LOGINKapitel 4
ELIJAH Ich stürmte aus Milas Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu. Meine Hände zitterten, und meine Brust fühlte sich an, als würde sie gleich explodieren. Jedes Mal, wenn ich sie zuließ, dass sie mich verletzte, sagte ich mir, dass es nicht wieder passieren würde. Aber hier stand ich nun in ihrem perfekten Flur und fühlte mich wie ein Idiot, weil ich sie liebte. Ich hatte ihr gesagt, dass ich sie liebte. Ich hatte mich ihr vollkommen geöffnet, sie jeden Schwachpunkt, jeden Riss sehen lassen, und nichts hatte sich verändert. Sie spielte mit mir. Das tat sie immer. Jedes Wort, jedes Lächeln, jede sorgfältig kalkulierte Geste. War es irgendeine Art Test? Oder schlimmer noch, ein Spiel, das sie genoss? Warum hatte sie mich hierhergebracht? Warum hatte sie mich im Dunkeln gelassen? Warum hatte sie zugelassen, dass ich direkt in ihre Falle lief? In meine Gedanken versunken, bemerkte ich ihn erst, als es zu spät war. Der Bedienstete kam die Treppe hinauf und trug eine Tasse Kaffee. Ich stieß heftig mit ihm zusammen, und er taumelte, während sein Griff sich lockerte. Die Tasse wackelte und fiel mit einem leichten Klirren zu Boden. „Oh mein Gott!“, rief der Mann, Panik deutlich in seiner Stimme. „Nein! Ich... Scheiße...“ Instinktiv packte ich den Mann und gab ihm Halt. „Hey, beruhige dich! Es ist okay, es ist okay. Atme einfach.“ Er zitterte wie Espenlaub. „Wenn dieser Kaffee... wenn er zu spät kommt... Andrade wird... er wird...“ Ich erstarrte. Andrade. Natürlich. Ich hatte ihn vorhin gesehen. Der Mann war wie Eis, mit Augen, die dich in zwei Hälften schneiden konnten, ohne auch nur einen Muskel zu bewegen. Und jetzt hatte dieser arme Kerl Todesangst. Ich versuchte, ihn zu beruhigen. „Schon gut, ich bringe ihn. Du musst dir keine Sorgen machen.“ Die Augen des Bediensteten weiteten sich. „Das kannst du nicht... er wird das nicht mögen. Er... er wird mich feuern!“ „Ich bringe ihn. Beruhige dich.“ Ich biss die Zähne zusammen. Ich würde ihn nicht allein die Schuld tragen lassen. Das war jetzt mein Fehler, meine Verantwortung. „Ich... ich glaube nicht...“ „Ich sagte, ich mache es“, unterbrach ich ihn. „Geh und hol einen neuen. Ich bringe ihn hin und entschuldige mich.“ Er zögerte, offensichtlich unsicher, aber ich ließ ihm keine Wahl. „Geh. Jetzt.“ Er nickte zitternd und wich zurück. Kurz darauf kam er mit einer neuen Tasse zurück. Der Flur zu Andrades Zimmer fühlte sich endlos an. Mein Herz hämmerte, jeder Schritt wurde schwerer als der vorherige. Ich konnte die Tür vor mir sehen, elegant, modern, einschüchternd. Andrades Zimmer. Ich umklammerte das Tablett fester, bis meine Knöchel weiß wurden. Der Bedienstete hatte es so wirken lassen, als wäre es eine Kleinigkeit, Kaffee zu bringen, aber ich wusste es besser. Ich hatte gesehen, wie Andrade Menschen ansah, wie er sie musterte. Der Mann duldete keine Fehler. Schließlich erreichte ich die Tür. Ich klopfte einmal und zögerte. Eine tiefe, kalte Stimme rief von drinnen: „Herein.“ Ich stieß die Tür auf und trat ein. Der Raum roch schwach nach Leder und Whiskey. Fenster vom Boden bis zur Decke boten einen Blick über die Stadt, während weit unten die Lichter funkelten. Ein eleganter schwarzer Schreibtisch stand an einer Wand, ordentlich mit Papieren und Akten bedeckt, die wahrscheinlich nicht für meine Augen bestimmt waren. In der Ecke schimmerte eine Minibar im sanften Licht. Andrade stand dort und schenkte Whiskey in ein Kristallglas ein. Sein schwarzes Haar war scharf geschnitten und ordentlich, der dreiteilige Anzug schmiegte sich perfekt an seinen muskulösen Körper. Seine Lippen bewegten sich nicht, aber seine Augen, diese schwarzen, berechnenden Augen, wanderten sofort zu mir. Kalt. Prüfend. Gefährlich. Ich erstarrte. Der Bedienstete war hinter mir hereingekommen und stammelte. „Sir, ich... Entschuldigung... Kaffee...“ „Ich habe dir doch gesagt“, sagte ich schnell und unterbrach ihn. „Es ist meine Schuld. Ich bin mit dir zusammengestoßen. Ich bringe ihn zu spät, und ich entschuldige mich.“ Andrades Augen lösten sich zunächst nicht von mir. Ich konnte spüren, wie sie sich in meine Brust bohrten. Die Luft war schwer, angespannt. Plötzlich fühlte ich mich klein, entblößt, als würde jeder Fehler, den ich jemals gemacht hatte, offen zur Schau stehen. Die Stimme des Bediensteten zitterte. „Ich... ich wollte nicht...“ Dann wanderten seine Augen zu dem Mann. „Du bist gefeuert“, sagte Andrade scharf, ohne ihn auch nur anzusehen. Dem Bediensteten klappte der Mund auf. „G-gefeuert? Aber ich...“ Andrades Augen schnitten wie Eis zu ihm. „Spar dir die Suche nach einem anderen Job. Du wirst in dieser Stadt nie wieder eingestellt werden. Geh.“ Der Mann schluckte schwer, nickte stumpf und ging lautlos hinaus. Ich schluckte und spürte plötzlich das Gewicht des Moments. Hier ging es nicht nur um Kaffee. Es ging um Macht, Kontrolle und Angst. Und ich stand mitten darin. „Sir...“, begann ich mit angespannter Stimme. „Es ist meine Schuld. Bitte tun Sie das nicht... er hat das nicht verdient. Es war vollständig meine Schuld.“ Andrade drehte langsam den Kopf zum ersten Mal zu mir. Die kalte, undurchschaubare Maske seines Gesichtsausdrucks richtete sich vollständig auf mich. Mein Magen verkrampfte sich. Mein Mund wurde trocken. Eine seltsame, ungewohnte Nervosität kribbelte über meine Haut. Ich wollte sprechen, aber meine Zunge fühlte sich wie festgeklebt an. „Du wirst von nun an meinen Kaffee machen“, befahl er. Ich blinzelte. „Ich... was?“ „Ab sofort.“ Sein Ton ließ keinen Raum für Widerspruch. Ich öffnete den Mund und versuchte zu protestieren. „Ich... ich bin kein Bediensteter. Ich...“ „Das ist mir egal. Du wirst es tun. Und jetzt geh.“ Er unterbrach mich mit einem Blick, der die Worte erstarren ließ. Ich schluckte schwer, während meine Gedanken rasten. Kaffee machen. Für Andrade De Valerio. Ab heute. Für ihn. Ich drehte mich um, um zu gehen, mein Herz hämmerte, und die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Meine Hände zitterten noch immer von dieser Begegnung. Ich konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Und ich wusste, nach der Art, wie er mich angesehen hatte, dass es nicht nur um Kaffee ging. Es ging um Kontrolle. Darum, mich daran zu erinnern, wer in diesem Haus die Macht besaß.Kapitel 80ANDRADEDie Uhr an der Wand tickte viel zu laut. Jedes Geräusch rieb an meinem Schädel wie Sandpapier.Ich hatte stundenlang hinter meinem Schreibtisch gesessen und einfach nur auf dieselbe verdammte Akte gestarrt, während ich so tat, als würde ich sie lesen.Meine Augen wanderten immer wieder zu meinem Handy, zu der Nachricht, die ich nicht beantwortet hatte.~ Wenn du nicht kommst, wirst du mich nie wiedersehen.Ich hatte sie hundertmal gelesen, vielleicht sogar öfter. Die Worte hatten sich durch mich gebrannt und etwas Rohes hinterlassen, das einfach nicht heilen wollte.Es war ein Monat her. Ein Monat, seit ich ihn aus diesem Albtraum zurückgebracht hatte. Ein Monat, seit ich ihn ins Safehouse gebracht, dafür gesorgt hatte, dass er alles hatte, was er brauchte, und dann wie ein Feigling weggegangen war.Er hatte an diesem Tag so zerbrechlich ausgesehen, still, blass, noch immer zitternd, als ich gegangen war. Ich sagte mir, dass ich es für sein eigenes Wohl tat. Dass ic
Kapitel 79ELIJAHIch kam mit meiner Tasche über der Schulter die Treppe hinunter. Meine Hände zitterten so stark, dass ich den Riemen kaum festhalten konnte.Mom weinte noch immer und flehte Dad an, mich aufzuhalten. Ihre Stimme zitterte und brach auf eine Weise, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte.„Isaac, bitte … er ist unser Sohn“, sagte sie und umklammerte seinen Arm. „Lass ihn nicht durch diese Tür gehen.“Aber Dad bewegte sich nicht. Er saß steif da, den Kiefer angespannt, die Augen auf den Boden gerichtet. Nicht einmal ein Blick in meine Richtung.Meine Kehle brannte, als ich die letzte Stufe erreichte. Ich konnte die Stille hören, während im Fernseher noch immer irgendein Morgenbericht lief, aber der Raum fühlte sich leer an.„Dad …“ Meine Stimme brach.„Geh“, sagte er, seine Stimme wie eine Tür, die zugeschlagen wurde.Mom schluchzte und wandte sich mir zu. „Elijah, bitte, geh einfach … geh nicht.“Ich schüttelte den Kopf und zwang die Worte an dem Kloß in meiner Kehle v
Kapitel 78ELIJAHDer Geruch von gebratenen Eiern und getoastetem Brot schlug mir entgegen, sobald ich die Treppe hinunterkam.Es war die Art von Geruch, die normalerweise Frieden bedeutete, Zuhause, Wärme, Stabilität. Die Art, die sagte: Du bist hier sicher.Zum ersten Mal seit Wochen dachte ich, dass ich vielleicht wieder atmen konnte. Das leise Stimmengewirr der Morgennachrichten drang aus dem Wohnzimmer, wo mein Vater saß und mit seiner tiefen Stimme gelegentlich über den Fernseher brummte.Ich konnte meine Mutter sehen, wie sie in ihrer Schwesternuniform geschäftig hin und her lief, ihr Haar ordentlich hochgebunden, während sie sich darauf konzentrierte, den Tisch zu decken.Sie bewegte sich im gleichen Rhythmus wie immer, als könnte nichts auf der Welt ihre Ruhe erschüttern.Ich blieb einen Moment dort stehen und beobachtete sie. Es fühlte sich beinahe so an, als hätte die Welt für mich angehalten, damit ich diesen Moment in mich aufnehmen konnte.Nach allem, was passiert war, d
Kapitel 77ELIJAHIch stand neben dem Wagen und starrte auf den Privatjet, der auf dem Rollfeld wartete.Die Luft war trocken und schwer, der Wind bewegte sich kaum. Ich konnte das leise Summen der Triebwerke hören, obwohl sie noch nicht gestartet worden waren.Meine Handflächen waren verschwitzt, aber ich war nicht nervös, nur leer. Diese Art von Leere, die alles um mich herum zu still, zu langsam wirken ließ, als würde ich mein Leben von außerhalb meines eigenen Körpers beobachten.Nora stand ein paar Meter hinter mir, die Arme verschränkt. Ihr Gesicht sah müde aus. Wir beide waren müde.Sie war in den letzten Wochen die einzige Konstante gewesen, und selbst jetzt sah sie aus, als wollte sie mich aufhalten, aber wusste, dass sie es nicht konnte.„Bist du dir sicher?“, fragte sie leise.Ihre Stimme klang beinahe gebrochen. Ich sah sie nicht an. Ich hielt meinen Blick einfach auf den Jet gerichtet.„Ja“, sagte ich nach einer langen Pause. „Ich denke, das ist das Nächstbeste, was ich t
Kapitel 76ELIJAHEs sind Wochen vergangen. Ich weiß nicht einmal mehr, wie viele.Die Sonne geht auf, geht unter und verblutet in einem weiteren Tag, der sich genauso anfühlt wie der davor.Die Wände dieses Zimmers sind zu sauber, zu still. Sie summen vor Stille und verspotten mich.Nora kommt wieder herein, zur gleichen Zeit, mit demselben Tablett und demselben sanften Gesichtsausdruck, als hätte sie Angst, ich könnte zerbrechen, wenn sie zu laut atmet.Sie stellt das Essen auf den Nachttisch, zusammen mit den Tabletten, die ich inzwischen hasse.„Eli“, sagt sie sanft, „du musst essen. Du kannst deine Medikamente nicht ständig auslassen.“Ich starre sie an und dann auf das Essen. Der Geruch macht mich krank. Ich schüttle den Kopf. „Ich habe keinen Hunger.“Sie seufzt. Es ist diese Art von Seufzen, die Menschen von sich geben, wenn ihnen die Worte ausgegangen sind, sie aber trotzdem noch etwas sagen müssen.„Das hast du gestern gesagt. Und vorgestern auch. Bitte... nur ein bisschen.“
Kapitel 75ELIJAHAls ich aufwachte, fühlte es sich nicht wie ein echtes Erwachen an.Mein Körper fuhr hoch, noch bevor mein Verstand hinterherkam, mein Atem ging scharf, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als wollte es aus meiner Brust heraus.Für einen Moment war alles nur ein verschwommenes Bild aus blassem Licht und Schatten an einer Decke, die ich nicht erkannte.Meine Augen bewegten sich hektisch und suchten überall nach etwas, während mich die Angst übermannte.Ich setzte mich viel zu schnell auf. Kalte, abgestandene Luft traf mein Gesicht. Meine Kehle war trocken, mein Kopf dröhnte.Da war ein Gewicht in meiner Brust, als hätte ich tagelang die Luft angehalten, ohne überhaupt zu wissen, warum.Wo zum Teufel war ich?Die Bettlaken waren weich, aber gleichzeitig rau, wie Hotelwäsche, die viel zu oft gewaschen worden war.Der Raum war mir fremd. Cremefarbene Wände, ein kleines Fenster, das halb von schweren Vorhängen verdeckt wurde, und irgendwo hinter mir das leise Summen ei






