Se connecterMaëlles Sicht
„Ich will, dass wir es Bastien sagen.“
Sacha hört mitten im Zuknöpfen seines Hemdes auf.
Seit drei Wochen finden wir jede nur denkbare Ausrede, um allein zu sein. Er kommt in mein Zimmer, sobald das Haus schläft. Früh am Morgen treffe ich ihn bei seinem Motorrad. Wir küssen uns in der Küche, hinter den Umkleidekabinen am Strand und einmal in der Waschküche, während Bastien oben seine Schlüssel sucht.
Drei Wochen voller Lügen für ein paar Stunden mit ihm.
Anfangs gefällt mir unser Geheimnis. Jeder Blick wird dadurch intensiver. Jede gestohlene Berührung gehört nur uns.
Inzwischen fühlt es sich immer mehr an, als würde er mich verstecken.
Sacha knöpft sein Hemd weiter zu.
„Nein.“
„Du könntest wenigstens so tun, als würdest du darüber nachdenken.“
„Habe ich.“
„Wie lange? Eine halbe Sekunde?“
Er schiebt die Ärmel hoch. Auf seinen Knöcheln ist wieder ein frischer Schnitt, den er mir nicht erklären will.
Wir stehen in seinem Zimmer. Das Fenster zum Garten ist offen. Draußen räumt Bastien die Stühle vom Grillfest weg. Ich höre, wie seine Füße über die Steinplatten schleifen und er mit sich selbst spricht, sobald sich ein Stuhl nicht zusammenklappen lässt.
„Irgendwann erwischt er uns“, sage ich. „Dann wird alles nur schlimmer.“
„Er erwischt uns nicht.“
„Das sagst du nach der Hütte, der Dusche und der Abstellkammer?“
Sacha sieht mich an.
„Besonders unauffällig warst du auch nicht.“
„Darum geht es nicht.“
Ich verschränke die Arme. Er macht zwei Schritte auf mich zu und legt die Hände an meine Hüften.
„Maëlle.“
„Lass das.“
„Was?“
„Versuch nicht, mich abzulenken.“
Sein Mund bleibt wenige Zentimeter vor meinem stehen.
„Sonst funktioniert es.“
„Diesmal nicht.“
Er lächelt nicht. Sacha lächelt ohnehin selten, aber heute wirkt sein Gesicht besonders verschlossen. Beim Essen hat er mindestens sechsmal auf sein Handy gesehen. Zwei Anrufe von einer unbekannten Nummer hat er weggedrückt.
Ich lege eine Hand auf seine Brust, um etwas Abstand zu halten.
„Am Ende des Sommers gehe ich nach Lyon. Ich will die letzten Wochen nicht so tun, als würdest du mich nie berühren, sobald Bastien sich umdreht.“
Seine Finger greifen fester um meine Hüften.
„Heute Abend reden wir nicht darüber.“
„Warum?“
„Weil ich dich darum bitte.“
„Das ist kein Grund.“
„Es ist der einzige, den ich habe.“
Er tritt zurück und nimmt das Handy vom Schreibtisch. Das Display leuchtet auf, bevor er es umgedreht auf das Holz legt.
„Ist irgendetwas passiert?“
„Nein.“
„Du lügst sehr schlecht.“
„Und du stellst zu viele Fragen.“
Die Antwort verletzt mich mehr, als ich zeigen will.
Ich öffne die Tür.
„Gut. Wenn dir ein richtiger Grund einfällt, weißt du ja, wo du mich findest.“
Seine Hand drückt die Tür wieder zu, bevor ich hinausgehen kann.
Er dreht mich mit dem Rücken dagegen. Nicht grob. Gerade fest genug, dass ich nicht mit dem letzten Wort davonkomme.
„Ich weiß immer, wo ich dich finde.“
„Dann hör auf, mich wie ein Problem zu behandeln, das du verstecken musst.“
Etwas regt sich in seinem Blick.
Er küsst mich.
Eigentlich sollte ich ihn wegstoßen. Ich habe mehrere äußerst kluge Sätze vorbereitet. Keiner überlebt seinen Mund auf meinem.
Doch sein Kuss ist nicht spielerisch. Er ist zu tief und zu drängend. Seine Hände wandern über meinen Rücken, als wollte er sich jede Stelle einprägen, die sie berühren.
Als er sich löst, geht sein Atem schnell.
„Heute Nacht“, sagt er. „Komm, wenn Bastien schläft.“
„Und morgen?“
„Morgen reden wir.“
Ich nehme diese Antwort an, weil ich ihr glauben will.
In der Nacht warte ich, bis der Fernseher im Erdgeschoss verstummt. Gegen Mitternacht kommt Bastien nach oben. Seine Zimmertür fällt zu, die Toilettenspülung rauscht, dann liegt das Haus still.
Barfuß gehe ich über den Flur.
Sacha wartet am Fenster. Er trägt nur eine dunkle Hose. Das Licht von der Straße zeichnet seine Schultern und die Linien seiner Tattoos nach.
„Schließ ab“, flüstert er.
Ich drehe den Schlüssel um.
Kaum wende ich mich zu ihm, liegen seine Hände auf mir.
Er hebt mich hoch und trägt mich zum Bett. Sein Mund findet meinen Hals, mein Schlüsselbein und die Stelle unter meinem Ohr, die er schon viel zu gut kennt. Ich ziehe ihn an mich, spüre aber selbst in seiner Eile, dass er nicht ganz bei mir ist.
Ein Teil von ihm lauscht auf etwas anderes.
Auf die Straße. Auf sein Handy. Vielleicht auf beides.
„Sieh mich an“, flüstere ich.
Er hebt den Kopf.
„Ich sehe dich an.“
„Nein. Richtig.“
Ein paar Sekunden bewegt er sich nicht.
Ich streiche über die kleine Narbe an seiner Lippe und dann über seinen Kiefer.
„Bist du morgen noch da?“
Sein Blick sinkt zu meinem Mund.
„Jetzt bin ich da.“
Das ist keine Antwort.
Ich hätte es verstehen müssen.
Stattdessen küsse ich ihn und lasse ihn die Angst zum Schweigen bringen, die sich in meinem Bauch eingenistet hat.
Später liege ich erschöpft an seiner Seite. Sein Arm ruht schwer auf meiner Taille. Er atmet nicht wie jemand, der schläft.
Auf dem Schreibtisch vibriert sein Handy.
Einmal.
Dann ein zweites Mal.
„Willst du nicht rangehen?“
„Schlaf.“
„Wer ruft dich um zwei Uhr morgens an?“
„Niemand.“
„Dafür sind diese nicht existierenden Leute ziemlich hartnäckig.“
Er zieht mich näher an sich.
„Schlaf, Maëlle.“
Ich schließe die Augen.
Etwas später weckt mich eine Bewegung der Matratze. Sacha sitzt auf der Bettkante und hält das Handy ans Ohr.
„Nein“, sagt er sehr leise. „Nicht hier.“
Stille.
„Ich habe dir gesagt, dass ich mich darum kümmere.“
Er dreht den Kopf und sieht, dass ich wach bin.
„Schlaf weiter.“
„Sacha …“
Er beendet den Anruf, legt sich wieder hin und schiebt eine Hand in meinen Nacken.
„Morgen.“
Schon wieder dieses Wort.
Ich lege die Wange an seine Brust. Sein Herz schlägt viel zu schnell.
Am nächsten Morgen ist sein Zimmer leer.
Noch halb im Schlaf bleibe ich zunächst auf der Schwelle stehen. Das Bett ist gemacht. Das Ladekabel liegt nicht mehr auf dem Schreibtisch. Auch die Lederjacke, die sonst immer über dem Stuhl hängt, ist verschwunden.
Ich öffne den Kleiderschrank.
Drei leere Bügel schwingen leicht hin und her.
„Sacha?“
Keine Antwort.
Ich stürme die Treppe hinunter und nehme vier Stufen auf einmal.
Bastien sitzt mit nacktem Oberkörper und einer Schüssel Müsli in der Küche.
„Wo ist er?“
„Wer?“
„Sacha.“
„Keine Ahnung. Warum?“
Ich renne zum Fenster zur Straße.
Sein Motorrad ist weg.
Mein Bruder kommt zu mir.
„Er ist bestimmt unterwegs.“
„Mit all seinen Sachen?“
„Was?“
Bastien geht nach oben, um nachzusehen. Ich folge ihm. Er öffnet den Schrank, sieht unter das Bett und holt dann sein Handy heraus.
Beim ersten Anruf klingelt es lange.
Der zweite geht sofort an die Mailbox.
„Sacha, ruf mich zurück“, sagt Bastien nach dem Ton. „Sofort.“
Er wirkt nicht mehr gelassen.
„Hat er dir etwas erzählt?“, frage ich.
Vor mir sehe ich das umgedrehte Handy auf dem Schreibtisch. Höre seine Stimme im Dunkeln. Nicht hier.
„Nein.“
Diese Lüge ist die erste von vielen.
Zwei Tage lang ruft Bastien jeden an, den die beiden kennen. Kollegen von der Seenotrettung. Freunde in Marseille. Einen früheren Vermieter von Sacha. Niemand hat ihn gesehen.
Am dritten Tag ist seine Nummer nicht mehr vergeben.
Ich versuche es trotzdem.
Morgens. Abends. Mitten in der Nacht, die Decke über den Kopf gezogen, damit mich niemand hört.
Immer erklärt mir dieselbe automatische Stimme, dass die Nummer nicht existiert.
Als hätte auch Sacha nie existiert.
MaëlleEin Jahr nach der Hochzeit besucht Sacha die Eröffnung einer Ausstellung und trägt dazu allen Ernstes eine Krawatte über und über voll mit kleinen Pferden.Mia hat sie am selben Morgen für ihn ausgesucht. Er hat kurz versucht zu verhandeln, doch da erinnerte sie ihn altklug daran, dass er ja bereits „alle Firmen der Welt“ kontrolliere und ihr wohl wenigstens die Wahl der Krawatte überlassen könne. Er hat sich vor meinen Augen geschlagen gegeben und danach nur kurz seinen Chauffeur böse gemustert, als dieser sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.Wir sind in Marseille, in der Restaurierungswerkstatt, in der ich seit unserer Rückkehr aus Florenz arbeite. Die Ausstellung zeigt verschiedene maritime Textilien aus Privatkollektionen. Ich habe zusammen mit einem sechs-köpfigen Team an der Restaurierung von zwei Stücken gearbeitet. Mein Name erscheint wieder in kleiner Schrift auf dem Museumsschild – genau an der Stelle, an die er gehört.Sacha trifft wegen einer Aufsichtsratssi
MaëlleAm Morgen meiner Hochzeit verliert Mia ihr Blumenkörbchen.Das gesamte Haus wird auf den Kopf gestellt. Meine Mutter beschuldigt Bastien, es verlegt zu haben, Bastien beschuldigt den Hund der Nachbarn, und Solène spürt es schließlich im Kühlschrank auf – verbarrikadiert zwischen zwei Flaschen Champagner.— Ich wollte doch nur, dass die Blütenblätter schön frisch bleiben!, erklärt Mia mit engelsgleicher Unschuld.Sie trägt ein cremefarbenes Kleidchen und einen Kranz aus zarten, weißen Blüten im Haar. Ihre wilden Locken weigern sich standhaft, trotz Solènes engagierter Bemühungen an Ort und Stelle zu bleiben. Jedes Mal, wenn man sie bittet, kurz stillzustehen, erinnert sie sich schlagartig an einen neuen, hochgradigen Notfall: ihre Schuhe, Papas Ring, das gekühlte Körbchen oder die exakte Position, an der sie nachher zu marschieren hat.Ich beobachte sie lächelnd dabei, wie sie durch mein Zimmer wirbelt, während meine Mutter im Rücken die kleinen Knöpfe meines Brautkleides schlie
MaëlleSechs Wochen später feiert Mia ihren fünften Geburtstag mit zwölf Kindern, zwei mächtigen Torten und einem Zauberer, den sie bereits nach exakt zehn Minuten enttarnt.Sacha hat einen Veranstaltungssaal nahe dem Parco delle Cascine gemietet, da unsere Wohnung diese Party niemals überlebt hätte. Er hat Mia die freie Wahl beim Thema überlassen. Sie wünschte sich Pferde, Schmetterlinge und Astronauten – die Eventplanerin hat es erstaunlicherweise geschafft, alle drei Elemente zu kombinieren, ohne den Raum in einen visuellen Albtraum zu verwandeln.Meine Eltern sind wieder aus Saint-Cyr angereist. Solène hat die Strecke zusammen mit Bastien zurückgelegt und betont direkt bei der Ankunft lautstark, dass die beiden getrennte Hotelzimmer gebucht haben – ein Detail, nach dem sie absolut niemand gefragt hatte. Lucia ist mit ihrem Sohn da. Mehrere Kinder aus dem Kindergarten flitzen im Zickzack um die Tische und werfen Französisch und Italienisch munter durcheinander.Sacha trifft zwanzig
MaëlleMia schläft endlich friedlich in ihrem Bett, umringt von zerknittertem Geschenkpapier und drei bereits ausgepackten Präsenten.Sacha hat sich auf das Sofa gelegt. Er hat das von der Klinik verschriebene Schmerzmittel eingenommen und sein Smartphone in der Küche abgelegt, nachdem er seinem Chauffeur befohlen hatte, ins Hotel zu fahren. Als ich mit einer Decke zurückkehre, hat er die Augen geschlossen, doch sein Atem geht viel zu flach, als dass er bereits schlafen könnte.Ich frage ihn leise, ob er Schmerzen habe. Das Medikament beginne zu wirken, erwidert er knapp. Ich breite die Decke über ihm aus, doch seine Hand greift nach der meinen, bevor ich mich wieder aufrichten kann.— Setz dich.Er zieht sanft. Ich lasse mich auf der Kante des Sofas nieder, nahe seiner Hüfte. Der Verband verdeckt einen Teil seiner Schläfe. Die Schnittwunde ist zwar nicht gefährlich, doch das Bild des reglosen Wagens auf Dorians Display schießt mir sofort wieder durch den Kopf, sobald ich sie ansehe.
MaëlleUm dreiundzwanzig Uhr trägt Mia noch immer ihr festliches Kleidchen.Sie hat exakt drei Bissen heruntergebracht, die Geschenke unter dem Tannenbaum sechs Mal umräumt und ist bei jedem herannahenden Motorengeräusch wie von der Tarantel gestochen ans Fenster geschossen. Der Schneefall ist in stetigen Regen übergegangen, doch die Gehwege schimmern spiegelglatt unter einer tückischen Eisschicht.Sacha antwortet seit fast zwei vollen Stunden nicht mehr.Ich habe ein erstes Mal um einundzwanzig Uhr zwanzig angerufen, ein zweites Mal um zweiundzwanzig Uhr. Sein Telefon klingelt unbarmherzig bis zur Mailbox. Der Live-Link, den er mir geschickt hatte, zeigt den Wagen seit über vierzig Minuten reglos auf einer abgelegenen Nebenstrecke.Ich behalte diese verstörende Detailinformation für mich. Mia steht auf einem Stuhl vor der Scheibe, den Kalender fest an ihre Brust gepresst.— Er musste vielleicht eine kurze Pause einlegen, um ein wenig zu schlafen, redet meine Mutter durch den Lautspre
SachaDer Richter unterzeichnet die letzte richterliche Verfügung um Punkt siebzehn Uhr vierzig.Die von meinem Vater genutzten Schwarzkonten kommen unter gerichtliche Verwaltung, die Strohfirmen werden aufgelöst und die versteckten Anteile fließen direkt in die beschlagnahmte Masse. Jene Vorstandsmitglieder, die gehofft hatten, seine Rückkehr abzuwarten, verlassen den Konzern mit sofort gesperrten Zugängen. Um achtzehn Uhr stimmt der neu formierte Verwaltungsrat dem von mir aufgezwungenen Sanierungsplan zu. Um achtzehn Uhr zwanzig schließe ich die Akte.Armand wird sich noch Jahre lang vor Gericht verteidigen können. Doch er wird nie wieder auch nur ein einziges Unternehmen leiten.Dorian tritt in mein Büro, genau in dem Moment, als ich mir den Mantel überstreife.— Der Flug nach Florenz wurde ersatzlos gestrichen. Sämtliche Starts in Le Bourget sind bis morgen Früh ausgesetzt.— Mailand?— Dieselbe Lage. Turin macht in einer Stunde dicht.Er legt mir die aktuelle Straßen- und Wetter







