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Gezeichnet in der Dunkelheit

Author: Jules
last update publish date: 2026-08-15 16:54:18

Lyras Sicht

Ich kenne nicht einmal seinen Namen, und es ist mir egal.

Sein Mund stürzt auf meinen mit einem Hunger, der dem Feuer entspricht, das durch meine Adern brennt. Der Kuss ist nicht sanft. Er ist verzweifelt, als hätte er darauf gewartet, genauso lange wie ich am Zerbrechen war. Seine Lippen sind fest und heiß auf meinen. Ich krralle mich an seinen Schultern fest, spüre den gewaltigen Muskel dort, und ziehe ihn näher. Zum ersten Mal an diesem Abend fühle ich mich lebendig. Nicht gebrochen. Nicht gedemütigt. Begehrt.

Er schmeckt nach Nachtluft und etwas Wildem. Seine großen Hände gleiten meine Seiten hinab. Die Hitze in mir steigt mit jeder Berührung höher. Mein Körper presst sich unwillkürlich an ihn. Er ist so viel größer als ich. Mächtig. Gefährlich. Aber gerade jetzt fühlt er sich sicher an. Als wäre er das Einzige, das die leere Stelle füllen kann, die Derek hinterlassen hat.

Er löst den Kuss gerade so weit, um an meinem Hals zu atmen. "Wunderschön", knurrt er, seine Stimme tief und rau. Das Wort schickt ein Zittern durch mich. "So perfekt." Niemand hat mir das je so gesagt. Nicht mit so viel Verlangen. Seine rotgoldenen Augen fangen das Mondlicht durch die Schatten ein und beobachten mich, als wäre ich etwas Kostbares. Etwas, von dem er nicht wegschauen kann.

Ich sollte Angst haben. Ein Fremder in den Wildlanden. Halb verwandelt. Gewaltig. Aber die Hitze hat die Kontrolle übernommen. Meine Hände erkunden seine Brust, spüren die harten Muskellinien, die Narben unter meinen Fingern. Er zieht scharf die Luft ein, als ich ihn berühre. Seine Beherrschung schwindet. Ich spüre es daran, wie sich sein Griff um meine Hüften verstärkt, dann wieder lockert, als würde er versuchen, mir nicht wehzutun.

Er legt mich auf den weichen Waldboden. Sein Körper bedeckt meinen, schützt mich vor der kalten Nacht. Jeder Kuss, jede Berührung macht das Sehnen gleichzeitig schlimmer und besser. Ich wölbe mich ihm entgegen, wimmere, als sein Mund die empfindliche Stelle an meiner Kehle findet. Er ist stellenweise grob, als könne er sich nicht ganz zurückhalten, aber dann verlangsamt er sich. Seine Finger streichen so sanft über meine Haut, dass mir die Tränen in die Augen steigen. Jahrelang fühlte ich mich bei Derek unsichtbar. Heute Nacht lässt dieser Fremde mich gesehen fühlen. Auserwählt. Auch wenn es nur für diese Momente ist.

Die Hitze baut sich immer weiter auf, bis ich das Gefühl habe, zu zerbrechen. Meine Wölfin drängt nach vorne, treibt mich näher. Ich schlinge meine Beine um ihn. Sein Atem wird ungleichmäßig. "Meine", murmelt er gegen meine Haut, fast zu leise, um es zu hören. Dieses Wort sollte mir Angst machen. Stattdessen lässt es das Feuer in mir noch heißer aufflammen.

Wir bewegen uns gemeinsam in der Dunkelheit. Ich kann sein Gesicht nicht vollständig sehen, nur Schatten und diese leuchtenden Augen. Aber ich spüre alles. Wie sich seine Muskeln unter meinen Händen anspannen. Wie er sich zurückhält, selbst wenn sein Körper mehr verlangt. Die Verbindung zwischen uns fühlt sich elektrisch an, als würden sich unsere Wölfe einander entgegenstrecken. Zum ersten Mal seit Stunden verblasst der Schmerz von Derek. Da ist nur das. Nur er.

Die Lust steigt höher. Meine Finger graben sich in seinen Rücken. Seine tiefe Stimme flüstert weiter Lob zwischen den Küssen. "Perfekt... so gut..." So etwas habe ich noch nie gefühlt. Die Hitze erreicht ihren Höhepunkt und bricht in Wellen über mich herein, die mich zittern lassen. Er folgt gleich darauf, sein Körper bebt gegen meinen. Wir klammern uns aneinander, als könnte die Welt enden, wenn wir loslassen.

Dann verschiebt sich etwas. Sein Mund wandert zu der Stelle, wo mein Hals auf meine Schulter trifft. Seine Zähne streifen die Haut dort. Meine Wölfin drängt so stark nach vorne, dass mir der Atem stockt. Ja. Zeichne uns. Mach uns zu deiner. Ich neige den Kopf, ohne nachzudenken, biete ihm meinen Hals dar. Selbst durch die Hitze hindurch weiß ein Teil von mir, was das bedeutet. Ich will es.

Er zögert eine halbe Sekunde. Dann graben sich seine Zähne hinein. Scharfer Schmerz blitzt zuerst auf und lässt mich aufschreien. Aber der Schmerz explodiert in eine Lust, so intensiv, dass sich mein Blick verschwimmt. Die Markierung brennt tief in meine Haut. Etwas rastet zwischen uns ein. Plötzlich spüre ich ihn. Nicht nur seinen Körper. Seine Gefühle fluten durch die neue Bindung. Verzweifelte Besitzergreifung. Wilder Beschützerinstinkt. Und etwas wie Ehrfurcht, das mir die Brust eng werden lässt.

Wir schreien beide gleichzeitig auf. Die Erfüllung trifft uns im selben Moment wie die Zeichnung. Perfekte Einheit. Für einen Moment existiert nichts anderes. Kein Derek. Kein Rudel. Keine Demütigung. Nur wir.

Meine Wölfin hört dort nicht auf. Ich beuge mich vor und beiße fest in seine Schulter. Weibchen zeichnen selten Männchen, aber es fühlt sich richtig an. Er stöhnt tief in seiner Brust, der Klang zerstört, als hätte ich ihn auf die beste Art vernichtet. Seine Arme umschlingen mich fester.

Wir bleiben ineinander verschlungen, während die Wellen langsam verebben. Sein Körper schirmt meinen vollständig vor dem kalten Boden ab. Meine Hitze legt sich endlich. Das verzweifelte Verlangen beruhigt sich. Erschöpfung überwältigt mich wie eine schwere Decke. Meine Glieder fühlen sich schwer an. Mein Verstand beginnt sich ein wenig zu klären.

Was habe ich gerade getan?

Ich versuche, sein Gesicht in der Dunkelheit besser zu sehen, aber er bleibt in den Schatten. Seine Züge bleiben verborgen. Noch immer halb verwandelt. "Wer bist du?", flüstere ich, meine Stimme heiser.

Er schweigt einen langen Moment. Seine Hand streicht durch mein Haar, überraschend sanft. "Jemand, der dich nicht verdient."

Die Worte verwirren mich, aber ich bin zu müde, um nachzuhaken. Mein Körper hat nichts mehr übrig. Er bewegt sich leicht und zieht sein zerrissenes Hemd aus, wickelt es um mich. Der Stoff trägt seinen Duft. Kiefer und Rauch. Es tröstet mich mehr, als es sollte. Er hält mich nah, sein großer Körper schützend um meinen gekrümmt. Zum ersten Mal an diesem Abend fühle ich mich sicher.

Seine Finger streichen weiter durch mein Haar, während meine Augen zufallen. Der Schlaf zieht mich schnell hinunter.

Als ich aufwache, filtert graues Morgengrauen durch die Bäume. Kalte Luft trifft meine Haut. Ich bin allein.

Ich setze mich schnell auf, klammere sein Hemd um mich. Mein ruiniertes Kleid liegt in der Nähe. Die Markierung an meinem Hals pocht mit jedem Herzschlag. Sie brennt heiß und schickt kleine Funken durch meinen Körper. Ich berühre sie vorsichtig und keuche bei dem Gefühlsschock.

"Hallo?", rufe ich, meine Stimme schwach. Keine Antwort. Ich schaue verzweifelt umher. Keine Spur von ihm. Nur gewaltige Wolfsspuren im Dreck und ein paar teilweise erkennbare Stiefelabdrücke, die davonführen. Sonst nichts. Der Wald ist still und gleichgültig, als hätte es die letzte Nacht nie gegeben.

Er hat mich verlassen.

Frischer Schmerz durchschneidet meine Brust, schichtet sich direkt über die Verwüstung von gestern. Eine weitere Zurückweisung. Zuerst Derek vor dem gesamten Rudel. Jetzt dieser Fremde, der mich gezeichnet hat und vor dem Morgen verschwunden ist. Tränen brennen in meinen Augen. Ich ziehe sein Hemd fester um mich, atme seinen Duft ein. Warum würde er das tun? Warum mich zeichnen, wenn er sowieso gehen wollte?

Aber selbst durch den Schmerz hindurch fühlt ein kleiner Teil von mir Dankbarkeit. Wenn er nicht aufgetaucht wäre, hätte die Hitze mich hier draußen vielleicht getötet. Oder Schlimmeres. Er hat mich davor bewahrt. Trotzdem windet sich die Verwirrung in mir. Warum mich überhaupt zeichnen? Warum mich begehrt fühlen lassen und dann verschwinden?

Ich zwinge mich aufzustehen. Mein Körper schmerzt überall. Wundheit zwischen meinen Beinen. Kratzer auf meiner Haut. Jeder Schritt tut weh, während ich das zerrissene Kleid so gut wie möglich um mich wickle. Sein Hemd behalte ich darunter. Sein Duft ist der einzige Trost, den ich gerade habe.

Ich bin verloren in den Wildlanden. Gezeichnet von einem unbekannten Wolf. Das Rudel sucht wahrscheinlich schon nach mir. Ich muss zurück. Keine Wahl. Mit dem schwachen Licht der aufgehenden Sonne finde ich heraus, welcher Weg nach Hause führt. Meine Füße bewegen sich zunächst langsam. Jeder Schritt schickt Schmerz durch mich, sowohl körperlich als auch seelisch.

Die Markierung an meinem Hals ist unmöglich zu verbergen. Sie sitzt dort kühn und offensichtlich. In meinem traditionellen Rudel ändert das alles. Ein gezeichnetes Weibchen, das seinen Zeichner nicht kennt? Ruiniert. Unheiratbar. Schändlich. Sie werden mich beschimpfen. Mich angewidert ansehen. Mein Vater wird wütend sein.

Dereks Verrat von gestern fühlt sich bereits an, als wäre er vor Jahren geschehen. Zu diesem Schmerz hat sich dieser neue gesellt. Ich gehe durch die Bäume, umarme mich selbst, versuche, mich zusammenzuhalten. Was habe ich getan? Der Gedanke wiederholt sich immer wieder in meinem Kopf. Was habe ich getan?

Ich war innerhalb von weniger als zwölf Stunden von meinem Freund zurückgewiesen und von meinem Gefährten verlassen worden. Ich fragte mich, wie viel mehr mein Herz noch brechen konnte, bevor nichts mehr übrig blieb.

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