LOGINDer Morgengrauen färbte die scharfen Gipfel der Schweizer Alpen in Violett und Grau. In der Suite im Südflügel hing die Atmosphäre so dicht und kalt wie der Frost, der die riesigen Fenster des Château Valerius überzog.Sienna saß vor dem Frisiertisch aus Mahagoni und starrte in den Spiegel. Sie trug keine Kriegsbemalung auf. Im Gegenteil: Sie demontierte die Königin. Mit bedachten Bewegungen wischte sie den dunklen Lippenstift ab, zog ihr Haar zu einem strengen, engen Dutt zurück, der ihre Gesichtszüge härtete, und zog ein hochgeschlossenes, holzkohlegraues Wollkleid an, das jeglicher Verzierung entbehrte. Sie sah aus wie eine Gouvernante aus dem neunzehnten Jahrhundert — eine Figur, der jegliche Macht genommen war, entworfen, um in den Schatten des Schlosses zu verschmelzen.Durch den Spiegel fing sie Nikolais Blick ein. Der Eiszar lehnte im Türrahmen des Ankleidezimmers, die Arme über seiner breiten Brust verschränkt. Er hasste, was er da sah.„Du musst das nicht tun, Sienna“, knurr
Die Mitternacht in den Alpen brachte nicht nur eine knochenfeine Kälte, sondern eine grabesähnliche Stille, die jeden Hauch von Hoffnung zu verschlingen schien. Doch in der Suite im Südflügel des Château Valerius herrschte geschäftige, wenn auch stumme Aktivität. Nikolai Wolkow, der Eiszar, war kein Mann, der sich allein auf rohe Gewalt verließ; sein wahres Genie lag in der Logistik und der Fähigkeit, unsichtbare Netzwerke zu weben, wo andere nur undurchdringliche Mauern sahen.Sienna saß vor einem militärischen Display, ihr Gesicht im bläulichen Schein der Verschlüsselungsroutinen gebadet. Ihre Finger bewegten sich mit einer hypnotischen Kadenz über die Tastatur. Neben ihr sprach Nikolai über ein Satellitentelefon, das in keinem offiziellen Register verzeichnet war.„Octavius glaubt, Europa sei sein privates Anwesen“, murmelte Sienna, ohne den Blick von den kaskadierenden Daten zu wenden. „Er glaubt, weil er die Zentralbanken seit einem Jahrhundert dominiert hat, würde es niemand wag
Die Stille, die dem Sturm in der Bibliothek folgte, war schwerer als der Schnee, der gegen die hohen Fenster der Suite zu peitschen begann. Nikolai hatte sich seit ihrer Rückkehr nicht einmal gesetzt. Er ging mit der agitierten Energie eines Raubtiers von einem Ende des Raumes zum anderen — wie ein Biest, das mitansehen musste, wie man versuchte, seinem Jungen einen Maulkorb anzulegen. Auf dem Bett war Mila schließlich eingeschlafen, erschöpft von Tränen und einer Spannung, die sie selbst in ihrem zarten Alter instinktiv als tödliche Gefahr erkannte.Nikolai hatte sie mit einer Sanftheit abgelegt, die gewaltsam mit der Wut kontrastierte, die von seiner Gestalt ausging. Als er sich Sienna zuwandte, waren seine sibirischen Augen — sonst so eisig — von einer dunklen, flüssigen Raserei durchzogen.„Hol die Pässe, Sienna“, befahl Nikolai, seine Stimme ein raues Flüstern. „Ich habe Viktor den Befehl gegeben. Die Evakuierungs-Helikopter heben in dreißig Minuten von der französischen Basis ab
Die Große Bibliothek des Château Valerius stand da wie ein Monument aristokratischer Eitelkeit. Mit ihren drei Rängen aus Walnussholzgalerien, den geschmiedeten Wendeltreppen und zehntausenden ledereingebundenen Bänden, die nach Staub und den Jahrhunderten unsagbarer Geheimnisse rochen, war die Halle so konzipiert, dass sich jeder, der sie betrat, unbedeutend fühlen musste. Es war eine Kathedrale, geweiht der Arroganz der Blutlinie.Um fünf Uhr Nachmittags war das Alpen-Sonnenlicht, das durch die hohen gotischen Fenster sickerte, in ein bleiernes, bedecktes Grau übergegangen. In der Mitte des Raumes, auf einem riesigen Mahagonitisch, der einst einem verfeindeten König gehört hatte, ruhte der Pactum Valerius.Das originale Pergament lag zusammen mit seinen modernen Nachträgen aufgeschlagen da, flankiert von zwei schweren Silbertintenfässern.Die gesamte Familie war versammelt und bildete einen vorsichtigen Halbkreis um den Tisch. Eleonora, Beatrice, Genevieve und der Rest der Verwandts
Die aristokratische Tradition verlangte, dass vor jeder großen Familienversammlung das Blut in Wallung gebracht werden musste. Für das Haus Valerius bedeutete dies das jährliche Schneepolo-Turnier in einem privaten Tal zwei Kilometer vom Château entfernt, wo das Eis so dicht komprimiert war, dass es poliertem weißem Marmor glich.Es war ein Schauspiel, das zur EInflößung von Ehrfurcht und Angst entworfen worden war. Die geschnitzten Holztribünen waren mit Fuchs- und Zobelpelzen ausgelegt. Dienstboten zirkulierten stumm, gossen Dom-Pérignon-Champagner ein und servierten Beluga-Kaviar für eine Schar von Verwandten und verbündeten Adligen, die untereinander flüsterten — gierig darauf, den amerikanischen „Bauern“ in ihrem eigenen Spiel zermalmt zu sehen.Sienna saß in der Mitte der königlichen Loge, flankiert von genau den Tanten und Cousinen, die sie am Tag zuvor terrorisiert hatte. Heute behandelten die Frauen sie mit ehrfürchtigem, furchtsamem Respekt. Sie trug einen langen schwarzen K
Der unterirdische Weinkeller des Château Valerius war ein Heiligtum, das der Zeit selbst geweiht war. Endlose Reihen von Eichenregalen bargen Weinflaschen, die in den Staub von Jahrzehnten gehüllt waren; einige stammten aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Luft hing schwer und feucht im Raum, mit dem Geruch von altem Korken und dunkler Erde. Es gab keine Fenster, und die einzige Beleuchtung stammte von einigen bloßen Glühbirnen, die am Gewölbe baumelten.In der Mitte dieses flüssigen Mausoleums saß Stefan Valerius an einen rustikalen Holzstuhl gebunden. Er trug nicht mehr den dunkelblauen Seidenmorgenmantel, in dem er Stunden zuvor überwältigt worden war. Nikolais Männer hatten ihm erlaubt, sich anzuziehen, doch sein Erscheinungsbild lag Welten entfernt von dem aristokratischen Arroganten, der den Eiszaren am Esstisch beleidigt hatte. Sein aschblondes Haar war zerzaust, sein Hemd zerknittert, und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.Ihm gegenüber stand Nikolai, mit ve







