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Kapitel 4: Ganz unten

Author: Emel Emerald
last update publish date: 2026-07-26 19:35:13

Evelyns Sicht

Ich starrte ein letztes Mal auf das eiserne Tor, bevor ich meinen Koffer die Straße entlang schleppte.

Ich ging nur mit meinem Koffer und etwas Bargeld, das ich schon eine Weile heimlich gespart hatte.

Doch bevor ich ein paar Schritte weitergehen konnte, zeigte mir das Schicksal, dass es mir nicht wohlgesonnen war. Dunkle Wolken hatten die einst strahlende Sonne verdeckt.

„Schlimmer kann es nicht mehr werden“, murmelte ich vor mich hin, während ich mich zur nächsten Bushaltestelle schleppte, um mich vor dem Regen zu schützen.

Der Regen prasselte heftiger als erwartet und hämmerte gegen das Dach der Bushaltestelle, bis er alle anderen Geräusche übertönte.

Ich saß da ​​und klammerte mich an den Griff meines Koffers, während der kalte Wind mir einen Schauer über den Rücken jagte.

Ein paar Fremde kamen auf mich zugerannt, die ebenfalls Schutz suchen wollten. Jeder ging seinen eigenen Angelegenheiten nach. Einige scrollten auf ihren Handys, während andere sich über das Wetter beschwerten.  Keiner von ihnen warf mir auch nur einen Blick zu, und dafür war ich dankbar.

Ich wollte auf keinen Fall, dass jemand die Tränen sah, die mir über die Wangen liefen. Ich glaube, ich hätte sie nicht zurückhalten können, wenn mich jemand gefragt hätte, was mit mir los sei.

Ich atmete zitternd aus und blickte zurück in Richtung Charlies Haus. Selbst von hier aus konnte ich noch die hohen Tore sehen, die mich einst gefangen gehalten hatten.

Drei Jahre lang hatte ich mich selbst davon überzeugt, dass Charlie alles vergessen und mich irgendwann auch lieben würde, wenn ich ihn nur genug liebte und die perfekte Ehefrau wäre.

Aber stattdessen wurde ich rausgeworfen, sobald Serena zurückkam.

Vielleicht war ich von Anfang an naiv gewesen.

Ich war naiv gewesen zu glauben, dass es besser werden würde. Es lag doch auf der Hand … der Beweis, dass Charlie nichts mehr mit mir zu tun haben wollte.

Ich blickte auf meinen Koffer. Alles, was ich besaß, passte jetzt hinein.

Drei Jahre Ehe, reduziert auf einen Koffer und etwas Bargeld.

 Ein Kloß bildete sich in meinem Magen. Wohin sollte ich jetzt gehen?

Ich konnte nicht zu Charlie zurück.

Und meine Eltern …

Ich zog mein Handy hervor, meine Finger schwebten über ihrem Kontakt. Trotz allem, was zwischen uns vorgefallen war, glaubte ein kleiner Teil von mir immer noch, dass sie mich nicht ganz im Stich lassen würden … dass Papa mich nicht so einfach gehen lassen würde.

Schließlich war er mein Vater.

Mit zitternden Händen wählte ich seine Nummer.

Es klingelte, aber niemand ging ran.

Ich rief erneut an, wieder keine Antwort.

Ich versuchte es noch einmal, und endlich nahm jemand ab.

„Hallo …“

Die Verbindung wurde unterbrochen, bevor ich den Satz beenden konnte.

Ich war völlig allein, ohne irgendwohin gehen zu können und ohne jemanden, an den ich mich wenden konnte.

Der Bildschirm blieb in meinen zitternden Händen dunkel.

Lange saß ich einfach nur da und starrte in mein Spiegelbild.  Meine Augen waren geschwollen, meine Wangen rot, meine Haare klebten mir im Gesicht, und ich erkannte die Frau, die mich anblickte, kaum wieder.

Allmählich ließ der Regen nach, bis nur noch das stetige Tropfen vom Dach der Bushaltestelle zu hören war.

Langsam zogen die dunklen Wolken ab und gaben den Blick auf die grauen Abendwolken frei.

Ich warf einen Blick auf die Uhr.

19:18 Uhr

Mir war gar nicht aufgefallen, wie lange ich schon dort saß.

Nach und nach verließen die Leute die Bushaltestelle und kehrten zu ihren Familien zurück. Innerhalb weniger Minuten war ich die Einzige, die noch da saß.

Alle hatten ein Ziel.

Alle außer mir.

Ich umklammerte meinen Koffer fester und zwang mich aufzustehen. Meine Beine protestierten nach dem stundenlangen Sitzen in der Kälte, aber ich ignorierte das Unbehagen.

Ich konnte nicht länger hierbleiben, nicht jetzt, wo die Dunkelheit bereits über die Stadt hereinbrach.

Ich trat auf den Bürgersteig und sah mich um, bis ein gelbes Taxi herankam.  Ich hob die Hand und betete innerlich, dass der Fahrer anhalten würde.

Zum Glück tat er es.

„Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit, Miss?“

Ich nickte.

„Gibt es hier in der Nähe ein günstiges Motel?“

„Ungefähr zehn Minuten von hier. Es ist nicht luxuriös, aber sauber“, antwortete er.

„Das reicht.“

Er stieg aus, um mir zu helfen, meinen Koffer in den Kofferraum zu laden, bevor ich auf den Rücksitz rutschte.

Als das Taxi von der Bushaltestelle losfuhr, lehnte ich meine Stirn gegen die kühle Scheibe und sah den Lichtern der Stadt nach.

Zehn Minuten später hielt das Taxi vor einem kleinen Motel, das zwischen zwei Supermärkten lag.

Ich bezahlte und zog meinen Aktenkoffer ins Motel. Ich bezahlte für eine Nacht, und die Rezeptionistin wies mir mein Zimmer zu.

Das Zimmer war noch kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte.

 Ein Einzelbett nahm fast die Hälfte des Zimmers ein, die Farbe an den Wänden blätterte stellenweise ab, und die alte Klimaanlage ratterte alle paar Sekunden laut, als würde sie jeden Moment den Geist aufgeben.

Es war nicht viel, aber für heute Abend war es alles, was ich hatte – nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte.

Ich stellte meinen Koffer neben das Bett und sank mit einem müden Seufzer auf die dünne Matratze. Jeder Muskel in meinem Körper schmerzte.

Ich griff nach meinem Handy, in der Hoffnung, mich für ein paar Minuten von der Realität abzulenken, doch stattdessen raubte mir die erste Schlagzeile, die mir ins Auge fiel, den Atem.

„Geschäftsmagnat Charlie Thorne trifft seine lang verschollene Verlobte Serena Hart wieder.“

Dem Artikel war ein Foto beigefügt, auf dem Charlie Serena in seinen Armen trug und sie mit einer Zärtlichkeit ansah, die ich mir drei Jahre lang von ihm gewünscht hatte.

Ich scrollte zu den Kommentaren.

„Sie passen perfekt zusammen!“

 „Serena hat für die wahre Liebe gekämpft, sie verdient ihr Happy End.“

„Endlich weg mit dieser bösen Ersatzfrau. Sie hat Serena nur den Platz warmgehalten.“

Mir glitt das Telefon aus den zitternden Händen, während mir unaufhaltsam Tränen über die Wangen liefen. Ich vergrub mein Gesicht im Kissen und unterdrückte mein Schluchzen, bis keine Tränen mehr da waren.

Als ich endlich den Kopf hob, wischte ich mir mit dem Handrücken über die Augen.

Nicht mehr.

Ich hatte es satt, um eine Liebe zu betteln, die nie meine war und auch nie meine sein würde.

Da fiel mir eine Stadt ein, über die ich einmal gelesen hatte – Oakhaven, ein Ort, bekannt für unzählige Geschäftsmöglichkeiten und Neuanfänge.

Morgen werde ich mit meinem wenigen Geld nach Oakhaven fahren.

Beim Gedanken an Geld griff ich in meine Handtasche und zog meine Geldbörse heraus.

Meine Finger zitterten, als ich das Geld darin zählte.

 Zehn …

Zwanzig …

Dreißig …

Nur sechzig Dollar.

Ich zählte noch einmal nach, in der Hoffnung, ein paar Scheine übersehen zu haben.

Hatte ich nicht.

Ich wusste, dass ich nicht viel gespart hatte, aber ich hatte nicht geahnt, wie wenig es war.

Es reichte kaum, um mich ein paar Tage am Leben zu erhalten, selbst wenn ich sparsam damit umging.

Ich würde diesen Ort auf jeden Fall verlassen, ich musste einfach weg.

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