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Die Flucht(2)

Penulis: Destiny
last update Tanggal publikasi: 2026-05-28 21:42:29

Ihre teilweise Verwandlung war nun vollständig aktiviert, und ausnahmsweise kämpfte sie nicht gegen sie – sie kämpfte für sie. Krallen verlängerten sich zu zehn Zentimeter langen Klingen, die Holz mit gleicher Leichtigkeit zerschneiden und Blut fließen lassen konnten. Eckzähne wuchsen über ihre Lippen hinaus, bis ihr Lächeln einem Albtraum entsprungen war. Muskeln strotzten vor Kraft, die nicht zu einem Körper dieser Größe passte, die die Gesetze ihrer Statur außer Kraft setzte. Ihre Augen brannten, als sie von Braun zu Gold wechselten, die Welt verschwamm zu messerscharfer Klarheit, und ihr Blick schärfte sich, bis sie den Herzschlag des Vollstreckers in seiner Kehle pulsieren sah wie ein Metronom, das herunterzählte. Sie packte seinen Arm, als er zu weit ausholte, und ritzte ihn mit ihren Krallen. Vier parallele Blutspuren zogen sich über seinen Unterarm, die in der Morgenluft wie Atem im Winter dampften. Er zischte – überrascht, nicht vor Schmerz. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihn verletzen würde. Keiner der Halbblüter, die der Eisenmaul jagte, hatte je Blut vergossen. Sie rannten, sie bettelten oder sie starben – das war der Lauf der Dinge, und dieses Mädchen hielt sich nicht daran.

Der Überraschungsmoment kostete ihn eine halbe Sekunde. Sie nutzte sie, um ihm mit aller Kraft, die ihr Hals und ihre Schultern dank ihrer Hybridkräfte aufbringen konnten, die Stirn gegen die Nase zu rammen. Knorpel knackte – ein Geräusch wie auf einer Walnuss – und er taumelte zurück. Da war sie über ihm. Nicht mit Technik, sondern mit Verzweiflung, mit der animalischen Wut eines in die Enge getriebenen Wesens, eines Wesens, das den Tod seines Vaters durch die Kieferndielen hatte mitansehen müssen und sich den Wölfen, die ihn getötet hatten, nicht ergeben würde.

Sie stürzten durchs Unterholz, rollten, rissen, ihre Krallen kratzten an seiner Brust, während seine Hände ihren Hals umfassten und zudrückten. Die Welt um sie herum verschwamm. Sie bekam keine Luft. Sein Gesicht war über ihrem, Blut strömte aus seiner gebrochenen Nase und färbte seine Zähne rot, und sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert – kein professionelles Interesse mehr. Keine Verachtung. Etwas anderes. Etwas Verwirrtes, Rohes und unerwartet Junges.

„Du siehst ihr ähnlich“, flüsterte er. Sein Griff lockerte sich. Einen Augenblick lang. Ein Moment des Zögerns, geboren aus der Erkenntnis – das Gesicht einer toten Frau spiegelte sich in den Zügen ihrer Tochter wider, Lena Valdis blickte ihn mit goldenen Augen und blutigem Gesicht an.

Es war nur ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit. Ein Hauch. Genug. Sera rammte ihr Knie mit aller Kraft nach oben. Die Augen des Vollstreckers weiteten sich, sein Mund öffnete sich zu einem stummen O der Qual. Sein Griff löste sich vollständig. Sie rollte sich, drückte ihn zu Boden – sie war nun oben, die Krallen an seiner Kehle, die goldenen Augen blitzten. Ihre teilweise Verwandlung machte sie zu etwas, das weder ganz Wolf noch ganz Mensch war, etwas dazwischen, etwas, das in der Lücke existierte, wo die Reinheitsgesetze der Eisenmaul-Familie besagten, dass nichts existieren dürfe.

„Ihr Name war Lena“, knurrte Sera. Ihre Stimme war kaum wiederzuerkennen – die teilweise Verwandlung hatte sie in einen Tonfall verzerrt, der eher in den Knochen als in den Ohren vibrierte, der die Bäume erzittern und die Vögel verstummen ließ. „Meine Mutter hieß Lena Valdis. Sie war die Erstgeborene des Eisenmaul-Rudels, und euer Volk tötete sie, weil sie meinen Vater liebte. Ihr werdet ihren Namen nennen, bevor ich entscheide, was mit euch geschieht.“

Der Vollstrecker blickte zu ihr auf. Blut klebte an seinem Gesicht. Entsetzen und Erkenntnis und noch etwas anderes in seinen Augen – etwas, das Scham sein konnte, oder Ehrfurcht, oder vielleicht das bloße tierische Bewusstsein, dass das Wesen über ihm nicht die gebrochene Halbblut war, von der die Berichte sprachen. Sie war etwas, worauf ihn die Berichte nicht vorbereitet hatten.

Er flüsterte den Namen: „Lena.“

Ihre Krallen drückten fester. Eine schnelle Bewegung, und es wäre vorbei. Ein kurzer Schlag mit dem Handgelenk über die Kehle, die unter ihren Fingern pulsierte. Er hatte Wölfe getötet – das sah sie an seinem Selbstbewusstsein, an der Art, wie er sie verfolgt hatte, an der beiläufigen Grausamkeit seines Smalltalks. Er war eine Waffe, die auf Menschen wie sie gerichtet war. Er war auf ihre Mutter gerichtet gewesen.

Ihre Hand zitterte.

Der Wolf in ihr – das gebrochene, unvollständige Wesen, das hinter ihren Rippen lebte und ohne Maul heulte – verlangte nach Blut. Er kannte keine Gnade. Gnade war ein menschliches Konzept, und der Wolf war kein Mensch. Er wollte die Kehle aufreißen, die Bedrohung beseitigen, das Gebiet von der Gefahr säubern.

Aber Sera war nicht nur Wolf. Sie war auch die Tochter eines Mannes, der sich bei Spinnen entschuldigte. Eines Mannes, der ihr beigebracht hatte, dass der härteste Schlag derjenige ist, den man nicht ausführt. Eines Mannes, der dreihundert Meter hinter ihr tot in einer Hütte lag, weil er lieber Schläge einstecken wollte, als das Versteck seiner Tochter preiszugeben.

Sie schlug dem Vollstrecker mit dem Handballen gegen die Schläfe. Seine Augen verdrehten sich. Sein Körper erschlaffte. Bewusstlos. Lebendig.

Sie hasste sich für die Gnade. Sie hasste sich auch dafür, wie nah sie dem Schlimmsten gekommen war. Beide Hassgefühle würden jahrelang in ihr wohnen, eng umschlungen wie Schlangen, die sich gegenseitig Wärme spenden, ohne dass eines das andere jemals ganz verdrängen könnte.

Sie nahm seinen Proviant – einen Militärrucksack mit Trockenrationen, einer Wasserflasche, einem kompakten Erste-Hilfe-Set, einem Kommunikationsgerät und Wechselkleidung, die ihr zwar nicht passte, aber besser war als ihr blutbeflecktes Hemd. Sie lehnte ihn an einen Baum, die Arme mit seinem eigenen Gürtel gefesselt, bewusstlos, aber atmend. Wenn er nicht erfroren wäre, würde er in einer Stunde aufwachen. Wenn doch – nun ja. Er würde überleben oder nicht. Es war ihr egal.

Der Gedanke machte sie krank. Trotzdem kümmerte sie sich.

Sie war etwa 200 Meter im Wald, als das Kommunikationsgerät in ihrer Tasche summte. Der Bildschirm leuchtete auf mit einer Nachricht, die den Morgen kälter werden ließ als jeder Wind.

VALDIS ELIMINIERUNG BESTÄTIGEN. BEIDE PERSONEN. BEI DER KNOCHENMUTTER BERICHTEN.

Beide Personen. Wieder die Worte. Dieselbe Stimme aus der Hütte, wiederholt im monotonen, bürokratischen Ton einer Organisation, die Morde katalogisierte wie Buchhalter Belege. Beide – Marin und Sera, Vater und Tochter, die Hüterin der Aufzeichnungen und des darin vergossenen Blutes.

Sie starrte auf den Bildschirm. Die Knochenmutter. Der Name war ihr fremd – keine Erwähnung in den Gesprächen ihres Vaters, kein Wort in den Fragmenten des Tagebuchs, die sie sich in jahrelanger, mühsamer Arbeit mühsam zusammengerauft hatte. Doch der Titel hatte Gewicht. Man spürte es in der Art, wie der Text auf dem Bildschirm erschien, in der Art, wie die Vollstrecker ihn in der Hütte ausgesprochen hatten – nicht direkt aus Angst, sondern mit jener besonderen Ehrfurcht, die Wölfe einer so absoluten Autorität entgegenbrachten, dass sie keiner Bedrohung bedrohen musste. Einer Autorität, die einfach da war, so wie die Schwerkraft einfach da war.

Die Knochenmutter wollte sie tot sehen. Beide. Und die Vollstrecker, die ihren Vater getötet hatten, berichteten direkt an diese Person – an dieses Wesen.

Sera steckte das Kommunikationsgerät ein, schulterte den Rucksack und wandte sich nach Süden. Weg vom Gebiet der Eisenmaul-Indianer. Weg von der Hütte. Weg von der Leiche ihres Ziehvaters und dem bewusstlosen Körper des Mannes, der versucht hatte, sie zu töten.

Sie hatte ein Tagebuch, das sie nicht vollständig lesen konnte. Einen Namen, den sie nicht kannte. Einen Wolf in sich, zu dem sie nicht vollends werden konnte. Und irgendwo hinter ihr eine Organisation, mächtig genug, um Killerkommandos über die Grenzen hinweg zu schicken, angeführt von jemandem namens Knochenmutter, die wusste, was Sera war und sie tot sehen wollte.

Sie rannte. Nicht auf etwas zu. Weg von allem. In die unendliche Gleichgültigkeit einer Welt, der es egal war, ob sie überlebte.

Zweihundertzwölf Dollar. Ein Jagdmesser, das sie im Unterholz verloren hatte. Das Tagebuch ihres Vaters an ihrem Rücken. Und der Geschmack ihres eigenen Blutes, noch kupferfarben, noch warm in ihrem Mund.

Es war genug. Es musste genug sein.

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