Mag-log inVier Jahre später
MIGUEL Die Worte des Arztes hingen noch immer in der Luft wie Rauch von einem Feuer, das ich nicht sehen konnte. Ich stand am Fenster meines privaten Arbeitszimmers und blickte auf die Stadt Northbridge hinab, die sich unter mir wie eine Schaltplatte aus Licht und Beton ausbreitete. Das Glas war kalt unter meiner Handfläche, und ich ließ sie dort, ließ die Kälte in meine Knochen sickern, in der Hoffnung, sie würde die Taubheit erreichen, die sich hinter meinen Rippen festgesetzt hatte. Draußen folgte die Stadt ihrem abendlichen Rhythmus mit der mechanischen Gleichgültigkeit der Menschheit. Autos krochen durch die Straßen wie Blutzellen durch Adern, während Bürofenster gelb und weiß in der Dämmerung leuchteten. Irgendwo dort unten aßen Menschen mit ihren Familien zu Abend, lachten über Fernsehsendungen und lebten gewöhnliche Leben – ohne Gift, ohne Macht, ohne den langsamen Tod von allem, was sie aufgebaut hatten. Ich hatte nie ein gewöhnliches Leben geführt und wusste nicht, wie sich das anfühlte. „Du musst etwas sagen, Miguel.“ Die Stimme gehörte Henry, aber nicht dem Henry aus Stonecrest. Es war ein anderer Henry, mein Henry: Henry Marchetti, mein Stellvertreter, mein Problemlöser und der einzige Wolf, der es wagte, mit mir wie mit einem Gleichgestellten zu sprechen – und damit durchkam. Er stand neben dem Bücherregal, die Arme verschränkt und seine braunen Augen aufmerksam auf mich gerichtet. Ich drehte mich nicht um. „Was soll ich sagen?“ „Irgendetwas. Du hast gerade Nachrichten bekommen, die die meisten Alphas zerstören würden, und du stehst da, als würdest du entscheiden, was du zum Mittagessen bestellst.“ Sein Spiegelbild im Fenster zeigte sein Gesicht, die grauen Strähnen an den Schläfen und die Sorgenlinien um den Mund. Er war schon vor meiner Zeit als Shadow Alpha bei mir gewesen, damals, als ich nur ein Einzelgänger mit einem Talent für Gewalt und einer Rechnung mit der Welt gewesen war. Er kannte mich besser als jeder andere. Aber er kannte das Mädchen nicht. „Die Diagnose ist bestätigt“, sagte ich ruhig. „Die Heiler haben alle Tests durchgeführt. Mein Wolf ist stark. Mein Körper ist stark. Aber der Schaden durch die vergiftete Klinge vor zwölf Jahren hat sich ausgebreitet. Ich bin unfruchtbar. Unfähig, Nachkommen zu zeugen.“ Henry verzog das Gesicht. „Es gibt Behandlungen. Experimentelle. Die Hexen im Osten—“ „Ich werde nicht mit Hexen verhandeln.“ „Und was ist mit Rosalie?“ Der Name fiel schwer in den Raum. Meine Verlobte. Meine politische Lösung. Der Shadow Alpha brauchte Erben, und mein Imperium brauchte eine Zukunft. Rosalie war dafür vorgesehen gewesen – schön, aus guter Linie, aber oberflächlich. Ich hatte sie mit Verstand gewählt, nicht mit Herz. Mein Herz war seit vier Jahren verschwunden. „Sie darf es nicht erfahren“, sagte ich. „Sie wird es herausfinden.“ Ich drehte mich um, und seine Augen trafen meine. Er sah das Gold darunter, den Zorn und die Unruhe meines Wolfs Tenebris. „Ich weiß, wie Biologie funktioniert“, sagte ich kühl, während ich mich setzte. „Rosalie ist im Norden und trinkt Champagner. Sie ahnt nichts.“ „Während du hier die schlimmste Nachricht deines Lebens bekommst.“ „Sie ist, wie sie immer war.“ Henry verschränkte die Arme. „Du liebst sie nicht.“ „Liebe ist irrelevant.“ „Ist sie das?“ Ich ließ die Maske für einen Moment fallen und gab der Erschöpfung, der Leere und dem Echo einer Nacht vor vier Jahren Raum. „Ich habe nach jemandem gesucht“, sagte ich. Henry wurde sofort aufmerksam. „Nach wem?“ „Einer Frau. Einer Wölfin. Sie kam vor vier Jahren zu mir, an ihrem Geburtstag. Ihr Gefährte hatte sie zurückgewiesen. Sie war … zerbrochen.“ Ich hielt inne und erinnerte mich an ihren Blick, ihren Geschmack. „Ich gab ihr eine Nacht. Am Morgen war sie verschwunden.“ Henry schwieg einen Moment, bevor er fragte: „Und seitdem suchst du sie?“ „Ja.“ „Warum?“ Ich antwortete nicht sofort. „Mein Wolf hat sie erkannt“, sagte ich schließlich. „Nicht als Gefährtin. Als etwas anderes. Etwas Älteres. Er hat seitdem keine Ruhe.“ Henry atmete langsam aus. „Kennst du ihren Namen?“ „Nein.“ „Ihr Rudel?“ „Stonecrest.“ Henry rieb sich die Stirn. „Vier Jahre Suche nach einer namenlosen Omega?“ „Sie ist die Einzige, die mich je … menschlich fühlen ließ.“ Die Tür öffnete sich, und Derek, mein Assistent, trat ein. Er war bleich und nervös und hielt ein Tablet an die Brust gedrückt. „Alpha Thorne … ich habe einen Bericht.“ Ich stand zu schnell auf, sodass ein stechender Schmerz durch meinen Körper schoss, den ich jedoch ignorierte. „Sprich.“ „Wir haben ihre Spur verfolgt. Die Nacht in der Bar, die Hütte. Ein menschlicher Fahrer hat sie gefunden, barfuß und mit einem zerrissenen Kleid. Er brachte sie zu einer Tankstelle nahe Stonecrest.“ Mein Herz schlug schneller. „Und dann?“ „Sie rief jemanden an. Henry Vance, den Beta von Stonecrest.“ Henry Marchetti sagte nichts. „Sie blieb drei Wochen“, fuhr Derek fort. „Dann verschwand sie. Niemand suchte nach ihr.“ Ich trat näher. „Du hast mehr gefunden.“ Derek nickte und hob das Tablet. „Ein Foto.“ Das Bild zeigte eine Frau mit müden Augen und dunklem Haar, die ein Kind an der Hand hielt. Einen Jungen. Dunkles Haar. Ein sturer Kiefer. Und Augen … Whiskeyfarben. Mit Gold. Meine Augen. Mein Sohn. Alles verstummte, und der Schmerz verschwand. Die Diagnose wurde bedeutungslos, als ich meinen Erben vor mir sah. „Wo ist sie?“, fragte ich leise. „Northbridge. Sie arbeitet bei Thorne Enterprises. Ihr Name ist … Candice. Candice Morrow.“ Candice. Nach vier Jahren hatte ich einen Namen. Sie war unter meinem Dach gewesen, zusammen mit meinem Sohn. Ich starrte auf das Bild, bevor ich schließlich den Blick hob. „Bereitet den Jet vor.“ Henry trat vor. „Miguel – denk nach. Wenn du wie ein Sturm kommst, wird sie wieder fliehen.“ Ich sah ihn an und ließ ihn alles sehen: die vier Jahre, die Leere und die Hoffnung. „Dann werde ich vorsichtig sein“, sagte ich. „Aber ich werde meinen Sohn sehen.“ Der Bildschirm wurde schwarz. Irgendwo in Northbridge lebte Candice Morrow, ohne zu wissen, dass ich sie gefunden hatte, und ohne zu ahnen, dass sich alles ändern würde. Ich griff nach meinem Mantel und ging zum Aufzug. Die Jagd war vorbei.Die Umarmung war fest. Zu fest. Annabelle presste das Gesicht gegen Leos Brust und klammerte sich an ihn, als könnte sich der Boden jeden Moment auftun und sie verschlingen.„Bitte verlass mich nicht, Leo", flüsterte sie noch einmal, und ihre Stimme zitterte mit voller Absicht. „Mein Liebster. Mein König. Wenn du mich verlässt, sterbe ich."Leo stand eine lange Sekunde reglos da. Seine Hände ruhten auf ihren Schultern. Er spürte, wie ihr Herz schnell gegen ihn schlug. Er kannte die Wahrheit. Sie liebte ihn nicht. Nicht wirklich. Und er liebte sie auch nicht. Das wussten sie beide. Die Ehe war ein Handel. Ein guter. Gut für das Rudel. Gut für die Macht. Gut für den Namen Stone.Trotzdem legte er langsam die Arme um sie.„Ich gehe nicht", sagte er, die Stimme tief und rau. „Aber du treibst mich zu weit, Annabelle. Das tust du immer."Sie löste sich gerade so weit von ihm, dass sie zu ihm aufsehen konnte. Ihre Augen glänzten feucht
CANDICE„Mein Baby!", schrie ich und versuchte, aus dem Bett zu kommen. „Wo ist mein Baby?"Der Schmerz schoss durch meinen Körper, und ich fiel zurück in die Kissen. Mein Kopf pochte. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich kaum die Decke festhalten konnte.Einen furchtbaren Moment lang dachte ich, ich wäre noch immer in diesem Rogue-Gefängnis.Dann öffnete ich die Augen.Keine Eisenstangen. Keine schmutzigen Steinwände. Keine Rogues, die darauf warteten, mir wehzutun.Ich befand mich in einem wunderschönen Zimmer mit Seidenlaken, polierten Holzdielen und einem Kamin, in dem leise ein Feuer brannte. Sonnenlicht fiel durch die hohen Fenster. Jemand hatte mir meine schmutzigen Kleider ausgezogen und mir ein weiches Nachthemd angezogen.Aber nichts davon kümmerte mich.Mir ging es um Ian.Mein vierjähriger Sohn war irgendwo da draußen, allein, weil die Menschen, denen ich vertraut hatte, ihn mir
Der Metallgriff der Suitentür drehte sich. Miguels Finger lagen direkt auf dem Messing und schoben sie einen winzigen Spalt weit auf.Im Zimmer hörte Rosalie auf zu atmen. Ihr Herz hämmerte so heftig gegen die Rippen, dass sie sicher war, Miguel könne es durch das Holz hören. Alex zuckte nicht einmal. Er stand einfach da, mit diesem ruhigen, trägen Grinsen, und beobachtete den Spalt in der Tür, als wäre das alles völlig unwichtig.Bevor Miguel die Tür ganz aufziehen konnte, hallten schwere, hastige Schritte durch den Steinflur.„Alpha Miguel", rief Henrys Stimme, dringlich und scharf, als er um die Ecke joggte. „Herr, wir brauchen Euch sofort im Arbeitszimmer. Eine vorrangige Übertragung der Vollstrecker an der Ostgrenze ist eingetroffen, und sie erfordert Eure persönliche Genehmigung."Miguel erstarrte. Seine Hand blieb noch eine Sekunde länger auf der Türklinke, und sein dunkler Blick verweilte auf dem finsteren Spalt zu Rosalies Zimmer. Dann ließ er mit
Das Dienstmädchen stand wie erstarrt an der Tür, die Augen weit aufgerissen wie Untertassen. Ihr Kiefer hing herunter, während sie auf den großen Metallwagen starrte, dessen frische Handtücher gerade auf den Boden gestürzt waren.Auf dem großen Bett blieb Rosalie das Herz in der Brust stehen. Die Luft entwich auf einen Schlag aus ihren Lungen. Ihr eleganter smaragdgrüner Rock war hoch um ihre Taille geschoben, ihre nackten Beine waren mit Alex' schwerem Körper verschlungen, und seine Hände lagen direkt auf ihrer Haut. Das heiße Blut schoss ihr ins Gesicht und ließ ihre Wangen so stark brennen, dass sie glaubte, jeden Moment ohnmächtig zu werden.„Oh ... oh, es tut mir so leid!", quiekte das Dienstmädchen, die Stimme brüchig vor purer Angst. Sie wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Sofort senkte sie den Blick auf den Boden, ihre Hände zitterten so stark, dass sie sich kaum bewegen konnte. „Ich ... ich habe nur die zusätzliche Wäsche gebracht! Ich wusste nicht ...
Die Luft im Kellerbüro war bereits dick vor Panik, doch als Bianca Vancourt näher trat, wurde sie eiskalt und tödlich. Lawrenta stand eine Sekunde lang wie erstarrt da, und ihr Verstand versuchte, aufzuholen. Sie sah Bianca an, dann Henry, und anstatt klein beizugeben, wie es jeder Kluge getan hätte, stieg in ihrer Brust jene alte, hässliche Arroganz auf. Lawrenta war eine Frau, die ständig einen Groll mit sich herumtrug. Sie verbrachte jeden Tag wütend auf die Welt, wütend auf die reichen Leute, die auf sie herabsahen, und jetzt verwandelte sich ihre Angst geradewegs in reine, leichtsinnige Wut.Sie würde sich von dieser wohlhabenden Frau nicht einschüchtern lassen.„Ach, hören Sie auf mit dem dramatischen Theater, Mrs. Vancourt", höhnte Lawrenta, warf die Hände in die Luft und lachte laut und falsch. „Glauben Sie, Sie können hier hereinspazieren und mir drohen, als wäre ich ein verängstigtes kleines Mädchen? Sie haben die Falsche erwischt. Mir ist Ihr D
Die schweren Samtvorhänge im Ostkorridor verbargen das Geräusch flüsternder Stimmen und raschelnder Seide nur schlecht. Annabelle Stone schlich durch die Schatten des Anwesens Stonecrest wie eine Katze auf der Suche nach Ärger, und ihre nackten Füße machten auf dem polierten Hartholzboden kaum ein Geräusch. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, in einem scharfen, hässlichen Rausch. Sie suchte nicht ihren Ehemann. Sie suchte keine Rudelangelegenheiten. Sie schlich sich hinaus, um den jungen Wachmann zu finden, den sie um den Finger gewickelt hatte: einen breitschultrigen Burschen namens Ethan, der die Nachtschicht an den unteren Gartentoren versah.Sie fand ihn unter dem Steinbogen, die dunkle Uniform tadellos, die Hände schwer auf dem Gürtel mit dem Holster. Als er sie aus der Tür schlüpfen sah, hellte sich sein hübsches Gesicht nicht vor Freude auf. Stattdessen runzelte er die Stirn, und in seinen dunklen Augen blitzte eine Mischung aus Frust und verletztem Stolz.
Vier Jahre späterCANDICEDer Wecker schrillte um 5:47 Uhr, und ich brachte ihn mit einem Schlag zum Schweigen, noch bevor der zweite Ton erklingen konnte. Das Geräusch brach abrupt ab und hinterließ eine klingende Stille, die das kleine Schlafzimmer füllte wie Wasser ein Glas. Einen langen Moment
CANDICE Miguels Hand schloss sich um meine, und die Welt geriet aus den Fugen. Diese Berührung war nichts wie das kurze, distanzierte Antippen, das Leo mir Stunden zuvor in der Halle gegeben hatte. Das hier war Wärme und Gewicht und Absicht. Seine Handfläche war rau von Schwielen, die von Arbeit
CANDICE Der Bus hatte Verspätung.Ich stand an der Ecke von Maple und Seventh, die Hände tief in die Taschen meines abgetragenen grauen Mantels geschoben, und beobachtete, wie die Minuten auf meinem Handybildschirm verstrichen. 7:42 Uhr. Meine Schicht begann um 7:30. Mrs. Patterson, die Leiterin d
CANDICEEs war mein Geburtstag, und das gesamte Stonecrest-Rudel hatte sich in der großen Halle versammelt, um zu feiern. Lichterketten durchzogen die gewölbte Decke, ihr sanftes Leuchten spiegelte sich auf den polierten Holzböden, die nach Zitronenöl und Kiefer rochen. Wölfe in ihrer besten lässig






