LOGINAls mein Ehemann mir ein Messer in den Rücken stieß, lächelte er und verriet mir die Wahrheit— „Du bist die letzte Silberwölfin. Die Macht in deinem Blut wird mir helfen, die gesamte Werwolfwelt zu beherrschen.“ Ich starb mit offenen Augen. Doch als ich sie wieder öffnete, war ich neunzehn Jahre alt. Drei Jahre vor meiner Hochzeit. Noch in derselben Nacht packte ich meine Sachen und floh über die Mauer. Doch ich kam nicht weit. Der König des Nordens, Azrael Vok, zog mich vom Mauerrand und ließ mich in den Schnee fallen. Eine Klinge lag an meinem Nacken. Er wusste nicht, dass das Silberwolfblut in meinen Adern nach ihm rief: Er war mein Schicksalsgefährte. Mein Ehemann aus meinem früheren Leben war es nie. Und wenn Azrael mich tötet, wird auch er sterben. Ich sah zu ihm auf und lächelte. „Du hast mich gefangen.“ „Aber bevor du mich tötest, solltest du erst dein eigenes Herz fragen, ob es das wirklich will.“
View MoreEira Valerius
Lauf!
Das war das einzige Wort, das mir durch den Kopf schrie. Meine nackten Füße schlugen auf den Boden, Zweige und Dornen zerrten an meinem Nachthemd und zerkratzten meine Beine, aber ich konnte nicht anhalten. Ich atmete so schwer, dass ich nicht wusste, was mich verfolgte, aber die Angst, die schwer auf meiner Brust lastete, sagte mir, dass ich tot wäre, wenn ich stehen bliebe.
Mir fiel auf, dass ich im Kreis lief; ich rannte schon seit Stunden, so kam es mir zumindest vor, doch jeder Weg führte mich immer wieder genau auf diese Lichtung zurück.
„Eira …“
Eine Stimme kam gleichzeitig von überall und nirgendwo her. Sie war nicht laut, aber sie ließ den Boden unter meinen Füßen beben. „Wer ist da?“, schrie ich, „Zeig dich!“
„Du wirst sterben! Wach auf!“
Ich wich zurück und schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, lass mich in Ruhe.“
Ich stolperte rückwärts und mein Fuß landete in einer Wasserpfütze. Ich blickte nach unten und starrte mein Spiegelbild an – mein Herz setzte völlig aus.
Das Mädchen, das mich anblickte, hatte mein Gesicht, doch ihre Augen waren von einem hellen, leuchtenden Violett, und ihr Haar … ihr Haar war rein, blendend weiß, es leuchtete wie frischer Schnee.
„Wach auf!“
Ich schnappte nach Luft, meine Augen flogen auf.
Ich setzte mich so schnell im Bett auf, dass meine Brust heftig auf und ab ging; ich legte meine Hände auf meinen Bauch und spürte mein acht Monate altes Baby. Das Baby trat sanft und träge gegen meine Handfläche.
Wir waren in Sicherheit.
Es war nur ein Traum.
Derselbe Traum, den ich in den letzten drei Wochen jede einzelne Nacht gehabt hatte. Ich warf die Decken von meinen Beinen und schwang meine Füße aus dem Bett, watschelte ins Badezimmer und knipste das Licht an. Ich klammerte mich an den Rand des Waschbeckens und starrte in den Spiegel.
Braune Augen.
Pechschwarzes Haar.
Ich atmete tief und zittrig aus und lehnte meine Stirn gegen das Glas. Dank der Mondgöttin, ich war immer noch ich selbst.
Ich streckte die Hand aus und berührte den Haaransatz meines dunklen Haares. Wenn man ganz, ganz genau hinsah, konnte man den schwächsten Hauch von Weiß erkennen, der aus meiner Kopfhaut zu wachsen begann. Es war fast wieder Zeit, es zu färben, also öffnete ich den Schrank unter dem Waschbecken und sah die vier Packungen schwarze Haarfarbe genau dort stehen, wo ich sie zurückgelassen hatte.
„Versteck es, Eira.“
Die strenge Stimme meines Vaters hallte in meiner Erinnerung wider, aus der Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war. „Weiße Haare bedeuten, dass du ein schwacher Wolf bist, dass dein Geist gebrochen ist. Wenn das Rudel das sieht, wird es dich verstoßen. Du darfst niemals zulassen, dass jemand deine Schande sieht.“
Ich war mit einem Makel geboren worden und hatte meine gesamten zweiundzwanzig Lebensjahre in der Angst verbracht, dass jemand herausfinden könnte, wie gebrochen ich wirklich war.
„Eira?“
Die Badezimmertür flog auf. Ich zuckte zusammen und drehte mich um, doch mein rasendes Herz beruhigte sich augenblicklich, als ich Cleo sah.
Sie stand in der Tür, einen Seidenmantel trug, ihr blondes Haar war vom Schlaf zerzaust. Sie wirkte hellwach und völlig in Panik. „Ich habe dich nach Luft schnappen hören“, sagte sie und eilte zu mir herüber. Sie drehte einfach den Wasserhahn auf, schnappte sich ein Handtuch und hielt es unter das fließende Wasser. „War es wieder der Albtraum?“
Ich nickte und spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. „Ja, es ist immer derselbe.“
„Oh, mein Schatz“, gurrte Cleo sanft. Sie drückte mir das nasse Handtuch sanft in den Nacken. Mit ihrem anderen Arm legte sie sich um meine Schultern und zog mich in eine seitliche Umarmung. „Das sind nur die Schwangerschaftshormone, die dir zu schaffen machen.“
Ich lehnte mich an sie und seufzte tief. „Ich weiß.“
Cleo war die Tochter der Gamma, aber für mich war sie meine Schwester. Wenn ich zu müde oder zu schwach war, um meine Rudelaufgaben zu erledigen, sprang Cleo ein und übernahm sie für mich. Sie beschützte mich vor dem bösen Klatsch im Rudel – ich wusste nicht, wie ich ohne sie überleben würde.
„Danke, Cle“, flüsterte ich.
„Was ist hier los?“, fragte eine tiefe, raue Stimme aus dem Schlafzimmer.
Wir schauten beide aus der Badezimmertür; Lucas stand neben dem Bett. Selbst mitten in der Nacht, nur mit einer grauen Jogginghose bekleidet, sah mein Mann aus wie ein Gott. Er war riesig, hatte breite Schultern und markante, gutaussehende Gesichtszüge.
Und er gehörte mir.
Lucas kam ins Badezimmer, seine nackten Füße machten keinen Laut auf dem Boden. Sein Blick huschte zwischen Cleo und mir hin und her. „Kommt das Baby? Soll ich den Arzt wecken?“
„Nein, nein“, sagte ich schnell und streckte die Hand nach ihm aus. „Nur ein böser Traum, dem Baby geht es gut.“
Lucas trat einen Schritt vor und schlang seine Arme um mich. Er zog mich an seine Brust und legte sein Kinn auf meinen Scheitel. In dem Moment, als seine Haut meine berührte, spürte ich, wie die Partnerbindung in meiner Brust aufflammte.
„Mein armes Mädchen“, flüsterte Lucas und küsste mein Haar. Er beugte sich vor und legte seine große Hand direkt auf meinen Bauch. „Du bist in Sicherheit, Eira. An jeder Tür stehen Wachen. Nichts wird dir oder unserem Sohn etwas antun. Das verspreche ich dir.“
Ich schloss die Augen und genoss seine Wärme. Ich fühlte mich so unglaublich glücklich. Ein Alpha, der so stark ist wie Lucas, hätte sich jede Frau der Welt aussuchen können, aber er hat mich gewählt.
„Ich weiß“, sagte ich leise und blickte zu ihm auf. „Es tut mir leid, dass ich euch beide gestört habe.“
„Entschuldige dich niemals dafür“, sagte Cleo mit einem warmen Lächeln und warf das nasse Handtuch ins Waschbecken. „Wir sind deine Familie, wir kümmern uns um dich.“
„Sie hat recht“, stimmte Lucas zu. Er küsste mich sanft auf die Stirn. „Soll ich bei dir bleiben?“
„Nein, du hast morgen früh doch dieses wichtige Rudeltreffen mit den Ältesten“, sagte ich zu ihm, trat einen Schritt zurück und lächelte ihn leicht an. „Ich lege mich einfach wieder hin, mir geht es jetzt gut.“
Lucas sah aus, als wolle er widersprechen, nickte aber schließlich. „Na gut, aber wenn du irgendetwas brauchst, gib mir sofort eine Gedankenmeldung. Verstanden?“
„Das werde ich“, versprach ich.
Cleo drückte noch ein letztes Mal meine Hand, bevor sie zur Tür hinausschlüpfte und mir eine gute Nacht wünschte. Lucas deckte mich zu, zog mir die Bettdecke bis zum Kinn hoch und schaltete die Lampe aus. Er sagte mir, er würde noch in sein Büro gehen, um etwas Papierkram zu erledigen.
Die Tür fiel mit einem Klicken ins Schloss, und ich lag noch lange da und starrte an die Decke. Ich versuchte, mich zum Schlafen zu zwingen, aber mein Gehirn wollte einfach nicht abschalten. Der Albtraum ließ mich immer noch nicht los. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich dieses leuchtend weiße Haar.
Zu allem Überfluss beschloss das Baby, dass es Zeit zum Spielen war. Es trat mir so fest in die Rippen, dass ich tatsächlich laut nach Luft schnappte. Mein unterer Rücken pochte, und mein Mund fühlte sich an, als hätte ich Sand gegessen.
„Okay, okay“, flüsterte ich meinem Bauch zu und rieb die schmerzende Stelle. „Mama hat’s verstanden, kein Schlafen.“
Ich stöhnte, rollte mich auf die Seite und rappelte mich auf. Ich brauchte ein Glas kaltes Wasser und vielleicht einen kurzen Spaziergang durch das Haus. Es war schon nach zwei Uhr morgens, und das einzige Licht kam vom Mond, der durch die Fenster des Flurs schien.
Ich ging langsam den langen Flur entlang, meine Hand an der Wand abgestützt, um mein Gewicht zu tragen. Als ich mich der Treppe näherte, bemerkte ich ein helles Licht, das aus Lucas’ Arbeitszimmer ganz am Ende des Flurs kam.
Ich blieb stehen. Ich runzelte die Stirn und neigte den Kopf zur Seite.
Lucas ließ seine Tür nie offen, wenn er drinnen arbeitete, aber meine Neugierde war stärker. Vielleicht war er an seinem Schreibtisch eingeschlafen. Ich nahm mir vor, nur kurz meinen Kopf hineinzustecken, ihm zu sagen, er solle wieder ins Bett kommen, und mir dann mein Wasser zu holen.
Ich erreichte die Tür. Ich legte meine Hand daran und drückte sie noch ein kleines Stück weiter auf, wobei ich mein Gesicht in den Spalt beugte.
„Lucas, bist du …“
Die Worte erstickten mir im Hals, und ich starrte nur durch den Spalt in der Tür, während meine ganze Welt angesichts dessen, was ich sah, völlig in Stücke zerbrach.
Eira ValeriusIch saß am Rand meiner Matratze und starrte auf meine Hände hinab. In meinem Schlafzimmer herrschte Stille, bis auf das leise Knistern des Feuers im Kamin. Morgen war die Krönung. Morgen würde ich den prächtigen Gang der Zitadelle entlangschreiten und vor den Augen des gesamten Königreichs mein Leben mit König Azrael verbinden.In meinen offenen Handflächen lag die silberne Halskette, die Azrael mir geschenkt hatte. Ich fuhr mit dem Daumen über die gewundenen silbernen Zweige und spürte das kalte Metall auf meiner Haut. Der eisblaue Edelstein in der Mitte fing das Feuerlicht ein und leuchtete mit einem gleichmäßigen, friedlichen Schein. Ich liebte sie. Ich liebte, was sie bedeutete. Doch als ich tief in den blauen Stein blickte, begann sich eine seltsame, schleichende Kälte in meinen Fingern auszubreiten.Es geschah ohne jede Vorwarnung.Ein plötzlicher, stechender Schmerz traf mich mitten in der Brust. Es fühlte sich an wie eine heiße Klinge, die mir direkt durch die Ri
Cleo VanceDie Morgensonne drang kaum durch die Glasfenster des Lagerhauses, doch ich war bereits hellwach. Ich saß vor meinem Spiegel und kämmte mir mit einem leichten Lächeln im Gesicht die Haare.Ich legte meine Bürste beiseite und stand auf. Ich strich mein dunkelrotes Kleid glatt und fragte mich, was Lucas mit Lyra gemacht hatte, nachdem ich sein Zimmer verlassen hatte. Er hatte mir gesagt, ich solle schlafen gehen, und dass er sich um unseren arroganten Gast kümmern würde.Ich verließ mein Zimmer und machte mich direkt auf den Weg zum Ostflügel. Im Packhaus herrschte reges Treiben, Wachen liefen hin und her, aber ich ignorierte sie alle. Ich ging die Treppe hinunter in den Kerker, in der Erwartung, Lyra dort vorzufinden.Stattdessen stand die Tür der letzten Zelle weit offen. Ich trat an die Gitterstäbe heran und spähte hinein. Der schmutzige Boden war leer; von Lyra war nirgends eine Spur zu sehen. Ein Anflug von Ärger stieg in mir auf; Lucas hatte sie verlegt, ohne mir Beschei
LyraMeine Zellentür schlug mit einem lauten, heftigen Knall gegen die Wand. Ich zuckte zusammen und riss die Augen auf, als der plötzliche Lärm im Verlies widerhallte. Ich stemmte mich vom Boden ab und drückte mich rückwärts an die Wand. Alpha Lucas stand in der Tür; er war nicht allein. Vier massige Wachen traten in den kleinen Raum hinter ihm, ihre Gesichter ausdruckslos und die Hände auf den Griffen ihrer Waffen ruhend.Lucas sah mich mit kalten, leeren Augen an und zeigte mit dem Finger auf mich. „Zieht sie raus“, befahl er.Die vier Wachen handelten sofort. Sie stürmten in die Zelle und griffen nach meinen Armen. Als die erste Wache nach meiner Schulter griff, duckte ich mich unter seinem Arm hindurch und nutzte seinen eigenen Schwung, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich rammte ihm meinen Ellbogen hart in die Rippen und hörte ein befriedigendes Knacken, als er grunzte und gegen die Gitterstäbe taumelte.Der zweite Wächter stürzte sich auf mich. Ich wirbelte herum und pa
Eira ValeriusDie Chefplanerin starrte mich einen langen, stillen Moment lang an. Das Maßband lag vergessen auf dem Boden zu ihren Füßen. Sie atmete tief und langsam aus, ihre Augen waren vor Ehrfurcht weit aufgerissen.„Himmlisch“, murmelte sie vor sich hin.Sie machte einen langsamen Schritt nach vorne und sah mir ins Gesicht, als könne sie nicht glauben, dass ich direkt vor ihr stand. Die laute, chaotische Energie im Raum legte sich augenblicklich. Die Assistenten, die die Seiden- und Samtrollen hielten, unterbrachen ihre Arbeit und drehten sich um, um mich in der Tür zu betrachten.Die Chefplanerin hob die Hand und wischte sich ein paar plötzlich aufsteigende Tränen aus den Augenwinkeln. „Verzeihen Sie mir, meine Königin“, sagte sie, wobei ihre Stimme ein wenig zitterte. Sie neigte den Kopf tief. „Mein Name ist Madame Vera, ich plane seit über dreißig Jahren königliche Veranstaltungen in dieser Zitadelle. Ich habe viele edle Damen und prächtige Feste gesehen, aber jemanden wie Sie





