LOGINAmilia verließ das Wissenschaftsgebäude langsam. Nicht weil sie nicht wusste, wohin sie ging. Das Wohnheim war nur wenige Minuten entfernt und der Weg zurück war klar genug. Sie ging langsam, weil ihr Verstand beschlossen hatte, rückwärts zu wandern.
Was irritierend war.
Sie hatte Jahre damit verbracht, nicht an bestimmte Personen zu denken. George Hart war einer dieser Personen gewesen. Nicht weil er sie verletzt hatte. Nicht genau. Es war seltsamer als das.
Ihre Geschichte hatte nie richtig begonnen.
Solche Erinnerungen bleiben länger haften, als sie sollten.
Die Abendluft draußen trug die schwere Wärme von Texas. Studenten überquerten den Hof in lockeren Gruppen. Jemand spielte Musik in der Nähe des Brunnens. Ein Mädchen in einem roten Kleid saß am Rand des Wassers und sprach laut in ihr Telefon.
Normales Campusleben.
Amilia zog den Riemen ihres Rucksacks zurecht und ging weiter.
Sie spielte das Gespräch in ihrem Kopf noch einmal ab, was dumm war, weil eigentlich nichts Bedeutendes passiert war.
Hallo.
Willkommen in Houston.
Höfliche Worte. Sonst nichts.
Trotzdem störte sie etwas an der Art, wie George sie angesehen hatte. Nicht unangenehm. Nur... neugierig. Als hätte er etwas abgemessen.
Oder sich erinnert.
Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich auf den Weg vor sich.
Das Wohnheimgebäude tauchte wieder auf, hoch und nun vertraut. Weniger einschüchternd als noch vor ein paar Stunden.
Drinnen summte der Flur mit etwas mehr Leben als zuvor. Türen standen offen. Stimmen drangen heraus. Jemand lachte laut über etwas, das wahrscheinlich gar nicht so lustig war.
Zimmer 312 wartete am Ende des Flurs.
Amilia drückte die Tür auf.
Kayla saß genau dort, wo sie zuvor gewesen war, nur dass jetzt zwei Lehrbücher neben ihr gestapelt waren und eine leere Kaffeetasse auf dem Schreibtisch stand.
Kayla blickte sofort auf.
„Und?“
Amilia blinzelte.
„Und was?“
„Erste Campus-Erkundung. Erfolgreich?“
Amilia ließ ihren Rucksack neben dem Bett fallen und setzte sich.
„Ich habe das Wissenschaftsgebäude gefunden.“
Kayla klatschte leise, als wäre das beeindruckend.
„Das ist tatsächlich gut. Ich habe mich vorhin verlaufen, als ich die Cafeteria gesucht habe.“
„Du hast dich verlaufen?“
Kayla nickte ohne jede Scham.
„Dieser Campus ist größer, als er aussieht.“
Amilia lächelte schwach.
Kayla musterte sie einen Moment.
„Etwas ist passiert.“
„Wie kommst du darauf?“
„Du hast das Gesicht, das Leute machen, wenn sie jemanden Unerwartetes gesehen haben.“
Amilia hob eine Augenbraue.
„Das ist sehr spezifisch.“
Kayla lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
„Also, wer war es?“
Amilia zögerte.
Nicht weil die Information wichtig war. Das war sie nicht. Aber den Namen laut auszusprechen fühlte sich plötzlich an, als würde sie etwas anerkennen.
„Ein alter Klassenkamerad.“
Kayla beugte sich sofort vor.
„Oh, das klingt interessant.“
„Ist es nicht.“
„Name?“
Amilia seufzte.
„George.“
Kayla wiederholte den Namen leise, als würde sie ihn testen.
„George.“
„Ja.“
„Und wie hat dieser mysteriöse George reagiert, als er dich wiedergesehen hat?“
Amilia überlegte bei der Frage.
„Verwirrt.“
Kayla lachte.
„Das klingt vielversprechend.“
„Es ist nichts.“
Kayla hob beide Hände als Zeichen der Kapitulation.
„Schon gut, schon gut. Ich glaube dir.“
Sie glaubte ihr eindeutig nicht.
Bevor Amilia etwas anderes sagen konnte, schwang die Wohnheimtür auf.
Ein großes blondes Mädchen trat ein und zog einen kleinen Koffer hinter sich her.
„Endlich“, sagte das Mädchen dramatisch. „Zivilisation.“
Kayla zeigte sofort auf sie.
„Olivia?“
Das Mädchen ließ den Koffer fallen und grinste.
„Das bin ich.“
Sie ging weiter in den Raum mit der selbstsicheren Leichtigkeit von jemandem, der nie an seinem Platz in irgendeiner Umgebung gezweifelt hat.
Schlanke Figur. Langes Haar. Perfekte Haltung. Die Art von Präsenz, die einen Raum füllt, ob er will oder nicht.
Olivias Blick landete auf Amilia.
„Und du musst Amilia sein.“
Amilia nickte.
„Ja.“
Olivia musterte sie einen Moment, den Kopf leicht geneigt.
„Nun, du siehst ernst aus.“
Kayla brach in Lachen aus.
„Sie ist ernst.“
Amilia verschränkte die Arme.
„Ich kann euch beide hören.“
Olivia lächelte unapologetisch.
„Keine Sorge. Jedes Wohnheim braucht eine ernsthafte Person. Das gleicht die Dinge aus.“
Sie warf ihr Haar über die Schulter und ließ sich auf das leere Bett fallen.
„Mein Flug hatte drei Stunden Verspätung. Ich schwöre, Flughäfen sind extra dafür gebaut, die Geduld der Menschen zu testen.“
Kayla lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück.
„Woher kommst du?“
„Chicago.“
Olivia streckte sich träge.
„Meine Eltern bestanden darauf, dass Houston eine gute Veränderung wäre.“
Amilia bemerkte das Wort „bestanden“.
Interessant.
„Was ist dein Hauptfach?“, fragte Kayla.
„Business und Kommunikation.“
Kayla blinzelte.
„Das ist... anders als bei uns.“
Olivia grinste.
„Genau deswegen wird dieses Zimmer interessant.“
Amilia sagte nichts, spürte aber bereits die Wahrheit in dieser Aussage.
Die drei hätten nicht unterschiedlicher sein können, selbst wenn jemand es absichtlich geplant hätte.
Der Abend verging danach schnell.
Kayla kehrte zum Lernen zurück.
Olivia packte aus und redete fast ununterbrochen über Reiseerlebnisse, Partys und Menschen, die sie in verschiedenen Städten getroffen hatte.
Amilia hörte ruhig zu, während sie ihren Schreibtisch ordnete.
Irgendwann blickte Olivia zu ihr herüber.
„Also Amilia, was ist dein Ding?“
„Mein Ding?“
„Jeder hat eins. Kayla lernt, bis ihr Gehirn schmilzt. Ich rede zu viel.“
Kayla zeigte, ohne aufzublicken.
„Stimmt.“
Olivia fuhr fort.
„Also, was ist deins?“
Amilia zögerte.
„Chemie.“
Olivia blinzelte einmal.
„Das klingt gefährlich nah an Kaylas Ding.“
Kayla hob einen Finger.
„Korrektur. Ich lerne. Ihres ist Wissenschaft.“
Olivia lehnte sich nachdenklich gegen ihr Kissen zurück.
„Nun, das ist gut. Falls eine von euch eines Tages etwas Erstaunliches erfindet, erinnert euch daran, wer das Zimmer mit euch geteilt hat.“
Amilia lächelte wieder schwach.
Das Zimmer fand eine seltsame Art von Behaglichkeit.
Technisch gesehen drei Fremde.
Aber die Atmosphäre hatte sich bereits entspannt.
Später in der Nacht wurde es draußen im Flur ruhiger. Türen schlossen sich. Gespräche verstummten.
Kayla schlief schließlich ein, ihr Lehrbuch noch offen.
Olivia scrollte mit zu hoher Helligkeit durch ihr Telefon.
Amilia saß an ihrem Schreibtisch und sah sich den Orientierungsplan an.
Die Kurse würden in zwei Tagen beginnen.
Zwei Tage, bis alles offiziell losging.
Sie blickte einmal zum Fenster.
Der Campus draußen sah friedlich unter den Abendlichtern aus.
Dann schweiften ihre Gedanken wieder ab.
George.
Sie runzelte leicht die Stirn über sich selbst.
Das war lächerlich.
Ein Gespräch bedeutete nichts.
Trotzdem... etwas an der Art, wie er „Willkommen in Houston“ gesagt hatte, blieb hängen.
Nicht die Worte selbst.
Der Ton.
Als wüsste er etwas, das sie nicht wusste.
Auf der anderen Seite des Campus, in einem anderen Wohnheimgebäude, saß George Hart auf der Kante seines Bettes und starrte an die Decke.
Diego lehnte am Schreibtisch gegenüber und blätterte durch ein Notizbuch.
„Du siehst aus, als hätte dir jemand gesagt, die Welt geht unter.“
George atmete langsam aus.
„Nicht unter.“
Diego blickte auf.
„Dann was?“
George zögerte.
„Ich bin heute jemandem begegnet.“
Diego schloss das Notizbuch.
„Oh?“
„Einer alten Klassenkameradin.“
Diego wartete.
George rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Amilia Carter.“
Diego runzelte leicht die Stirn.
„Der Name kommt mir bekannt vor.“
George nickte einmal.
„Du hast ihn schon gehört.“
Die Erkenntnis breitete sich langsam auf Diegos Gesicht aus.
„Oh.“
Eine kleine Stille erfüllte den Raum.
„Sie ist also jetzt hier?“
„Ja.“
Diego lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Das kompliziert die Dinge.“
George antwortete nicht sofort.
Stattdessen stand er auf und ging zum Fenster.
Draußen auf dem Campus erstreckten sich die Lichter in die Ferne.
Studenten bewegten sich durch die Nacht wie kleine wandernde Schatten.
Nach einem Moment sprach Diego wieder.
„Weiß sie es?“
George schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Und hast du vor, es ihr zu sagen?“
George betrachtete die Lichter einen langen Moment.
Schließlich sprach er leise.
„Ich weiß nicht, ob ich das sollte.“
Hinter ihm musterte Diego seinen Freund aufmerksam.
Denn manche Geschichten beginnen nicht so leicht neu.
Manchmal tragen sie unvollendete Stücke mit sich.
Und diese Stücke tauchen oft genau zum ungünstigsten Zeitpunkt wieder auf.
Die Frage vor der ExistenzNiemand bewegte sich.Amilia stand im Zentrum des zerstörten Archivs.Die sieben Fragensteller knieten noch immer.Elena stand hinter ihr.Daniel war vollkommen still geworden.Sogar die ältere Version von Amilia wirkte ängstlich.Und über ihnen allen war die Entität.Sie hatte kein Gesicht.Keinen Körper.Keine erkennbare Form.Sie existierte als ein sich ständig verschiebendes Feld von Möglichkeiten.Einen Moment lang sah sie aus wie eine massive Wolke aus Sternen.Im nächsten wurde sie zu einer Stadt.Dann zu einem menschlichen Gesicht.Dann zu einem Kind.Dann zu nichts.Und doch wusste Amilia irgendwie, dass sie beobachtet wurde.Warte.„WARUM SOLLTE ICH EXISTIEREN?“Die Frage blieb in der Luft hängen.Amilia schluc
Die anderen FragenstellerDie Stimmen kamen von überall her.Nicht eine.Nicht zehn.Hunderte.Vielleicht Tausende.Amilia stand erstarrt neben Elena.Die Worte hallten weiter durch die Dunkelheit.„WIR HABEN AUF DIE ACHTE GEWARTET.“Elena verstärkte den Griff um Amilias Hand.„Schau sie nicht an.“Amilia starrte in die Dunkelheit.„Wer sind sie?“„Nicht.“„Mutter—“„Amilia.“Elenas Stimme brach.„Was auch immer geschieht, antworte ihnen nicht.“Die ältere Amilia trat näher.„Du bist zu spät.“Elena blickte sie an.„Ich weiß.“„Du hättest sie nicht hierher bringen sollen.“„Das habe ich nicht.“Die Augen der älteren Amilia ve
Die anderen FragenstellerDie Stimmen kamen von überall her.Nicht eine.Nicht zehn.Hunderte.Vielleicht Tausende.Amilia stand erstarrt neben Elena.Die Worte hallten weiter durch die Dunkelheit.„WIR HABEN AUF DIE ACHTE GEWARTET.“Elena verstärkte den Griff um Amilias Hand.„Schau sie nicht an.“Amilia starrte in die Dunkelheit.„Wer sind sie?“„Nicht.“„Mutter—“„Amilia.“Elenas Stimme brach.„Was auch immer geschieht, antworte ihnen nicht.“Die ältere Amilia trat näher.„Du bist zu spät.“Elena blickte sie an.„Ich weiß.“„Du hättest sie nicht hierher bringen sollen.“„Das habe ich nicht.“Die Augen der älteren Amilia ve
Die andere Seite der FrageDie Tür verschwand hinter ihr.Amilia drehte sich um.Nichts.Keine Tür.Keine Dunkelheit.Kein Archiv.Kein Laut von Gabriel, der ihren Namen schrie.Sie stand in einem Raum.Zumindest sah es aus wie ein Raum.Die Wände bestanden aus Glas, aber jenseits davon gab es keine Außenwelt. Stattdessen bewegten sich Tausende von Szenen kontinuierlich über die transparenten Oberflächen.Menschen.Städte.Kriege.Geburten.Tode.Entscheidungen.Jede mögliche Version der Menschheit schien gleichzeitig abzulaufen.Amilia drehte sich langsam um.Die andere Amilia war noch da.Sie stand einige Meter entfernt.Dasselbe Gesicht.Dieselbe Größe.Dieselben Augen.Aber etwas an ihr war anders.Sie wirkte friedlich.Zu friedlich
Der Ort zwischen den ZukünftenAmilia fiel.Eine schreckliche Sekunde lang gab es keinen Boden unter ihr.Kein Archiv.Keine Wände.Kein Geräusch.Nur Dunkelheit.Dann schloss sich eine Hand um die ihre.Amilia blickte nach oben.Die ältere Version von sich selbst hielt sie.Nicht mit der kalten Gewissheit, die Amilia erwartet hatte.Mit Angst.„Halt dich fest“, flüsterte die ältere Amilia.Amilia verstärkte den Griff.„Wohin gehen wir?“Die ältere Frau blickte nach unten.„Wir gehen nirgendwohin.“Amilia runzelte die Stirn.„Warum fallen wir dann?“„Weil dieser Ort keinen Boden hat.“Die Worte schickten einen Schauer durch Amilia.Sie blickte unter sich.Da war nichts.Aber dann begann sich die Dunkelheit zu
Die Augen unter dem ArchivEtwas öffnete die Augen.Das gesamte Archiv blieb stehen.Keine Alarme.Keine einstürzenden Wände.Keine flackernden Lichter.Nichts.Zum ersten Mal, seit Amilia den unterirdischen Komplex betreten hatte, herrschte absolute Stille.Dann bewegte sich der Boden.Nicht bebte.Bewegte sich.Als hätte etwas darunter Atem geholt.Amilia trat zurück.Elena packte ihre Hand.„Schau nicht hinunter.“Amilia schaute trotzdem hinunter.Der Boden unter dem Kreis war transparent geworden.Weit unter ihnen war Dunkelheit.Und in dieser Dunkelheit waren zwei enorme Augen.Sie waren nicht menschlich.Sie waren nicht mechanisch.Sie waren einfach da.Beobachteten.Amilias Stimme wurde zum Flüstern.„Wie lange sind die schon da?“Gab







