hatte mehr Nächte wach gelegen, als sie zugeben wollte, und sich gefragt, was sie falsch gemacht hatte.
Aber er wollte reden. Das bedeutete, dass er endlich bereit war, alles wieder in Ordnung zu bringen.
Sie lächelte leicht, strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr und tippte zurück:
Ich werde da sein.
Sie eilte über den Innenhof und ging im Kopf durch, was sie sagen würde: dass sie Verständnis hatte, dass sie bereit war, ihm zuzuhören und dass sie alles, was zwischen ihnen schiefgelaufen war, gemeinsam wieder in Ordnung bringen könnten.
Sie ahnte nicht, dass Daniel seinen Freunden bereits Bescheid gegeben hatte, damit sie dabei zusahen. Es waren genau jene Freunde, die zu den elitären Studentenverbindungen gehörten, die niemals im offiziellen Universitätsprospekt erwähnt wurden.
Sie ahnte nicht, dass er jedes einzelne Wort bereits geplant hatte.
Für ihn war sie nur eine Marionette in einem sorgfältig inszenierten Stück.
Und sie ahnte auch nicht, dass ein Mann mit teuren, nun ruinierten Schuhen auf den Bibliothekstreppen auf der anderen Seite des Innenhofs den Blick gehoben hatte, als sie an ihm vorbeieilte.
Er starrte sie nicht an und folgte ihr auch nicht.
Er nahm sie lediglich wahr und ertappte sich dabei, wie er sich an einen verschütteten Becher Kaffee erinnerte.
Dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos, und er ging weiter.
Bis Freitag hatte Mira drei Dinge darüber gelernt, Julian Hales Freundin zu sein.Erstens: Die Leute starrten sie an. Zweitens: Sie starrten weniger, wenn sie zurückstarrte. Drittens: Julian Hale hatte die Angewohnheit, Nachrichten zu verschicken, die sich wie Sitzungsprotokolle lasen:Samstag, 19 Uhr. Das Herbstbankett der Hale-Stiftung. Meine Familie richtet es jedes Jahr aus, und die Hälfte der Universitätssponsoren wird anwesend sein. Gemäß Klausel drei möchte ich dich dazu einladen. Du kannst selbstverständlich ablehnen.Mira starrte noch immer finster auf die Nachricht, als er sie zur Mittagszeit im Bibliotheksgarten entdeckte. Sie saß auf einer Bank unter einem kahlen Ahorn, hielt ein Sandwich in der einen Hand und hatte ihr Skizzenbuch auf den Knien balanciert.„Du schreibst in jede Nachricht, die du mir schickst, dass ich selbstverständlich ablehnen kann“, sagte sie, ohne aufzusehen.„Du hast mich schließlich schon zweimal abgewiesen.“„Guter Punkt.“ Sie legte das Sandwich be
Am nächsten Morgen um sieben Uhr leuchtete ihr Handy auf. Julian hatte ihr eine Nachricht geschickt, und sie war so förmlich formuliert, dass Mira laut auflachen musste.Gemäß Klausel zwei möchte ich vorschlagen, dass wir heute Morgen gemeinsam auf dem Campus erscheinen. Haupteingang, 8:30 Uhr. Du kannst selbstverständlich ablehnen.Sie tippte In Ordnung, löschte es wieder und schrieb stattdessen: In Ordnung. Aber komm bloß nicht zu früh. Anschließend verbrachte sie die nächste Stunde damit, ihre Meinung über ihren Mantel zu ändern.Er war zu früh da.Julian stand im grauen Morgenlicht am Haupteingang, die Hände in den Taschen, während die Sicherheitsleute so taten, als würden sie ihn nicht bemerken. Als er sie sah, richtete er sich ein wenig auf.„Guten Morgen“, sagte er.„Soll ich jetzt deinen Arm nehmen?“„Nur, wenn du möchtest.“ Sein Blick wanderte kurz zum Tor und dann zurück zu ihr. „Heute könnte es hilfreich sein.“Mira holte tief Luft, hakte sich bei ihm unter und spürte, wie
Die dritte Nachricht traf am nächsten Morgen um 6:12 Uhr ein.Mira las sie halb verschlafen auf der Bettkante. Eine eisige Kälte breitete sich von ihren Fingerspitzen bis zu ihrer Wirbelsäule aus.Deine Mutter ruft sonntags an. Deine Miete ist am Ersten fällig. Du solltest vorsichtiger sein, wem du vertraust.Sie las die Nachricht dreimal.Nichts davon stand in ihren sozialen Medien. Sie hatte nie etwas über die Gewohnheiten ihrer Mutter oder ihre finanziellen Schwierigkeiten veröffentlicht. Niemand an der Universität wusste, wie sehr sie jeden einzelnen Pfundbetrag für ihre Miete umdrehen musste.Wer auch immer dahintersteckte, kannte sie. Und diese Person wollte, dass sie es wusste.Mira legte ihr Handy mit dem Display nach unten auf die Decke und starrte lange an die Wand.Auf der anderen Seite der Stadt hörte Julian Rowans Bericht schweigend zu.„Zwei Anrufe seit gestern“, sagte Rowan. „Einer aus Ashgrove, einer aus dem Hause Thorne. Beide waren höflich, aber ungewöhnlich interess
Mira hatte einen Plan, um über Daniel Whitmore hinwegzukommen: ARBEITEN.Sie besuchte jede Vorlesung, beendete den Auftrag, den sie beinahe verpasst hätte – einen Drachen für einen Fantasy-Autor, der ihr drei Ausrufezeichen und ein Dankeschön geschickt hatte. Sie aß immer am selben Ecktisch im Designstudio zu Mittag, hielt den Kopf gesenkt und ließ ihren Bleistift ununterbrochen über das Papier gleiten.Es war ein wirklich guter Plan … bis Dienstag.Bis Dienstag war der Vorfall am Brunnen zum Gesprächsthema Nummer eins auf dem Campus geworden, und niemand erzählte die Geschichte freundlich. Ein Mädchen aus ihrem Typografiekurs hatte sie vor allen anderen mit gespieltem, beinahe freudigem Mitgefühl gefragt: „Stimmt es, dass Daniel mit dir Schluss gemacht hat?“ Das war grausam. Wenn Mira den Flur entlangging, verstummten die Gespräche plötzlich und begannen erst wieder, sobald sie vorbeigegangen war. Jemand hatte sogar ein Video aufgenommen, das bis Mittwoch bereits in drei Gruppenchats
„Finde heraus, wer sie ist“, sagte Julian.Rowan Vale blickte aus dem Ledersessel in Julians Arbeitszimmer auf und hob eine Augenbraue. Als Beta des Hale-Rudels hatte er seinen Alpha schon Firmenübernahmen, Grenzstreitigkeiten und sogar einen denkwürdigen Rauswurf anordnen sehen, ohne dass dieser dabei jemals seinen Tonfall verändert hätte. Doch noch nie hatte Julians Stimme einen solchen Unterton gehabt. Das war definitiv überraschend und einigermaßen beunruhigend.„Wer ist wer?“„Ein Mädchen. Braune Haare, Tinte am rechten Daumen. Das Gebäude der Geisteswissenschaften, gegen zwei Uhr. Sie hat Kaffee auf meine Schuhe verschüttet.“ Julian stand mit dem Rücken zum Raum am Fenster. „Unauffällig, Rowan. Niemand sonst darf erfahren, dass ich danach gefragt habe.“Rowan stellte keine weiteren Fragen. Er nickte lediglich und ging.Der Bericht lag am nächsten Morgen auf Julians Schreibtisch.Rowan stand daneben und sah etwas mitgenommen aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Er
Julian Hale hatte es nicht eilig. Er hatte es nie eilig. Er musste es auch nie. Disziplin war das Einzige, was das Vermögen seiner Familie ihm niemals hätte kaufen können, und er hatte sein ganzes Leben darauf aufgebaut.Doch als er die Bibliothekstreppe erreichte, hatte sich sein Puls noch immer nicht beruhigt. Und das war das erste Problem.Das zweite waren seine Schuhe. Ein schwacher brauner Fleck zeichnete sich auf dem Leder ab, und eigentlich hätte ihn das ärgern müssen. Stattdessen stellte er fest, dass er ihn nur ungern wegwischen wollte.Unter seiner Haut regte sich etwas Uraltes.Etwas, das er nur zu gut kannte, obwohl er es seit Jahren nicht mehr hatte erwachen spüren. Es war der Alpha in ihm, jener Instinkt, den er sich seit seinem sechzehnten Lebensjahr mit strengen Zeitplänen, Regeln und eiserner, antrainierter Ruhe zu Gehorsam gezwungen hatte.Menschenmengen brachten ihn nicht aus der Ruhe. Rivalen ebenso wenig. Nichts hatte ihn seit sehr langer Zeit aufgewühlt. Genau de







