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Kapitel 3

Author: Silas Winter
last update publish date: 2026-07-13 02:42:39

Das schwache Wimmern erstarb auf ihrer Zunge.

Die Tränen hörten so abrupt auf, als hätten sie nie existiert. Ihr Gesicht entspannte sich zu vollkommener Reglosigkeit. Weg war die zitternde Barkeeperin, die verängstigte Alpha, das hilflose Opfer. Ihre dunkelbraunen Augen wurden kalt, berechnend, fast unmenschlich.

Der Arzt kehrte zurück, trug frische Handschuhe, seine Augenschutzbrille leuchtete blau, während er das chirurgische Tablett neben ihrem Bett anordnete. Er breitete ein steriles Tuch über ihren Unterleib, das kalte Metall des Skalpells fing das Licht ein.

„Sind Sie sicher, dass Sie nichts gegen die Schmerzen wollen?“

Vesper nickte einmal, langsam und gehorsam, die dunkelbraunen Augen ruhig. „Je schneller Sie fertig sind, desto schneller kann ich mich besser fühlen.“ Und Draven kann nach ihr sehen.

Zwanzig Minuten später lag sie vollkommen still auf dem Rücken, zwei von Dravens eigenen Männern standen draußen vor der Tür, der Rejuve-IV tropfte stetig in ihren Arm. Ihr Körper flickte sich bereits unter der Haut zusammen.

Dravens Schritte hallten im Korridor wider. Doch die Tür öffnete sich nie.

„Draven würde nicht noch einmal nach mir sehen“, sagte sie verbittert. „Ich spüre die Wunden nicht mehr.“ Zumindest nicht bis zum nächsten Angriff. „Der Arzt war zu langsam.“

Sie würde die Sache selbst in die Hand nehmen müssen. Schmerz war der schnellste Weg, den Imprint auszulösen. „Ich werde mich selbst stechen müssen.“

„Ich wünsche Ihnen dann viel Glück, denn ich werde nicht bleiben und zuhören.“

Die Leitung wurde stumm.

Vesper griff unter ihr Krankenhaushemd und zog das mittelgroße Mono-Edge-Messer hervor. Die Klinge war mattschwarz, perfekt ausbalanciert, die Schneide zu einem Flüstern geschliffen. Sie zog die Klinge in einem sauberen, bewussten Schnitt über ihren linken Unterarm. Sofort quoll Blut hervor, warm und langsam. Ein weiterer Schnitt an ihrem rechten Oberschenkel, diesmal tiefer, sodass das dunkle Rot auf dem weißen Laken eine Pfütze bildete. Ihre dunklen Augen blitzten mit einem einzigen, kranken Goldfunken auf.

Ihre Lippen verzogen sich zu einem kränklichen, ungezügelten Lächeln.

Sie hielt das Messer an ihre Kehle und drückte gerade genug, um eine dünne Blutlinie zu ziehen.

Die Tür flog im perfekten Moment auf.

Dravens Gesicht wurde weiß. „Was zur Hölle machst du da!“

Der Wechsel war sofort. Falsche Tränen stiegen in ihre dunklen Augen und rollten über ihre Wangen. Sie drückte das Messer fester, gerade genug, damit die Wunde brannte.

„Ich verdiene es nicht zu leben.“

Dravens stahlblaue Augen weiteten sich. Er machte einen Schritt nach vorne und sandte eine Welle zwingender Alpha-Pheromone aus. Dick, verbrannt-zitrusartig, schwer von Dominanz. Er glaubte, sie sei eine niedrigere Alpha. Ihr Duft täuschte ihn vollkommen.

Vesper schüttelte langsam den Kopf, ließ ihre Brust mit falschen Schluchzern beben. Ihre Lippen zitterten. Die Hand, die das Messer hielt, bebte, als sie es erneut an ihren Hals drückte.

„Arzt!“

„Kein Arzt bitte“, keuchte sie und drückte die Klinge tiefer. Eine dünne Blutlinie rann ihren Hals hinunter. „Ich werde es wirklich tun, wenn er kommt.“

Draven schob sich am Arzt vorbei und knallte die Tür hinter ihnen zu. In dem Moment, als sie allein waren, war er sofort bei ihr, eine Hand umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.

„Lass das Messer fallen.“

Sie schüttelte den Kopf und ließ die Tränen stärker fließen. Ihr Körper bog sich durch, die Brust hob und senkte sich, die falschen Tränen strömten weiter.

Seine Augen weiteten sich noch mehr, als sie nicht gehorchte. „Arzt!“

„Kein Arzt bitte“, flüsterte sie und drückte die Klinge tiefer. Frisches Blut quoll hervor.

Dravens Gesicht verzerrte sich vor roher Panik. Er schob den Arzt hinaus und verriegelte die Tür, sodass sie mit ihr im Zimmer eingeschlossen waren.

Vesper ließ das Messer mit einem leisen, feuchten Geräusch von ihrem Hals gleiten. Sie ließ es auf ihren Oberschenkel fallen, wo noch Blut tropfte. Ihre Augen schimmerten vor gespielter Reue.

„Es tut mir leid, Alpha. Ich bin es leid zu leben.“

Die Art, wie sie seinen Titel „Alpha“ benutzt hatte, traf ihn wie ein Schlag. Sein Ego flammte auf. Er stand über dem Bett, die Arme verschränkt, die Augen dunkel vor Missbilligung.

„Du bist eine Alpha. Du solltest nicht so impulsiv und rücksichtslos handeln. Nichts rechtfertigt diese Dummheit.“

Vesper spürte, wie die Missbilligung wie warmer Honig ihr Rückgrat hinunterlief. Es ließ sie ihn nur noch mehr wollen. Ihre Lippen verzogen sich zu dem winzigsten, gefährlichsten Lächeln.

„Meine Gründe sind berechtigt, Sir.“

Draven verengte die Augen, seine Körpersprache starr, während er darauf wartete, dass sie fortfuhr. Die Ader an seinem Hals pulsierte einmal.

Sie schaute von ihm weg zur Wand und zeigte ein finsteres kleines Lächeln, das niemand je sehen würde.

Ihre Arme waren noch mit getrocknetem Blut bedeckt, die Oberschenkel rot durchtränkt, das weiße Krankenhaushemd dunkelrot verfärbt. An ihrem Hals prangte eine frische, heilende Narbe. Sie zwang ihre Schultern, mit falschen Schluchzern zu beben.

„Die Sünden meines Vaters lasten schwer auf meinen Schultern. Sie wollen es an mir auslassen.“

Dravens Stimme wurde dick vor kaum beherrschter Wut. „Wer sind sie?“

„Männer des Crimson Eclipse“, wimmerte sie, der Klang weich und gebrochen. Sie warf einen verstohlenen Blick auf sein Gesicht. Seine Augen blitzten hellblau auf, und ein tiefes, besitzergreifendes Knurren grollte in seiner Brust. Vesper spürte, wie ihre eigene Brust vor reinem, krankem Entzücken anschwoll.

Sie fuhr fort, die Stimme brach. „Mein Vater hat früher für –“

Sie schluckte schwer, der verbotene Name blieb wie Gift in ihrer Kehle stecken. „Ich wusste es nicht, bis sie eines Tages meine Wohnung gestürmt haben und das gefordert haben, was er gestohlen hatte. Sie hätten mich in jener Nacht fast getötet. Ich habe mich zwei Jahre versteckt. Ich habe meinen Vater auch in den letzten zwei Jahren nicht gesehen. Jetzt haben sie mich wieder gefunden.“ Ein weiteres Schniefen. „Es tut mir leid, Alpha. Es tut mir so leid für die Umstände.“

Dravens Stimme kam tief und befehlend heraus, die Worte vibrierten wie eine Drohung durch den Raum. „Und wer zur Hölle ist dein Vater?“

„Solan Wellows“, brachte sie hervor, der Name kaum hörbar, ihre Haltung unterwürfig, die Schultern leicht gebeugt.

Er schickte ihr einen Blick, der Blut hätte gerinnen lassen können. Seine Augen verdunkelten sich zu sturmumwölktem Stahlblau, die Ader an seinem Hals pochte heftig. Er sah aus, als wollte er die Welt in Stücke reißen.

„Mach nichts verdammt Dummes.“

Er stürmte aus dem Zimmer, die Tür knallte so hart hinter ihm zu, dass die Wände bebten.

In dem Moment, als er weg war, ließ Vesper einen leisen, zufriedenen Seufzer entweichen.

„Lira?“ Ihre Stimme klang gelangweilt und tief, die psychotische Schärfe kroch bereits zurück.

„Ich bin hier.“

„Mach noch eine Hintergrundprüfung zum Namen Wellows. Wir müssen sicherstellen, dass kein Mann zu diesem Namen zurückverfolgt werden kann.“

Ein leises Tippen von Tasten war im Hintergrund zu hören.

„Es kommt immer noch als leere Suche heraus.“

Ein einzelner, glitzernder Goldfunke blitzte in Vesper dunklen braunen Augen auf.

„Gut.“

Sie schloss die Augen und ließ den schwachen Lavendel ihrer Pheromone wie Rauch durch das Zimmer ziehen. Irgendwo drei Stockwerke entfernt lief Draven auf und ab, sein verbrannt-zitrusartiger Duft brannte heißer denn je.

Vesper lächelte in der Dunkelheit, langsam und ungezügelt.

Dies war erst der Anfang.

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