LOGINÉliseDer Flur ist ein Tunnel aus Blicken. Meine Schritte klingen falsch auf den Fliesen, jeder Aufprall ein Glassplitter in der plötzlichen Stille. Das Lachen ist abrupt verstummt, ersetzt durch ein tiefes Summen, ein Gemurmel von Fliegen vor dem Gewitter. Ich starre auf einen Punkt geradeaus, die Toilettentür, meinen einzigen möglichen Horizont. Ein mechanisches Lächeln trennt meine Lippen, ein Reflex der Kobra angesichts der Gefahr. Ihre Gesichter im Gegenzug sind glatte Masken, aber ihre Augen verschlingen jedes Stück meiner Haut, spüren den Riss auf, die Spur. Ich gehe vorbei. Ich spüre, wie ihre Pupillen mir folgen, schwer, an meinem Rücken haftend.Die schwere Toilettentür gibt nach, der kühle, geflieste Raum saugt mich auf. Ich schließe mich in einer Kabine ein, schiebe den Riegel mit einer trockenen Bewegung zu. Die relative Dunkelheit. Das weiße Summen des Ventilators. Und endl
ÉliseDer Vormittag dehnt sich in seltsamer Langsamkeit.Die Minuten hängen aneinander, schwer und zögernd.Die Gesichter um mich herum scheinen verschwommen, wie in einem Traum, aus dem ich nicht erwachen kann.Jedes Mal, wenn er durch den Flur geht, spüre ich, wie mein Körper sich anspannt.Selbst ohne hinzusehen, weiß ich es.Ich erkenne die Art, wie sein Schatten über die Scheiben gleitet, den Rhythmus seiner Schritte, dieses leichte Rascheln des Stoffes, wenn er sich wendet.Die Gerüchte hingegen sind in vollem Gange.Geflüster, halb ersticktes Lachen.Man spricht leise, aber nicht leise genug.Ein flüsternd ausgesprochener Name, ein schnell abgebrochenes Lachen, ein unvollendeter Satz.All das webt ein Netz um mich.Ich halte den Kopf gesenkt, konzentriere mich auf Zahlen, die keinen Sinn mehr ergeben.Aber im Inneren brennt noch alles.Die Nacht, das Meer, der Wind – alles ist zurückgekehrt.Mittags, als die anderen sich anschicken, hinauszugehen, erscheint eine Nachricht auf m
ÉliseAm nächsten Tag wirkt das Büro kälter als sonst.Keine wirkliche Kälte, nicht die, die man auf der Haut spürt, sondern die, die von innen kommt.Als ob der gestrige Tag eine unsichtbare Schicht auf mir zurückgelassen hätte, einen Schleier aus Salz und Schweigen.Vielleicht bin ich es, die sich verändert hat.Oder vielleicht das Licht.Dieses weiße, erbarmungslose Licht, das über die Scheiben gleitet und überall eindringt.Es wärmt nichts. Es entblößt.Ich durchquere den Flur schweigend.Jeder Schritt hallt ein wenig zu laut wider.Die Gespräche verstummen zur Hälfte, das Lachen erstirbt.Oder vielleicht bilde ich es mir ein.Vielleicht kommt alles von mir.Ich lächle, grüße, setze mich.Aber mein Körper gehorcht mir nicht mehr.Meine Bewegungen sind automatisch, hohl, als spielte ich noch immer jemand anderen.Die Tastatur klackert unter meinen Fingern, ohne dass ich die Worte wirklich sehe.Als er eintritt, muss ich nicht aufsehen.Ich spüre ihn.Ein Schauer durchzieht die Luft
ÉliseDas Essen verlief in gedämpfter Ruhe.Meine Mutter sprach in kleinen Sätzen, wie um die Stille zu füllen.Meine Großmutter dagegen beobachtete, aufmerksam, als läse sie in mir, was ich nicht auszusprechen wagte.Ich stocherte auf meinem Teller herum, ohne wirklich zu essen. Der Geschmack wollte nicht mehr kommen.Die Worte auch nicht.Als ich aufstehe, um den Tisch abzuräumen, ertönt ein trockenes Geräusch: drei Schläge an der Tür.Meine Mutter fährt zusammen.»Zu dieser Stunde?«, murmelt sie.Ich gehe öffnen.Und bleibe wie erstarrt stehen.Dort, auf dem Treppenabsatz, im fahlen Licht des Flurs, steht mein Chef.Sein dunkler Mantel ist feucht, seine Augen glänzen vor einer Anspannung, die ich nie zuvor bei ihm gesehen habe.»Guten Abend, Élise. Entschuldige, dass ich so spät komme …«Seine Stimme ist leise, beherrscht.Ich stammle:»Ist alles in Ordnung?«»Ich möchte mit dir sprechen. Unter vier Augen, wenn möglich.«Hinter mir tritt meine Mutter näher, verunsichert.»Das ist d
ÉliseAm nächsten Tag wissen es alle.Oder tun so, als wüssten sie es nicht.Was auf dasselbe hinausläuft.Die Gesichter haben einen anderen Schimmer bekommen.Ein Nichts.Ein Schatten im Blick, ein zurückgehaltenes Lächeln, ein zu langes Schweigen.Ich spüre es, sobald ich eintrete.Die Morgen-Geräusche – die Tastaturen, das Lachen, die Begrüßungen – scheinen sich auf dieselbe falsche Note eingespielt zu haben.Alles klingt hohl.Alles klingt gegen mich.Ich stelle meine Tasche ab, schalte meinen Computer ein.Die Bewegungen sind mechanisch, aber meine Hände zittern leicht.Der Kaffee neben mir wird kalt, vergessen.Am Automaten tuscheln zwei Kolleginnen.Ich gehe hinzu: sie verstummen sofort.Einen Augenblick des Innehaltens.Dann ein Lächeln, zu schnell, zu höflich.»Du siehst müde aus, Élise. Alles in Ordnung?«»Ja, danke.«Ihre Stimmen setzen wieder ein, als ich mich umdrehe.Ein unterdrücktes Lachen.Ein Wort, das ich nicht verstehe – oder das ich nicht verstehen will.Ich atme
ÉliseDer Kaffee schmeckt nach Asche.Aber ich trinke ihn trotzdem.Nur um zu spüren, dass etwas hinuntergeht.Meine Mutter spricht leise mit meiner Großmutter. Ich verstehe die Worte nicht.Ich weiß nur, dass es wieder um »Beweise« geht, um »Wahrheit«, um das, was man »zeigen« oder »verschweigen« soll.Ich höre nicht mehr zu.Ich zwinge mich zu essen. Einen Bissen. Zwei.Das Brot ist trocken, die Marmelade zu süß.Ich kaue langsam, als könnte das den Augenblick hinauszögern, in dem ich hinausmuss.Mich dem Draußen stellen.Den Blicken.Der Arbeit.Ich wasche mich, ziehe mich an, kämmte meine Haare, so gut es geht.Der Spiegel zeigt mir noch immer dieses müde Gesicht, aber ich entdecke einen winzigen Hauch von Willenskraft darin.Ich atme tief durch.Und gehe hinaus.---Der Weg ins Büro verläuft in einem Nebel aus Bildern: die verschwommenen Passanten, der Lärm der Autos, das Summen der Welt.Ich gehe schnell.Je näher ich dem Gebäude komme, desto mehr zieht sich meine Brust zusammen







