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Der Schatten eines Wunders
Der Schatten eines Wunders
Author: Eternel

Kapitel 1 — Die Stille über der Welt  

Author: Eternel
last update publish date: 2026-02-14 18:02:58

Clara  

Der Wind ist eisig, aber ich lasse ihn durch mich hindurchwehen. Ich zittere nicht einmal mehr. Mein Körper ist leer. Oder voll. Ich weiß nicht mehr.  

Ich bin auf das Dach gegangen, weil man mir gesagt hat, dass der Chef noch nicht angekommen ist. „Er wird nicht lange auf sich warten lassen“, hat eine desinteressierte Stimme in der Halle zu mir gesagt. Ich nickte, murmelte ein automatisches „Danke“ und flüchtete aus dem Aufzug, den Blicken, dem zu sauberen Teppich. Ich bin nicht gekommen, um ein Vorstellungsgespräch zu führen. Nicht wirklich. Nicht heute. Nicht so.  

Ich setze mich an den Rand des Nichts, die Beine im Leeren, als ob diese einfache Geste das Gewicht in mir lindern könnte. Meine Tasche liegt neben mir, immer noch zu voll. Ich habe immer noch die Akte mit meinen Notizen, meinem Lebenslauf, meinen falschen Lächeln bereit. Aber wozu das Ganze?  

Ich betrachte meine Hände, dünn, ein wenig zitternd. Ich hatte schon immer diese blasse, fast durchsichtige Haut, die das Licht zu absorbieren scheint, anstatt es zurückzuwerfen. Mein Haar, lang, in einem warmen Braun, das ins Kastanienbraune übergeht, fällt in unordentlichen Wellen über meine Schultern. Einige Strähnen umrahmen mein kantiges Gesicht und zeichnen eine Silhouette, die sowohl zart als auch bestimmt ist.  

Mein Körper war immer ein Terrain zwischen Sanftheit und Stärke. Meine Kurven sind nicht extravagant, nur genau richtig, um zu spüren, dass ich lebendig bin, dass ich trotz allem in dieser Welt existieren kann. Ich kenne sie gut, jede Linie, jede Vertiefung, wie man lernt, eine Karte zu lesen, bei der man nicht mehr weiß, ob man dem Weg folgen oder sich davon abwenden soll. Heute jedoch erscheint mir dieser Körper fremd. Träger eines Geheimnisses, das ich nicht verstehe.  

Ich wurde geboren, um zu lernen, um zu verstehen. Die langen Jahre an der Universität, in denen ich Theorien seziert, Ideen zerlegt und meine intellektuellen Grenzen verschoben habe, erscheinen mir angesichts dieses intimen Mysteriums, dieses Umbruchs, den ich noch immer nicht zu benennen bereit bin, lächerlich.  

Ich bin schwanger. Und doch bin ich Jungfrau.  

Ich lasse diese Worte zum hundertsten Mal in meinem Kopf hallen. Sie klingen falsch. Surreal. Lächerlich. Aber sie sind wahr. Der Test hat es gesagt. Der Arzt auch. Drei Wochen. Drei Wochen Leben in mir, Stille, unterdrückte Panik.  

Drei Wochen, in denen ich nicht mehr schlafe.  

Und jetzt bin ich hier, auf dem Dach eines Gebäudes, auf der Suche nach ein wenig Luft. Nach Ruhe. Nach Sinn. Ich denke an meine Mutter. Wie werde ich es ihr sagen? Wie werde ich ihr etwas erklären, das ich selbst nicht verstehe? Sie wird glauben, ich lüge. Dass ich mich schäme. Dass ich erfinde. Vielleicht bin ich verrückt. Vielleicht ist das die einzige Erklärung.  

Ein Geräusch von Schritten lässt mich zusammenzucken. Ich wische mir eine Träne mit dem Ärmel weg. Ich hoffe, man lässt mich in Ruhe. Wenn man die Sicherheit ruft, schwöre ich, dass ich springe.  

Aber nein. Die Stimme, die zu mir kommt, ist tief, rau. Erschöpft.  

— Darf ich mich setzen?  

Ich drehe den Kopf nicht. Ich nicke kaum. Er setzt sich, ein wenig weiter weg, ohne ein Wort. Er schaut auf die Stadt, wie ich. Dieser graue Schleier, der alles erstickt.  

Langes Schweigen.  

Dann seine Stimme, wieder. Gebrochen.  

— Verfluchte Welt. Man gibt sein ganzes Herz und seine Seele, und am Ende findet man sich hier wieder, will springen… oder einfach nur atmen.  

Ich sehe ihn aus dem Augenwinkel an. Er sieht am Ende seiner Kräfte aus. Fünfunddreißig, vierzig Jahre alt, vielleicht älter. Tiefe Augenringe. Der Typ Mann, der zu viel ertragen hat. Zu lange.  

— Fliehen Sie auch vor etwas?  

Er schnaubt. Schließlich… verzieht er das Gesicht.  

— Vor meinem eigenen Körper. Vor meiner Ohnmacht. Das Urteil ist heute Nachmittag gefallen. Ich werde niemals Vater sein.  

Seine Worte durchbohren mich. Sofort senke ich den Blick auf meinen Bauch, der immer noch flach, immer noch unsichtbar ist. Und doch so präsent. Ich wollte nicht sprechen. Aber es ist stärker als ich.  

— Es tut mir leid für Sie.  

Er dreht den Kopf zu mir. Ich räuspere mich. Er sagt nichts. Und das ist besser. Ich will nicht erklären. Weder ihm noch irgendjemandem. Denn selbst ich verstehe es nicht. Ich habe nie mit jemandem geschlafen. Ich habe mich nie darauf eingelassen. Und doch wächst etwas in mir.  

Ich beiße die Zähne zusammen. Ich habe Angst. Angst, verrückt zu sein. Oder von etwas berührt zu werden, das ich nicht kontrollieren kann.  

— Das Leben ist eine verdammte Zicke, flüstert er.  

Ich nicke, ja, eine grausame Zicke.

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