LOGINDie Stille in der großen Halle war so dicht, dass ich das brennende Holz in den Eisenfackeln knistern hören konnte.
Alexander ragte über mir auf. Seine Brust hob und senkte sich in schweren, lautlosen Atemzügen. Seine eisgrauen Augen glühten noch immer in diesem scharfen, gefährlichen silbernen Licht und starrten mir direkt ins Gesicht. Der Duft von Kiefernholz und Winterregen, der von seiner Haut ausging, war berauschend und füllte meine Lungen, bis sich mein Kopf drehte.
Gefährte.
Meine Wölfin brüllte das Wort in meinem Schädel, kratzte an meinen Rippen, verzweifelt darauf aus, ihn zu erreichen.
Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange, bis sich der metallische Geschmack von Blut in meinem Mund ausbreitete. Ich nutzte den scharfen Schmerz, um meine Wölfin niederzuzwingen. Wenn irgendjemand in diesem Raum bemerkte, dass sich mein Geruch veränderte, wenn irgendjemand sah, wie Alexanders Augen aufblitzten, war alles vorbei. Das uralte Rudelgesetz war brutal: Jeder Krieger, der eine verurteilte Verräterin zur Gefährtin nahm, wurde durch dunkle Magie seines Wolfes beraubt und in die Silbergrube geworfen, um dort zu sterben.
Alexanders Kiefer spannte sich so fest an, dass ich dachte, seine Zähne könnten zerspringen. Mit einer sichtbaren Anstrengung, die die Adern an seinem Hals hervortreten ließ, verblasste das silberne Glühen in seinen Augen wieder zu kaltem, leblosem Stein.
Er wandte den Blick von mir ab und drehte sich zur hohen Bühne, auf der Kingsley saß.
„Ihr habt nach mir gerufen, Ratsherr?“ Alexanders Stimme war tief, rau und ohne jede Wärme. Sie jagte mir einen Schauer direkt das Rückgrat hinunter.
Kingsley beugte sich auf seinem goldenen Stuhl vor, seine Finger trommelten auf die Armlehne. Er beobachtete Alexander genau, seine kleinen, dunklen Augen huschten zwischen uns beiden hin und her.
„Die abtrünnige Mörderin hat den Ritus des Angeketteten Biests angerufen“, sagte Kingsley und kräuselte angewidert die Oberlippe. „Sie fordert die drei Prüfungen. Und nach dem alten Gesetz muss sie an den Henker der Krone gekettet werden.“
Alexander blinzelte nicht. „Sie hat den Prinzen getötet?“
„Mit ihrem eigenen Jagddolch“, flötete Natalia von ihrem Platz und klimperte Alexander mit den Wimpern zu. Ihre Stimme war süß wie Honig, aber ihre Augen waren giftig. „Sie hat dem armen Daniel im Schlaf die Kehle durchgeschnitten. Sie ist eine Wilde von den Grenzen, Alexander. Leg ihr die Ketten an und beende dieses widerliche Spiel schnell. Für mich.“
Alexander warf ihr nicht einmal einen Blick zu. Er hielt seinen kalten Blick auf Kingsley gerichtet.
„Der Ritus gehört dem Ersten Mond“, sagte Alexander ausdruckslos. „Wenn das Gesetz angerufen wird, müssen die Prüfungen vollendet werden. Holt den Schmiedemeister.“
Ein leises Murmeln rollte durch die Hunderte von Kriegern, die von den Balkonen aus zusahen.
Zwei stämmige Schmiede eilten in die Mitte der Halle und trugen ein schweres Eisenbecken voller glühend roter Kohlen sowie eine dicke Kette aus verzaubertem Eisen, verflochten mit reinem Silber. Lange Dornen säumten das Innere der Fesseln.
„Auf die Füße, Abtrünnige“, bellte der Wächter hinter mir und riss meine verbrannten Arme nach oben.
Ich kämpfte mich auf die Beine, meine Knie zitterten von der Silbervergiftung in meinem Blut. Ich weigerte mich, schwach zu wirken. Ich hob das Kinn und starrte direkt auf Alexanders Brustpanzer. Aus der Nähe war er riesig. Der dunkle Stahl seiner Rüstung trug Kratzer und Dellen von Dutzenden Kämpfen auf Leben und Tod.
Alexander trat näher. Nur ein einziger Zoll trennte uns.
Seine Körperwärme traf mich wie ein Schmelzofen. Der magnetische Sog zwischen uns war so heftig, dass meine Finger zuckten und darum bettelten, die nackte Haut seiner Kehle zu berühren.
Alexander sah auf mich herab. Sein Gesicht war eine unlesbare Maske aus Eis, aber als seine Augen die meinen trafen, brannte dahinter eine stumme Warnung: Reagiere nicht.
Die Schmiede näherten sich mit langen Eisenzangen und hoben die glühenden Silberfesseln aus dem Feuer.
„Das linke Handgelenk für die Gefangene“, befahl Kingsley von seinem Thron und beugte sich mit einem grausamen Lächeln vor. „Das rechte Handgelenk für den Henker. Lasst die Kette verschweißen!“
Alexander streckte seinen rechten Arm ohne Zögern aus. Der Schmied legte die dicke, schwere Fessel um sein massives Handgelenk. Das Silber zischte leise auf seiner Haut, aber seine Miene veränderte sich nicht um den Bruchteil eines Zolls. Er zuckte nicht einmal zusammen.
Dann wandte sich der Schmied mir zu.
In dem Moment, in dem die Silberfessel mein linkes Handgelenk berührte, riss sengendes Feuer durch meine Nerven. Das Silber brannte tief in mein Fleisch und reagierte heftig mit meinem Wolfsblut. Ein scharfer Schrei entwich meinen Lippen, und meine Knie gaben unter der qualvollen Hitze nach.
Bevor ich auf den kalten Steinboden aufschlagen konnte, schoss eine schwere, behandschuhte Hand vor und packte meinen Oberarm mit eisernem Griff.
Alexander hielt mich mühelos aufrecht.
In dem Augenblick, in dem seine Finger meinen Arm umschlossen, durchflutete eine Welle kühler, wohltuender Energie meine Adern und dämpfte die sengende Qual des Silberbrandes. Es war das Gefährtenband, das durch Berührung sofort versuchte, mich zu heilen und zu beschützen.
Ich blickte schwer atmend zu ihm auf.
Alexander beugte sich herab, seine Lippen kaum einen Zoll von meinem Ohr entfernt. Für die Menge sah er aus wie ein Raubtier, das seine Beute in die Enge trieb. Aber die Worte, die er flüsterte, waren leise, rau und nur für mich bestimmt.
„Steh auf, Abtrünnige“, knurrte er unter dem Atem, seine Stimme vibrierte direkt an meiner Haut. „Zeig ihnen Schmerz, und sie zerreißen dich, noch bevor die erste Prüfung überhaupt beginnt.“
Er ließ meinen Arm mit einem bewussten Ruck los und stieß mich gerade so weit zurück, dass der Anschein reiner Feindseligkeit gewahrt blieb.
Die Kette, die uns verband, war kaum zwei Fuß lang. Schwer, kalt und tödlich. Jeder Schritt, den er machte, würde mich mitreißen; jeder Atemzug, den ich tat, wäre an seinen gebunden.
Kingsley stand auf und hob seinen goldenen Siegelring hoch in die Luft.
„Das Band aus Eisen und Blut ist besiegelt!“, verkündete Kingsley, seine Stimme hallte von der Gewölbedecke wider. „Die erste Prüfung beginnt im Morgengrauen im Versunkenen Labyrinth. Lasst die blutrünstigen Hunde in die Tunnel los. Wenn die Gefangene bis zum Mittag überlebt, darf sie den zweiten Sonnenaufgang sehen. Wenn sie fällt …“ Kingsley hielt inne und lächelte Alexander finster an. „… schlägst du ihr den Kopf von den Schultern, Henker.“
„Verstanden“, erwiderte Alexander kalt.
„Bringt sie in die unteren Kerkerzellen!“, befahl Natalia und funkelte mich böse an, weil ich so nah bei Alexander stand. „Sperrt sie in den tiefsten Käfig!“
„Nein“, schnitt Alexander scharf dazwischen.
Die gesamte Halle erstarrte. Kingsleys Augen verengten sich. „Was hast du gesagt?“
Alexander drehte den Kopf langsam zur Bühne, sein Blick war schwer und gebieterisch.
„Das Gesetz des Angeketteten Biests besagt, dass die Gefangene, sobald das Silber verschweißt ist, nicht von der Seite des Henkers weicht, bis die drei Prüfungen beendet sind“, sagte Alexander, seine Stimme ausdruckslos und unnachgiebig. „Sie schläft, wo ich schlafe. Sie geht, wo ich gehe. Es sei denn, Ihr wollt die uralten Erlasse des Ersten Mondes vor dem gesamten Rudelrat verletzen, Ratsherr Kingsley?“
Kingsleys Kiefer arbeitete lautlos. Er blickte durch den Raum. Die Rudelältesten nickten zustimmend zu Alexander. Kingsley war mächtig, aber er konnte heilige Traditionen nicht offen brechen, ohne die älteren Krieger gegen sich aufzubringen.
„Nun gut“, spuckte Kingsley hervor, während seine Knöchel weiß wurden, als er seine Roben umklammerte. „Bring sie in deinen Turm, Alexander. Aber denk an deinen Eid gegenüber der Krone. Wenn sie dir aus den Augen gerät, rollt dein Kopf neben ihrem.“
Alexander antwortete nicht. Er drehte sich abrupt um und zog an der silbernen Kette.
„Beweg dich“, befahl er mir grob.
Ich stolperte vorwärts, gezwungen, mit seinen langen, schweren Schritten mitzuhalten, während er mich durch die große Halle zog. Hunderte von Wölfen sahen in völligem Schweigen zu, wie der kalte Henker seine angeklagte Mörderin abführte.
Wir gingen durch lange, gewundene Korridore aus dunklem Stein, tiefer in die Festung hinein, bis der Lärm der Menge vollständig verschwand. Wir stiegen eine gewundene Wendeltreppe aus schwarzem Eisen hinauf, die zum einsamen Henkersturm führte.
In dem Moment, in dem Alexander die schwere Eichentür seiner Gemächer aufstieß und sie hinter uns zuschlug, wurde die Stille ohrenbetäubend.
Er verschwendete keine Sekunde.
Alexander wirbelte herum, packte mit seiner freien Hand die schwere Kette zwischen unseren Handgelenken und riss mich hart gegen seine Brust.
Ich keuchte, als meine Vorderseite gegen den massiven Stahl seiner Rüstung prallte. Bevor ich sprechen konnte, hob sich seine große, schwielige Hand, umfasste mein Kinn und neigte mein Gesicht in das schwache Kerzenlicht nach oben.
Seine grauen Augen brannten mit einer Intensität, die mein Herz wild gegen meine Rippen hämmern ließ. Der Duft von Kiefer und Regen war so stark, dass mir schwindelig wurde.
„Wer hat dich geschickt?“, verlangte Alexander zu wissen, seine Stimme leise, gefährlich ruhig und durchzogen von unterdrückter Wut.
„Niemand hat mich geschickt!“, zischte ich und versuchte, mein Gesicht aus seinem Griff zu ziehen, aber seine Finger waren wie Stahlbänder. „Ich habe in dieser Halle die Wahrheit gesagt! Ich habe nahe der Grenze Wild verfolgt, jemand hat mich von hinten niedergeschlagen, und ich bin neben dem toten Prinzen aufgewacht, mit meinem Dolch in seiner Brust!“
„Lüg mich nicht an, Phyna“, flüsterte er scharf und beugte sich so nah heran, dass sein warmer Atem über meine Lippen strich. „Eine Grenzabtrünnige schlüpft nicht einfach an den königlichen Schutzbannen von Eisenklaue vorbei. Jemand hat die Grenzbarrieren abgeschaltet, um dich hereinzubringen.“
„Dann fragt Euren kostbaren Rat, wer sie abgeschaltet hat!“, fauchte ich zurück und starrte ihm ohne Zucken direkt in die Augen. „Denn jemand wollte Daniel tot sehen, und er wollte eine entbehrliche Abtrünnige, die die Schuld trägt!“
Alexander starrte fünf lange, qualvolle Sekunden in meine Augen. Sein Daumen streifte leicht über die Rundung meines Wangenknochens, eine winzige, unwillkürliche Berührung, die einen elektrischen Schlag durch unsere beiden Körper jagte.
Seine Augen verdunkelten sich. Sein Blick sank auf meine Lippen, und seine Pupillen weiteten sich, bis sie das Grau verschlangen.
„Du hast keine Ahnung, was du getan hast, als du dieses Gesetz angerufen hast“, murmelte Alexander, seine Stimme plötzlich dick und rau. „Du denkst, du hast dir Zeit erkauft? Kingsley gehört das Versunkene Labyrinth. Er wird morgen früh Bestien freilassen, die mit dunkler Magie gezüchtet wurden, um dich in Stücke zu reißen.“
„Dann werde ich sie töten“, sagte ich durch zusammengebissene Zähne.
Ein dunkles, bitteres Grinsen berührte seinen Mundwinkel. „Du kannst kaum stehen, so sehr frisst das Silber an deinem Handgelenk. Wie willst du gegen Bestien kämpfen, die dreimal so groß sind wie du?“
„Ich habe zwanzig Jahre allein an den wilden Grenzen überlebt“, entgegnete ich, trat noch näher heran, bis meine Brust flach an seinen Brustpanzer gepresst war, und weigerte mich nachzugeben. „Ich sterbe nicht so leicht, Henker.“
Alexanders Atem stockte. Für einen Augenblick verschwand der kalte, skrupellose Killer und wurde vollständig ersetzt durch einen ausgehungerten Wolf, der gegen jeden Instinkt ankämpfte, seine Gefährtin zu beanspruchen. Die Spannung in dem kleinen Raum war erstickend. Seine Finger spannten sich sanft gegen meine Haut an und zogen mich einen Bruchteil eines Zolls näher.
Dann ertönte ein plötzliches, scharfes Klopfen vom steinernen Fenster hinter ihm.
Alexander erstarrte augenblicklich.
In einem Aufblitzen reinen Instinkts ließ er seine Hand von meinem Kinn fallen, schob mich hinter seinen breiten Rücken und zog einen schlanken silbernen Wurfdolch aus seinem Gürtel, den er direkt auf das Fenster richtete.
Eine dunkle Gestalt kauerte draußen auf dem schmalen Steinsims und klopfte mit einem langen hölzernen Pfeil gegen das Glas.
Das Fenster knarrte auf, und ein schlaksiger junger Mann mit zerzaustem braunem Haar glitt wie ein Schatten herein. Es war James, der oberste Späher der königlichen Garde.
„Steck die Klinge weg, Alex, ich bin es nur“, flüsterte James hastig und holte Atem, als er lautlos auf dem Steinboden landete.
Alexander senkte den Dolch, aber seine Haltung blieb steif und wachsam. „Was machst du hier, James? Wenn die Wachen des Rates dich in der Nähe meines Turms sehen …“
„Ich musste kommen“, unterbrach James, sein Gesicht blass und todernst. Er blickte an Alexanders Schulter vorbei, seine Augen weiteten sich vor Schock, als er die silberne Kette sah, die Alexanders Handgelenk mit meinem verband. „Beim Mond … du hast dich wirklich an sie gebunden.“
„Überbring deine Nachricht und geh“, sagte Alexander kalt und trat zur Seite, um James den Blick auf mich zu versperren.
James schluckte schwer, blickte zur verschlossenen Tür und beugte sich dann nah heran.
„Ich habe mich in Prinz Daniels Privatgemächer geschlichen, bevor Kingsleys Vollstrecker sie abgeriegelt haben“, flüsterte James eindringlich. „Daniel ist nicht in seinem Bett gestorben, Alex. Der Mord geschah in der königlichen Schatzkammer unter dem Palast. Jemand hat seine Leiche hinauf in die Gärten gebracht, um ihr Dolch in ihn zu stecken.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Was war in der königlichen Schatzkammer?“, fragte ich und trat hinter Alexander hervor.
James sah mich an, dann wieder Alexander, seine Stimme zitterte.
„Das Sonnenstein-Siegel“, sagte James. „Das uralte Relikt, das die nördlichen Grenzbarrieren am Leben hält. Es ist weg. Gestohlen.“
Alexanders graue Augen wurden pechschwarz. „Kingsley.“
„Schlimmer“, hauchte James und zog ein kleines, blutbeflecktes Stück Pergament aus seiner Lederweste. „Ich habe das hier unter den Dielenbrettern in Daniels Zimmer versteckt gefunden. Es wurde in Daniels Handschrift geschrieben, nur Stunden vor seinem Tod.“
Alexander nahm das Pergament mit seiner freien Hand und hielt es ins Kerzenlicht.
Meine Augen überflogen die unordentliche, hastige Tinte:
Der Henker ist nicht, wer er vorgibt zu sein. Der Rat plant, die reinblütige Linie abzuschlachten. Wenn du das liest, ist das in Ketten gelegte Monster der wahre Erbe von …
Der Rest der Notiz war abgerissen, durchtränkt von dunklem, getrocknetem Blut.
Bevor Alexander ein Wort sagen konnte, hämmerten schwere, gepanzerte Schritte die Wendeltreppe draußen herauf.
BUMM! BUMM! BUMM!
Die eisenverstärkte Tür bebte heftig in ihren Angeln.
„Lord Alexander!“, bellte eine harsche Stimme von der anderen Seite. „Ratsherr Kingsley verlangt eine sofortige Inspektion der Gefangenen! Öffnet diese Tür sofort, oder wir brechen sie auf!“
Die Hitze schlug vom südlichen Gebirgspass herab wie der Atem eines Schmelzofens.Hinter uns verblassten die kalten Kiefern und der graue Stein des Obsidianfelsens zu purpurnen Bergrücken. Vor uns lag der Schlund des Blutes, ein enger, zerklüfteter Canyon, der durch rote Sandsteinklippen geschnitten war, die dreihundert Fuß senkrecht in einen gebleichten, wolkenlosen Himmel ragten. Der Sand unter den Hufen der Streitrösser war nicht gelb. Er war rostfarben, trocken wie pulverisierter Knochen und stank nach Schwefel und getrocknetem Pech.Alexander ritt neben mir auf seinem schwarzen Kriegshengst. Sein schwarzer Fellmantel war durch leichte Kampfleder ersetzt worden, verstärkt mit geschichteten Obsidianplatten. An seiner Hüfte hing sein Breitschwert; auf seinem Rücken ruhte die zerbrochene Henkerskette, die er als Erinnerung daran behalten hatte, wo wir angefangen hatten. Auf seiner Stirn saß unnachgiebig das dunkle Stahldiadem, dessen geschnitzte Klauen das grelle Licht der Wüstensonn
Das uralte Horn der Ersten Dynastie hallte nicht nur durch die Obsidianfestung.Es rollte über die schneebestäubten Felsklippen, hinab in die Kiefertäler und über die weiten Ebenen, auf denen sich gewöhnliche Wölfe ein Vierteljahrhundert lang vor Angst versteckt hatten. Der Klang war tief, donnernd und trug die unverkennbare Resonanz zweier vereinter Alpha-Auren.Als Alexander und ich aus den unteren Katakomben traten und den hohen Balkon der Großen Halle betraten, nahm mir der Anblick unter uns den Atem.Die gesamten inneren und äußeren Höfe waren Schulter an Schulter mit Tausenden von Wölfen gefüllt.Es gab keine Eisenketten. Keine Silberhalsbänder. Keine Vollstrecker mit Henkersklingen, die zitternde Bürgerliche bewachten.In den vordersten Reihen standen Kommandant Tristan und seine altgedienten königlichen Gardisten, ihre Brustpanzer blank geputzt vom befleckten Wappen der Kingsleys. Neben ihnen stand James, breit grinsend, die Arme über einem brandneuen Köcher mit schwarzen Pfei
Die uralte Glocke, die unter dem Boden läutete, war weder aus Messing noch aus Eisen.Sie erklang mit einem tiefen, metallischen Klang, der direkt gegen meine Rippen vibrierte und das Mark meiner Knochen mit einer uralten, vergessenen Magie summen ließ. Die Luft, die aus dem neu geöffneten Steingang aufstieg, war eiskalt und roch nach Ozon, verkohltem Obsidian und urzeitlichem Staub, den seit fünfhundert Jahren kein Sonnenlicht berührt hatte.Alexander reichte Preta behutsam an Anabelle weiter.„Bring sie zum königlichen Heilpavillon", befahl Alexander mit angespannter Stimme. „James, stelle vierzig Nordische Schattenwölfe vor ihrer Tür auf. Keine Ratsältesten. Keine Palastwachen. Wenn jemand ohne mein persönliches Siegel näher als zehn Schritte an ihre Kammer herantritt, nimm ihm den Kopf."„Bei meinem Leben, Alex", antwortete James, dessen lässige Art völlig verschwunden war. Er löste sein Kurzschwert vom Gurt und gab zehn gepanzerten Wachen das Zeichen, eine Schutzmauer um Anabelle
Die Kälte, die vom Podium ausging, war anders als die Schneestürme des Frostkaisers. Es war ein lebloser, metallischer Frost, der mir den Atem aus der Lunge saugte.Unter Pretas Fingern rollten Anabelles dunkle Augen zu mir, überquellend von stummen Tränen. Der graue Metallfleck auf ihrem Schlüsselbein war bereits bis zur Rundung ihres Kiefers gekrochen und verwandelte ihre weiche Haut in starres, spiegelndes Silber.„Tu es nicht, Phyna ...“, keuchte Anabelle durch steife Lippen. Ihre Halsmuskeln bewegten sich unter der kriechenden Legierung kaum noch. „Sie will ... den Minenkern ...“„Schweig, kleiner Vogel“, murmelte Preta, ihre silbernen Nägel tippten mit einem leisen Klinken gegen Anabelles Wange.Alexander trat vor, die Eisenplatten seiner Stiefel mahlten über den silberglatten Marmor. Die Adern an seinem Hals waren gespannt wie Stahlseile, sein Kiefer verriegelt in reiner, tödlicher Wut.„Nimm deine Hände von ihr, Preta“, knurrte Alexander, seine Stimme sank in das furchterregen
Die Salzgischt wurde augenblicklich zu Eis auf meiner Haut.„Das dritte Kind?“ Alexanders Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie brach wie trockener Knochen unter einem schweren Stiefel.Er ließ die zerbrochene Sichel nicht fallen. Seine Knöchel wurden weiß, seine Brust hob und senkte sich heftig, während die letzte Hitze der Sonnenflamme über die Muskeln seines breiten Rückens flackerte.„Anabelle sagte uns, Kingsley habe drei Säuglinge ausgesetzt“, sagte ich, trat an Alexanders Seite und grub meine Finger in seinen nackten, vernarbten Unterarm, um ihn zu erden. „Sie sagte, zwei seien in jener Nacht gestorben. Du hast überlebt. Wer ist sie, Damon?“Damon stieß ein rasselndes Keuchen aus dem Sand aus und hustete Flocken grauer Asche hervor.„Anabelles Großmutter sah, was Kingsley sie sehen lassen wollte“, krächzte Damon, seine purpurroten Augen rollten zum blassen Himmel. „Kingsley konnte auch das Mädchen nicht töten. Ihr Blut brannte nicht golden wie deines, Phyna. Ihr Blut
Der Ozean stieg nicht einfach. Er riss auf.Ein Berg aus schwarzem Wasser schoss in den grauen Himmel und verdunkelte die Morgensonne. Die siebzig Eisenkriegsschiffe, die in der Bucht vor Anker lagen, ächzten, als eine unheilige Welle sie zwanzig Fuß in die Luft hob. Holz splitterte, Eisenplatten verbogen sich, und Wogen aus öligem, schwarzem Schlamm brachen über den blutigen Sand des Strandes.Dann durchbrach das Ungeheuer die Oberfläche.Es war kein Wesen aus Knochen und Fleisch. Es war ein urzeitlicher Leviathan, geschmiedet aus uralter schwarzer Koralle, Seepocken aus gezacktem Obsidian und dicken, sich windenden Tentakeln, so breit wie Burgtürme. Über seinen gewaltigen, schlangenhaften Schädel zogen sich Tausende leuchtender violetter Adern — die reine, konzentrierte Quelle der Fäule des Tiefen Abgrunds. Seine beiden milchig-violetten Augen brannten mit einer Intelligenz, die kalt, uralt und ausgehungert war.Das Brüllen, das er entfesselte, war kein Geräusch; es war ein körperli







