INICIAR SESIÓNAm ersten Tag in meinem neuen Büro verfluche ich meinen neuen Chef. Denn ich glaube, er ist meine erste große Liebe. Er spielt dieses Spiel mit mir. Tut so, als würde er mich überhaupt nicht kennen. Als wären wir uns nie begegnet. Nur weil ich vor zehn Jahren so hemmungslos war, ihm meine Liebe zu gestehen. Zehn Jahre. Ein ganzes Jahrzehnt lang trage ich Liam Thorne in meinem Herzen wie eine Wunde, die niemals verheilt ist. Seine Wärme. Seine Freundlichkeit. Dieses Lächeln, das einen ganzen Raum zum Leuchten bringen konnte. Ich habe ihm alles gegeben – meine Gefühle, mein Herz, meine törichte Hoffnung. Und er hat all das mit drei Worten zerstört: „Das ist meine Freundin.“ Heute habe ich mir ein neues Leben aufgebaut. Eine angesehene Stelle bei der Aethelgard Corporation, mitten im glitzernden Stadtzentrum von Aethelburg. Ein Neuanfang. Die Chance, endlich loszulassen und nach vorn zu blicken. Doch ausgerechnet an meinem ersten Arbeitstag tritt meine Vergangenheit durch die Bürotür. Da steht er. Liam Thorne. Meine erste große Liebe. Nur ist er jetzt mein kalter, anspruchsvoller Chef, der mich behandelt, als wäre ich eine völlig Fremde. Geblendet von zehn Jahren Schmerz und Demütigung lasse ich meine Wut an ihm aus … bis eine schockierende Wahrheit alles verändert. Der Mann, der vor mir steht, ist nicht Liam. Er ist Julian. Liams älterer Bruder. Und irgendwo zwischen unseren Streitigkeiten, verstohlenen Blicken und langen Nächten, in denen wir Seite an Seite arbeiten, muss ich mich schließlich der einen Sache stellen, die ich mir geschworen hatte, niemals zu tun. Mich in einen weiteren Thorne zu verlieben.
Ver másDie Aufzugtüren öffneten sich, und meine Welt blieb stehen.
Er stand dort.
Dieselbe Statur. Dieselben Augen. Dasselbe Gesicht, das ich zehn Jahre lang jede Nacht vor mir gesehen hatte, sobald ich die Augen schloss. Mir stockte der Atem, als die Vergangenheit mit der Wucht einer Flutwelle in die Gegenwart stürzte.
Liam.
Er blickte von seinem Handy auf, und unsere Augen trafen sich.
Ruhig. Professionell. Leer.
Als würde er mich überhaupt nicht kennen.
„Miss Sharpe, das ist …“, begann Victoria neben mir, doch ihre Stimme drang nur noch gedämpft zu mir durch.
Ich dachte nicht nach. Ich bewegte mich einfach.
Meine Absätze klackerten hektisch über den polierten Marmorboden, während ich mich umdrehte und davonstürmte. Ich spürte bereits die brennenden Tränen hinter meinen Augen, die jeden Moment überlaufen konnten. Ich stieß durch die Glastüren, eilte an der Rezeption und dem Sicherheitsdienst vorbei und rannte weiter, bis ich auf einer tiefer gelegenen Etage einen verlassenen Balkon fand.
Das kalte Geländer schnitt in meine Handflächen, als ich mich daraufstützte und verzweifelt nach Luft rang.
Idiotin. Du absolute Idiotin, Evelyn Sharpe.
Zehn Jahre. Ein ganzes Jahrzehnt.
Und noch immer genügte ein Blick in sein Gesicht, um mich auseinanderzunehmen. Noch immer konnte der Klang seiner Stimme mein Herz in tausend Stücke zerbrechen.
Die Erinnerung kam ohne Vorwarnung. Scharf. Rücksichtslos. Sie riss mich zurück an den Tag, an dem alles zerbrochen war.
Die Universitätsgärten lagen im goldenen Licht des späten Nachmittags.
Graduationstag.
Ich hatte gerade meinen Abschluss gemacht, und die Welt schien voller Möglichkeiten. Meine Freunde lachten um mich herum, warfen ihre Hüte in die Luft und feierten das Ende eines Lebensabschnitts und den Beginn eines neuen.
Dann sah ich ihn.
Liam Thorne kam durch die Menge auf mich zu, einen Strauß roter Rosen in der Hand.
Meine Lieblingsblumen.
Das Sonnenlicht fing sich in seinem Haar und ließ ihn aussehen, als wäre er direkt einem Traum entsprungen. Sein Lächeln – dieses breite, warme Lächeln, bei dem mein Herz jedes Mal schneller schlug – war heller als die Sonne selbst.
„Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss“, sagte er und reichte mir die Rosen.
Ich nahm sie entgegen und strahlte so breit, dass mir die Wangen wehtaten.
„Was soll das? Du hast doch auch deinen Abschluss gemacht.“
Gemeinsam gingen wir durch die Gärten, genau wie so oft zuvor.
Vorbei an den alten Eichen. Den steinernen Bänken. Dem Weg, an dem ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, allein auf einer Bank sitzend und in einem Buch lesend.
Ich hatte damals aufgeblickt und ihn auf mich zukommen sehen. Seine bloße Anwesenheit war so warm gewesen, dass es sich angefühlt hatte, als würde ich in das Sonnenlicht treten.
Das hatte ich ihm nie erzählt.
Bis zu diesem Tag.
„Erinnerst du dich an unser erstes Treffen?“, fragte ich. Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte.
Er dachte einen Moment nach.
„War das in der Bibliothek? Vor ungefähr einem Jahr?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Hier. Genau auf diesem Weg.“ Ich deutete auf die Bank. „Ich saß dort und habe gelesen, dann habe ich aufgeschaut und dich auf mich zukommen sehen. Du warst so …“ Ich suchte nach dem richtigen Wort. „… umwerfend.“
Er wurde still.
Seine Augen suchten mein Gesicht, und für einen Moment glaubte ich, etwas darin aufblitzen zu sehen – Überraschung vielleicht?
Ich holte zittrig Luft.
Jahrelang hatte ich meine Gefühle verborgen. Hatte so getan, als würde sein Lächeln mein Herz nicht schneller schlagen lassen. Hatte mich gezwungen, cool zu bleiben, obwohl ich innerlich jedes Mal den Verstand verlor, wenn er mich ansah.
Aber heute fühlte sich alles anders an.
Heute war vielleicht meine letzte Chance.
„Ich mag dich“, sagte ich.
Dann schüttelte ich den Kopf.
„Nein. Das ist es nicht.“ Meine Finger schlossen sich fester um die Rosen. „Ich … ich bin in dich verliebt.“
Die Worte blieben zwischen uns hängen.
Ich wartete darauf, dass sein Lächeln breiter wurde. Dass er mich in seine Arme zog. Dass er mir sagte, dass er genauso empfand.
Stattdessen wurden seine Augen feucht.
Er sah traurig aus.
Warum sah er so traurig aus?
„Liam!“
Eine fröhliche Stimme zerriss den Moment.
Ein Mädchen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte, kam auf uns zu. Sie war hübsch, jung und strahlte, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen. Ohne zu zögern, hakte sie sich bei Liam unter.
Ich sah, wie er kurz zusammenzuckte.
„Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss!“, sagte sie und wandte sich dann mit einem neugierigen Lächeln an mich. „Und wer ist das?“
Liam zögerte.
Die Schuld in seinen Augen ließ meinen Magen verkrampfen.
„Das ist …“
Er schluckte schwer.
„Das ist meine Freundin. Evelyn Sharpe.“
Freundin.
Nach meinem Geständnis fühlte sich dieses eine Wort wie eine Ohrfeige an.
„Und das ist …“
Er stockte erneut.
Ich spürte, wie sich die Welt unter meinen Füßen neigte.
„Das ist meine Freundin. Chloe Bennett.“
Der Boden verschwand unter mir.
Freundin.
Ein trockenes, hohles Lachen entrang sich meiner Kehle. Es klang nicht einmal nach mir.
„Freundin?“
Das Wort schmeckte bitter wie Asche.
Ich sah Liam an.
Wirklich an.
Er war blass. Seine Hände zitterten. Noch nie hatte ich ihn so elend gesehen.
Und dann ging ich.
Die Erinnerung verblasste und ließ mich allein auf dem kalten Balkon zurück, während zehn Jahre schwer auf meinen Schultern lasteten.
Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und holte zittrig Luft.
Was sollte ich nur tun?
Mein Traumjob. Mein Neuanfang.
Und der erste Mensch, dem ich an meinem ersten Arbeitstag begegnete, war ausgerechnet der Mann, der mein Herz in tausend Stücke zerbrochen hatte.
Der Mann, den ich ein ganzes Jahrzehnt lang zu vergessen versucht hatte.
Ich konnte nicht ewig davonlaufen.
Ich konnte nicht gleich am ersten Tag kündigen.
Ich musste zurück.
Aber wie?
Wie sollte ich ihm gegenübertreten? Wie sollte ich lächeln, ihm die Hand reichen und so tun, als hätte er mich nie zerstört?
Die Antwort war einfach:
Ich konnte es nicht.
Aber ich musste es versuchen.
Ich zog mein Handy heraus und öffnete meine Nachrichten. Mein Finger schwebte lange über dem Display, bevor ich schließlich tippte.
Evelyn: Victoria, es tut mir wirklich leid. Ich habe plötzlich starke Magenschmerzen bekommen. Ich bin in fünf Minuten zurück.
Die Lüge hinterließ einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge, doch ich drückte trotzdem auf „Senden“.
Dann holte ich tief Luft, straffte die Schultern und ging zurück ins Gebäude.
Ich würde meiner ersten großen Liebe gegenübertreten.
Liam Thorne.
Selbst wenn es mein Herz ein zweites Mal zerstörte.
Am Tag des Unfalls befanden wir uns im letzten Aethelgard-Modegeschäft unserer Inspektionstour.Victoria war kaum noch wiederzuerkennen.Sie bewegte sich unsicher, ihr Gesicht war eine starre Maske der Konzentration, während sie versuchte, sich auf die Bestandsberichte zu konzentrieren.Der Filialleiter sprach gerade über die Lagerbestände.Doch ich bemerkte, wie Victorias Blick langsam den Fokus verlor.„Victoria?“Ich sagte es leise.Sie hörte mich nicht.Sie streckte die Hand nach einem hohen Regal aus, um auf einen Fehler im Bestand hinzuweisen.Ihre Bewegungen waren langsam.Unsicher.Dann verlagerte sich ihr Gewicht.Ihre Schulter stieß gegen das Regal.Alles geschah wie in einem Albtraum.Eine Reihe schwerer Ausstellungsboxen geriet ins Wanken.Eine Sekunde später stürzten sie herunter.Mit einem dumpfen Krachen schlugen sie auf Victoria ein.„Victoria!“Ich schrie und rannte zu ihr.Sie gab einen kurzen, scharfen Laut von sich – überrascht und voller Schmerz – bevor sie zu Bod
Der Morgen nach dem Sicherheitsvorfall fühlte sich seltsam an.Der Aethelgard Tower lief äußerlich so reibungslos wie immer, doch unter der Oberfläche lag eine nervöse Spannung in der Luft. Auf den Fluren wurde geflüstert.Nicht über mich.Sondern über das, was in der vergangenen Nacht passiert war.Ich war früh gekommen. Ich wollte beweisen, dass mein Wert nicht nur darin bestand, irgendeine Krise zu überstehen.Meine erste Aufgabe war, den fertigen Fortschrittsbericht für das Zenith-Projekt an Julian zu schicken.Ich hängte die Datei an, formulierte eine professionelle E-Mail und klickte auf Senden.Fast sofort ertönte eine Nachricht in unserem internen Chat.Julian Thorne:Mein Büro.Mein Herz machte einen kleinen Satz.Stimmte etwas mit dem Bericht nicht?Hatte Seven noch etwas gefunden?Ich ging in sein Büro und fand ihn an seinem Schreibtisch vor.Doch auf seinem Monitor waren keine Finanzberichte geöffnet.Stattdessen sah ich Bilder.Eine ganze Reihe äußerst eleganter, vollkomm
Es war längst nach Mitternacht, als Julian das Sicherheitsteam schließlich entließ.Sie sollten sich in Schichten weiter um die Suche kümmern.Der Sturm draußen hatte inzwischen nachgelassen.Zumindest vorerst.Das Gebäude war wieder still.Die Panik hatte sich in eine ruhige, entschlossene Jagd verwandelt.Wir waren allein im Kontrollraum, umgeben vom gleichmäßigen Summen der Server.Der Adrenalinrausch ließ nach und machte einer tiefen Erschöpfung Platz.„Sie sollten nach Hause gehen, Evelyn“, sagte Julian.Seine Stimme klang rau vor Müdigkeit.„Ich sehe mir den Abschlussbericht an.“„Ich kann warten, Sir.“Ich schüttelte leicht den Kopf.„Ich stelle sicher, dass für das Frühteam alles dokumentiert ist.“Ich konnte ihn nicht einfach hier zurücklassen.Nicht umgeben von den Beweisen für den Verrat, der sich in dieser Nacht abgespielt hatte.Er widersprach nicht.Er nickte nur kurz und verließ den Sicherheitsraum.Doch er ging nicht zum Aufzug.Er ging zurück in sein Büro.Ich folgte
Im Aufzug fühlte es sich plötzlich an, als wäre die Luft verschwunden.Die ganze Welt schien auf das leuchtende Display von Julians Handy und die schrecklichen Worte darauf zusammengeschrumpft.STERLING.V [DEAKTIVIERT]Mir blieb augenblicklich die Luft weg.Victoria?Das war unmöglich.Julians Gesicht war eine Maske aus kalter Wut. Der kurze Moment der Belustigung von eben war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.Der Mann neben mir war nicht länger der neugierige Beobachter, der meine Reaktionen amüsant fand.Er war der CEO.Und sein Unternehmen wurde gerade direkt angegriffen.Sofort begann er auf seinem Handy herumzutippen und versuchte, einen Anruf zu tätigen.„Kein Empfang“, sagte er leise.Seine Stimme war vor Wut angespannt.Der eine Balken, der die Warnung überhaupt erst ermöglicht hatte, war verschwunden.Julian schlug mit der Faust gegen die Aufzugstür.Der kurze, harte Knall ließ mich zusammenzucken.Doch offenbar hatte dieser Schlag etwas ausgelöst.Mit einem leisen





