ANMELDENGabriel
Das Haus ist leer.
Eine Stille wie in einer Kathedrale nach der Schlacht. Ich gehe über die Fliesen des Eingangs, das Geräusch meiner Schritte hallt zu laut wider, eine Beleidigung für diese totenstille Ruhe. Ich fahre mit der Hand über die Kommode, der Staub liegt schon. Sie ist weg. Sie hat alles mitgenommen. Die Fotos, die kleinen albernen Nippes, die sie sammelte, die Energie des Ortes selbst.Ich gehe nach oben. Die Schlafzimme
ÉliseDas Auto parkt auf dem knirschenden Kies vor der imposanten Glas- und Stahlfassade der Zentrale. Mein Herz, für einen Moment beruhigt von der Stille des Landes, beginnt wieder gegen meine Rippen zu hämmern, ein aufgescheuchter Vogel in der Falle. Es ist so weit. Das Theater. Die Bühne, auf der wir unsere Rollen spielen müssen, ein letztes Mal vielleicht.Gabriel stellt den Motor ab. Die Stille, die eintritt, ist von anderer Natur als die im Haus. Sie ist schwer von nicht getanen Blicken, nicht ausgesprochenen Fragen. Er wendet sich mir zu. Sein Gesicht hat sich verändert. Die Zärtlichkeit, die Verletzlichkeit von heute Morgen sind verschwunden, ersetzt durch eine Maske ruhiger Autorität. Der Chef. Mein Geliebter ist hinter den Zügen meines Arbeitgebers verschwunden.»Bereit?«, fragt er, seine Stimme ist neutral, professionell.Ich nicke, meine Tasche wie einen Rettungsring an m
ÉliseEin Schauer durchläuft mich, anders als alle anderen. Dieser besteht nicht aus Angst oder Kälte, sondern aus einem brennenden, flüssigen Zustrom, der scheinbar tief in meinen Eingeweiden entspringt und sich unter seinem Blick auf der Oberfläche meiner Haut ausbreitet. Seine Worte hallen in der gedämpften Stille des Badezimmers wider und fegen meine Ängste, meine Scham auf einen Schlag hinweg. »Ich will dich verschlingen.« Der Satz ist roh, wild. Er lässt keinen Raum für Zweifel oder Zurückhaltung. Es ist ein als Wahrheit ausgesprochenes Verlangen, ein angekündigtes Festmahl.Ich senke den Blick, aber ich spüre, wie die Hitze in meine Wangen steigt, eine scharlachrote Zurschaustellung meiner Verwirrung. Ich werde rot. Wie ein junges Mädchen. Wie eine verzückte Ehefrau. Der Kontrast ist heftig zur Melancholie der Minuten zuvor. Gabriel sieht mein Erröten, und ein
ÉliseIch fahre zusammen, als die Klinke sich bewegt. Die Tür, von der ich dachte, sie sei geschlossen – ich hatte sie doch zugedrückt, ich hatte sie Widerstand leisten spüren –, gibt lautlos nach. Gabriel steht im Rahmen. Er lächelt nicht. Sein Blick gleitet über mein Gesicht, meine zitternden Schultern, meine Hände, die sich sofort über meinem Bauch verschränkt haben, wie ein Schild.»Ich habe dich überall gesucht«, sagt er, seine Stimme tiefer als eben, durchzogen von einer Besorgnis, die nicht nur eine Feststellung ist.Er macht einen Schritt. Das Badezimmer ist plötzlich winzig. Die Luft wird dünner, beladen mit all dem, was wir heute Morgen nicht gesagt haben. Die Stille des Hauses ist auch da, mit ihm hereingekommen, eine dritte Person, die zusieht.»Die Tür …«, stammle ich.»Sie schließt nicht. Ich hatte keine Zeit, es z
ÉliseDas erste Erwachen im Haus ist ein Schock. Die Stille. Es ist nicht die gedämpfte Stille der Wohnung in der Stadt, die stets von Straßengeräuschen, fernen Sirenen und Nachbarn durchzogen ist. Es ist eine schwere, tiefe, fast greifbare Stille. Eine Stille des Landes, die den Schluck zu verschlucken, zu ersticken scheint. Sie umhüllt das Haus, dringt durch die Ritzen der alten Fenster und lässt sich nieder wie ein weiterer Bewohner.Ich stehe auf, der Körper ist steif, der Magen verkrampft. Das kalte Parkett unter meinen nackten Füßen lässt mich frösteln. Gabriel schläft noch, erschöpft von den Ereignissen des Vortages. Ich betrachte ihn einen Augenblick, sein friedliches Gesicht im Schlaf, und eine Welle so heftiger Liebe überflutet mich, dass mir der Atem stockt. Dann kehrt die Angst zurück, unmittelbar, im Bunde mit dieser Stille.Ich gehe die knarrende Holztreppe hinunter, jede Stufe ein Schrei in der Stille des Morgens. Der große Wohnraum ist gewaltig, leer, getaucht in das f
GabrielDas Haus ist gefunden. Ein alter Bauernhof am Rande eines Dorfes, umgeben von Feldern. Er braucht Renovierung, aber seine Steinmauern sind solide, und der Dachstuhl ist gerade. Als ich das Tor zum ersten Mal durchschreite, überkommt mich ein seltsames Gefühl. Es ist noch kein Zuhause, aber es ist nicht mehr nur ein Projekt. Es ist ein Ort. Unser Ort.Der Notar hat den endgültigen Unterschriftstermin festgelegt. In fünfzehn Tagen.Heute Abend, in der Wohnung, ist die Aufregung einer spürbaren Nervosität gewichen. Die Kartons türmen sich in einer Ecke des Wohnzimmers, gähnend leere Kisten, die darauf warten, mit unserem Leben gefüllt zu werden. Élise vermeidet es, sie anzusehen, als wären sie Särge.»Wir werden niemals rechtzeitig fertig sein«, murmelt sie und schaut aus dem Fenster auf die städtische Landschaft, die ihr ganzes Leben lang die ihre war.»Doch. Werden wir.«Ich trete näher, lege meine Hände auf ihre Schultern. Ihr Körper ist angespannt, ein Bogen, der zu brechen d
GabrielDie folgende Woche ist ein Wirbelwind. Die Pläne für das Haus, die Formalitäten, die ersten Kontakte mit den Banken. Jede Unterschrift unter einem Dokument ist ein Bekenntnis, ein Stein, der auf die Ruinen meines alten Lebens gesetzt wird. Ich verbringe meine Tage am Telefon, bei Terminen, beim Zusammenstellen von Unterlagen. Die Firma läuft, aber meine Gedanken sind woanders. Sie sind in dieser Zukunft, die ich Strich für Strich auf Bauplänen entwerfe.Élise scheint wieder aufzuleben, je konkreter das Projekt wird. Die Angst in ihren Augen weicht, ersetzt durch einen Schimmer scheuer Aufregung. Sie verbringt Stunden an ihrem Computer, sucht nach Inspirationen für die Dekoration, die Farben, die Gartengestaltung. Sie vermeidet es, über ihre Familie zu sprechen. Ich spüre, dass das eine noch offene Wunde ist, ein Schmerz, den sie lieber ignoriert, um sich auf das Licht vor uns zu konzentrieren.Heute Abend sitzen wir im kleinen Wohnzimmer, Stoff- und Farbmuster verstreut zwisch
GabrielMeine Finger pressen erneut auf die Klingel, zu fest, zu lange. Das Summen hallt im engen Treppenhaus wider, ein aggressiver Ton, der den Sturm in mir verrät.Ich stehe vor ihrer Tür.Élise.Der Name auf dem Formular. Die Adresse auf
GabrielDie Glastüren der Arztpraxis öffnen sich mit einem Hauch zu kalter Klimaanlagenluft. Der Geruch von Antiseptikum und Angst steigt mir in die Kehle.Eine Empfangsdame mit Plastiklächeln sieht zu mir auf.»Mein Herr, haben Sie einen Term
ÉliseDer Flur ist ein Tunnel aus Blicken. Meine Schritte klingen falsch auf den Fliesen, jeder Aufprall ein Glassplitter in der plötzlichen Stille. Das Lachen ist abrupt verstummt, ersetzt durch ein tiefes Summen, ein Gemurmel von Fliegen vor dem Gewitter. Ich st
ÉliseDer Vormittag dehnt sich in seltsamer Langsamkeit.Die Minuten hängen aneinander, schwer und zögernd.Die Gesichter um mich herum scheinen verschwommen, wie in einem Traum, aus dem ich nicht erwachen kann.Jedes Mal, wenn er durch den Flur geht, spüre ich, wie mein Körper sich anspannt.Selbs







