An meinem achtzehnten Geburtstag wies mein Schicksalsgefährte mich vor dem gesamten Rudel zurück.
Und das Schlimmste daran? Ich liebte ihn bereits, bevor er überhaupt meinen Namen aussprach.
Der Platz vor dem Rudelhaus war voller Menschen. Wölfe aus allen Teilen des Black Rock Rudels waren gekommen, um die Zeremonie mitzuerleben. Einige lächelten mir aufmunternd zu. Andere musterten mich neugierig, als wäre ich ein Geschenk, das der Mondgöttin persönlich gehörte.
Ich versuchte, nicht auf meine zitternden Hände zu achten.
Heute würde ich endlich erfahren, wer mein Schicksalsgefährte war.
Seit meiner ersten Verwandlung hatte ich mir diesen Moment ausgemalt. Ich hatte mir vorgestellt, wie sich unsere Blicke begegneten, wie das Band zwischen uns erwachte und wie er mich zu sich zog, als hätte er sein ganzes Leben auf mich gewartet.
Ein dummer Traum vielleicht.
Aber heute war ich achtzehn. Heute durfte ich hoffen.
Dann veränderte sich die Luft.
Der Geruch von Kiefernholz und Regen erreichte mich zuerst, gefolgt von einer Macht, die meine Knie beinahe nachgeben ließ. Mein Wolf regte sich aufgeregt in meinem Inneren.
Er ist hier.
Ich drehte mich um.
Kael Ashford kam die Stufen des Rudelhauses hinunter.
Der Alpha von Black Rock.
Er war größer als die meisten Männer seines Rudels. Schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn, und seine silbergrauen Augen ließen selbst die erfahrensten Krieger verstummen. Er trug ein schwarzes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Unterarmen hochgeschoben waren. An seiner rechten Hand glänzte der Ring des Alphas.
Ich hatte ihn schon hunderte Male gesehen.
Trotzdem vergaß ich für einen Moment, wie man atmete.
Kael war nicht nur mein Alpha. Seit Jahren war er der Mann, dessen Anerkennung ich mir insgeheim wünschte. Ich hatte jedes freundliche Wort von ihm aufgehoben wie einen kostbaren Schatz. Ein einziges Lächeln von ihm hatte gereicht, um mir tagelang ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Jetzt blieb er direkt vor mir stehen.
Mein Herz schlug so heftig, dass ich sicher war, er müsse es hören.
Die Älteste der Zeremonie trat vor und hob die Hände.
„Elena Hart, heute trittst du in dein Erwachsenenleben ein. Möge die Mondgöttin dir deinen Gefährten offenbaren.“
Ein Murmeln ging durch die Menge.
Kael sah mich an.
In diesem Augenblick spürte ich es.
Ein unsichtbares Band spannte sich zwischen uns. Wärme schoss durch meine Brust, so plötzlich und intensiv, dass ich nach Luft schnappte. Mein Wolf jubelte.
Gefährte! Unser Gefährte!
Ich starrte Kael an. Seine Pupillen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Seine Finger krümmten sich, als hätte auch er das Band gespürt.
Er wusste es.
Ich wusste, dass er es wusste.
Ein vorsichtiges Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
„Kael“, flüsterte ich.
Er erwiderte mein Lächeln nicht.
Stattdessen trat er einen Schritt zurück.
Die Wärme in meiner Brust verwandelte sich in ein unangenehmes Ziehen.
„Was ist los?“, fragte ich leise.
Kael richtete sich auf. Sein Gesicht wurde so kalt, dass ich ihn kaum wiedererkannte.
Dann sprach er laut genug, dass jedes Mitglied des Rudels ihn hören konnte.
„Ich, Kael Ashford, Alpha von Black Rock, weise dich zurück, Elena Hart. Ich erkenne dich nicht als meine Gefährtin an. Du wirst niemals meine Luna sein.“
Für einen Moment verstand ich die Worte nicht.
Ich hörte sie. Jedes einzelne.
Aber mein Verstand weigerte sich, sie zusammenzufügen.
Mein Wolf verstummte.
Das Band zwischen uns riss nicht vollständig. Es zerbrach auf eine Weise, die ich nicht kannte, und hinterließ einen Schmerz, der sich anfühlte, als hätte jemand seine Krallen tief in mein Herz geschlagen.
Ich presste eine Hand gegen meine Brust.
„Nein“, hauchte ich.
Kael sah mich an, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Du hast mich verstanden.“
Die Menge wurde unruhig.
Jemand flüsterte meinen Namen. Eine andere Stimme murmelte etwas über Schande. Ich konnte nicht erkennen, wer sprach. Mein Blick blieb auf Kael gerichtet, weil ich darauf wartete, dass er die Worte zurücknahm.
Er musste sie zurücknehmen.
Vielleicht war das ein Missverständnis. Vielleicht hatte ich etwas falsch verstanden. Vielleicht würde er gleich erklären, dass er keine Wahl gehabt hatte.
„Bitte“, brachte ich hervor. „Kael, wir haben beide das Band gespürt.“
Sein Kiefer spannte sich an.
„Ein Band macht dich nicht zu meiner Gefährtin.“
Diese Worte trafen härter als die Zurückweisung selbst.
Ich schluckte. Mein Hals brannte.
„Habe ich etwas getan?“
Er antwortete nicht.
„Habe ich dich beleidigt? Dich enttäuscht? Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann sag es mir. Ich kann ihn wiedergutmachen.“
Ein scharfes Lachen kam aus der Menge.
Meine Wangen wurden heiß.
Ich hätte schweigen sollen. Ich hätte meinen Stolz retten sollen. Aber ich stand vor dem Mann, den mein Wolf als seinen Gefährten erkannt hatte, und ein Teil von mir klammerte sich noch immer an die Hoffnung, dass er mir einen Grund geben würde.
Kael beugte sich ein wenig zu mir.
„Du solltest aufhören, dich vor dem Rudel lächerlich zu machen.“
Ich wich zurück, als hätte er mich geschlagen.
Dann trat eine junge Frau an seine Seite.
Seraphina.
Die Tochter des Obersten Ältesten war für ihre Schönheit bekannt. Ihr langes, helles Haar fiel über ein elegantes Kleid, und ihr Gesicht zeigte genau das richtige Maß an Besorgnis. Sie sah mich an, als würde sie meinen Schmerz verstehen.
Dann legte sie ihre Hand auf Kaels Arm.
Es war eine kleine Bewegung.
Für mich fühlte sie sich an wie ein Messer zwischen den Rippen.
„Kael“, sagte sie sanft. „Vielleicht sollten wir ihr etwas Zeit geben.“
Er ließ sie gewähren.
Er zog seinen Arm nicht zurück.
Stattdessen wandte er sich wieder mir zu.
„Seraphina versteht, was von ihr erwartet wird. Du solltest dir ein Beispiel an ihr nehmen.“
Ich sah auf ihre Hand an seinem Arm.
Dann blickte ich ihm in die Augen.
„Ist sie der Grund?“
Für einen kurzen Moment veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
So schnell, dass ich nicht sicher war, ob ich es mir eingebildet hatte.
„Das geht dich nichts an.“
„Ich habe dich gefragt, ob du sie willst.“
„Genug.“
Seine Stimme ließ mehrere Wölfe zusammenzucken.
Ich zwang mich, stehen zu bleiben.
„Du hättest mir das sagen können, ohne mich vor deinem ganzen Rudel zu demütigen.“
„Ich schulde dir keine Erklärung.“
Etwas in mir wurde still.
Nicht geheilt. Nicht plötzlich stark.
Einfach still.
Ich hatte mir immer eingeredet, dass Kael unter seiner kalten Fassade ein guter Mann war. Dass er mich eines Tages ansehen und erkennen würde, dass ich mehr war als ein Mädchen aus seinem Rudel.
Jetzt stand ich vor ihm und begriff, wie wenig meine Hoffnungen mit dem Mann zu tun hatten, der tatsächlich vor mir stand.
Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Augen, bevor die Tränen fallen konnten.
Kael beobachtete mich. Sein Gesicht blieb unbewegt, aber seine Hand hatte sich so fest zur Faust geschlossen, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
Ich bemerkte es.
Ich verstand es nicht.
Und ich würde mich nicht länger darum bemühen, ihn zu verstehen.
„Du willst mich nicht als deine Gefährtin“, sagte ich. Meine Stimme zitterte, aber ich zwang mich, jedes Wort deutlich auszusprechen. „Gut. Dann werde ich dich auch nicht darum bitten.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
Seraphinas Lächeln verschwand für einen Augenblick.
Kael trat näher. Seine silbernen Augen glühten.
„Du wirst das Territorium von Black Rock noch heute verlassen.“
Ich starrte ihn an.
„Du verbannst mich?“
„Du hast mich gehört.“
Ich hätte schreien können. Ich hätte ihn fragen können, wie er es wagte, mir mein Zuhause zu nehmen, nachdem er mir gerade das Einzige genommen hatte, das mein Wolf sich je gewünscht hatte.
Aber ich gab ihm diese Genugtuung nicht.
Ich hob das Kinn.
„Dann wirst du mich nie wieder um etwas bitten müssen.“
Zum ersten Mal verlor Kael für einen Herzschlag die Kontrolle über seinen Gesichtsausdruck.
Seine Augen wurden dunkler.
Ich wartete darauf, dass er etwas sagte.
Er schwieg.
Also drehte ich mich um.
Niemand hielt mich auf, als ich den Platz überquerte. Die Menschen wichen zur Seite. Manche sahen mich mitleidig an. Andere musterten mich mit unverhohlener Neugier, als wäre mein Schmerz eine Vorstellung, für die sie Eintritt bezahlt hatten.
Ich ging an ihnen vorbei.
Ich würde nicht weinen, solange sie mich beobachten konnten.
Ich holte meine wenigen Sachen aus meinem Zimmer, stopfte Kleidung in einen Rucksack und nahm das kleine Messer mit, das mein Bruder mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Meine Finger zitterten so stark, dass ich den Reißverschluss zweimal verfehlte.
Als ich das Rudelhaus verließ, stand Seraphina auf der Veranda.
„Elena“, rief sie.
Ich blieb stehen, drehte mich aber nicht ganz zu ihr um.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass du Kael geliebt hast.“
Ich sah sie an.
„Dann weißt du auch, warum ich jetzt gehe.“
Ihr Blick glitt zu meinem Rucksack.
„Draußen ist es gefährlich für eine alleinstehende Wölfin. Du könntest zurückkommen und mit den Ältesten sprechen. Vielleicht lässt sich etwas arrangieren.“
Fast hätte ich gelacht.
Vor einer Stunde hatte ich noch geglaubt, dass ich zu Kael gehörte. Jetzt sollte ich um Erlaubnis bitten, in dem einzigen Zuhause zu bleiben, das ich kannte.
„Nein“, sagte ich. „Ich werde nicht um einen Platz betteln, an dem ich unerwünscht bin.“
Ich ging weiter.
Der Weg zur Grenze war lang. Der Himmel hatte sich verdunkelt, und kalter Wind strich durch die Bäume. Meine Stiefel rutschten auf dem feuchten Boden aus. Einmal blieb ich stehen, weil der Schmerz in meiner Brust so heftig wurde, dass ich mich an einem Baum festhalten musste.
Mein Wolf winselte in meinem Inneren.
Warum hat er uns zurückgewiesen?
Ich hatte keine Antwort.
Als ich schließlich die Grenze erreichte, blieb ich vor der unsichtbaren Linie stehen, die Black Rock von der Welt außerhalb des Rudels trennte.
Hinter mir lagen mein Zuhause, meine Erinnerungen und der Mann, den ich nicht mehr lieben wollte.
Vor mir lag ein Wald, in dem ich niemanden kannte.
Ich zog den Rucksack höher auf meine Schulter und setzte einen Fuß über die Grenze.
Das Band in meiner Brust zuckte.
Ich keuchte und griff nach meinem Hemd.
Dann hörte ich Kaels Stimme in meinem Kopf.
Lauf, Elena.
Ich erstarrte.
Seine Stimme klang nicht wie auf dem Platz. Sie war rau, gebrochen und so voller Verzweiflung, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb.
Dreh dich nicht um. Bitte.
Ich drehte mich halb um, doch zwischen den Bäumen war niemand zu sehen.
Warum klang er, als hätte er gerade mich verloren, obwohl er es gewesen war, der mich fortgeschickt hatte?
Dann spürte ich einen letzten schmerzhaften Ruck im zerbrochenen Band.
Und Kaels Stimme flüsterte ein einziges Wort.
Verzeih mir.