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Kapitel 4

Author: Linn
Noahs Worte schnitten wie vergiftete Messer durch Helena.

Sie sah ihn an und lachte plötzlich.

Noah stutzte und fragte: „Was gibt es da zu lachen?“

„Über mich.“ Ihre Stimme war ganz ruhig. „Erst jetzt ist mir klar geworden, wie du mich eigentlich siehst.“

Noahs Adamsapfel hob sich. Sichtlich aus der Fassung brachte er seine Stimme wieder herunter. „Ich hab das nicht so gemeint ... Ich war nur wütend. Deshalb habe ich so einen Unsinn gesagt.“

Er trat näher und nahm ihre Hand. „Mach nicht Schluss, ja?“

Wie betäubt zog Helena ihre Hand zurück und sah zu ihm auf. „Klar. Bring Emma ins Ausland, dann komme ich wieder mit dir zusammen.“

Noah öffnete den Mund, brachte aber lange kein Wort heraus.

Da riss plötzlich ein Klingeln die Stille entzwei. Es war Noahs Handy. Er warf einen Blick auf das Display, nahm den Anruf aber nicht an.

Zwischen ihnen breitete sich Schweigen aus.

Am Ende klopfte Noah ihr nur leicht auf die Schulter. „Du bist müde. Ruh dich aus. Ich komme ein andermal wieder.“

Dann ging er.

Helena blieb stehen und sah ihm nach, bis seine Gestalt in der Dunkelheit verschwand.

Es tat nicht mehr weh. Sie fühlte sich nicht einmal mehr gekränkt.

Da war nur noch diese leere, stille Ruhe.

...

Es war längst Nacht.

Im Bad hing noch der Dampf des heißen Wassers. Helena ließ sich tief in die Badewanne sinken. Das Wasser strömte über ihren Körper, doch nichts konnte das, was geschehen war, fortspülen.

Die vergangene Nacht war so absurd wie ein Fiebertraum.

Und doch erinnerte ihr Körper sie unerbittlich daran, dass sie wirklich mit Bert geschlafen hatte.

Helena hatte die Nacht mit Bert verbracht. Noah dagegen war bei Emma geblieben und hatte sich um sie gekümmert.

Wie bitter.

Sie drehte das Wasser ab, trocknete sich ab und zog ihren Schlafanzug an.

Erst am Waschbecken sah sie ihr Spiegelbild richtig. Im Spiegel sah sie blass und mitgenommen aus. Ihre Augen waren geschwollen, ihre Lippen aufgebissen, und unter dem Schlüsselbein waren die Kussspuren noch nicht ganz verblasst.

Helena verzog den Mund. Sie wollte lachen, doch es misslang. Es sah schlimmer aus als Weinen.

Als sie aus dem Bad kam, vibrierte ihr Handy ununterbrochen.

Sie ging hinüber. Es waren Anrufe und Nachrichten von Noah.

Beim Anblick der Nummer auf dem Display überkam Helena plötzlich eine tiefe Müdigkeit.

Sie saß ihr bis in die Knochen. Nicht einmal für Wut oder Kränkung hatte sie noch Kraft.

Sie nahm den Anruf nicht an. Stattdessen öffnete sie die Nachrichten in WhatsApp.

Ganz oben wartete eine neue Freundschaftsanfrage von einem fremden Profil.

Das Profilbild zeigte eine weiße Taube.

In der Bemerkung standen „Bert Müller“.

Helena erstarrte.

Warum schickte er ihr ausgerechnet jetzt eine Anfrage?

Lange sah sie das Bild einfach nur an.

Ihr Gefieder war glänzend gewesen und sie war so anhänglich gewesen, dass sie Helena kaum von der Seite gewichen war.

Eines Tages flog sie fort. Danach kehrte sie nie wieder zurück.

Damals war Helena darüber lange untröstlich gewesen. Bert hatte sie in den Arm genommen und gesagt: „Heni, wein nicht. Ich bleibe immer bei dir.“

Und später?

Später ging er.

Helena zögerte ein paar Sekunden, nahm die Anfrage dann aber doch an.

Kaum war sie bestätigt, erschien schon die erste Nachricht.

Bert: „Heni, bist du gut nach Hause gekommen?“

Helena: „Ja.“

Bert: „Die Sachen, die du im Hotel gelassen hast, habe ich gewaschen. Soll ich sie dir vorbeibringen, oder holst du sie selbst ab?“

Da fiel Helena wieder die Unterwäsche ein, die sie im Bad liegen gelassen hatte. Sofort stieg ihr die Hitze ins Gesicht.

Sie tippte hastig: „Wirf sie einfach weg.“

Bert: „Bist du sicher?“

Helena: „Ja!“

Nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte, starrte sie noch einen Moment auf das Chatfenster. Wie von selbst dachte sie daran, wie sie als Kind bei ihm gewohnt hatte. Damals war sie zu klein gewesen, um ihre Sachen ordentlich zu waschen. Jahrelang hatte Bert ihre Unterwäsche ganz selbstverständlich mitgewaschen.

Ihr wurde heiß bis über beide Ohren. Kurz tippte sie in das Nachrichtenfeld: „Sag bloß, du hast sie selbst gewaschen?“

Ihr Finger schwebte lange über dem Senden-Button. Am Ende löschte sie alles wieder.

Zu peinlich.

Sie verließ den Chat, öffnete dann aber wie von selbst sein Profil.

Nichts. Keine Einträge.

Natürlich nicht. Ein Mann wie Bert postete so etwas nicht.

Helena sah eine Weile nur auf das Bild mit der weißen Taube. Dann fiel ihr Blick wieder auf seine letzte Nachricht.

Bert: „Geh früh schlafen. Gute Nacht.“

Sie verzog leicht den Mund, verließ den Chat und öffnete Instagram.

Als Erstes sprang ihr Emmas Post ins Auge.

Auf dem Foto wirkte Emma sanft und zart. Sie hielt einen Teddybären im Arm und lächelte mit leicht gebogenen Augen in die Kamera.

Unter dem Bild stand:

„Wenn ich Angst im Dunkeln habe, sagt der Teddy: Ich bin hier.“

Unter dem Beitrag hatten schon einige von Noahs Freunden Likes hinterlassen.

Einer von ihnen hatte sogar kommentiert:

„Emma, du bist doch so ängstlich. Wie hast du Noah damals überhaupt gerettet?“

Emma antwortete:

„Damals habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen.“

Kaum stand das dort, überschlugen sich Noahs Freunde schon wieder mit Lob.

Helena stieß ein leises, spöttisches Lachen aus. Gerade wollte sie weiterscrollen, da stockte ihr Finger.

Zwischen den Likes tauchte ein vertrautes Profilbild auf.

Der fröhliche kleine Hund.

Genau das Bild, das sie damals nach langem Suchen als Partnerprofilbild ausgesucht hatte.

Als sie den kleinen Hund jetzt unter Emmas Beitrag sah, blieb nur noch kalter Ekel in ihr zurück.

Ohne lange nachzudenken, wechselte Helena ihr eigenes Profilbild, blockierte Noah überall und löschte anschließend auch noch seine Nummer.

Es dauerte nur ein paar Sekunden. Früher war ihr das unendlich schwergefallen.

Helena war völlig erschöpft. Noch bevor sie die Augen schloss, dachte sie nur noch daran, wie sie die Verlobung mit Noah lösen konnte.

...

Am nächsten Morgen riss ein Klopfen an der Tür Helena aus einem Alptraum.

Sie hatte schlecht geschlafen und fühlte sich wie gerädert.

Sie dachte, es sei Noah, und ignorierte das Klopfen erst einmal. Nach dem Duschen und Umziehen öffnete sie schließlich doch die Tür.

Als sich die Tür öffnete, stockte Helena. Vor ihr stand Bert.

Weißes Hemd, schwarze Hose, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt. In der einen Hand hielt er eine Tüte mit Frühstück, in der anderen eine Papiertüte, die Helena bekannt vorkam.

Das Morgenlicht fiel auf sein markantes Gesicht und ließ seine Augen noch dunkler wirken.

Unwillkürlich machte Helena einen halben Schritt zurück. „Was machst du hier?“

Seine Stimme blieb ruhig. „Wir reden drinnen.“

Bert wusste, dass im Haus der Familie Schulz niemand war. Deshalb war er gerade jetzt gekommen.

Er hatte ihr ihr Lieblingsfrühstück und die Sachen, die sie im Hotel zurückgelassen hatte, mitgebracht.

Helena fiel der Blick auf die Papiertüte in seiner Hand. „Was ist das?“

„Die Kleidung, die du im Hotel gelassen hast. Ich habe sie gewaschen.“

Sie öffnete die Tüte. Ganz oben lag ordentlich gefaltet ihre weiße Spitzenunterwäsche.

„Du hast sie nicht wirklich selbst gewaschen, oder?“

Die Frage war ihr einfach herausgerutscht.

„Früher habe ich das doch auch gemacht.“

Bert sagte es ganz beiläufig und packte dabei schon das Frühstück aus.

Helena wollte nur noch im Boden versinken.

Dass Bert ihre Unterwäsche wirklich selbst gewaschen hatte, war ihr unendlich peinlich.

Hastig schob sie die Tüte in eine Ecke, setzte sich an den Tisch und wechselte kein Wort mehr darüber.

Das Frühstück war reichlich, und der Duft von warmem Essen breitete sich im ganzen Raum aus.

Bert setzte sich ihr gegenüber, breitbeinig und vollkommen entspannt. „Die Sache von vorgestern Nacht ist bereinigt. Die Leute aus der Bar sitzen inzwischen bei der Polizei. Und was deine Freundin Sophie angeht ...“

Er machte eine kurze Pause. „Sie will dich sehen. Willst du sie sehen?“

Nachdem er das gesagt hatte, wartete er still auf ihre Antwort.

Die letzten zwei Tage waren wie im Rausch vergangen.

Erst mischte man ihr etwas in den Drink. Dann brachte Bert sie von dort weg. Und ehe Helena richtig begriff, was geschah, verbrachte sie die Nacht mit ihm.

Es kam einfach alles auf einmal. Kein Wunder, dass Sophie dabei fast in den Hintergrund gerückt war.

Helena nahm einen Bissen und sah auf ihr Frühstück hinunter.

Erst nach einer Weile hob sie den Kopf wieder. „Natürlich will ich sie sehen.“

„Ich will wissen, warum sie mir das angetan hat.“
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