LOGINKapitel 5
ELIJAH Ich ging in mein Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu. Ich konnte nicht aufhören, über alles nachzudenken, was passiert war. Mila, Andrade, Marisol. Der Kaffee. Die Drohungen. Wie war ich hier gelandet? Und was zum Teufel sollte ich als Nächstes tun? Das Zimmer war riesig. Viel zu groß. Das Bett, der Kleiderschrank voller Kleidung, alles schrie nach Geld, das ich in meinem ganzen Leben niemals besitzen würde. Ich ließ meine Tasche auf das Bett fallen und setzte mich hin. Meine Gedanken drehten sich weiter. Ich konnte nicht aufhören, den heutigen Tag in meinem Kopf abzuspielen. Milas Ruhe, Andrades Blick, die Art, wie er den Bediensteten ohne einen zweiten Gedanken gefeuert hatte. Und Mila... jedes Mal, wenn ich ihr mein Herz öffnete, spielte sie nur mit mir. Wie oft hatte ich zugelassen, dass sie mich verletzte? Ich hatte ihr sogar gesagt, dass ich sie liebte, und nichts hatte sich verändert. Und sie ließ mich nie vergessen, warum sie mich ständig betrog, wegen meines verdammt kleinen Schwanzes. Ich fuhr mir durch die Haare und ließ mich nach hinten sinken. Der Schlaf kam schnell, auch wenn er nichts reparierte. Am nächsten Morgen stand ich früh auf und nahm ein heißes Bad. Ich versuchte, mich normal zu fühlen. Ich putzte mir die Zähne, kämmte meine Haare. Ich machte sogar ein bisschen Dehnübungen. Aber ich spürte es, dieses Kribbeln, das Gefühl, dass jemand mich beobachtete. Ich schüttelte es ab. Wahrscheinlich Paranoia. Ich ging in Richtung Milas Zimmer. Ich vermisste sie. Ich war verdammt frustriert darüber, dass wir getrennte Zimmer hatten. Aber sie war nicht da. Ich ging den Flur hinunter, um zu frühstücken. Dann sah ich sie. Mila, Marisol, Andrade. Sie waren im Wohnzimmer und unterhielten sich. Ich blieb hinter einer Säule stehen. Marisols Stimme war ruhig und endgültig. „Die Hochzeit wird stattfinden. Das ist entschieden.“ Milas Kiefer verspannte sich. „Mutter, du kannst nicht einfach... Denk an uns. Denk an die Familie. Ehre Vaters Andenken.“ Andrade lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, sein Gesichtsausdruck undurchschaubar. Er bewegte sich nicht. Sagte nichts. „Sag etwas“, fuhr Mila ihn an. „Du bist mein Bruder. Du solltest dich darum kümmern.“ Schließlich sprach Andrade. Ruhig. Kontrolliert. „Wenn du eine Bedrohung in diese Familie bringst“, sagte er und sah Marisol an, „werde ich ihn persönlich beseitigen. Und du wirst dabei zusehen.“ Mein Magen sank ab. Ich blieb wie erstarrt stehen, mein Herz hämmerte. Dann wanderten seine Augen zu mir. Der Blickkontakt war sofort da. Intensiv. Kalt. Ich konnte nicht wegsehen. Mein Puls schoss in die Höhe. Etwas an diesem Blick ließ mich klein, entblößt und angespannt fühlen. Marisol zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Ich führe meinen Teil dieser Familie schon länger, als du auf der Welt bist. Behalte deine Drohungen für dich.“ „Mutter, komm schon“, sagte Mila. „Ich dachte, das wäre irgendein kranker Scherz.“ Marisol schüttelte den Kopf. „Ich habe meine Entscheidung getroffen.“ Andrade richtete sich auf, verlagerte sein Gewicht, seine Stimme knapp. „Ich gehe.“ Er drehte sich weg. Der Blickkontakt war unterbrochen. Ich atmete langsam aus und lehnte mich gegen die Säule. Meine Brust fühlte sich eng an. Leer. Der Raum fühlte sich schwer an, als wäre die Spannung nicht verschwunden, obwohl Andrade gegangen war. Ich verstand es nicht. Warum traf mich dieser Blick so hart? Warum fühlte es sich an, als wäre etwas in mir gewogen und beurteilt worden? Ich blieb noch ein paar Sekunden dort stehen, bevor ich mich auf den Weg zur Treppe machte. Mila war weg. Marisol war ruhig. Andrade war weg. Und mir wurde klar, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich in diesem Haus überleben sollte.Kapitel 80ANDRADEDie Uhr an der Wand tickte viel zu laut. Jedes Geräusch rieb an meinem Schädel wie Sandpapier.Ich hatte stundenlang hinter meinem Schreibtisch gesessen und einfach nur auf dieselbe verdammte Akte gestarrt, während ich so tat, als würde ich sie lesen.Meine Augen wanderten immer wieder zu meinem Handy, zu der Nachricht, die ich nicht beantwortet hatte.~ Wenn du nicht kommst, wirst du mich nie wiedersehen.Ich hatte sie hundertmal gelesen, vielleicht sogar öfter. Die Worte hatten sich durch mich gebrannt und etwas Rohes hinterlassen, das einfach nicht heilen wollte.Es war ein Monat her. Ein Monat, seit ich ihn aus diesem Albtraum zurückgebracht hatte. Ein Monat, seit ich ihn ins Safehouse gebracht, dafür gesorgt hatte, dass er alles hatte, was er brauchte, und dann wie ein Feigling weggegangen war.Er hatte an diesem Tag so zerbrechlich ausgesehen, still, blass, noch immer zitternd, als ich gegangen war. Ich sagte mir, dass ich es für sein eigenes Wohl tat. Dass ic
Kapitel 79ELIJAHIch kam mit meiner Tasche über der Schulter die Treppe hinunter. Meine Hände zitterten so stark, dass ich den Riemen kaum festhalten konnte.Mom weinte noch immer und flehte Dad an, mich aufzuhalten. Ihre Stimme zitterte und brach auf eine Weise, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte.„Isaac, bitte … er ist unser Sohn“, sagte sie und umklammerte seinen Arm. „Lass ihn nicht durch diese Tür gehen.“Aber Dad bewegte sich nicht. Er saß steif da, den Kiefer angespannt, die Augen auf den Boden gerichtet. Nicht einmal ein Blick in meine Richtung.Meine Kehle brannte, als ich die letzte Stufe erreichte. Ich konnte die Stille hören, während im Fernseher noch immer irgendein Morgenbericht lief, aber der Raum fühlte sich leer an.„Dad …“ Meine Stimme brach.„Geh“, sagte er, seine Stimme wie eine Tür, die zugeschlagen wurde.Mom schluchzte und wandte sich mir zu. „Elijah, bitte, geh einfach … geh nicht.“Ich schüttelte den Kopf und zwang die Worte an dem Kloß in meiner Kehle v
Kapitel 78ELIJAHDer Geruch von gebratenen Eiern und getoastetem Brot schlug mir entgegen, sobald ich die Treppe hinunterkam.Es war die Art von Geruch, die normalerweise Frieden bedeutete, Zuhause, Wärme, Stabilität. Die Art, die sagte: Du bist hier sicher.Zum ersten Mal seit Wochen dachte ich, dass ich vielleicht wieder atmen konnte. Das leise Stimmengewirr der Morgennachrichten drang aus dem Wohnzimmer, wo mein Vater saß und mit seiner tiefen Stimme gelegentlich über den Fernseher brummte.Ich konnte meine Mutter sehen, wie sie in ihrer Schwesternuniform geschäftig hin und her lief, ihr Haar ordentlich hochgebunden, während sie sich darauf konzentrierte, den Tisch zu decken.Sie bewegte sich im gleichen Rhythmus wie immer, als könnte nichts auf der Welt ihre Ruhe erschüttern.Ich blieb einen Moment dort stehen und beobachtete sie. Es fühlte sich beinahe so an, als hätte die Welt für mich angehalten, damit ich diesen Moment in mich aufnehmen konnte.Nach allem, was passiert war, d
Kapitel 77ELIJAHIch stand neben dem Wagen und starrte auf den Privatjet, der auf dem Rollfeld wartete.Die Luft war trocken und schwer, der Wind bewegte sich kaum. Ich konnte das leise Summen der Triebwerke hören, obwohl sie noch nicht gestartet worden waren.Meine Handflächen waren verschwitzt, aber ich war nicht nervös, nur leer. Diese Art von Leere, die alles um mich herum zu still, zu langsam wirken ließ, als würde ich mein Leben von außerhalb meines eigenen Körpers beobachten.Nora stand ein paar Meter hinter mir, die Arme verschränkt. Ihr Gesicht sah müde aus. Wir beide waren müde.Sie war in den letzten Wochen die einzige Konstante gewesen, und selbst jetzt sah sie aus, als wollte sie mich aufhalten, aber wusste, dass sie es nicht konnte.„Bist du dir sicher?“, fragte sie leise.Ihre Stimme klang beinahe gebrochen. Ich sah sie nicht an. Ich hielt meinen Blick einfach auf den Jet gerichtet.„Ja“, sagte ich nach einer langen Pause. „Ich denke, das ist das Nächstbeste, was ich t
Kapitel 76ELIJAHEs sind Wochen vergangen. Ich weiß nicht einmal mehr, wie viele.Die Sonne geht auf, geht unter und verblutet in einem weiteren Tag, der sich genauso anfühlt wie der davor.Die Wände dieses Zimmers sind zu sauber, zu still. Sie summen vor Stille und verspotten mich.Nora kommt wieder herein, zur gleichen Zeit, mit demselben Tablett und demselben sanften Gesichtsausdruck, als hätte sie Angst, ich könnte zerbrechen, wenn sie zu laut atmet.Sie stellt das Essen auf den Nachttisch, zusammen mit den Tabletten, die ich inzwischen hasse.„Eli“, sagt sie sanft, „du musst essen. Du kannst deine Medikamente nicht ständig auslassen.“Ich starre sie an und dann auf das Essen. Der Geruch macht mich krank. Ich schüttle den Kopf. „Ich habe keinen Hunger.“Sie seufzt. Es ist diese Art von Seufzen, die Menschen von sich geben, wenn ihnen die Worte ausgegangen sind, sie aber trotzdem noch etwas sagen müssen.„Das hast du gestern gesagt. Und vorgestern auch. Bitte... nur ein bisschen.“
Kapitel 75ELIJAHAls ich aufwachte, fühlte es sich nicht wie ein echtes Erwachen an.Mein Körper fuhr hoch, noch bevor mein Verstand hinterherkam, mein Atem ging scharf, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als wollte es aus meiner Brust heraus.Für einen Moment war alles nur ein verschwommenes Bild aus blassem Licht und Schatten an einer Decke, die ich nicht erkannte.Meine Augen bewegten sich hektisch und suchten überall nach etwas, während mich die Angst übermannte.Ich setzte mich viel zu schnell auf. Kalte, abgestandene Luft traf mein Gesicht. Meine Kehle war trocken, mein Kopf dröhnte.Da war ein Gewicht in meiner Brust, als hätte ich tagelang die Luft angehalten, ohne überhaupt zu wissen, warum.Wo zum Teufel war ich?Die Bettlaken waren weich, aber gleichzeitig rau, wie Hotelwäsche, die viel zu oft gewaschen worden war.Der Raum war mir fremd. Cremefarbene Wände, ein kleines Fenster, das halb von schweren Vorhängen verdeckt wurde, und irgendwo hinter mir das leise Summen ei







