FAZER LOGINMaëlles Sicht
Am nächsten Morgen macht Théo um neun Uhr zwölf mit mir Schluss.
Per Nachricht.
Théo: Ich will eine richtige Beziehung. Keine, in der ich ständig darauf warten muss, dass du erwachsen wirst.
Ich sitze auf meinem Bett. Neben mir liegt Sachas Jacke ordentlich zusammengefaltet. Beim ersten Lesen macht mich der Satz wütend. Beim zweiten tut er weh. Nach dem fünften frage ich mich bereits, ob Théo vielleicht recht hat.
Vielleicht bin ich unreif.
Vielleicht benutze ich meine Vorstellungen von der großen Liebe nur, um etwas viel Einfacheres zu verbergen: Ich habe Angst. Vor nackten Körpern. Davor, mich lächerlich zu machen oder nicht zu wissen, was ich tun soll. Davor, den anderen genau dann zu enttäuschen, wenn ich mich nicht mehr hinter meiner Kleidung und schönen Worten verstecken kann.
Théo hat drei Monate Geduld mit mir gehabt. Das würden jedenfalls alle sagen.
Niemand hat gesehen, wie er im Auto mein Handgelenk umklammerte.
Ich schon. Ich spüre noch immer die Stelle, an der seine Finger sich in meine Haut gedrückt haben.
Warum wünsche ich mir trotzdem, dass er mir wieder schreibt?
Kurz vor Mittag kommt Solène mit zwei Bechern Kaffee, einer Tüte Croissants und genug Wut für das ganze Zimmer.
„Er schreibt, du sollst erwachsen werden? Der Typ benutzt immer noch den N*****x-Account seiner Mutter.“
„Darum geht es nicht.“
„Es geht darum, dass er dich zu etwas zwingen wollte, nachdem du Nein gesagt hast.“
Sie setzt sich im Schneidersitz auf mein Bett und nimmt sich ein Croissant.
„Und dass ein geheimnisvoller, halbnackter Mann sein Gesicht neu gestaltet hat“, ergänze ich.
„Der Teil gefällt mir.“
Gegen meinen Willen sehe ich zu der schwarzen Jacke.
Solène folgt meinem Blick.
„Gehört die ihm?“
„Er hat sie mir gestern gegeben.“
„Er passt gut zu dir.“
„Ich trage sie doch gar nicht.“
„Ich meinte Sacha.“
Ich werfe ein Kissen nach ihr. Lachend weicht sie aus.
„Er ist Bastiens bester Freund.“
„Na und?“
„Dann ist er vermutlich genauso anstrengend wie mein Bruder.“
Genau in diesem Moment kommt Bastien herein, ohne anzuklopfen.
„Ist noch Kaffee da?“
Solène setzt sich gerader hin. Sie streicht erst ihre Haare und dann ihr T-Shirt glatt, obwohl beides vollkommen ordentlich ist.
„Du könntest anklopfen“, sage ich.
„Könnte ich. Ist noch Kaffee da?“
Solène hält ihm ihren hin.
„Du kannst meinen haben.“
„Danke, Solène. Du bist die Beste.“
Er lächelt sie an, und sie wird bis zu den Ohren rot. Mein Bruder bemerkt nichts. Er nimmt einen Schluck, verkündet, dass er heute Abend ausgeht, und verschwindet mit Solènes Kaffee aus dem Zimmer.
Sie wartet, bis seine Schritte sich entfernen.
„Ich hasse ihn.“
„Natürlich.“
„Wir haben über dich gesprochen.“
Um meinem Blick auszuweichen, nimmt sie noch ein Croissant.
„Bereust du es, dass du nicht mit Théo geschlafen hast?“
Die Frage bringt mich zu seiner Nachricht zurück.
„Ich bereue, dass ich nicht weiß, warum ich es nicht konnte.“
„Weil du nicht wolltest.“
„Und wenn ich niemanden will?“
„Vor dreißig Sekunden hast du Sacha angesehen, als wolltest du sein T-Shirt ablecken.“
„Solène!“
„Dein Körper ist also nicht das Problem. Théo ist es.“
Ich nehme meinen Kaffee, um mein Gesicht dahinter zu verstecken.
„Ich werde nicht mit Sacha schlafen.“
„Ich habe nie behauptet, dass du das sollst.“
Ihr Lächeln behauptet genau das Gegenteil.
Auf dem Flur fällt die Tür des Gästezimmers ins Schloss.
Solène und ich erstarren.
Sacha ist also da.
Seit wann?
Ich traue mich nicht nachzusehen.
Am Abend entscheidet Bastien, dass es „schlecht für meine soziale Entwicklung“ sei, wenn ich mich weiter in meinem Zimmer verkrieche. Er schleppt Solène und mich in eine umgebaute alte Lagerhalle nahe dem Hafen von Marseille.
Sacha fährt. Während der gesamten Fahrt erwähnt er unser Gespräch, das er vielleicht mitgehört hat, mit keinem Wort. Nicht einmal in den Rückspiegel sieht er.
Ich dagegen sehe viel zu oft auf seinen Nacken.
Von außen wirkt der Club geschlossen. Drinnen laufen warme Lichtstreifen über die Steinwände. Auf einer Galerie legt ein DJ auf. Es gibt eine riesige Bar, mehrere Billardtische und eine Tanzfläche, auf der sich die Körper in leichtem Dunst bewegen.
Sobald wir eintreten, verändert sich Sacha.
Nicht auffällig. Er versucht nicht, Blicke auf sich zu ziehen. Die Blicke kommen von allein.
Der Türsteher begrüßt ihn mit einem Griff an den Unterarm. Die Barkeeperin küsst ihn auf beide Wangen und stellt ihm ungefragt ein Mineralwasser hin. Die Männer am Billardtisch rücken zur Seite, um ihm Platz zu machen. Eine blonde Frau berührt im Vorbeigehen seine Schulter. Sacha schenkt ihr ein ruhiges Lächeln und geht weiter.
Er kennt die Regeln dieses Ortes. Wen man begrüßt. Wem man aus dem Weg geht. Wo man stehen muss, um den ganzen Raum im Blick zu behalten.
Bastien ist schon mit seinen Kollegen verschwunden. Solène tut so, als suche sie ihn nicht, während sie jede seiner Bewegungen verfolgt.
„Du machst bei Sacha dasselbe“, flüstert sie.
„Überhaupt nicht.“
„Natürlich nicht.“
Sacha nimmt das Queue entgegen, das ihm jemand hinhält. Er stellt sein Wasser an den Rand des Billardtisches, schiebt einen Ärmel hoch und betrachtet die Verteilung der Kugeln.
Sein Gegner redet viel. Sacha fast gar nicht.
Er muss nicht.
Er beugt sich vor, richtet trotz seiner verbundenen Knöchel die Hand aus und stößt zu. Keine überflüssige Bewegung. Die Kugel landet genau dort, wo er sie haben will. Selbst die Gäste, die das Spiel anfangs nicht verfolgen, sehen irgendwann hin.
Ich auch.
Wenn er sich über den Tisch streckt, spannt das Hemd über seinen Schultern. Auf seinen Unterarmen entdecke ich kleine Narben, die mir im Bad nicht aufgefallen sind. Jedes Mal, wenn er sich aufrichtet, nimmt er sich einen Moment, um meinen Blick zu erwidern, bevor er den nächsten Stoß vorbereitet.
Ich weiß nicht, ob er es absichtlich tut.
Am Ende legt sein Gegner mehrere Scheine auf den Tisch. Sacha schiebt sie in eine durchsichtige Spendenbox an der Bar. Auf einem Schild steht, dass das Geld für die Ausrüstung von Bastiens Rettungseinheit bestimmt ist.
„Das macht er seit dem Unfall von Jades Cousin“, erklärt mir die Barkeeperin. „Dein Bruder hat ihn letzten Winter aus dem Wasser geholt.“
Bastien hat nie davon erzählt. Sacha auch nicht.
Diese Diskretion berührt mich mehr, als ich mir eingestehen will.
Sacha kommt zu uns. Sein Blick fällt auf mein Glas und dann auf mich.
„Alles okay?“
„Ja.“
„Du lügst schlecht.“
„Ich übe noch.“
Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht.
Die Musik wechselt. Ein langsamer Bass legt sich unter die Stimmen. Auf der Tanzfläche rücken die Menschen enger zusammen, ihre Bewegungen werden ruhiger.
Sacha streckt mir die Hand hin.
Ich betrachte seine verbundenen Finger.
„Du tanzt?“
„Manchmal.“
„Redest du auch manchmal?“
Er lässt die Hand ausgestreckt.
Ich lege meine hinein.
Auf der Tanzfläche ist es wärmer als im restlichen Raum. Sacha findet eine Lücke zwischen zwei Gruppen und dreht sich zu mir. Seine Hand liegt auf meinem unteren Rücken, ohne mich plötzlich an ihn zu ziehen.
Anfangs bleibt ein vorsichtiger Abstand zwischen uns.
Ich folge dem Rhythmus. Er auch.
Es ist kein komplizierter Tanz. Nur zwei Körper, die nach und nach denselben Takt finden. Seine Hand begleitet meine Hüften, ohne sie zu lenken. Wenn ich zurückweiche, gibt er mir Raum. Kehre ich zu ihm zurück, drücken seine Finger ein wenig fester durch den Stoff meines Oberteils.
Dort beginnt die Wärme.
Unter seiner Hand.
Dann breitet sie sich tiefer aus, langsam und schwer, bis ich die Menschen um uns herum vergesse.
Ich hasse es nicht, berührt zu werden.
Die Erkenntnis trifft mich mit beinahe brutaler Klarheit.
Ich hasse es, Berührungen zulassen zu müssen.
Bei Sacha wird nichts verlangt. Trotzdem sucht mein Körper seinen, sobald eine Bewegung uns voneinander trennt.
Ich lege die Hände auf seine Schultern. Unter dem Hemd reagieren seine Muskeln. Sein Blick sinkt zu meinem Mund, dann sieht er mir wieder in die Augen, ohne mir näher zu kommen.
Das Licht wandert über sein Gesicht. Ein goldener Streifen zieht über seinen Wangenknochen, verschwindet und kehrt zurück. Ich spüre seinen Atem an meiner Schläfe. Der saubere Duft seiner Haut vermischt sich mit der Wärme des Clubs.
Ich selbst schließe die letzte Lücke.
Mein Bauch berührt seinen.
Die Hand an meinem Rücken gleitet ein paar Zentimeter tiefer. Nicht weit genug, um übergriffig zu werden. Weit genug, dass ich sie überall spüre.
Sacha beugt sich zu meinem Ohr.
„Hast du immer noch Angst, dass mit dir etwas nicht stimmt?“
Er hat es gehört.
Eigentlich müsste ich zurückweichen, vor Scham sterben oder ihm auf den Fuß treten.
Stattdessen drehe ich den Kopf. Mein Mund ist plötzlich ganz nah an seinem.
„Ich weiß es noch nicht.“
Sein Daumen zeichnet eine langsame Bewegung auf meinen unteren Rücken.
Mein ganzer Körper antwortet darauf.
Sacha spürt es.
Er lächelt nicht. Er nutzt diesen Moment auch nicht, um mich zu küssen oder mir zu beweisen, dass er recht hat.
Er tanzt einfach weiter mit mir.
Und genau das unterscheidet ihn von Théo.
MaëlleEin Jahr nach der Hochzeit besucht Sacha die Eröffnung einer Ausstellung und trägt dazu allen Ernstes eine Krawatte über und über voll mit kleinen Pferden.Mia hat sie am selben Morgen für ihn ausgesucht. Er hat kurz versucht zu verhandeln, doch da erinnerte sie ihn altklug daran, dass er ja bereits „alle Firmen der Welt“ kontrolliere und ihr wohl wenigstens die Wahl der Krawatte überlassen könne. Er hat sich vor meinen Augen geschlagen gegeben und danach nur kurz seinen Chauffeur böse gemustert, als dieser sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.Wir sind in Marseille, in der Restaurierungswerkstatt, in der ich seit unserer Rückkehr aus Florenz arbeite. Die Ausstellung zeigt verschiedene maritime Textilien aus Privatkollektionen. Ich habe zusammen mit einem sechs-köpfigen Team an der Restaurierung von zwei Stücken gearbeitet. Mein Name erscheint wieder in kleiner Schrift auf dem Museumsschild – genau an der Stelle, an die er gehört.Sacha trifft wegen einer Aufsichtsratssi
MaëlleAm Morgen meiner Hochzeit verliert Mia ihr Blumenkörbchen.Das gesamte Haus wird auf den Kopf gestellt. Meine Mutter beschuldigt Bastien, es verlegt zu haben, Bastien beschuldigt den Hund der Nachbarn, und Solène spürt es schließlich im Kühlschrank auf – verbarrikadiert zwischen zwei Flaschen Champagner.— Ich wollte doch nur, dass die Blütenblätter schön frisch bleiben!, erklärt Mia mit engelsgleicher Unschuld.Sie trägt ein cremefarbenes Kleidchen und einen Kranz aus zarten, weißen Blüten im Haar. Ihre wilden Locken weigern sich standhaft, trotz Solènes engagierter Bemühungen an Ort und Stelle zu bleiben. Jedes Mal, wenn man sie bittet, kurz stillzustehen, erinnert sie sich schlagartig an einen neuen, hochgradigen Notfall: ihre Schuhe, Papas Ring, das gekühlte Körbchen oder die exakte Position, an der sie nachher zu marschieren hat.Ich beobachte sie lächelnd dabei, wie sie durch mein Zimmer wirbelt, während meine Mutter im Rücken die kleinen Knöpfe meines Brautkleides schlie
MaëlleSechs Wochen später feiert Mia ihren fünften Geburtstag mit zwölf Kindern, zwei mächtigen Torten und einem Zauberer, den sie bereits nach exakt zehn Minuten enttarnt.Sacha hat einen Veranstaltungssaal nahe dem Parco delle Cascine gemietet, da unsere Wohnung diese Party niemals überlebt hätte. Er hat Mia die freie Wahl beim Thema überlassen. Sie wünschte sich Pferde, Schmetterlinge und Astronauten – die Eventplanerin hat es erstaunlicherweise geschafft, alle drei Elemente zu kombinieren, ohne den Raum in einen visuellen Albtraum zu verwandeln.Meine Eltern sind wieder aus Saint-Cyr angereist. Solène hat die Strecke zusammen mit Bastien zurückgelegt und betont direkt bei der Ankunft lautstark, dass die beiden getrennte Hotelzimmer gebucht haben – ein Detail, nach dem sie absolut niemand gefragt hatte. Lucia ist mit ihrem Sohn da. Mehrere Kinder aus dem Kindergarten flitzen im Zickzack um die Tische und werfen Französisch und Italienisch munter durcheinander.Sacha trifft zwanzig
MaëlleMia schläft endlich friedlich in ihrem Bett, umringt von zerknittertem Geschenkpapier und drei bereits ausgepackten Präsenten.Sacha hat sich auf das Sofa gelegt. Er hat das von der Klinik verschriebene Schmerzmittel eingenommen und sein Smartphone in der Küche abgelegt, nachdem er seinem Chauffeur befohlen hatte, ins Hotel zu fahren. Als ich mit einer Decke zurückkehre, hat er die Augen geschlossen, doch sein Atem geht viel zu flach, als dass er bereits schlafen könnte.Ich frage ihn leise, ob er Schmerzen habe. Das Medikament beginne zu wirken, erwidert er knapp. Ich breite die Decke über ihm aus, doch seine Hand greift nach der meinen, bevor ich mich wieder aufrichten kann.— Setz dich.Er zieht sanft. Ich lasse mich auf der Kante des Sofas nieder, nahe seiner Hüfte. Der Verband verdeckt einen Teil seiner Schläfe. Die Schnittwunde ist zwar nicht gefährlich, doch das Bild des reglosen Wagens auf Dorians Display schießt mir sofort wieder durch den Kopf, sobald ich sie ansehe.
MaëlleUm dreiundzwanzig Uhr trägt Mia noch immer ihr festliches Kleidchen.Sie hat exakt drei Bissen heruntergebracht, die Geschenke unter dem Tannenbaum sechs Mal umräumt und ist bei jedem herannahenden Motorengeräusch wie von der Tarantel gestochen ans Fenster geschossen. Der Schneefall ist in stetigen Regen übergegangen, doch die Gehwege schimmern spiegelglatt unter einer tückischen Eisschicht.Sacha antwortet seit fast zwei vollen Stunden nicht mehr.Ich habe ein erstes Mal um einundzwanzig Uhr zwanzig angerufen, ein zweites Mal um zweiundzwanzig Uhr. Sein Telefon klingelt unbarmherzig bis zur Mailbox. Der Live-Link, den er mir geschickt hatte, zeigt den Wagen seit über vierzig Minuten reglos auf einer abgelegenen Nebenstrecke.Ich behalte diese verstörende Detailinformation für mich. Mia steht auf einem Stuhl vor der Scheibe, den Kalender fest an ihre Brust gepresst.— Er musste vielleicht eine kurze Pause einlegen, um ein wenig zu schlafen, redet meine Mutter durch den Lautspre
SachaDer Richter unterzeichnet die letzte richterliche Verfügung um Punkt siebzehn Uhr vierzig.Die von meinem Vater genutzten Schwarzkonten kommen unter gerichtliche Verwaltung, die Strohfirmen werden aufgelöst und die versteckten Anteile fließen direkt in die beschlagnahmte Masse. Jene Vorstandsmitglieder, die gehofft hatten, seine Rückkehr abzuwarten, verlassen den Konzern mit sofort gesperrten Zugängen. Um achtzehn Uhr stimmt der neu formierte Verwaltungsrat dem von mir aufgezwungenen Sanierungsplan zu. Um achtzehn Uhr zwanzig schließe ich die Akte.Armand wird sich noch Jahre lang vor Gericht verteidigen können. Doch er wird nie wieder auch nur ein einziges Unternehmen leiten.Dorian tritt in mein Büro, genau in dem Moment, als ich mir den Mantel überstreife.— Der Flug nach Florenz wurde ersatzlos gestrichen. Sämtliche Starts in Le Bourget sind bis morgen Früh ausgesetzt.— Mailand?— Dieselbe Lage. Turin macht in einer Stunde dicht.Er legt mir die aktuelle Straßen- und Wetter







