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Der Wind ist eisig, aber ich lasse ihn durch mich hindurchwehen. Ich zittere nicht einmal mehr. Mein Körper ist leer. Oder voll. Ich weiß nicht mehr.
Ich bin auf das Dach gegangen, weil man mir gesagt hat, dass der Chef noch nicht angekommen ist. „Er wird nicht lange auf sich warten lassen“, hat eine desinteressierte Stimme in der Halle zu mir gesagt. Ich nickte, murmelte ein automatisches „Danke“ und flüchtete aus dem Aufzug, den Blicken, dem zu sauberen Teppich. Ich bin nicht gekommen, um ein Vorstellungsgespräch zu führen. Nicht wirklich. Nicht heute. Nicht so.
Ich setze mich an den Rand des Nichts, die Beine im Leeren, als ob diese einfache Geste das Gewicht in mir lindern könnte. Meine Tasche liegt neben mir, immer noch zu voll. Ich habe immer noch die Akte mit meinen Notizen, meinem Lebenslauf, meinen falschen Lächeln bereit. Aber wozu das Ganze?
Ich betrachte meine Hände, dünn, ein wenig zitternd. Ich hatte schon immer diese blasse, fast durchsichtige Haut, die das Licht zu absorbieren scheint, anstatt es zurückzuwerfen. Mein Haar, lang, in einem warmen Braun, das ins Kastanienbraune übergeht, fällt in unordentlichen Wellen über meine Schultern. Einige Strähnen umrahmen mein kantiges Gesicht und zeichnen eine Silhouette, die sowohl zart als auch bestimmt ist.
Mein Körper war immer ein Terrain zwischen Sanftheit und Stärke. Meine Kurven sind nicht extravagant, nur genau richtig, um zu spüren, dass ich lebendig bin, dass ich trotz allem in dieser Welt existieren kann. Ich kenne sie gut, jede Linie, jede Vertiefung, wie man lernt, eine Karte zu lesen, bei der man nicht mehr weiß, ob man dem Weg folgen oder sich davon abwenden soll. Heute jedoch erscheint mir dieser Körper fremd. Träger eines Geheimnisses, das ich nicht verstehe.
Ich wurde geboren, um zu lernen, um zu verstehen. Die langen Jahre an der Universität, in denen ich Theorien seziert, Ideen zerlegt und meine intellektuellen Grenzen verschoben habe, erscheinen mir angesichts dieses intimen Mysteriums, dieses Umbruchs, den ich noch immer nicht zu benennen bereit bin, lächerlich.
Ich bin schwanger. Und doch bin ich Jungfrau.
Ich lasse diese Worte zum hundertsten Mal in meinem Kopf hallen. Sie klingen falsch. Surreal. Lächerlich. Aber sie sind wahr. Der Test hat es gesagt. Der Arzt auch. Drei Wochen. Drei Wochen Leben in mir, Stille, unterdrückte Panik.
Drei Wochen, in denen ich nicht mehr schlafe.
Und jetzt bin ich hier, auf dem Dach eines Gebäudes, auf der Suche nach ein wenig Luft. Nach Ruhe. Nach Sinn. Ich denke an meine Mutter. Wie werde ich es ihr sagen? Wie werde ich ihr etwas erklären, das ich selbst nicht verstehe? Sie wird glauben, ich lüge. Dass ich mich schäme. Dass ich erfinde. Vielleicht bin ich verrückt. Vielleicht ist das die einzige Erklärung.
Ein Geräusch von Schritten lässt mich zusammenzucken. Ich wische mir eine Träne mit dem Ärmel weg. Ich hoffe, man lässt mich in Ruhe. Wenn man die Sicherheit ruft, schwöre ich, dass ich springe.
Aber nein. Die Stimme, die zu mir kommt, ist tief, rau. Erschöpft.
— Darf ich mich setzen?
Ich drehe den Kopf nicht. Ich nicke kaum. Er setzt sich, ein wenig weiter weg, ohne ein Wort. Er schaut auf die Stadt, wie ich. Dieser graue Schleier, der alles erstickt.
Langes Schweigen.
Dann seine Stimme, wieder. Gebrochen.
— Verfluchte Welt. Man gibt sein ganzes Herz und seine Seele, und am Ende findet man sich hier wieder, will springen… oder einfach nur atmen.
Ich sehe ihn aus dem Augenwinkel an. Er sieht am Ende seiner Kräfte aus. Fünfunddreißig, vierzig Jahre alt, vielleicht älter. Tiefe Augenringe. Der Typ Mann, der zu viel ertragen hat. Zu lange.
— Fliehen Sie auch vor etwas?
Er schnaubt. Schließlich… verzieht er das Gesicht.
— Vor meinem eigenen Körper. Vor meiner Ohnmacht. Das Urteil ist heute Nachmittag gefallen. Ich werde niemals Vater sein.
Seine Worte durchbohren mich. Sofort senke ich den Blick auf meinen Bauch, der immer noch flach, immer noch unsichtbar ist. Und doch so präsent. Ich wollte nicht sprechen. Aber es ist stärker als ich.
— Es tut mir leid für Sie.
Er dreht den Kopf zu mir. Ich räuspere mich. Er sagt nichts. Und das ist besser. Ich will nicht erklären. Weder ihm noch irgendjemandem. Denn selbst ich verstehe es nicht. Ich habe nie mit jemandem geschlafen. Ich habe mich nie darauf eingelassen. Und doch wächst etwas in mir.
Ich beiße die Zähne zusammen. Ich habe Angst. Angst, verrückt zu sein. Oder von etwas berührt zu werden, das ich nicht kontrollieren kann.
— Das Leben ist eine verdammte Zicke, flüstert er.
Ich nicke, ja, eine grausame Zicke.
GabrielDie Bürotür schließt sich mit einem dumpfen Klacken, und die Außenwelt ist abrupt abgeschnitten. Die Stille hier ist dicht, erdrückend, so anders als das Tumult, das ich hinter den Trennwänden vermute. Ich stehe mitten im Raum, die Schultern angespannt, und warte.Ich höre sie kommen. Ihre Schritte sind leicht, unsicher, auf dem Parkett. Sie tritt ein und schließt die Tür lautlos. Ich drehe mich nicht sofort um. Ich höre ihren etwas kurzen Atem, ich spüre das Gewicht ihres Blicks in meinem Rücken.Ich drehe mich um.Sie ist da, an die Tür gelehnt, als brauche sie Halt, blass, die Augen riesig. Die professionelle Maske ist gefallen. Geblieben ist nur Élise, nackt, vibrierend, noch erschüttert von dem Erdbeben, das ich gerade ausgelöst habe.»Hast du ihre Gesichter gesehen?«, sagt sie mit einer Stimme, die nur ein Hauch ist.&
ÉliseDer Tag dehnt sich, langsam und erschöpfend. Jede Minute ist eine Qual aus Warten und Falschheit. Ich bringe den Kaffee, sortiere Dokumente, antworte am Telefon mit einer Stimme, von der ich hoffe, dass sie neutral ist, die mir aber seltsam schrill, zerbrechlich vorkommt. Die Blicke folgen mir, beharrlich. Unausgesprochene Fragen schweben in der Luft, kleben an meiner Kleidung, an meiner Haut.Gabriel seinerseits ist von eisiger Effizienz. Er reiht Besprechungen an Besprechungen, Anrufe an Anrufe, ohne jemals die geringste Emotion durchblicken zu lassen. Manchmal kreuzen sich unsere Blicke durch die Glaswand seines Büros. Ein Funke, schnell, brennend, dann wendet er den Blick ab, wird wieder der Chef, der Mann aus Stein.Es ist gegen 16 Uhr, als er die Gegensprechanlage betätigt. Seine neutrale Stimme hallt in meinem kleinen Raum wider.»Élise, versammeln Sie bitte das gesamte Personal um 16:30 Uhr im
ÉliseDas Auto parkt auf dem knirschenden Kies vor der imposanten Glas- und Stahlfassade der Zentrale. Mein Herz, für einen Moment beruhigt von der Stille des Landes, beginnt wieder gegen meine Rippen zu hämmern, ein aufgescheuchter Vogel in der Falle. Es ist so weit. Das Theater. Die Bühne, auf der wir unsere Rollen spielen müssen, ein letztes Mal vielleicht.Gabriel stellt den Motor ab. Die Stille, die eintritt, ist von anderer Natur als die im Haus. Sie ist schwer von nicht getanen Blicken, nicht ausgesprochenen Fragen. Er wendet sich mir zu. Sein Gesicht hat sich verändert. Die Zärtlichkeit, die Verletzlichkeit von heute Morgen sind verschwunden, ersetzt durch eine Maske ruhiger Autorität. Der Chef. Mein Geliebter ist hinter den Zügen meines Arbeitgebers verschwunden.»Bereit?«, fragt er, seine Stimme ist neutral, professionell.Ich nicke, meine Tasche wie einen Rettungsring an m
ÉliseEin Schauer durchläuft mich, anders als alle anderen. Dieser besteht nicht aus Angst oder Kälte, sondern aus einem brennenden, flüssigen Zustrom, der scheinbar tief in meinen Eingeweiden entspringt und sich unter seinem Blick auf der Oberfläche meiner Haut ausbreitet. Seine Worte hallen in der gedämpften Stille des Badezimmers wider und fegen meine Ängste, meine Scham auf einen Schlag hinweg. »Ich will dich verschlingen.« Der Satz ist roh, wild. Er lässt keinen Raum für Zweifel oder Zurückhaltung. Es ist ein als Wahrheit ausgesprochenes Verlangen, ein angekündigtes Festmahl.Ich senke den Blick, aber ich spüre, wie die Hitze in meine Wangen steigt, eine scharlachrote Zurschaustellung meiner Verwirrung. Ich werde rot. Wie ein junges Mädchen. Wie eine verzückte Ehefrau. Der Kontrast ist heftig zur Melancholie der Minuten zuvor. Gabriel sieht mein Erröten, und ein
ÉliseIch fahre zusammen, als die Klinke sich bewegt. Die Tür, von der ich dachte, sie sei geschlossen – ich hatte sie doch zugedrückt, ich hatte sie Widerstand leisten spüren –, gibt lautlos nach. Gabriel steht im Rahmen. Er lächelt nicht. Sein Blick gleitet über mein Gesicht, meine zitternden Schultern, meine Hände, die sich sofort über meinem Bauch verschränkt haben, wie ein Schild.»Ich habe dich überall gesucht«, sagt er, seine Stimme tiefer als eben, durchzogen von einer Besorgnis, die nicht nur eine Feststellung ist.Er macht einen Schritt. Das Badezimmer ist plötzlich winzig. Die Luft wird dünner, beladen mit all dem, was wir heute Morgen nicht gesagt haben. Die Stille des Hauses ist auch da, mit ihm hereingekommen, eine dritte Person, die zusieht.»Die Tür …«, stammle ich.»Sie schließt nicht. Ich hatte keine Zeit, es z
ÉliseDas erste Erwachen im Haus ist ein Schock. Die Stille. Es ist nicht die gedämpfte Stille der Wohnung in der Stadt, die stets von Straßengeräuschen, fernen Sirenen und Nachbarn durchzogen ist. Es ist eine schwere, tiefe, fast greifbare Stille. Eine Stille des Landes, die den Schluck zu verschlucken, zu ersticken scheint. Sie umhüllt das Haus, dringt durch die Ritzen der alten Fenster und lässt sich nieder wie ein weiterer Bewohner.Ich stehe auf, der Körper ist steif, der Magen verkrampft. Das kalte Parkett unter meinen nackten Füßen lässt mich frösteln. Gabriel schläft noch, erschöpft von den Ereignissen des Vortages. Ich betrachte ihn einen Augenblick, sein friedliches Gesicht im Schlaf, und eine Welle so heftiger Liebe überflutet mich, dass mir der Atem stockt. Dann kehrt die Angst zurück, unmittelbar, im Bunde mit dieser Stille.Ich gehe die knarrende Holztreppe hinunter, jede Stufe ein Schrei in der Stille des Morgens. Der große Wohnraum ist gewaltig, leer, getaucht in das f
GabrielDas Essen zieht sich in die Länge.Die Mutter hat meinen Teller zum zweiten Mal gefüllt, ohne mich überhaupt zu fragen. Ich protestierte schwach:— Wirklich, das ist genug …Sie durchbohrte mich mit ihrem Blick, als ob es ein
GabrielIch hätte früher gehen sollen.Aber nein, ich bin immer noch hier. Feststeckt. Gefangen in einer Familiensatire, die einfach kein Ende nehmen will.Die Großmutter hat mir einen Test auferlegt.Einen kulinarischen Test.— S
GabrielIch lasse mich in den Sessel im Wohnzimmer fallen, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände gelegt.Hinter mir höre ich ihre hastigen Schritte im oberen Stockwerk, Türen, die knallen, ihr unterdrücktes Schluchzen. Aber ich habe keine Kraft mehr. Nicht heute Nacht.Warum mus
GabrielIch stehe noch immer, die Jacke noch in der Hand. Sie steht vor mir, die Arme verschränkt, wie ein Richter, der bereit ist, das Urteil zu sprechen.Die Stille ist schwer, zu schwer. Sie breitet sich zwischen uns aus wie eine unsichtbare Wand, und ich weiß, dass sie nicht von Dauer sein wird







