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Kapitel 8: Aufbruch

last update publish date: 2026-07-17 15:37:38

Maëlles Sicht

Nachdem Bastien wieder zur Arbeit gegangen ist, durchsuche ich Sachas Zimmer. Fast nichts ist zurückgeblieben. Ein schwarzes Haargummi in einer Schublade. Ein Tankbeleg unter dem Schreibtisch. Eine hellere Stelle an der Wand, wo seine Jacke wochenlang gerieben hat.

Ich setze mich auf sein Bett und warte auf eine Erklärung, die nicht kommt.

Am Abend findet Bastien mich dort.

„Was machst du hier?“

„Ich suche ein Buch.“

Er sieht zu den leeren Regalen.

„In Sachas Zimmer?“

„Er hatte sich eins von mir geliehen.“

Mein Bruder fährt sich mit einer Hand übers Gesicht.

„So etwas macht er manchmal.“

„Was? Verschwinden?“

„Nicht auf diese Weise.“

Er setzt sich neben mich.

„Bevor er hierherkam, hatte er ein schwieriges Leben. Viel erzählt er nicht. Nicht einmal mir.“

„Glaubst du, er kommt zurück?“

Bastien blickt zum Fenster.

„Ja.“

Er antwortet zu schnell.

Ich begreife, dass er auch sich selbst überzeugen will.

Der Juli geht ohne Sacha weiter.

Dann der August.

Jedes Mal, wenn ein Motorrad in unserer Straße langsamer wird, stehe ich auf. Betritt ein großer Mann ein Café, macht mein Herz etwas Dummes, bis ich sein Gesicht erkenne.

Ich schlafe schlecht. Wenn es mir doch gelingt, träume ich, dass Sacha zurückkommt und mir nicht sagen will, wo er gewesen ist. In manchen Träumen erkennt er mich nicht einmal.

Meine Eltern glauben, ich sei wegen des Studiums nervös.

Ich lasse sie in diesem Glauben.

Solène glaubt mir kein Wort.

Eines Morgens kommt sie mit zwei Schokocroissants, einer Strandtasche und der Entschlossenheit eines Menschen, der den Auftrag erhalten hat, mich gegen meinen Willen zu retten.

„Aufstehen.“

„Nein.“

„Antwort abgelehnt.“

„Ich hasse den Strand.“

„Seit wann?“

Seit einer Hütte zwischen den Kiefern. Seit einem salzigen Mund auf meinem. Seit mich jeder Küstenabschnitt an Sacha erinnert.

„Seit heute.“

Solène zieht die Vorhänge auf.

„Dann fahren wir nicht an den Strand. Wir gehen nach Bandol, essen überteuertes Eis und lästern über Touristen.“

Ich rühre mich nicht.

Sie setzt sich auf die Bettkante.

„Er ist weg, Maëlle. Du bist noch da.“

Die Wut steigt so schnell hoch, dass ich mich aufsetze.

„Danke. Das war mir gar nicht aufgefallen.“

„Du darfst sauer auf mich sein. Aber dusch vorher.“

Am Ende gehe ich mit.

Glücklich bin ich nicht. Nicht wirklich. Aber ich esse die Hälfte meines Eises. Einmal lache ich sogar, als eine Möwe dem Mann vor uns den Crêpe stiehlt.

Solène tut so, als bemerkte sie nicht, dass ich mich sofort dafür schäme.

Zwei Tage später macht sie es wieder.

Und in der nächsten Woche noch einmal.

Kino. Nachtmarkt. Kleidung für Lyon anprobieren. Ein Abend bei ihr, an dem wir eine alte Lampe gelb streichen und am Ende mehr Farbe auf den Armen als auf dem Lampenschirm haben.

Sie versucht nicht, mir einzureden, dass Sacha unwichtig ist.

Sie verhindert nur, dass ich mit ihm verschwinde.

Ende August sind meine Kisten gepackt.

Ich bin es deutlich weniger.

Die Fahrt nach Lyon dauert fast vier Stunden. Meine Eltern fahren mit der Hälfte meiner Sachen voraus. Solène und ich sitzen in Bastiens Auto, eingeklemmt zwischen zwei Taschen und einer Pflanze, die laut meiner Mutter unverzichtbar für meinen Studienerfolg ist.

„Wenn sie noch einmal auf mich fällt, werfe ich sie aus dem Fenster“, verkündet Solène.

„Mama sagt, sie reinigt die Luft.“

„Sie versucht, mich umzubringen.“

Bastien lächelt im Rückspiegel.

„Ihr werdet mir fünf Minuten lang fehlen.“

Während der Fahrt redet er viel. Mehr als sonst. Sobald Stille aufkommt, beginnt er ein neues Thema.

Sacha gehört nie dazu.

Das Wohnheim in Lyon riecht nach frischer Farbe und Reinigungsmittel. Mein Zimmer ist kleiner als auf den Fotos. Das Bett quietscht, sobald ich mich daraufsetze. Das Fenster blickt auf eine Wand voller angeketteter Fahrräder.

Trotzdem empfinde ich etwas, das beinahe Erleichterung ist.

Hier wird kein Motorrad vor dem Haus anhalten.

Vielleicht kann ich aufhören, darauf zu lauschen.

Solènes Zimmer liegt zwei Stockwerke tiefer. Für sie ist diese Entfernung ein logistischer Notfall, weshalb sie sofort einen Plan aufstellt.

Gemeinsames Frühstück. Campusrundgang. Die letzten Hefte kaufen. Mittagessen mit Studierenden aus dem Flur. Nicht mehr als zwei Abende hintereinander allein verbringen.

„Die letzte Regel hast du erfunden.“

„Alle Regeln sind erfunden.“

Sie schleppt mich zur Einführungsveranstaltung und anschließend zu einer Hochschulgruppe, die Freiwillige für eine Ausstellung sucht. Sie stellt mich einer Studentin aus Bordeaux vor, einem Jungen mit drei Armbändern am selben Handgelenk und einer Belgierin, deren Namen ich sofort wieder vergesse.

Ich versuche es.

Wirklich.

Aber ich bin ständig erschöpft.

Nachmittags schlafe ich ein. Nach einem Stockwerk fühlen sich meine Beine schwer an. An manchen Morgen dreht mir der Geruch von Kaffee den Magen um, obwohl ich ihn seit Jahren trinke.

Ich schiebe es auf die Reise, die Hitze und die kurzen Nächte.

An meine Periode denke ich nicht.

Oder besser gesagt: Ich denke einmal daran und entscheide, dass der Stress sie verschoben hat.

Das ist eine praktische Erklärung.

Ich brauche sie.

Am Freitag der ersten Woche kommt Solène mit einem schwarzen Kleid auf einem Bügel in mein Zimmer.

„Heute Abend ist die Erstsemesterparty.“

„Nein.“

„Diese Antwort hat schon im Sommer nicht funktioniert.“

„Ich bin müde.“

„Du bist immer müde.“

Sie legt das Kleid auf mein Bett.

„Eine Stunde. Wenn es schrecklich ist, gehen wir nach Hause, und du darfst einen Monat lang jeden Film auswählen.“

„Auch die alten Liebesfilme?“

„Ich werde still leiden.“

Ich sage zu.

Die Party findet in einer Wohnung nahe dem Fluss statt. Zu viele Leute, zu laute Musik, zu wenige offene Fenster. Jemand hat die Badewanne mit Eis und Flaschen gefüllt. Über der Küche blinkt eine Lichterkette.

Solène drückt mir einen Becher Limonade in die Hand.

„Kein Alkohol?“

„Du stehst auf den Beinen wie eine Neunzigjährige. Wir fangen langsam an.“

Zwanzig Minuten läuft es beinahe gut. Eine Studentin aus meinem Kurs erzählt von einem Workshop über natürliche Farbstoffe. Ein Junge bietet an, uns die besten Bars im Viertel zu zeigen. Solène tanzt bereits mit drei Fremden, als wären sie zusammen aufgewachsen.

Dann öffnet direkt neben mir jemand eine Flasche Rum.

Der Geruch trifft mich.

Mein Magen verkrampft sich so heftig, dass ich den Becher irgendwo abstelle.

„Maëlle?“

Ich dränge mich an zwei Leuten vorbei durch den Flur und erreiche gerade noch rechtzeitig die Toilette.

Während ich mich übergebe, schließt Solène hinter uns die Tür.

„Du hast doch gar nichts getrunken.“

„Danke für den Hinweis.“

Sie hält mir die Haare. Als ich mich endlich aufrichten kann, sehe ich im Spiegel grau aus.

„Hast du etwas Verdorbenes gegessen?“

„Vielleicht.“

„Wir haben dasselbe gegessen.“

Ich spüle den Mund aus und weiche ihrem Blick aus.

Solène schweigt.

Ich kenne dieses Schweigen. Sie benutzt es, wenn ihr ein Gedanke nicht gefällt und sie noch nicht weiß, wie sie ihn aussprechen soll.

„Wann hattest du deine letzte Periode?“

Ich drehe den Wasserhahn weiter auf.

„Keine Ahnung.“

„Maëlle.“

„Vor meiner Abreise.“

„Aus Saint-Cyr?“

„Ja.“

Im Spiegel beobachtet sie mich.

„Bevor Sacha verschwunden ist?“

Diesmal antworte ich nicht.

Wir verlassen die Party sofort.

Die nächste Notdienstapotheke ist fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt. Ich bleibe auf der anderen Straßenseite stehen, während Solène hineingeht. Obwohl es noch warm ist, verschränke ich die Arme vor dem Bauch.

Sie kommt mit einer kleinen weißen Tüte zurück.

„Ich habe drei genommen.“

„Warum drei?“

„Weil du beim ersten behaupten wirst, er sei kaputt.“

Zum Widersprechen fehlt mir die Kraft.

In meinem Zimmer hat die Stille ein anderes Gewicht. Sie ist schwerer als die Stille im Haus nach Sachas Verschwinden.

Solène liest die Anleitung. Ich auch. Zweimal.

„Ich warte draußen“, sagt sie.

Ich schließe die Tür zum kleinen Bad.

Meine Hände zittern so sehr, dass ich den Test beinahe ins Waschbecken fallen lasse. Ich befolge die Anleitung, setze die Kappe wieder auf und lege das Stäbchen auf den Badewannenrand.

Drei Minuten.

Ich versuche, nicht hinzusehen.

Vierzig Sekunden halte ich durch.

Die erste Linie erscheint fast sofort.

Dann eine zweite.

Rosa. Deutlich. Mit nichts anderem zu verwechseln.

Ich setze mich auf den Boden.

Auf der anderen Seite der Tür sagt Solène meinen Namen.

Ich kann nicht antworten.

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