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Kapitel Sechs

Author: Viv Rex
last update publish date: 2026-07-28 19:24:45

Ich verlasse McCall Industries und die kalte New Yorker Luft schlägt mir ins Gesicht, und ich schwöre, ich habe mich noch nie so gut gefühlt in meinem ganzen Leben. Die Glastüren gleiten hinter mir zu, und ich stehe einen Moment auf dem Bürgersteig, atme einfach nur, lasse alles auf mich wirken.

Ich habe den Job.

Ich habe tatsächlich den Job.

Meine Füße berühren kaum den Boden, als ich zur U-Bahn-Station gehe. Ich schwebe. Ich grinse wie ein Idiot, und es ist mir egal, wer mich sieht.

Aber selbst durch all die Aufregung geht mir eine Sache nicht aus dem Kopf.

Dieser Mann.

Scott McCall.

Er ist der seltsamste CEO, den ich je getroffen habe. Und ich habe noch nie einen CEO getroffen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die nicht so starren sollen, als würden sie versuchen, deine Gedanken zu lesen. Die sollen nicht fragen, ob es dir gutgeht, und dann lachen, wenn du sie beleidigst. Und sie sollen dich definitiv nicht "interessant" nennen und dich dann auf der Stelle einstellen, als wäre es das Normalste der Welt.

Ich schüttele den Kopf, während ich die Treppe zur U-Bahn hinuntergehe.

Was auch immer. Ich habe den Job. Das ist alles, was zählt.

---

Ich komme in Anns Wohnung an, und sie wartet schon an der Tür wie ein aufgeregter Welpe. Sie packt mich, sobald ich eintrete.

"Na?" fragt sie mit weit aufgerissenen Augen. "Hast du ihn?"

Ich lasse die Stille einen Moment lang stehen. Dann breche ich in das größte Grinsen aus.

"Ja. Ich habe ihn."

Sie schreit. Sie schreit tatsächlich. Sie packt mich und umarmt mich so fest, dass ich kaum atmen kann.

"Oh mein Gott! Jennifer! Ich wusste es! Ich wusste, dass du ihn kriegst!"

"Ich weiß", sage ich lachend. "Du hast es mir hundertmal gesagt."

"Weil ich recht hatte!"

Sie tritt zurück und sieht mich an. "Okay, wir feiern. Ich bestelle Chinesisch. Das Gute. Nicht das Billige."

"Ann, ich kann mir das nicht leisten—"

"Halt die Klappe. Ich lade ein. Das ist eine große Sache."

Ich öffne den Mund, um zu widersprechen, aber sie ist schon am Telefon und bestellt Essen. Ich schüttle nur den Kopf und lächle. Ann war mein Fels in all dem. Die einzige Person, die mich nie aufgegeben hat, die mich nie wie eine Last fühlen ließ, auch als ich auf ihrer Couch schlief und ihr Essen aß. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde.

Ich lasse mich auf die Couch fallen, und sie setzt sich neben mich und drückt mir ein Glas Wein in die Hand.

"Okay", sagt sie. "Erzähl mir alles. Fang von vorne an und lass nichts aus."

Ich lache und nehme einen Schluck Wein. "Okay, okay. Ich komme also dort an, und dieses Gebäude ist der Wahnsinn. Überall Marmorböden, hohe Decken, Leute in Anzügen, die herumrennen, als ob ihnen der Ort gehört. Ich fühlte mich so fehl am Platz."

"Ich hab dir doch gesagt, der Anzug würde funktionieren."

"Hast du. Danke dafür übrigens."

"Kein Thema. Erzähl weiter."

"Also mache ich das Vorstellungsgespräch. Drei Leute. Sie stellen alle normalen Fragen. Warum willst du hier arbeiten. Was sind deine Stärken und Schwächen. All das Zeug. Ich glaube, es läuft ganz gut."

"Und dann?"

"Und dann sagen sie mir, der CEO will mich persönlich treffen. Anscheinend macht er das mit allen potenziellen Neueinstellungen. Er will wohl wissen, wer in sein Unternehmen kommt."

Ann beugt sich vor. "Und? Wie war er?"

Ich denke einen Moment nach. "Er war... komisch. Wirklich komisch. Er saß einfach da und starrte mich an. Die ganze Zeit. Ich dachte, ich hätte etwas im Gesicht oder so."

"Hat er etwas gesagt?"

"Er sagte, ich käme ihm bekannt vor."

Anns Augen werden groß. "Bekannt? Wie, ihr habt euch vielleicht schon mal getroffen?"

"Ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Das würde ich mir merken. Er ist nicht gerade leicht zu vergessen. Groß. Dunkle Haare. Blaue Augen. Diese kleine Narbe über seiner Augenbraue. Und er ist jung für einen CEO, vielleicht Anfang dreißig. Aber da ist etwas an ihm, das einfach... intensiv ist."

Ann grinst. "Du magst ihn."

"Ich mag ihn nicht. Er ist mein Chef. Und er ist arrogant. Reich. Wahrscheinlich unmöglich für ihn zu arbeiten."

"Ah ja. Sicher."

"Im Ernst. Er stellte mir ständig diese persönlichen Fragen. So, ob es mir gutgeht. Finanziell. Emotional. Als würde er versuchen, in meinen Kopf zu gelangen."

Ann runzelt die Stirn. "Das ist seltsam."

"Genau? Also wurde ich defensiv. Ich hab ihn irgendwie... beleidigt."

Anns Kinn klappt herunter. "Du hast den CEO beleidigt? Bei deinem Vorstellungsgespräch?"

Ich lache. "Ich sagte ihm, dass sein Geld ihn nicht wichtig macht. Und dass ich mir wenigstens meine eigenen Klamotten leisten kann. Und dass ich sein Mitleid nicht brauche."

Ann starrt mich einen langen Moment an. Dann bricht sie in Gelächter aus.

"Jennifer! Du bist verrückt!"

"Ich weiß!"

"Was hat er getan? Hat er dich auf der Stelle gefeuert?"

"Nein. Er lachte. Wirklich. Dann stellte er mich ein und sagte, ich sei 'interessant.'"

Ann schüttelt den Kopf. "Dieser Mann ist entweder verrückt oder er mag dich. Es gibt keine andere Erklärung."

"Oder er ist einfach gelangweilt und ich bin Unterhaltung."

"Vielleicht. Oder vielleicht ist er gar nicht so schlimm, wie du denkst."

Ich schnaube. "Ann, ich kenne seinen Typ. Reich. Anspruchsvoll. Denkt, er kann sich alles kaufen, was er will. Ich hatte schon mit solchen Typen zu tun."

Ann hebt die Hände. "Okay, okay. Ich sag ja nur. Er hat dir eine Chance gegeben. Vielleicht bedeutet das etwas."

Ich will widersprechen. Aber etwas an ihren Worten bleibt hängen.

Vielleicht ist er gar nicht so schlimm, wie ich denke.

Ich schüttle den Gedanken ab. "Was auch immer. Ich habe den Job. Das ist alles, was zählt."

Ann erhebt ihr Glas. "Auf Jennifer. Die neueste Mitarbeiterin bei McCall Industries. Möge dein Chef weniger verrückt sein, als du denkst."

Ich stoße mit meinem Glas an ihres. "Und möge ich nicht am ersten Tag gefeuert werden."

---

Später in der Nacht, nachdem Ann auf der Couch eingeschlafen ist, während der Fernseher noch läuft, gehe ich in mein Zimmer. Das kleine Zimmer, das nicht wirklich meins ist. Anns Gästezimmer. Das Zimmer, in dem ich seit Wochen auf einer Matratze auf dem Boden schlafe.

Ich öffne meine Handtasche, um mein Handy zu holen, und meine Hand berührt etwas.

Der Umschlag.

Mein Herz bleibt für einen Moment stehen.

Ich ziehe ihn heraus. Er ist immer noch dick. Immer noch voller Geld. Ich habe ihn nicht mehr angerührt, seit ich ihn an jenem Morgen in meine Tasche gesteckt habe. Ich habe so getan, als würde er nicht existieren.

Ich öffne ihn und betrachte das Bargeld. Hundert-Dollar-Scheine. Fünftausend Dollar.

Ich sollte es wegwerfen.

Ich sollte es verbrennen.

Ich sollte etwas tun, das mich weniger schmutzig fühlen lässt bei der ganzen Sache.

Aber ich kann nicht.

Ich brauche dieses Geld. Es ist der Unterschied zwischen Essen und Nicht-Essen. Zwischen dem Bezahlen meiner Handyrechnung und ihrer Abschaltung. Zwischen dem Bleiben in New York und dem Zurückkehren nach Hause mit eingezogenem Schwanz.

Ich schließe den Umschlag und stopfe ihn zurück in meine Tasche.

Ich starre mich im Spiegel an. Mein Spiegelbild sieht müde aus. Abgenutzt. Wie jemand, der zu lange gekämpft hat.

"Ein Grund mehr, nie wieder an diese Nacht zu denken", flüstere ich mir selbst zu.

Und ich meine es ernst.

Ich will nicht an das Hotelzimmer denken. Ich will nicht an den Fremden denken. Ich will nicht an die Hände und den Mund und die Art denken, wie mich jemand für eine Nacht fühlen ließ, als wäre ich nicht unsichtbar.

Weil nichts davon echt war.

Es war nur Sex. Nur eine Transaktion. Nur eine weitere Art, wie die Welt dich aufbraucht und wegwirft.

Ich schalte das Licht aus und lege mich auf die Matratze und starre an die Decke.

Morgen fange ich meinen neuen Job an.

Morgen fange ich mein neues Leben an.

Und ich werde nie, nie wieder an diese Nacht denken.

SCOTTS PERSPEKTIVE

---

Scott McCall sitzt lange nach Feierabend in seinem Büro. Die Stadt glitzert unter ihm durch die bodentiefen Fenster. Die Lichter Manhattans erstrecken sich in jede Richtung wie tausend kleine Versprechen.

Er bemerkt keins davon.

Seine Augen sind auf die Akte in seinen Händen gerichtet.

Jennifer Morgan.

Vierundzwanzig. Informatikabsolventin. Keine aktuelle Berufserfahrung. Beworben für die Stelle als Computeranalystin.

Er hat sie bereits dreimal gelesen. Er hat jedes Detail auswendig gelernt. Ihre Ausbildung. Ihre Referenzen. Der leere Raum, in dem ihr Privatleben stehen sollte.

Er schließt die Akte und blickt über die Stadt.

"Interessant", murmelt er.

Seine Assistentin, die bereits an der Tür wartet, runzelt die Stirn. "Sir?"

"Nichts."

Er nimmt die Akte wieder in die Hand, betrachtet ihr Foto einen Moment länger, bevor er sie schließt. Sie sieht jünger aus auf dem Bild. Weicher. Die Art von Lächeln, das man einer Kamera schenkt, wenn man nicht glaubt, dass jemand wirklich hinsieht.

Aber er sieht jetzt hin.

"Ordnen Sie sie Projekten zu, die direkt an mein Büro berichten", sagt er. "Und ich möchte wöchentliche Fortschrittsberichte."

Seine Assistentin blinzelt. "Wöchentliche Fortschrittsberichte? Für eine Junior-Analystin?"

"Das habe ich gesagt."

"Aber sie ist doch nur—"

"Ich weiß, was sie ist."

Die Assistentin zögert einen Moment. "Die Leute werden merken, dass Sie ihr besondere Aufmerksamkeit schenken."

Scotts Augen bleiben auf die Akte gerichtet.

"Lassen Sie sie."

---

Die Assistentin geht. Die Tür schließt sich. Scott ist wieder allein.

Er blickt auf die Skyline. Die Stadt ist jetzt dunkel, bis auf das Leuchten tausender Bürolichter. Irgendwo da draußen feiert Jennifer wahrscheinlich. Isst Pizza oder chinesisches Essen mit ihrer besten Freundin. Lacht über den seltsamen CEO, der sie eingestellt hat.

Er betrachtet die geschlossene Akte noch einmal.

"Das wird interessant", sagt er leise.

Er schaltet das Licht aus und verlässt das Büro.

Aber Jennifers Akte bleibt auf seinem Schreibtisch liegen.

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