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Kapitel 5

Author: Linn
Als Helena Sophie im Verhörraum sah, erkannte sie sie kaum wieder.

Ihr Haar war zerzaust, an den Handgelenken trug sie Handschellen, und in ihren Augen lag nackte Angst.

In dem Moment, als sie Helena erblickte, weiteten sich ihre Pupillen. Dann brach sie in Tränen aus und stolperte hastig auf sie zu.

„Leni, du musst mir helfen! Diese Leute setzen mich unter Druck. Alles, was ich gesagt habe, stimmt nicht. Ich wollte dir nichts antun. Ich weiß von nichts!“

„Leni, wir sind doch Freundinnen. Und ich bin immer noch Eriks Freundin! Du kannst mich nicht so behandeln. Bitte, hol mich hier raus. Ich will nicht länger hierbleiben. Ich halte dieses Geräusch nicht mehr aus ...“

Sie weinte hemmungslos und wollte sich schon in Helenas Arme werfen.

Helena drehte nur leicht den Kopf weg und trat unauffällig einen Schritt zurück.

Helena hatte Sophie kennengelernt, als ihr Vater sie nach Nordheim zurückgeholt hatte. Damals war Sophie das arme Mädchen aus ihrer Klasse. Hübsch, klug und hilfsbereit.

Später kam sie mit Erik Schulz zusammen, Helenas Halbbruder. Danach war sie kaum wiederzuerkennen.

Sie wurde eitel, gierig und versuchte ständig, es allen recht zu machen.

Sophie redete ohne Pause weiter. Ihr Flehen klang immer schriller.

Helena atmete leise aus und sah Sophie an. Ihre Stimme war ruhig, aber hartnäckig.

„Warum hast du mir das angetan? Warum hast du mir etwas in den Drink gemischt?“

„Sophie, ich habe dich für meine Freundin gehalten. Warum?“

Ihre Wimpern zitterten leicht.

„Wenn dir Geld gefehlt hat, warum hast du es mir nicht gesagt? Aber warum hast du mich dann ...“

Sie brachte den Rest nicht über die Lippen.

Einen anderen Mann ausliefern.

Sie konnte es nicht aussprechen.

Helena sah sie nur an, voller Enttäuschung und ohne noch ein Wort sagen zu können.

So viele Jahre Freundschaft, und am Ende war sie doch an den Interessen zerbrochen.

Sophie erstarrte. Ihre gefesselten Hände zuckten hilflos. Langsam öffnete sie den Mund, die Augen weit aufgerissen.

„Du weißt es?“

Helena sah sie einfach nur an. In ihr wurde es plötzlich vollkommen still.

„Ich habe alles gehört. Alles, was du auf dem Flur mit dem Kellner besprochen hast. Du hast mir das Zeug in den Drink getan. Du hast die Leute bestellt. Du wolltest mich zugrunde richten.“

Sophie wurde bleich. Ihre Lippen zitterten, doch zuerst brachte sie kein Wort heraus.

Dann lachte sie plötzlich auf. Schrill, bitter, fast schon verzweifelt.

„Weil du immer auf mich herabgesehen hast! Du hast doch nie wirklich geglaubt, dass ich deine Freundin bin. Glaubst du, ich hätte das nicht gemerkt? Du wolltest nie, dass ich in eure Familie komme!“

„Ich sag dir was, ich hatte es einfach satt! Satt, immer nur hinter dir herzurennen, dir alles recht zu machen und mich für euch zu verbiegen! Für dich, für Erik, Ich hab mich jeden Tag angestrengt, irgendwie in eure Welt zu passen. Und was kam am Ende dabei raus?“

Ihre Stimme kippte.

„Nur dieser eine Satz: Ich soll einfach ich selbst sein.“

„Wie kannst du nur immer so von oben herab auf mich schauen?“

Sophies Stimme wurde plötzlich schrill.

„Ich habe dich als Freundin behandelt. Ich habe mich bei dir eingeschmeichelt, bei deiner Großmutter auch. Und was machst du? Du redest hinter meinem Rücken davon, dass ich nicht in die Familie Schulz passe. Was sollte das, Helena?“

„Du verachtest doch nur meine Herkunft. Wenn ich deinen Bruder nicht heiraten darf, dann lasse ich auch nicht zu, dass du in die Familie Müller einheiratest.“

Sie biss die Zähne so fest zusammen, dass ihre Lippen bebten.

„Dann sollst eben du von irgendeinem Mann ...“

Klatsch!

Helena wusste selbst nicht, wann sie die Hand gehoben hatte. Die Ohrfeige traf Sophie mitten ins Gesicht.

Ihre Handfläche brannte noch, doch in Helenas Brust zog sich alles schmerzhaft zusammen.

Die wirre Nacht. Die hässlichen Erinnerungen. Alles kam mit einem Mal zurück.

Nur damit sie nicht in die Familie Müller einheiraten würde, hatte Sophie sie vernichten wollen.

Wie grausam.

Helena schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war auch der letzte Rest Wärme darin verschwunden.

„Sophie. Hier ist Schluss.“

Sophie wandte den Kopf ab und presste die Zunge gegen den Gaumen. Einen Moment lang sagte sie nichts. Dann lachte sie kalt auf.

„Genau so bist du. Ich wusste doch, dass du mir nicht helfen würdest. In Wahrheit bist du noch falscher als alle anderen.“

Helena sah sie lange an. In ihrem Blick lag nur noch Spott.

Dann verzog sie leicht den Mund und ging.

Sophie bekam plötzlich Angst. Als Sophie taumelnd versuchte, ihr zu folgen, traten zwei Beamte vor und hielten sie zurück.

Bert ließ den Blick ohne jede Regung über sie gleiten. Dann sagte er zu dem Anwalt neben sich und zu den Polizisten:

„Gehen Sie nicht schonend mit ihr um.“

...

Die Mittagssonne brannte vom Himmel. Kein Wölkchen war zu sehen, die Luft stand still und war vor Hitze schwer.

Als Bert herauskam, saß Helena auf den Stufen und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

Sie wirkte schmal und verloren. Ihr Profil war still und fein.

Er ging wortlos zu ihr, nahm ihre Hand und sagte: „Jetzt macht dir die Sonne plötzlich nichts mehr aus?“

Früher war Helena in solchen Dingen immer heikel. Zu viel Sonne mochte sie nicht, Regen genauso wenig. Am liebsten waren ihr die stillen Tage im April oder Mai, wenn die Luft mild war und alles ruhig blieb.

„Geht dich nichts an“, brachte Helena stockend hervor. „Du bist doch sowieso nur hier, um dir das anzusehen.“

Bert stieß leise mit der Zunge an den Gaumen, hob die Hand und wischte ihr die Tränen von der Wange. „Ist so jemand wirklich deine Tränen wert?“

Helena rang sich ein Lächeln ab. „Das verstehst du nicht.“

Genauso wie damals, als Bert einfach gegangen war. Er würde nie begreifen, wie weh es tat, von einem Moment auf den anderen zurückgelassen zu werden.

Sophie war lange ein Teil ihres Alltags gewesen. Sie hatten zusammen gelacht, zusammen Unsinn gemacht und über alles geredet.

Und dann veränderte sich ein Mensch plötzlich doch.

Einmal nicht hingesehen, und schon wurde sie verraten.

Mit ihren Eltern war es so gewesen. Mit Bert auch. Mit Sophie ebenso. Und am Ende sogar mit Noah.

Immer wieder hatte sie das Gefühl, niemand hielt wirklich an ihr fest. Man konnte sie jederzeit zurücklassen.

Zum Glück hatte sie wenigstens noch ihre Großmutter.

Doch selbst ihre Großmutter, die immer gut zu ihr gewesen war, wollte nichts von einer gelösten Verlobung mit Noah wissen.

Helena verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln und entzog ihm die Hand. „Danke. Ich fahre nach Hause.“

„Heni.“ Bert griff hinter ihr nach ihrem Handgelenk. „Und wohin willst du jetzt?“

Helena lächelte flüchtig. In ihren tränennassen Augen brach sich das Sonnenlicht. „Nach Hause. Wohin sonst?“

Bert sagte nichts mehr. Er brachte sie zum Wagen, öffnete die Tür und schob sie hinein. „Du kommst erst mal mit zu mir.“

Helena hatte keine Kraft mehr, sich mit ihm zu streiten. Kaum saß sie im Auto, schloss sie die Augen und zwang sich, an nichts zu denken.

Sie war einfach zu erschöpft. Und an seiner Seite war da dieser vertraute Duft, der sie langsam zur Ruhe kommen ließ. So schlief Helena tatsächlich ein. Diesmal ganz ohne Traum.

Als sie wieder die Augen öffnete, fand sie sich in einem fremden Schlafzimmer wieder.

Kühle Farben, kaum Möbel, fast nichts Persönliches. Der Raum sah nicht so aus, als würde jemand wirklich darin leben.

Sie schlüpfte in die Hausschuhe, stand auf und ging ins Bad, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen.

Im Spiegel sah sie blass und erschöpft aus. Ihre Lippen hatten fast keine Farbe mehr, die Wimpern waren noch feucht, und auf ihrer hellen Haut liefen langsam einzelne Tropfen hinab.

Helena stieß ein leises Lachen aus und versuchte, sich ein Lächeln abzuringen.

Es war vorbei. Jetzt musste es vorbei sein.

Von jetzt an brauchte sie nichts mehr.

Selbst wenn am Ende alle gingen, würde sie trotzdem weiterleben. Und sie würde es gut tun.

Als sie nach unten kam, saß Bert bereits im Wohnzimmer auf dem Sofa.

Er saß mit dem Rücken zu ihr. Ein Arm lag auf der Lehne, in der anderen Hand hielt er das Handy. Er sprach fließend Englisch, sachlich, kühl, nur über Geschäftliches.

Dann warf er ihr einen kurzen Blick zu und beendete das Gespräch zwei Sekunden später.

Helena begegnete seinem tiefen Blick nur kurz und sah dann wieder weg. „Danke. Ich gehe dann.“

Bert seufzte leise und stand auf.

Mit seiner Größe, den breiten Schultern und der schmalen Taille fiel er allein durch seine Präsenz auf. So war es schon immer gewesen.

Helena wandte den Blick ab. „Danke, dass ich bleiben durfte. Ich gehe jetzt.“

Mit dem Handy in der Hand ging sie über den weichen Teppich zur Tür. Ihre Schritte waren kaum zu hören.

Als sie schon fast draußen war, erklang seine tiefe Stimme hinter ihr.

„Heni. Diesmal gehe ich nicht wieder weg.“
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