LOGINSofia legte ihr Handy weg und ging ins angrenzende Badezimmer. Sie schaltete das grelle Licht über dem Spiegel ein und musterte ihr Spiegelbild. Ihr schwarzes Haar wellte sich noch ein wenig von der Autofahrt; sie bürstete es schnell durch und ließ es offen auf ihre Schultern fallen. Make-up: ein Lidstrich, um ihre dunklen Augen zu betonen, etwas Mascara und ein nudes Lippenstift, der ihren vollen Mund zur Geltung brachte, ohne zu übertreiben. Sie wollte sich schön fühlen, begehrenswert nicht für Ellie, nicht für die Freunde, sondern für dieses innere Gefühl, das seit ihrer Ankunft in ihr brodelte. Für Pedro vielleicht, auch wenn sie sich weigerte, es laut zuzugeben.
Für das Outfit entschied sie sich für ein enges schwarzes Kleid, kurz über den Oberschenkeln, mit einem dezenten, aber schmeichelhaften Ausschnitt. Sie hatte es spontan an der Uni gekauft, für eine Studentenparty, die sie dann doch geschwänzt hatte. Sie drehte sich vor dem Spiegel: Das Kleid umschmeichelte ihre Kurven ohne Vulgarität, aber genug, dass sie sich wie eine Frau fühlte. Sie zog flache Sandalen an praktisch, falls sie auf den Sand musste und griff sich eine leichte Jeansjacke, für alle Fälle.
Als sie hinunterging, wartete Ellie unten an der Treppe, an die Wand gelehnt, das Handy in der Hand. Er trug eine enge Jeans und ein weißes T-Shirt, das seine Schultern von früheren Schwimmzeiten in der Highschool betonte. Er blickte auf und sein Gesicht hellte sich auf.
— Wow, Sofia … du bist … äh, umwerfend.
Sie lachte leise, während sie die letzten Stufen hinunterkam.
— Danke, Ellie. Du siehst auch nicht schlecht aus. Bereit?
Doch bevor sie sich bewegen konnten, tauchten Pedro und Javier aus dem Wohnzimmer auf, wo sie noch ein letztes Bier tranken und ein Fußballspiel im Fernsehen sahen. Pedro stellte seine Flasche auf dem Couchtisch ab, seine Augen glitten mit einer Intensität über Sofia, die sie erschauern ließ. Er verschränkte die Arme, eine Augenbraue hochgezogen.
— Ist das nicht ein bisschen zu kurz? sagte er mit ruhiger Stimme, aber mit einem Unterton von Autorität, der fast väterlich klang fast.
Javier neben ihm schüttelte lachend den Kopf.
— Lass sie in Ruhe, compadre. Sie ist neunzehn, nicht zwölf. Sofia weiß, was sie tut.
Sofia spürte, wie ihre Wangen rot wurden, aber sie hob trotzig das Kinn.
— Schon gut, Pedro. So kurz ist es gar nicht. Und ich habe eine Jacke, schau.
Sie zeigte sie ihm, ließ sie wie einen Umhang über ihre Schulter baumeln.
Pedro lächelte nicht sofort. Seine Augen blieben eine Sekunde zu lang auf ihr ruhen, wanderten ihre nackten Beine hinunter, bevor sie wieder nach oben kehrten. Dann nickte er langsam.
— In Ordnung. Aber pass auf dich auf.
Javier mischte sich ein, leichter.
— Ellie, du behältst sie im Auge, ja? Und ihr geht ans Telefon, wenn wir anrufen. Kommt nicht zu spät zurück spätestens Mitternacht, okay?
Ellie brüstete sich, stolz auf seine Mission.
— Versprochen, Onkel Javier. Ich beschütze sie wie eine Prinzessin.
Sofia verdrehte innerlich die Augen, aber lächelte der Form halber. Endlich gingen sie hinaus, Ellie lief ein wenig zu nah an ihr auf dem Weg zur Straße. Jonathans Villa war nur fünfzehn Gehminuten entfernt, an der Küste entlang, unter den Sternen, die langsam den schwarzen Himmel durchbrachen.
— Du siehst wirklich schön aus heute Abend, Sof, murmelte Ellie auf dem Weg, seine Stimme ein wenig zögerlich.
Er schob eine Hand in seine Tasche, die andere streifte versehentlich oder absichtlich Sofias Arm.
— Ich meine … du hast dich verändert seit letztem Jahr. Mehr … Frau, halt.
Sie sah ihn von der Seite an, amüsiert trotz allem. Sein Flirt war so unbeholfen, so offensichtlich – wie damals, als er ihr mit vierzehn Muscheln schenkte.
— Danke, Ellie. Das ist nett. Aber wir sind nur Freunde, okay? Wie immer.
Er errötete, stammelte ein „Ja, klar“ und wechselte das Thema zur Musik, die sie auf der Party hören würden. Sofia fühlte sich ein wenig schuldig er war süß, wirklich aber ihre Gedanken waren woanders, bei Pedros Blick, bei dieser Spannung, die sie in der Luft gespürt hatte, als er ihr Kleid kommentierte.
Jonathans Villa tauchte am Ende des Weges auf: ein modernes Ungetüm aus Glas und Beton, erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum, mit Bässen, die bereits in die Nacht pulsierten. Überall auf dem Rasen waren Autos wild geparkt, und Gelächter drang vom Pool am Ende des Gartens herüber. Jonathan empfing sie an der Tür, ein Glas in der Hand, nackter Oberkörper und schon etwas betrunken.
— Ellie! Sofia! Kommt rein, die Leute sind an der Bar!
Drinnen herrschte organisiertes Chaos: Elektromusik, die die Wände zum Beben brachte, Stroboskoplichter, die über die Gesichter tanzten, und eine Menge junger Leute, die sich um die improvisierte Bar oder die Tanzfläche im Wohnzimmer drängten. Sofia entdeckte Mia fast sofort ihre beste Freundin, mit pink gefärbten Haaren und ansteckender Energie. Mia kreischte, als sie sie sah, und warf sich in ihre Arme.
— Sof! Endlich! Du hast die letzte Party verpasst, es war der Wahnsinn! Komm, ich stell dich allen vor ach, warte, du kennst sie ja schon. Carlos! Lena! Eden! Mike! Schaut mal, wer da ist!
Die Umarmungen prasselten herein. Carlos, der Clown der Gruppe, mit seinem ewigen Lächeln und seinen schlechten Witzen, klatschte ihr ab.
— Sofia, die Legende! Bereit, bis zum Morgengrauen zu tanzen?
Lena, zurückhaltender, aber immer scharfsinnig, drückte ihr ein Glas Punsch in die Hand.
— Vorsicht, das ist stark. Und erzähl mir alles über die Uni hast du einen Freund?
Eden und Mike, unzertrennlich wie Zwillinge, zogen sie auf die Tanzfläche.
— Wir tanzen! Keine Ausreden!
Der Abend nahm schnell Fahrt auf. Sofia ließ sich vom Rhythmus mitreißen: Sie tanzte mit Mia zu einem Reggaeton-Remix, lachte Tränen, als Carlos Jonathan beim Flirten mit einem Mädchen nachahmte, und nippte an ihrem Punsch, während Lena sich über ihren Ex-Freund beklagte. Ellie blieb in ihrer Nähe, beschützend wie versprochen, aber ein wenig aufdringlich er versuchte, mit ihr zu tanzen, seine Hände auf ihren Hüften etwas zu aufdringlich, und sie schob ihn sanft weg.
— Entspann dich, Ellie, wir haben Spaß!
Mitten in der Menge fühlte sich Sofia lebendig, frei. Aber hin und wieder vibrierte ihr Handy in der Tasche – eine Nachricht von Javier: „Alles okay?“ Sie antwortete schnell: „Ja, wir haben eine tolle Zeit. Küsschen.“ Dann eine weitere, von Pedro: „Nicht zu spät, mija.“ Sie starrte eine Sekunde auf den Bildschirm, das Herz zusammengeschnürt. Mija. Dieses Wort, das so unschuldig klang und jetzt so tabu war.
Der erste Tag an der Uni begann unter einem zu klaren, fast klinischen Licht. Sofia stand früh auf, mehr aus Nervosität als aus Disziplin. Sie duschte zu lange, zog sich mit einer Sorgfalt an, die sie seit Wochen nicht mehr gehabt hatte, und betrachtete sich einen Moment im Badezimmerspiegel. Ihr Gesicht erschien ihr zugleich vertraut und fremd. Die Augenringe waren noch da, aber weniger ausgeprägt. Ihre Augen hatten eine Form von Ruhe zurückgewonnen, zerbrechlich, vorläufig. Sie spülte kaltes Wasser über ihr Gesicht, atmete tief ein und verließ das Haus, ohne ihrem Vater zu begegnen.Der Weg zum Campus verlief in einer dichten inneren Stille. Sie ging zwischen anderen Studierenden, Taschen über der Schulter, Kaffee in der Hand, Gespräche bereits laut. Um sie herum schien jeder neu anzufangen. Sie nicht. Sie ging mit dem Gewicht des Sommers, das noch immer zwischen ihren Schulterblättern hing, unsichtbar, aber beständig. Bei jedem Schritt stiegen Bilder auf, gegen ihren Willen: die Te
Der Schulbeginn war in zwei Tagen. Sofia war allein in ihrem Zimmer. Das Haus war ruhig. Javier war ausgegangen, Diego sah sich unten etwas an, und die Stille, die die Treppe heraufstieg, lastete fast so schwer auf ihr wie die Gedanken, die seit Tagen in ihrem Kopf kreisten. Sie lag auf dem Bett, das Telefon auf ihrer Brust, der Bildschirm noch an. Seit mehreren Abenden begann sie immer wieder dasselbe: den Chat mit Ellie öffnen, schreiben, löschen, neu schreiben. Nachrichten, zu lang, zu unbeholfen, zu aufrichtig. Sie sagte ihm, dass sie sich Vorwürfe machte. Dass sie verstand, dass er ihr böse war. Dass er ihr fehlte. Jedes Mal las sie die Sätze noch einmal, bevor sie sie abschickte, das Herz zusammengeschnürt, und dann schickte sie sie trotzdem. Und jedes Mal war die Stille, die folgte, dieselbe.Sie verbrachte auch lange Momente auf seinem Profil. Sie konnte nicht anders. Sie scrollte langsam, betrachtete die alten Fotos, die hervorgehobenen Stories, die Beiträge, die er nicht gel
Es blieben noch sechs Tage bis zum Schulbeginn, und die Zeit schien sich für Sofia zugleich zu dehnen und zusammenzuziehen wie ein zu straff gespanntes Seil. Mia kam am frühen Nachmittag, ohne sich wirklich angekündigt zu haben, klopfte zweimal an die Zimmertür und trat ein. Sie fand Sofia noch in Leggings und einem weiten T-Shirt, auf der Bettkante sitzend, den Blick irgendwo hinter der Fensterscheibe verloren. Mia blieb einen Moment auf der Schwelle stehen, beobachtete sie schweigend, dann verschränkte sie die Arme in einer Art, die kaum Raum für Diskussionen ließ.— Du ziehst dich an. Wir gehen raus.Sofia drehte langsam den Kopf zu ihr. Ihre Stimme kam leise heraus, fast erloschen.— Ich habe wirklich keine Lust, Mia.— Ich weiß genau, dass du keine Lust hast. Zieh dich trotzdem an.Es folgte ein Schweigen. Sofia seufzte lange, fuhr sich mit einer Hand durch ihr noch zerzaustes Haar und stand dann ohne jede Überzeugung auf. Sie zog eine Jeans an, einen weiten Sweater, schnürte Tur
Das Elternhaus hatte sich nicht verändert.Die Wände waren dieselben, in einem Weiß, das mit den Jahren leicht vergilbt war. Die Möbel standen an genau denselben Plätzen. Der Geruch von Waschmittel hing noch immer im Flur, vermischt mit dem Kaffeeduft, den ihre Mutter jeden Morgen zubereitete. Nichts hatte sich bewegt. Und doch hatte Sofia, als sie über die Schwelle trat, das Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, der ihr nicht mehr gehörte. Als beobachteten sie die Räume. Als wüssten es die Wände.Sie ging direkt in ihr Zimmer, ohne das Licht einzuschalten. Sie stellte ihren Koffer neben den Schrank, setzte sich auf die Bettkante und blieb dort sitzen, die Hände auf den Knien, den Blick auf den Boden gerichtet. Draußen hörte man ab und zu ein Auto vorbeifahren. Drinnen war die Stille zu sauber, zu gewöhnlich. Sie legte sich vollständig angezogen hin, zog die Decke bis zum Kinn und schloss die Augen. Sie schlief nicht wirklich. Sie schwebte nur zwischen Erschöpfung und einer Art Leere,
Sofia schloss den Koffer mit einer zu heftigen Bewegung. Das Geräusch des Reißverschlusses zerriss die Stille des Zimmers wie ein Riss. Sie blieb lange mit beiden Händen auf dem Gepäck stehen, die Schultern gebeugt, den Kopf gesenkt. Das Zimmer roch noch nach Salz, Sonne und ein wenig nach Waschmittel. Die Laken waren zerknittert, ein feuchtes Handtuch hing über der Stuhllehne, und das Fenster stand noch halb offen zum Garten, der bereits weniger hell war als auf dem Höhepunkt des Sommers. Sie hatte alles mechanisch gefaltet, ohne wirklich hinzusehen, was sie einpackte. Jedes T-Shirt, jede Shorts, jeder Badeanzug erinnerte sie an eine Geste, einen Blick, eine Nacht. Dinge, die sie nicht mehr behalten durfte.Sie verweilte noch eine Minute, die Augen auf das ungemachte Bett gerichtet. Dann zog sie den Koffer zur Tür. Die Rollen machten ein unregelmäßiges, zu lautes Geräusch auf den Fliesen des Flurs. Sie ging langsam die Treppe hinunter, als koste sie jede Stufe eine Anstrengung. Unten
Mia parkte das Auto vor dem Ferienhaus, als Sofia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Die Fassade war dieselbe geblieben, weiß, sonnenüberflutet, mit halb geöffneten Fensterläden und den Liegestühlen, die noch immer auf der Terrasse aufgereiht standen. Nichts hatte sich verändert. Und doch hatte sich alles verändert.Sofia stieß die Autotür auf und stieg die paar Stufen hinauf. Sie öffnete die Haustür. Der Geruch des Hauses traf sie sofort: eine Mischung aus Holz, Salz und etwas Kälterem, Leereren. Im Wohnzimmer standen bereits mehrere Koffer neben dem Sofa. Diego war da, stand aufrecht, die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Er hob den Kopf, als er sie hereinkommen hörte.Sofia zögerte nicht. Sie durchquerte den Raum mit schnellen Schritten und nahm ihn in die Arme. Diego blieb eine Sekunde starr, dann ließ er sich gegen sie sinken. Sie drückte ihn fester.— Es wird gut werden, murmelte sie an seiner Schulter. Alles wird sich regeln.Diego antwortete nicht. Er nickte nur schwac







