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Kapitel 5: Die Ankunft

Author: RoguePumpkin
last update publish date: 2026-04-10 14:27:48

CANDICE

Der Bus hatte Verspätung.

Ich stand an der Ecke von Maple und Seventh, die Hände tief in die Taschen meines abgetragenen grauen Mantels geschoben, und beobachtete, wie die Minuten auf meinem Handybildschirm verstrichen. Es war 7:42 Uhr, obwohl meine Schicht bereits um 7:30 begonnen hatte. Mrs. Patterson, die Leiterin der Gebäudeverwaltung, hatte mich letzte Woche gewarnt, dass eine weitere Verspätung eine offizielle Abmahnung bedeuten würde. Drei Abmahnungen bedeuteten Kündigung, Kündigung bedeutete kein Einkommen, und kein Einkommen bedeutete, dass Ian und ich wieder im Obdachlosenasyl in der Clover Street schlafen würden, dem mit den dünnen Matratzen und dem Geruch von Bleichmittel und Verzweiflung, der nie ganz aus den Kleidern verschwand.

Als Ian geboren wurde, hatte ich mir geschworen, dass er niemals eine Nacht an so einem Ort verbringen würde. Bis jetzt hatte er es nicht gemusst, aber der Abstand zwischen unserer kleinen Wohnung und der Katastrophe war so schmal, dass man eine Zeitung hindurchlesen konnte. Jeder Gehaltsscheck war eine sorgfältige Rechnung aus Miete, Lebensmitteln und dem Busgeld, das mich gerade im Stich ließ, und jede unerwartete Ausgabe wurde zur Krise. Letzten Monat hatte Ian neue Schuhe gebraucht, weil seine alten Löcher in den Sohlen hatten, und ich hatte zwei Wochen lang nur Reis und Bohnen aus der Dose gegessen, um sie ihm kaufen zu können.

Schließlich bog der Bus keuchend um die Ecke, seine Bremsen quietschten protestierend, und ich stieg zusammen mit einer Handvoll anderer erschöpfter Seelen ein. Der Fahrer sah mich nicht an; er sah nie jemanden an. Ich fand einen Platz hinten und lehnte meine Stirn gegen die kalte Scheibe, während die Stadt in Grau- und Brauntönen an mir vorbeizog. Northbridge war im Herbst nicht schön. Die Stadt war praktisch und anonym, genau das, was ich brauchte, um zu verschwinden.

Ian war an diesem Morgen schwierig gewesen, wenn auch nicht unartig, denn Ian war nie auf die Art unartig, wie andere Kinder es waren. Er hatte sich einfach geweigert, meine Hand loszulassen, als ich ihn im Kindergarten abgeben wollte. Seine kleinen Finger hatten sich mit überraschender Kraft um meine geschlungen, während seine whiskyfarbenen Augen mein Gesicht mit einer Intensität durchsucht hatten, die mir die Brust schmerzen ließ. Diese Augen. Jeden Morgen sah ich hinein und erkannte den Schatten eines Mannes, den ich seit vier Jahren zu vergessen versuchte.

„Mama, heute fühlt sich etwas falsch an“, hatte er geflüstert.

Ich war im Eingangsbereich des Kindergartens auf dem rissigen Linoleumboden in die Hocke gegangen und hatte ihm die dunklen Haare aus der Stirn gestrichen. Sein Haar war weich und fein und roch immer nach dem Babyshampoo, das ich im Großpack beim Discounter kaufte. Ich zwang mich zu einem Lächeln, das ich nicht fühlte, und hoffte, dass er die Angst dahinter nicht bemerkte.

„Es ist nichts falsch, mein Schatz. Mama muss nur zur Arbeit. Ich hole dich vor dem Abendessen ab, und dann machen wir Makkaroni mit Käse. Dein Lieblingsessen.“

Ian sah nicht überzeugt aus. Manchmal bekam er diesen Ausdruck, der ihn viel älter wirken ließ, als er mit seinen vier Jahren eigentlich war. Er erinnerte mich dann auf eine Weise an seinen Vater, die mir den Atem raubte und mich bis in meine Träume verfolgte. Es war der Ausdruck eines Menschen, der Dinge verstand, die er nicht verstehen sollte, und Dinge sah, die er nicht sehen sollte.

„Versprochen?“, hatte er gefragt.

„Versprochen.“

Zögernd hatte er meine Hand losgelassen, und Miss Elena hatte ihn mit einem mitfühlenden Lächeln in den Spielbereich geführt. Sie war eine gute Frau, rundlich, warmherzig und unendlich geduldig. Außerdem stellte sie keine Fragen darüber, warum eine alleinerziehende Mutter ohne Familie und Vergangenheit vor vier Jahren mit einem Baby und einem gehetzten Blick in Northbridge aufgetaucht war. Manche Menschen wussten einfach, wann man nicht nachbohren sollte.

Der Bus setzte mich um 8:03 Uhr drei Blocks vom Thorne Tower entfernt ab. Ich war dreiunddreißig Minuten zu spät, und Mrs. Patterson würde mich in Stücke reißen. Ich konnte mir bereits vorstellen, wie sich ihre strengen Augenbrauen zusammenzogen und ihre Lippen sich zu jener schmalen Linie des Missfallens pressten, die selbst die selbstbewusstesten Reinigungskräfte zum Verblassen brachte.

Ich eilte mit gesenktem Kopf den Bürgersteig entlang und hielt den Schlüssel für meinen Putzwagen fest in der Tasche. Der Thorne Tower ragte vor mir auf, ganz aus Glas, Stahl und kaltem Ehrgeiz. Seit elf Monaten arbeitete ich dort im Reinigungsteam. Der Job war unsichtbar und unerquicklich und zahlte gerade genug, um Ian zu ernähren und uns ein Dach über dem Kopf zu sichern. Ich leerte Mülleimer, saugte Teppiche und schrubbte Toiletten, während Manager in teuren Anzügen an mir vorbeigingen, als wäre ich Teil der Einrichtung. Es war genau die Art Arbeit, die ich brauchte, denn niemand bemerkte Reinigungskräfte, niemand erinnerte sich an ihre Gesichter, und niemand stellte Fragen darüber, woher sie kamen oder warum sie bei lauten Geräuschen zusammenzuckten.

Doch heute war etwas anders.

Als ich auf den Hauptplatz einbog, blieb ich abrupt stehen. Der Haupteingang des Thorne Towers wimmelte von Menschen. Männer in dunklen Anzügen mit Ohrstöpseln standen aufmerksam bei den Drehtüren und durchkämmten die Menge mit ihren Blicken, die von professioneller Paranoia geprägt waren. Frauen mit Klemmbrettern eilten mit angespannten Gesichtern hin und her, während ihre Absätze in einem nervösen Rhythmus über das Pflaster klackten. Über die Stufen war ein roter Teppich ausgerollt worden, wie man ihn sonst für Könige oder Berühmtheiten reservierte – oder für Menschen, die glaubten, beides zu sein. Das Morgenlicht fing das tiefe Rot ein und ließ es wie einen Strom aus Blut aussehen, der direkt ins Gebäude führte.

Ich entdeckte Keisha vom Reinigungsteam im dritten Stock neben einer Topfpflanze. Sie stand mit leicht geöffnetem Mund da. Keisha war groß, hatte ein herzliches Lachen und wusste alles über jeden. Wenn jemand wusste, was hier los war, dann sie.

„Was ist hier los?“, fragte ich und trat neben sie.

Keisha drehte sich mit großen Augen zu mir um. „Girl, wo warst du? Der CEO kommt. Der große Boss. Der Mann, dem dieses ganze Gebäude gehört und noch fünfzig andere. Mr. Thorne persönlich.“

Der Name traf mich wie ein Schlag.

Thorne. Miguel Thorne.

Ich hatte den Namen auf meinem Gehaltsscheck gesehen, auf dem Gebäudeverzeichnis und auf der kleinen Plakette neben dem Aufzug für die Führungsebene. Ich hatte mir angewöhnt, nicht darauf zu reagieren, und mir eingeredet, es sei ein Zufall. Thorne war schließlich kein seltener Name. Es gab bestimmt Hunderte von Thornes auf der Welt, die nichts mit dem Shadow Alpha zu tun hatten, der mir vor vier Jahren in einer Hütte meine Unschuld genommen hatte und mich seitdem in meinen Albträumen verfolgte.

Wahrscheinlich.

Vielleicht.

Die Lüge schmeckte bitter auf meiner Zunge, während meine Wölfin Sera sich unruhig in meiner Brust regte.

„Warum kommt er hierher?“, fragte ich so neutral wie möglich. „Ich dachte, er besucht nie die regionalen Niederlassungen.“

„Tut er auch nicht. Genau deshalb drehen hier alle durch.“ Keisha packte meinen Arm. „Übrigens sucht Mrs. Patterson nach dir. Sie ist nicht gut drauf. Geh besser rein und stempel ein, bevor sie dich hier stehen sieht.“

Ich nickte und schlich zum Seiteneingang, dessen Tür mit einem Ziegelstein offengehalten wurde. Drinnen herrschte Chaos. Angespannte, laute Stimmen hallten durch den Flur, jemand schrie wegen der Blumen, und jemand anderes weinte im Pausenraum. Das ganze Gebäude vibrierte wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen.

Ich fand meinen Putzwagen in seinem Schrank und zog meine Arbeitsweste an. Der Stoff war steif und roch nach Industriereiniger, einem Geruch, der nie ganz verschwand. Im kleinen Spiegel an der Schranktür betrachtete ich mich: dunkle Haare in einem strengen Zopf, ein blasses Gesicht mit Schatten unter den Augen und braune Augen, die einmal hoffnungsvoll gewesen waren und jetzt nur noch müde wirkten. Ich sah aus wie eine Reinigungskraft, wie jemand, den niemand bemerkte.

Perfekt.

Zehn Minuten später fand Mrs. Patterson mich, als ich im zweiten Stock Mülleimer leerte.

„Schon wieder zu spät, Candice.“

„Der Bus hatte Verspätung. Es tut mir leid.“

„Der Bus hat immer Verspätung. Der Bus ist keine gültige Ausrede. Der Bus unterschreibt nicht deinen Gehaltsscheck.“ Sie verschränkte die Arme. „Du bewegst dich auf sehr dünnem Eis. Verstanden?“

„Ja, Mrs. Patterson.“

„Gut. Hör jetzt genau zu, denn ich sage das nur einmal.“ Sie senkte die Stimme. „Mr. Thornes Besuch bedeutet, dass sich alle von ihrer besten Seite zeigen müssen. Das gesamte Personal muss sich in der Lobby aufstellen, wenn er ankommt.“

Mein Magen zog sich zusammen. „Aufstellen?“

„Du. Ich. Jeder. Wir stehen da, lächeln und klatschen, wenn er durch die Tür kommt. Danach gehen wir zurück an die Arbeit und tun so, als wäre nichts passiert.“

Ich nickte, obwohl mein Herz bereits raste.

Als die Durchsage kam, folgte ich den anderen in die Lobby, wo sich Reihen von Mitarbeitern zu einem Korridor formierten. Ich stellte mich ganz hinten hin, halb verborgen zwischen den anderen.

Dann kamen die schwarzen Wagen.

Miguel Thorne stieg aus.

Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Er war derselbe und doch anders, mächtig, gefährlich und unnahbar, und seine bloße Präsenz schien den gesamten Raum auszufüllen.

Mein Wolf raste in meiner Brust, während er näher kam und seinen Blick über die Menge gleiten ließ.

Dann blieb er stehen. Er hatte etwas gewittert.

Mich.

Panik schoss durch mich, doch bevor ich reagieren konnte, trat eine Frau hervor.

„Mr. Thorne.“

Rosalie.

Seine Aufmerksamkeit wandte sich von mir ab, und ich konnte endlich wieder atmen.

Er hatte mich nicht gesehen.

Noch nicht.

Ich drehte mich um, als mein Handy vibrierte.

„Candice … Ian sagt, jemand Gefährliches ist in deinem Gebäude. Er sagt, der Schattenmann hat dich gefunden.“

Mir wurde eiskalt.

Langsam sah ich zum Aufzug, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich die Türen öffneten und Miguel allein heraustrat. Sein Blick wanderte suchend durch die Lobby, bis er mich fand.

Dieses Mal gab es kein Entkommen. Er erkannte mich.

Ich drehte mich um und rannte.

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