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Kapitel 3

last update publish date: 2026-06-25 21:49:48

Der Morgen kam zu früh.

Amilia wachte vor ihrem Wecker auf. Nicht weil sie das wollte. Ihr Körper weigerte sich einfach, länger zu schlafen. Das Wohnheimzimmer war ruhig auf diese zerbrechliche Art, wie Morgen manchmal sind. Ein weiches graues Licht schlich durch das Fenster und legte sich über die Schreibtische und den Boden, als wäre es sich nicht sicher, ob es hierher gehörte.

Kayla schlief noch.

Ihr Lehrbuch war irgendwann in der Nacht vom Bett gefallen und lag nun offen auf dem Boden, als hätte es aufgegeben.

Olivia schlief auf dem Rücken, einen Arm über die Augen geworfen, atmete langsam und völlig unbesorgt von der Welt. Die Art von Schlaf, die von einem Menschen kommt, der nie besonders hart für Dinge kämpfen musste.

Amilia beneidete das ein wenig. Nicht genug, um es ihr übel zu nehmen. Gerade genug, um es zu bemerken.

Sie setzte sich vorsichtig auf und rieb sich die Augen.

Der erste Morgen an einem neuen Ort fühlt sich immer seltsam an. Als hätte das Gehirn die Geografie des Zimmers noch nicht akzeptiert. Sie musste sich selbst erinnern, wo sie war.

University of Houston.

Der Gedanke fühlte sich immer noch unwirklich an.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und stand leise auf, ging zum kleinen Waschbeckenbereich in der Nähe der Tür. Der Boden war kalt unter ihren Füßen.

Draußen vor dem Fenster erwachte der Campus langsam. Ein paar Studenten überquerten den Hof. Ein Lieferwagen in der Nähe der Mensa.

Normale Dinge.

Trotzdem fühlte sich etwas in ihrer Brust unruhig an.

Nicht genau nervös. Einfach nur aufgewühlt.

Vielleicht lag es an der Erkenntnis, dass in zwei Tagen alles beginnen würde. Richtige Kurse. Richtige Professoren. Richtige Erwartungen.

Oder vielleicht war es etwas anderes.

Sie putzte sich langsam die Zähne und sagte sich, sie solle nicht darüber nachdenken.

Das hielt etwa dreißig Sekunden an.

George Hart.

Der Name schlich sich wieder in ihre Gedanken, als gehörte er dort hin.

Sie lehnte sich ans Waschbecken und runzelte die Stirn über ihr Spiegelbild.

Das war ärgerlich.

Es waren Jahre vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Jahre, in denen sich ihre Leben leise in unterschiedliche Richtungen bewegt hatten. Es hatte kein dramatisches Ende gegeben. Keinen Streit. Kein letztes Gespräch.

Nur Distanz.

Was bedeutete, dass der Verstand zu viel Raum hatte, sich auszumalen, was hätte passieren können, wenn die Dinge nur ein wenig anders gelaufen wären.

Sie spülte sich den Mund aus und wandte sich vom Spiegel ab.

Genug.

Sie zog eine einfache Jeans und einen leichten Pullover an, nahm ihr Notizbuch und schlich sich leise aus dem Wohnheim, bevor die anderen aufwachten.

Die Morgenluft draußen war kühler, als sie erwartet hatte. Houston hatte sich seiner üblichen Hitze noch nicht vollends hingegeben.

Der Campus fühlte sich zu dieser Stunde ruhiger an. Weniger Stimmen. Weniger Ablenkungen.

Amilia ging erneut in Richtung Wissenschaftsgebäude.

Teils, weil sie sich mit dem Weg vertraut machen wollte.

Teils, weil Laufen ihr beim Denken half.

Die Türen des Chemiegebäudes waren unverschlossen. Einige frühe Studenten bewegten sich durch die Flure mit Kaffeetassen und Laptops.

Sie fand eine leere Bank in der Nähe eines großen Fensters mit Blick auf den Hof und setzte sich.

Ihr Notizbuch lag in ihrem Schoß, aber sie öffnete es nicht.

Stattdessen beobachtete sie, wie das Sonnenlicht langsam über das Campusgras kroch.

Eine Weile saß sie einfach nur da.

Und für einen Moment fühlte sie etwas, das sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte.

Frieden.

Dann setzte sich jemand neben sie.

Nicht zu nah. Aber nah genug.

Sie blickte nicht sofort hin. Etwas an der stillen Präsenz neben ihr machte klar, wer es war.

George sprach zuerst.

„Du wachst früh auf.“

Amilia drehte sich leicht zu ihm.

Er sah fast genau so aus wie gestern. Was Sinn ergab. Es waren nur zwölf Stunden vergangen. Trotzdem fühlte sich das erneute Treffen weniger wie Zufall und mehr wie etwas anderes an.

„Ich könnte dasselbe über dich sagen.“

George zuckte mit den Schultern.

„Ich konnte nicht schlafen.“

„Das klingt nach deinem Problem.“

Er lächelte schwach.

„Fair.“

Sie saßen einen Moment lang zusammen da und beobachteten den Hof.

Kein Drang, die Stille zu füllen.

Schließlich sprach George weiter.

„Das hast du früher immer gemacht.“

„Was gemacht?“

„Irgendwo ruhig sitzen und Dinge beobachten, als würdest du eine Studie durchführen.“

Amilia hob eine Augenbraue.

„Ich habe keine Studie durchgeführt.“

„Doch, das hast du absolut.“

Sie überlegte, zu widersprechen, entschied aber, dass es die Mühe nicht wert war.

„Und du hast immer alles übertrieben“, sagte sie.

George lachte leise.

„Das ist keine Übertreibung. Das ist Beobachtung.“

Sie blickte ihn von der Seite an.

„Du bist immer noch nervig.“

„Schön zu wissen, dass sich manche Dinge nicht ändern.“

Ein weiterer ruhiger Moment verging.

Amilia musterte sein Profil diesmal genauer.

Es gab etwas anderes an ihm. Nicht körperlich. Etwas Tieferes.

Selbstvertrauen vielleicht.

Oder Sturheit.

Sie war sich noch nicht sicher.

„Was studierst du hier?“, fragte sie.

„Organisationssysteme und Biotech-Entwicklung.“

Das überraschte sie ein wenig.

„Das ist... spezifisch.“

George nickte.

„Ich mag Spezifisches.“

„Warum Biotech?“

Er lehnte sich auf der Bank zurück und streckte die Beine aus.

„Weil es die Zukunft ist.“

„Das klingt wie etwas, das ein Motivationsredner sagen würde.“

George schmunzelte.

„Vielleicht. Aber ich meine es ernst.“

Amilia wartete.

Er erklärte nicht sofort weiter, was bedeutete, dass er überlegte, wie viel er preisgeben wollte.

Schließlich sprach er weiter.

„Ich möchte irgendwann etwas aufbauen. Eine Organisation, die Forschungslabore, Wissenschaftler und Entwickler verbindet. Einen Ort, an dem Ideen nicht nur in Fachzeitschriften liegen bleiben.“

Amilia blinzelte langsam.

„Das klingt ehrgeizig.“

„Das ist es.“

„Du bist dreiundzwanzig.“

„Ja.“

„Und planst schon Organisationen.“

George drehte den Kopf leicht zu ihr.

„Ehrgeiz kennt keine Altersgrenze.“

Das stimmte.

Trotzdem spürte sie etwas Tieferes unter dieser Aussage. Etwas Persönliches.

Bevor sie mehr fragen konnte, hallte eine Stimme den Flur hinunter.

„Mr. Hart.“

Beide blickten auf.

Ein Mann stand am anderen Ende des Korridors. Vielleicht Mitte vierzig. Groß. Gut gekleidet. Die Art von Haltung, die Autorität ausstrahlte, ohne sie aussprechen zu müssen.

George richtete sich leicht auf.

Amilia bemerkte die Veränderung sofort.

Respekt. Oder Vorsicht.

Vielleicht beides.

Der Mann näherte sich ihnen langsam.

Sein Blick wanderte von George zu Amilia mit vorsichtigem Interesse.

„Guten Morgen“, sagte er ruhig.

George nickte.

„Guten Morgen, Professor.“

Der Mann reichte George kurz die Hand.

„Antonio.“

Amilia spürte, wie sich etwas in der Luft veränderte.

Kaylas Worte von gestern kamen ihr wieder in den Sinn.

Er erwartet Perfektion.

George deutete auf Amilia.

„Das ist Amilia Carter.“

Antonios Augen richteten sich nun voll auf sie.

Die Aufmerksamkeit fühlte sich... intensiv an.

Nicht unhöflich. Nur fokussiert.

Er reichte ihr die Hand.

Amilia schüttelte sie.

Sein Griff war fest.

„Miss Carter“, sagte er. „Ich habe von Ihnen gehört.“

Das überraschte sie.

„Haben Sie?“

Antonio nickte leicht.

„Stipendiaten ziehen tendenziell Aufmerksamkeit auf sich.“

Etwas an der Art, wie er es sagte, fühlte sich schwerer an als die Worte selbst.

Er musterte sie eine Sekunde länger als nötig.

Dann wanderte sein Blick kurz wieder zu George.

„Die Orientierung beginnt morgen. Ich gehe davon aus, dass Sie beide teilnehmen.“

George nickte.

„Natürlich.“

Antonio gab ein kleines zustimmendes Nicken.

„Gut.“

Dann drehte er sich um und ging.

Nach ein paar Schritten blieb er stehen.

Und blickte zurück.

Seine Augen bewegten sich noch einmal zwischen ihnen hin und her.

Nicht neugierig.

Eher prüfend.

Dann ging er den Flur hinunter.

Einen Moment lang sprachen weder Amilia noch George.

Schließlich brach sie das Schweigen.

„Das war Antonio?“

George nickte langsam.

„Ja.“

Amilia blickte in den leeren Flur, in dem der Professor verschwunden war.

Etwas an dieser Begegnung hatte sie leicht beunruhigt.

Nicht Angst.

Einfach... Bewusstsein.

Sie drehte sich wieder zu George.

„Er schien an dir interessiert zu sein.“

George blickte wieder zum Fenster.

„Antonio interessiert sich für viele Dinge.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

George zögerte.

Dann sagte er leise:

„Manche Interessen lässt man besser ruhen.“

Amilia runzelte leicht die Stirn.

Diese Antwort warf mehr Fragen auf, als sie löste.

Aber George erklärte nicht weiter.

Stattdessen stand er auf.

„Ich sollte gehen. Diego fragt sich bestimmt schon, wo ich abgeblieben bin.“

Amilia blieb sitzen.

„Diego?“

„Mein Mitbewohner.“

Sie nickte langsam.

George trat von der Bank weg.

Dann hielt er inne.

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er noch etwas sagen.

Stattdessen sagte er einfach:

„Wir sehen uns, Amilia.“

Dann ging er den Flur hinunter.

Amilia blieb, wo sie war.

Ihr Notizbuch lag noch geschlossen in ihrem Schoß.

Ihre Gedanken waren nun etwas komplizierter als noch vor einer Stunde.

Denn etwas an der Art, wie Antonio sie angesehen hatte, fühlte sich nicht zufällig an.

Und etwas an der Art, wie George es vermieden hatte, es zu erklären, fühlte sich noch weniger zufällig an.

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