LOGINIch habe den Aufzug nicht genommen.
Ich bin die acht Etagen zu Fuß hinuntergegangen, langsam, als könnte jede Stufe das, was man mir gerade mitgeteilt hat, auslöschen. Als könnte ich, wenn ich weit genug zurückgehe, das Urteil neu schreiben. Zurückkommen zu dem Moment, in dem alles noch möglich war.Aber nein.
Mein Körper, dieser verdammte Körper, steht noch. Er hält ohne mich. Er bewegt sich, während ich aufgehört habe, daran zu glauben.
Ich öffne die Tür zur Straße. Die Luft beißt meine Haut.
Ich habe keinen Schal angezogen. Keine Handschuhe. Ich habe es vergessen. Ich vergesse alles in letzter Zeit. Meine Einkaufsliste. Meine Termine. Meine eigene Stimme, manchmal. Ich vergesse, zu existieren.Ich gehe.
Ohne Ziel, ohne Grund. Ich bin einfach auf der Flucht. Weg vom Arztbüro. Weg von diesem Satz, der sich immer wieder in meinem Kopf dreht:— Ihre Produktion ist definitiv inaktiv.
"Definitiv".
Das Wort hat geknallt wie ein Schuss. Kein Anruf, kein Einspruch und kein Wunder.Ich saß einfach da und starrte auf die verdammte Akte. Das Beige der Hülle. Mein Name steht darauf. Wie eine Verurteilung.
Gabriel De Rohan 37 Jahre null Chance, ein Kind zu zeugen.Ich habe nichts gesagt, kein Wort, keinen Schrei. Ich hatte nur Schmerzen, denn ich werde niemals Kinder haben können, niemals!
Ich dachte an Camille.
An die Box in meiner Schublade, die aus rostigem Metall. Mit unseren Fotos, unseren Echos von früher. Camille mit ihrem Lächeln, das selbst standhielt, als alles zusammenbrach.
— Wir schaffen das, Sam. Ich spüre es. Ich will es mit dir.
Wir haben daran geglaubt. Lange. Zu lange.
Und dann eines Tages sagte sie:— Ich mache dir keinen Vorwurf. Aber ich kann nicht weiter zusammenbrechen neben dir.
Und sie ist gegangen.
Ich habe sie gehen lassen. Weil sie Besseres verdient hat als einen leeren Mann.
Weil sie eine Zukunft verdient hat.Und ich habe ohne Kinder weitergemacht. Ohne Pläne, ohne sie.
Aber heute Abend, auf diesem Dach… Clara.
Dieses seltsame Mädchen. Schön auf ihre Weise. Still wie ich.
Ihre Beine im Nichts. Ihr Blick woanders. Sie sah verloren aus, aber… lebendig.Als ich sie fragte:
— Darf ich mich setzen?
Hat sie nicht geantwortet. Nur den Kopf genickt.
Das war genug. Wir waren zu zweit, dem gleichen Abgrund gegenüber.Ich sagte zu ihr, ohne wirklich nachzudenken:
— Verdammt, diese Welt. Wir geben alles, und am Ende finden wir uns hier wieder, wollen springen… oder einfach atmen.
Und sie fragte leise:
— Fliehen Sie auch vor etwas?
Ich kicherte. Ein hohler Klang. Fast ein Stöhnen.
— Vor meinem eigenen Körper. Vor meiner Ohnmacht. Das Urteil ist heute Nachmittag gefallen. Ich werde niemals Vater sein.
Sie senkte die Augen. Auf ihren Bauch.
Und dann, leise, fast unhörbar:
— Es tut mir leid für Sie.
Sie sah mich nicht an. Aber ich spürte ihre Angst. Ihr schweres Schweigen.
Ich insistierte nicht. Es war nicht der Moment. Weder der Ort. Aber ich nahm wahr… einen Riss. Eine Wahrheit, die entglitt. Etwas Unbegreifliches.Sie verfolgte mich, sobald ich das Dach verlassen hatte.
Ich drehe mich in meiner Wohnung im Kreis.
Ich fahre mir durch die Haare. Ich öffne das Fenster. Ich schließe es wieder. Ich schlage gegen die Wand. Ich ersticke.Ich bin steril.
Ich bin steril. Ich bin steril.Und doch…
Etwas in ihr vibrierte. Eine wahnsinnige Wahrheit. Eine Angst, die man erahnen kann. Clara. Sie ist jünger als ich. Aber in ihren Augen… war es ein gesamtes Schiffsunglück.Ich lehne mich gegen die Tür.
Meine Hände zittern.Warum denke ich daran zurück? Warum hat sie, eine Unbekannte, mich angesehen, als wäre ich noch jemand? Als ob ich, trotz des in meinen Adern geschriebenen Scheiterns, etwas wert wäre?
Ich murmele in die Dunkelheit:
— Das ist nicht möglich…
Aber mein Herz schlägt laut.
Und dieser Gedanke kommt zurück, stechend, delirierend.Sie hat gesagt, dass es ihr leid tut.
Aber sie schien ein noch größeres Geheimnis zu tragen.Nein, das ist absurd.
Ich, der nichts mehr geben kann?
Ich lache mit einem bitteren Lachen, denn ich verliere den Boden unter den Füßen! Ich wollte immer Vater sein, eine jüngere Version von mir, die vor mir herläuft und mich PAPA ruft!
Und dieses junge Mädchen fasziniert mich, ich will wissen, verstehen.
Sie wiederzusehen, nur dass ich verheiratet bin und meine Frau zu Hause auf mich wartet.
GabrielDie Bürotür schließt sich mit einem dumpfen Klacken, und die Außenwelt ist abrupt abgeschnitten. Die Stille hier ist dicht, erdrückend, so anders als das Tumult, das ich hinter den Trennwänden vermute. Ich stehe mitten im Raum, die Schultern angespannt, und warte.Ich höre sie kommen. Ihre Schritte sind leicht, unsicher, auf dem Parkett. Sie tritt ein und schließt die Tür lautlos. Ich drehe mich nicht sofort um. Ich höre ihren etwas kurzen Atem, ich spüre das Gewicht ihres Blicks in meinem Rücken.Ich drehe mich um.Sie ist da, an die Tür gelehnt, als brauche sie Halt, blass, die Augen riesig. Die professionelle Maske ist gefallen. Geblieben ist nur Élise, nackt, vibrierend, noch erschüttert von dem Erdbeben, das ich gerade ausgelöst habe.»Hast du ihre Gesichter gesehen?«, sagt sie mit einer Stimme, die nur ein Hauch ist.&
ÉliseDer Tag dehnt sich, langsam und erschöpfend. Jede Minute ist eine Qual aus Warten und Falschheit. Ich bringe den Kaffee, sortiere Dokumente, antworte am Telefon mit einer Stimme, von der ich hoffe, dass sie neutral ist, die mir aber seltsam schrill, zerbrechlich vorkommt. Die Blicke folgen mir, beharrlich. Unausgesprochene Fragen schweben in der Luft, kleben an meiner Kleidung, an meiner Haut.Gabriel seinerseits ist von eisiger Effizienz. Er reiht Besprechungen an Besprechungen, Anrufe an Anrufe, ohne jemals die geringste Emotion durchblicken zu lassen. Manchmal kreuzen sich unsere Blicke durch die Glaswand seines Büros. Ein Funke, schnell, brennend, dann wendet er den Blick ab, wird wieder der Chef, der Mann aus Stein.Es ist gegen 16 Uhr, als er die Gegensprechanlage betätigt. Seine neutrale Stimme hallt in meinem kleinen Raum wider.»Élise, versammeln Sie bitte das gesamte Personal um 16:30 Uhr im
ÉliseDas Auto parkt auf dem knirschenden Kies vor der imposanten Glas- und Stahlfassade der Zentrale. Mein Herz, für einen Moment beruhigt von der Stille des Landes, beginnt wieder gegen meine Rippen zu hämmern, ein aufgescheuchter Vogel in der Falle. Es ist so weit. Das Theater. Die Bühne, auf der wir unsere Rollen spielen müssen, ein letztes Mal vielleicht.Gabriel stellt den Motor ab. Die Stille, die eintritt, ist von anderer Natur als die im Haus. Sie ist schwer von nicht getanen Blicken, nicht ausgesprochenen Fragen. Er wendet sich mir zu. Sein Gesicht hat sich verändert. Die Zärtlichkeit, die Verletzlichkeit von heute Morgen sind verschwunden, ersetzt durch eine Maske ruhiger Autorität. Der Chef. Mein Geliebter ist hinter den Zügen meines Arbeitgebers verschwunden.»Bereit?«, fragt er, seine Stimme ist neutral, professionell.Ich nicke, meine Tasche wie einen Rettungsring an m
ÉliseEin Schauer durchläuft mich, anders als alle anderen. Dieser besteht nicht aus Angst oder Kälte, sondern aus einem brennenden, flüssigen Zustrom, der scheinbar tief in meinen Eingeweiden entspringt und sich unter seinem Blick auf der Oberfläche meiner Haut ausbreitet. Seine Worte hallen in der gedämpften Stille des Badezimmers wider und fegen meine Ängste, meine Scham auf einen Schlag hinweg. »Ich will dich verschlingen.« Der Satz ist roh, wild. Er lässt keinen Raum für Zweifel oder Zurückhaltung. Es ist ein als Wahrheit ausgesprochenes Verlangen, ein angekündigtes Festmahl.Ich senke den Blick, aber ich spüre, wie die Hitze in meine Wangen steigt, eine scharlachrote Zurschaustellung meiner Verwirrung. Ich werde rot. Wie ein junges Mädchen. Wie eine verzückte Ehefrau. Der Kontrast ist heftig zur Melancholie der Minuten zuvor. Gabriel sieht mein Erröten, und ein
ÉliseIch fahre zusammen, als die Klinke sich bewegt. Die Tür, von der ich dachte, sie sei geschlossen – ich hatte sie doch zugedrückt, ich hatte sie Widerstand leisten spüren –, gibt lautlos nach. Gabriel steht im Rahmen. Er lächelt nicht. Sein Blick gleitet über mein Gesicht, meine zitternden Schultern, meine Hände, die sich sofort über meinem Bauch verschränkt haben, wie ein Schild.»Ich habe dich überall gesucht«, sagt er, seine Stimme tiefer als eben, durchzogen von einer Besorgnis, die nicht nur eine Feststellung ist.Er macht einen Schritt. Das Badezimmer ist plötzlich winzig. Die Luft wird dünner, beladen mit all dem, was wir heute Morgen nicht gesagt haben. Die Stille des Hauses ist auch da, mit ihm hereingekommen, eine dritte Person, die zusieht.»Die Tür …«, stammle ich.»Sie schließt nicht. Ich hatte keine Zeit, es z
ÉliseDas erste Erwachen im Haus ist ein Schock. Die Stille. Es ist nicht die gedämpfte Stille der Wohnung in der Stadt, die stets von Straßengeräuschen, fernen Sirenen und Nachbarn durchzogen ist. Es ist eine schwere, tiefe, fast greifbare Stille. Eine Stille des Landes, die den Schluck zu verschlucken, zu ersticken scheint. Sie umhüllt das Haus, dringt durch die Ritzen der alten Fenster und lässt sich nieder wie ein weiterer Bewohner.Ich stehe auf, der Körper ist steif, der Magen verkrampft. Das kalte Parkett unter meinen nackten Füßen lässt mich frösteln. Gabriel schläft noch, erschöpft von den Ereignissen des Vortages. Ich betrachte ihn einen Augenblick, sein friedliches Gesicht im Schlaf, und eine Welle so heftiger Liebe überflutet mich, dass mir der Atem stockt. Dann kehrt die Angst zurück, unmittelbar, im Bunde mit dieser Stille.Ich gehe die knarrende Holztreppe hinunter, jede Stufe ein Schrei in der Stille des Morgens. Der große Wohnraum ist gewaltig, leer, getaucht in das f
GabrielDas Frühstück ist eine Übung in Hochseilakrobatik. Jede Geste ist kalkuliert, jedes Schweigen lastet wie ein Grabstein. Ich spüre Sophies Blick auf mir, einen heimlichen Scanner, während ich so tue, als würde ich die Nachrichten auf meinem Telefon lesen. Die Worte tanzen vor meinen Augen, s
Gabriel„Ich bleibe.“Die Worte sind meinem Mund entfahren, ein Bekenntnis, schwer wie Blei. Ich habe sie für sie ausgesprochen, für das Kind, für diese gemeinsame Angst, die uns nun sicherer aneinanderkettet als jeder Schwur.Aber als die Spannung nachlässt, der erste Schock sich verflüchtigt, hol
ÉliseIch habe nicht einmal Zeit, meinen Mantel abzulegen. Kaum ist die Haustür zugefallen, da durchschneidet eine Stimme die Luft, trocken wie ein Peitschenhieb.»Wo warst du, Élise?«, fragt meine Mutter und mustert mich mit ihrem Blick.Sie steht da, im Türrahmen des Flurs, die Hände verkrampft u
ÉliseDie Taxitür schlägt hinter mir zu. Das Geräusch hallt in der engen Straße nach wie ein Hammerschlag. Kaum habe ich einen Fuß auf den Bürgersteig gesetzt, begreife ich: Etwas hat sich verändert.Die Luft ist dieselbe, sc







