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Das fünfte Ehejahr mit Sebastian Wolf
Das fünfte Ehejahr mit Sebastian Wolf
Author: Ein Glücksfischchen

Kapitel 1

Author: Ein Glücksfischchen
Aus dem Badezimmer war das leise Plätschern des Wassers zu hören.

Sebastian Wolf duschte.

Es war drei Uhr morgens und er war gerade erst nach Hause gekommen.

Klara Winter stand vor der Badezimmertür und wollte etwas mit ihm besprechen.

Sie war nervös.

Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. Vor allem wusste sie nicht, ob Sebastian damit einverstanden war.

Während sie noch zögerte, vernahm sie ein seltsames Geräusch hinter der Tür.

Zunächst verstand sie nicht, was sie hörte.

Dann erstarrte sie: Er befriedigte sich selbst.

Jeder gedämpfte Atemzug, jedes unterdrückte Stöhnen traf sie wie ein Schlag nach dem anderen gegen ihre Brust. Der Schmerz breitete sich unaufhaltsam in ihr aus, Welle um Welle, bis sie kaum noch Luft bekam.

Heute war ihr fünfter Hochzeitstag.

Fünf Jahre Ehe, die aber nie vollzogen worden war.

Das war also die Wahrheit?

Er befriedigte sich lieber selbst, als mit ihr intim zu werden.

Seine Atmung wurde schneller und schwerer, bis er schließlich einen Namen ausstieß:

„Lotti …“

Leise. Und voller Sehnsucht.

Für Klara war es der letzte Schlag.

Etwas in ihr zerbrach mit einem Mal und fiel in tausend Stücke.

Sie biss die Zähne zusammen, um kein Geräusch von sich zu geben, drehte sich um und wollte nur noch weg.

Aber schon beim ersten Schritt verlor sie das Gleichgewicht. Sie stieß gegen das Waschbecken und stürzte zu Boden.

„Klara?“

Er hatte sich hörbar beherrscht, aber sein Atem ging immer noch schwer.

„Ich … ich wollte nur ins Bad. Ich wusste nicht, dass du unter der Dusche bist …“

Eine erbärmliche Ausrede.

Mit zitternden Händen hielt sie sich am Waschbecken fest und versuchte aufzustehen. Je mehr sie sich beeilte, desto schlimmer wurde es. Der Boden war nass, ebenso der Rand des Waschbeckens. Als sie endlich wieder aufstand, trat Sebastian heraus.

Der weiße Bademantel saß hastig übergeworfen und leicht verrutscht, aber der Gürtel war fest zugezogen.

„Bist du hingefallen? Komm, ich trag dich.“ Er beugte sich bereits zu ihr hinunter.

Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen, trotzdem schüttelte sie entschieden den Kopf und stieß seine Hand weg.

„Nein. Ich schaffe das allein.“

Kaum ausgesprochen rutschte sie fast noch einmal aus. Danach floh sie humpelnd zurück ins Schlafzimmer.

Ja. Sie floh.

Das war wohl das treffendste Wort.

In den letzten fünf Jahren floh sie ständig.

Vor der Außenwelt.

Vor den Blicken der Anderen.

Vor ihrem eigenen Schmerz.

Und vor Sebastians Mitleid.

Denn Sebastian Wolfs Ehefrau war tatsächlich eine Hinkende.

Er war erfolgreich, bewundert und makellos. Wie konnte sie, so ein Krüppel, zu ihm passen?

Sie hatte aber einmal gesunde Beine gehabt …

Sebastian folgte ihr ins Schlafzimmer. „Tut es weh?“, fragte er sanft. „Lass mich mal sehen.“

„Nein, alles gut.“

Sie verkroch sich tief unter der Decke und versteckte darin auch ihre Tränen, ihre Scham und ihre ganze Hilflosigkeit.

„Wirklich in Ordnung?“ Er klang aufrichtig besorgt.

„Hm.“ Sie nickte kräftig, den Rücken zu ihm gekehrt.

„Dann schlafen wir jetzt? Du wolltest aber gerade noch ins Bad.“

„Nicht mehr. Wir schlafen jetzt, ja?“ Ihre Stimme war kaum hörbar.

„Gut. Ach ja, Heute ist unser Hochzeitstag. Ich habe ein Geschenk für dich. Du kannst es morgen auspacken. Ich hoffe, dass es dir gefällt.“

„Okay.“

Das Geschenk lag bereits auf ihrem Nachttisch. Sie musste es nicht einmal öffnen, sie wusste bereits genau, was darin war.

Jedes Jahr dieselbe Schachtel. Jedes Jahr dieselbe Uhr.

In ihrer Schublade lagen bereits neun identische Uhren, darunter auch die Geburtstagsgeschenke. Das hier war die zehnte.

Damit war das Gespräch beendet.

Sebastian löschte das Licht und legte sich ins Bett. Der Duft seines Duschgels hing noch feucht in der Luft. Klara konnte nicht spüren, wie die Matratze unter seinem Gewicht nachgab. Das Bett war zwei Meter breit. Sie lag ganz an ihrer Seite, er ganz außen auf der seinen. Zwischen ihnen war mühelos noch Platz für drei weitere Personen.

Keiner erwähnte Lotti. Keiner sprach über das, was wenige Minuten zuvor im Badezimmer passiert war. Es war einfach nichts geschehen.

Klara lag steif auf dem Rücken.

Ihre Augen brannten trocken und schmerzhaft.

Lotti, Charlotte, Charlotte Berger.

Sie war Sebastians Kommilitonin an der Universität, seine erste Liebe, seine Göttin.

Nach dem Studienabschluss ging Charlotte ins Ausland. Nach der Trennung stürzte Sebastian ein tiefes Loch und war dem Alkohol verfallen.

Klara und Sebastian waren bereits in der Gymnasialzeit Schulkameraden gewesen.

Schon damals war Sebastian Klaras geheimer Schwarm.

Er war der Star: attraktiv, brillant und unerreichbar. Sie dagegen war eine Kunstschülerin. Sie war zwar durchaus hübsch, aber hübsche Kunstschülerinnen gab es viel zu viele. Und in einer Zeit, in der Noten alles bedeuteten, wurden Kunstschüler oft mit Vorurteilen belegt.

Diese Liebe blieb deswegen ein Geheimnis, das nur Klara kannte. Sie hatte nie gedacht, dass ihr Leben eines Tages mit Sebastian verbunden sein konnte.

Erst in jenem Sommer, als sie nach ihrem Abschluss an der Tanzakademie nach Hause kam, traf Klara ihn wieder. Damals war er am Boden zerstört.

An diesem Abend war er wieder betrunken. Er torkelte in Schlangenlinien über die Straße und ignorierte die Ampel. Ein Auto kam mit hoher Geschwindigkeit heran und konnte nicht mehr bremsen.

Sie war ihm gefolgt, aus Sorge und zunehmender Unruhe bei seinem Anblick.

Im letzten Moment stürzte sie nach vorn und stieß ihn zur Seite. Er war gerettet.

Aber sie selbst wurde vom Auto erfasst.

Sie war Tänzerin. Ihre Aufnahme für das Masterstudium war bereits gesichert.

Der Unfall zerstörte alles. Sie wurde fortan verkrüppelt.

Und tanzen konnte sie nie wieder.

Später setzte er dem Trinken ein Ende und heiratete sie.

Er war ihr gegenüber stets voller Schuld und Dankbarkeit, immer sanft, immer distanziert. Er überschüttete sie mit Geschenken, gab ihr Geld in Hülle und Fülle.

Nur eines gab er ihr nie: seine Liebe.

Sie hatte geglaubt, Zeit sollte alles erwärmen. Sie hatte geglaubt, Zeit konnte alles verblassen lassen.

Aber sie hatte nie gedacht, dass er den Namen „Lotti“ auch nach fünf Jahren noch so tief in sich trug, dass er ihn noch im intimsten Moment aussprach.

Am Ende war sie nur naiv gewesen.

Klara konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Die E-Mail auf ihrem Handy hatte sie mindestens hundertmal gelesen.

Es war das Masterangebot einer ausländischen Universität. Eigentlich hatte sie ihn heute fragen wollen: „Ich möchte ins Ausland studieren. Was denkst du?“

Aber nun brauchte sie ihn nicht mehr zu fragen.

Fünf Jahre Ehe. Unzählige schlaflose Nächte. Ab diesem Moment begann der Countdown.

Als Sebastian am nächsten Morgen aufstand, gab Klara vor, noch zu schlafen. Sie hörte, wie Sebastian draußen zu Frau Krüger sagte: „Ich habe heute Abend noch einen Geschäftstermin. Sag bitte Klara, sie soll nicht auf mich warten und früh ins Bett gehen.“

Er kam noch einmal ins Schlafzimmer und warf einen Blick hinein. Klara lag noch unter die Decke verkrochen. Das Kissen darunter war längst tränennass.

Normalerweise bereitete sie ihm morgens immer die Kleidung vor, legte alles griffbereit hin. Er hatte nichts weiter zu tun, als sie anzuziehen.

Heute tat sie es aber nicht.

Er ging selbst in die Ankleide, zog sich an und verließ das Haus.

Erst als er weg war, öffnete Klara die Augen. Ihre Augen waren verquollen und brannten wie Feuer.

Sie hörte das Handy klingeln.

Es war der Wecker, den sie sich selbst gestellt hatte.

Zeit für Englischlernen.

Seit der Hochzeit schloss sie sich wegen ihres verkrüppelten Beins fast neunzig Prozent ihrer Zeit im Haus ein. Deshalb teilte sie sich den Tag mit kleinen Beschäftigungen ein, nur um die Zeit totzuschlagen.

Sie nahm das Handy, stellte den Wecker aus und scrollte ziellos auf dem Handy rum.

Ihr Kopf war gefüllt mit Chaos. Auf ihrem Handy bekam sie nichts mit.

Bis sie auf Instagram plötzlich auf ein Video stieß.

Die Person darin kam ihr viel zu bekannt vor …

Ihr Blick fiel sofort auf den Accountnamen: LottiB.

Dieser liebe Algorithmus …

Ein weiterer Blick auf das Veröffentlichungsdatum: Gestern Abend.

Klara spielte das Video ab. Sofort ertönte fröhliche Musik daraus. Dann rief jemand: „Prost! Willkommen zurück, Lotti!“

Sie kannte die Stimme – sie gehörte Sebastian.

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