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Kapitel Fünf

Author: Viv Rex
last update publish date: 2026-07-23 05:22:41

Ich setze mich auf den Stuhl gegenüber von seinem Schreibtisch und versuche, ruhig zu wirken, obwohl mein Herz wie verrückt in meiner Brust pocht. Das Büro ist riesig, ganz aus Glas und Stahl und diesem teuren Look, der nach Geld schreit, und er sitzt da hinter diesem massiven Schreibtisch, als würde ihm die ganze Welt gehören.

Was er im Grunde auch tut, anscheinend.

Scott McCall.

Der Name schwirrt immer noch in meinem Kopf herum, kommt mir bekannt vor, aber ich kann ihn nicht einordnen. Vielleicht habe ich ihn mal in den Nachrichten gesehen. Er sieht aus wie der Typ, der oft in den Nachrichten ist.

Er sieht mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten kann. Nicht kalt, aber auch nicht warm. Einfach beobachtend. Als würde er versuchen, etwas herauszufinden.

"Also", sagt er und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. "Jennifer Morgan."

"Ja, das bin ich."

"Ihr Lebenslauf ist beeindruckend. Jahrgangsbeste. Gute Empfehlungen."

"Danke."

Er sagt nichts für einen Moment. Beobachtet mich einfach weiter. Ich will mich winden, aber ich tue es nicht. Ich halte seinen Blick, als wäre ich nicht eingeschüchtert, auch wenn ich es total bin.

"Sagen Sie mir", sagt er langsam, "warum wollen Sie hier arbeiten?"

Ich gebe ihm meine vorbereitete Antwort. Gutes Unternehmen. Tolle Möglichkeiten. Ich möchte meine Karriere vorantreiben. All das Zeug, das man eben so sagt.

Er hört zu, aber ich merke, dass er nicht wirklich zuhört. Er studiert mich. Als würde er nach etwas suchen.

Ich weiß nicht, wonach.

"Ist alles in Ordnung?" frage ich, als er nicht reagiert.

Er lächelt. Ein kleines Lächeln, das nicht ganz in seine Augen reicht. "Alles in Ordnung. Ich versuche nur herauszufinden, wo ich Sie schon mal gesehen habe."

Mein Herz bleibt für einen Moment stehen. "Was?"

"Sie kommen mir bekannt vor. Ich kann es nicht einordnen."

Ich lache nervös. "Ich glaube nicht, dass wir uns schon mal getroffen haben. Das würde ich mir merken."

Würde ich? Wirklich?

Er neigt den Kopf. "Sind Sie sich da sicher?"

Etwas an der Art, wie er es sagt, lässt mir den Magen umkippen. Als wüsste er etwas, das ich nicht weiß.

"Ziemlich sicher", sage ich und versuche, meine Stimme ruhig zu halten. "Ich verkehre nicht gerade in CEO-Kreisen."

Er lacht leise auf. Ein tiefer Klang, der fast warm ist. "Nein, das wohl nicht."

Wieder eine Pause. Seine Augen wandern über mich, betrachten den Anzug, den ich mir von Ann geliehen habe, die Art, wie ich sitze, die Art, wie ich mich halte.

"Wissen Sie", sagt er beiläufig, "Sie sehen aus wie jemand, der ein bisschen Hilfe gebrauchen könnte."

Ich blinzele. "Entschuldigung?"

"Ihr Anzug. Ist hübsch. Aber nicht original. Geliehen, vielleicht?"

Mir wird heiß im Gesicht. "Ich glaube nicht, dass das irgendetwas angeht."

Er ignoriert mich. Redet weiter. "Und die Art, wie Sie sich bewegen. Da ist eine Härte. Als hätten Sie schon einiges durchgemacht."

Ich sage nichts. Starre ihn nur an.

"Ich hatte ein Gefühl", fährt er fort, "als ich Ihre Akte gesehen habe. Die Art, wie Sie reden. Wie Sie schreiben. Sie wirken wie jemand, der schon lange kämpft."

"Was wollen Sie damit sagen?"

Er beugt sich vor, seine Augen bohren sich in meine. "Ich will damit sagen, dass ich Ihnen einen Job anbiete. Aber ich muss wissen, ob Sie das durchstehen. Dieser Ort ist nichts für Schwache."

"Das kann ich."

"Können Sie?"

"Ja."

Er mustert mich noch einen langen Moment. Dann lächelt er wieder, und diesmal ist es anders. Fast anerkennend.

"Gut", sagt er. "Denn ich habe das Gefühl, dass Sie interessant werden."

Interessant. Dieses Wort hängt in der Luft zwischen uns.

"Ich muss Ihnen noch eine persönliche Frage stellen", sagt er.

Ich spanne mich an. "Persönlich?"

"Nur eine Frage. Dann sind wir fertig."

Ich will nicht Ja sagen, aber ich habe keine Wahl. "Na gut."

"Geht es Ihnen gut?"

Die Frage überrascht mich. Damit habe ich nicht gerechnet.

"Was?"

"Ihnen. Geht es Ihnen gut? Finanziell, meine ich. Emotional. Das Leben generell. Sie wirken wie jemand, der kämpft."

Mein Mund öffnet und schließt sich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

"Warum interessiert Sie das?" frage ich schließlich.

Er zuckt mit den Schultern. "Eigentlich nicht. Aber ich möchte wissen, wen ich einstelle. Und Sie..." er macht eine Pause, "Sie sehen aus wie jemand, der eine Chance verdient hat."

Etwas in mir zerspringt. Die ganze Anspannung, die Angst, die Hoffnung, alles, was ich in mir behalten habe, bricht einfach heraus.

"Hören Sie", sage ich, meine Stimme schärfer als beabsichtigt, "ich weiß nicht, wer Sie denken, dass Sie sind, aber ich bin nicht wegen einer Therapiestunde hier. Ich bin wegen eines Jobs hier. Wenn Sie mich einstellen wollen, stellen Sie mich ein. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Aber ich brauche Ihr Mitleid nicht. Ich brauche Ihr Geld nicht. Und ich brauche ganz sicher nicht, dass Sie so tun, als würden Sie sich um mich kümmern."

Seine Augenbrauen heben sich. Ich kann nicht sagen, ob er überrascht oder amüsiert ist oder beides.

"Oh", fahre ich fort, "und mein Anzug ist zwar geliehen, aber ich kann mir wenigstens meine eigenen Klamotten leisten. Anders als manche Leute, die mit Geld versuchen, sich wichtig zu machen."

Die Worte kommen heraus, bevor ich sie aufhalten kann. Ich weiß nicht einmal, woher sie kamen.

Einen Moment lang sagt er nichts.

Dann lacht er.

Nicht nur ein Lachen. Ein richtiges Lachen. Als hätte ich ihm den lustigsten Witz seit Jahren erzählt.

"Ich wusste es", sagt er und schüttelt den Kopf. "Ich wusste, dass Sie Feuer in sich haben. Deshalb habe ich Sie eingestellt."

Mein Kinn klappt nach unten. "Warte. Was?"

"Sie sind eingestellt. Herzlichen Glückwunsch."

"Aber ich habe Sie doch gerade—ich habe Sie gerade beleidigt."

"Ich weiß. Es war das ehrlichste Gespräch, das ich seit Monaten geführt habe."

Ich starre ihn an. Der Mann ist verrückt. Total verrückt.

"Melden Sie sich am Montag in der Personalabteilung", sagt er. "Die kümmern sich um die Formalitäten."

Er steht auf, kommt um seinen Schreibtisch herum und streckt mir seine Hand entgegen. Ich ergreife sie, immer noch unter Schock.

"Willkommen bei McCall Industries, Jennifer. Ich habe das Gefühl, Sie werden Ärger machen."

Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment oder eine Warnung ist.

Aber ich bin dabei.

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