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Der vergessene Wächter

Penulis: Sule
last update Tanggal publikasi: 2026-06-12 17:45:41

Elara schlief nicht.

Nicht, weil sie Angst hatte.

Zumindest sagte sie sich das selbst.

Sie saß auf der Kante ihres Bettes im Haus Mondlicht und starrte auf die Halskette um ihren Hals.

Ihre Mutter.

Ihre Blutlinie.

Die Prophezeiung.

Die Dunkelheit unter Goldkrone.

Jede Antwort, die sie fand, brachte drei neue Fragen hervor.

Und das Frustrierendste daran war, dass sie nicht mehr wusste, wem sie vertrauen konnte.

Damian verschwieg Dinge.

Die Lehrer verschwiegen Dinge.

Sogar Seraphina, die behauptete, sie beschützen zu wollen, hatte Geheimnisse vor ihr.

Aber Lyra ...

Lyra war anders.

Sie hatte Elara nicht mit Angst angesehen.

Oder mit Misstrauen.

Oder mit Neugier.

Sie hatte sie angesehen, als wäre sie jemand, auf den sie gewartet hatte.

Und genau das machte Elara Angst.

Denn Menschen, die auf etwas warteten, wollten gewöhnlich auch etwas.

Ein Klopfen ertönte an ihrer Tür.

Elara richtete sich sofort auf.

„Wer ist da?“

„Ich bin’s.“

Felix.

Sie entspannte sich ein wenig.

„Komm rein.“

Felix trat ein und trug zwei Tassen Tee.

Elara starrte ihn an.

„Versuchst du gerade, mich dazu zu bringen, irgendetwas zu trinken?“

Er sah beleidigt aus.

„Nein.“

Eine Pause.

„Vielleicht.“

Sie lächelte leicht.

„Felix.“

„Was? Du hast nicht geschlafen, und ich auch nicht. Tee ist logisch.“

„Du bist unmöglich.“

„Das habe ich schon öfter gehört.“

Er stellte die Tasse neben sie.

Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst.

„Du hast mit jemandem gesprochen.“

Elara sah ihn an.

„Woher weißt du das?“

„Weil du denselben Gesichtsausdruck hast wie nach der Bibliothek.“

Sie runzelte die Stirn.

„Welchen Gesichtsausdruck?“

„Den: ‚Ich habe etwas Schreckliches herausgefunden und tue jetzt so, als wäre alles in Ordnung‘-Gesichtsausdruck.“

Sie blickte weg.

„So etwas gibt es nicht.“

„Doch. Ganz eindeutig.“

Aus irgendeinem Grund schaffte Felix es immer, alles etwas leichter wirken zu lassen.

Sie atmete tief durch.

„Ich habe jemanden getroffen.“

Sein Ausdruck veränderte sich.

„Wen?“

„Sie heißt Lyra.“

Felix wartete.

„Sie kannte meine Mutter.“

Das erregte sofort seine Aufmerksamkeit.

„Was?“

„Sie war dabei, als ich geboren wurde.“

Felix starrte sie an.

„Das ist ...“

„Unmöglich?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Er betrachtete sie aufmerksam.

„Ganz ehrlich? Inzwischen wird Unmögliches in deiner Nähe langsam normal.“

Ein kleines Lachen entfuhr ihr.

Dann wurde sie wieder still.

„Sie sagte, die Dunkelheit unter der Akademie sei kein Wesen.“

Felix runzelte die Stirn.

„Was ist sie dann?“

Elara blickte nach unten.

„Eine Macht.“

Der Raum wurde still.

---

Tief unter der Goldkronen-Akademie bewegte sich dieselbe Dunkelheit.

Die uralte Kraft, die jahrhundertelang geschlafen hatte, regte sich unter der Erde.

Doch diesmal war sie nicht allein.

Eine Gestalt stand vor der versiegelten Kammer.

Viktor Blutmond.

Er legte seine Hand auf den uralten Stein.

Die Symbole unter seinen Fingern reagierten.

„Du hast lange gewartet.“

Die Dunkelheit antwortete.

Nicht mit Worten.

Mit einem Gefühl.

Mit Hunger.

Viktor lächelte.

„Bald.“

Der Stein erbebte.

„Bald wirst du frei sein.“

Ein Schatten bewegte sich um ihn herum.

Doch Viktor fürchtete sich nicht.

Denn anders als alle anderen ...

glaubte er, sie kontrollieren zu können.

Und genau das war sein Fehler.

---

Am nächsten Morgen kündigte Goldkrone ein neues Training an.

Kein gewöhnliches Training.

Notfallvorbereitung.

Nach dem Angriff konnte niemand mehr so tun, als wäre die Akademie sicher.

Die Schüler versammelten sich in der Kampfarena.

Professor Ragnar stand vor ihnen.

Sein silbernes Haar bewegte sich leicht im Wind.

„Gestern haben viele von euch eine schmerzhafte Lektion gelernt.“

Sein Blick glitt über die Schüler.

„Talent bedeutet nichts ohne Vorbereitung.“

Niemand sagte etwas.

„Macht ohne Kontrolle zerstört.“

Sein Blick blieb kurz auf Elara ruhen.

„Aber Kontrolle ohne Mut erschafft Feiglinge.“

Die Schüler hörten aufmerksam zu.

„Ab heute werden alle Erstsemester anders trainieren.“

Ein Murmeln ging durch die Menge.

Ragnar ignorierte es.

„Ihr werdet lernen, gemeinsam zu kämpfen.“

Das überraschte alle.

Goldkrone war immer nach Rangordnungen getrennt gewesen.

Alphas.

Betas.

Omegas.

Häuser.

Blutlinien.

Aber jetzt?

Jetzt standen alle zusammen.

Denn Krieg kümmerte sich nicht um Status.

---

Elara betrat den Trainingskreis.

Sofort bemerkte sie etwas.

Die Menschen mieden sie nicht mehr.

Nicht vollständig.

Es gab immer noch nervöse Blicke.

Immer noch Unsicherheit.

Aber etwas hatte sich verändert.

Sie bemühten sich.

Und das zählte.

Ragnar teilte die Schüler in Paare ein.

„Elara Morgenstern.“

Sie blickte auf.

„Ja?“

„Damian Schwarzwald.“

Die gesamte Arena verstummte.

Schon wieder.

Elara sah zu ihm hinüber.

Damian trat nach vorn.

Keiner von beiden sagte etwas.

Denn alle beobachteten sie.

Und warteten auf etwas.

Ragnar sah zwischen ihnen hin und her.

„Das hier ist Training.“

Eine Pause.

„Keine Politik.“

Damian nickte.

Elara ebenfalls.

Das Training begann.

Diesmal griff Damian nicht sofort an.

Er beobachtete sie.

Studierte sie.

„Elara.“

Sie hob eine Augenbraue.

„Was?“

„Du musst aufhören, auf die Macht zu warten.“

Sie runzelte die Stirn.

„Wie meinst du das?“

„Du erwartest ständig, dass etwas in dir dich rettet.“

Seine Stimme war ruhig.

„Dabei kämpfst du die ganze Zeit selbst.“

Die Worte überraschten sie.

Denn er verstand etwas, das sie sich selbst nicht eingestehen wollte.

Sie hatte Angst.

Nicht vor Feinden.

Sondern davor, von etwas abhängig zu werden, das sie nicht kontrollieren konnte.

„Wie höre ich damit auf?“

Damian zögerte.

Dann sagte er:

„Vertrau dir selbst.“

Die Antwort war einfach.

Fast zu einfach.

Aber von Damian kommend ...

bedeutete sie etwas.

Sie trainierten weiter.

Und langsam bemerkte Elara etwas.

Damian versuchte nicht, sie zu besiegen.

Er brachte ihr etwas bei.

Seine Bewegungen waren kontrolliert.

Geduldig.

Anders als früher.

„Warum hilfst du mir?“

Die Frage rutschte ihr heraus.

Damian hielt inne.

Einen Moment lang sah es aus, als würde er nicht antworten.

Dann sagte er:

„Weil du überleben musst.“

Nicht weil du wichtig bist.

Nicht wegen der Prophezeiung.

Sondern weil du es bist.

Die Worte wurden nicht ausgesprochen.

Aber Elara hörte sie trotzdem.

---

Das Training endete vor Sonnenuntergang.

Doch der seltsame Moment zwischen ihnen blieb.

Adrian beobachtete alles von der Seite.

„Du veränderst dich.“

Damian sah ihn an.

„Nein.“

„Doch.“

Damian seufzte.

„Erklär es mir.“

„Du bist geduldig.“

Eine Pause.

„Das ist neu.“

Damian ignorierte ihn.

Adrian lächelte.

„Und du machst dir Sorgen um sie.“

Wieder Stille.

Doch diesmal widersprach Damian nicht.

Denn es hatte keinen Sinn.

---

In dieser Nacht kehrte Elara in die verbotene Bibliothek zurück.

Sie brauchte Antworten.

Nicht von Damian.

Nicht von Viktor.

Von der Geschichte.

Von der Vergangenheit.

Sie durchsuchte die ältesten Aufzeichnungen.

Die, die niemand anfasste.

Schließlich fand sie etwas.

Ein Tagebuch.

Die Handschrift war alt.

Aber vertraut.

Ihr Herz blieb stehen.

Der Name auf dem Einband:

**Aufzeichnungen der Familie Morgenstern**

Ihre Hände zitterten.

Sie öffnete es.

Die ersten Seiten beschrieben ihre Vorfahren.

Ihre Magie.

Ihre Wölfe.

Ihre Kräfte.

Dann erreichte sie einen Abschnitt mit der Überschrift:

**Der letzte Tribrid**

Ihre Augen flogen über die Zeilen.

Die Schrift veränderte sich.

Persönlicher.

Emotionaler.

Die Stimme einer Mutter.

**Wenn du dies liest, meine Tochter, dann ist es mir nicht gelungen, dich verborgen zu halten.**

Elara erstarrte.

Ihre Mutter.

**Aber vielleicht war es nie die richtige Antwort, dich zu verstecken.**

Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie las weiter.

**Du bist keine Waffe.**

**Du bist keine Prophezeiung.**

**Du bist meine Tochter.**

Elara presste eine Hand auf ihren Mund.

Die Worte gingen weiter.

**Die Welt wird dir sagen, dass Macht dich definiert.**

**Glaube ihnen nicht.**

**Deine Entscheidungen definieren dich.**

Die nächste Seite war beschädigt.

Nur ein Satz war noch lesbar.

**Die Dunkelheit unter Goldkrone wurde vom ersten Tribrid erschaffen ...**

Elara erstarrte.

Erschaffen?

Nicht erweckt?

Erschaffen?

Bevor sie weiterlesen konnte —

öffneten sich die Türen der Bibliothek.

Sie drehte sich um.

Damian.

Schon wieder.

Doch diesmal ...

sah er anders aus.

Nicht wütend.

Nicht kalt.

Besorgt.

„Du solltest nicht allein hier sein.“

Elara schloss das Tagebuch.

„Warum?“

Sein Blick glitt zu dem Buch.

Dann zurück zu ihr.

„Weil Viktor danach sucht.“

Sie runzelte die Stirn.

„Woher weißt du das?“

Eine Pause.

„Ich habe Beweise gefunden.“

Sie starrte ihn an.

„Du ermittelst.“

„Ja.“

„Wegen mir?“

Lange Stille.

Dann blickte Damian weg.

„Teilweise.“

Seine Ehrlichkeit überraschte sie.

Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Teilweise?“

Er sah sie wieder an.

„Bring mich nicht dazu, meine Antwort zu bereuen.“

Sie musste beinahe lachen.

Beinahe.

Dann erinnerte sie sich an das Tagebuch.

„Die Dunkelheit.“

Damian wurde ernst.

„Was ist mit ihr?“

„Meine Mutter schrieb, dass sie erschaffen wurde.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

„Was?“

Elara reichte ihm das Tagebuch.

Er las schnell.

Und zum ersten Mal ...

wirkte der Alpha-König vollkommen unsicher.

„Das verändert alles.“

„Wie?“

Damian sah sie an.

„Wenn die Dunkelheit erschaffen wurde ...“

Eine Pause.

„Dann bedeutet das, dass jemand sie erschaffen hat.“

Die Bibliothek wurde kälter.

Und irgendwo tief unter ihnen ...

lauschte etwas Uraltes.

Denn sie hatten die Wahrheit entdeckt.

Die Dunkelheit war kein Monster.

Sie war eine Schöpfung.

Eine Schöpfung des ersten Tribrids.

Und nun ...

war der letzte Tribrid zurückgekehrt.

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