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Kapitel 3: Das Ultimatum

last update publish date: 2026-10-30 03:43:54

Die Tür fiel hinter mir ins Schloss.

Ich zuckte nicht zusammen. Zumindest ließ ich Kael das nicht sehen.

Seine Krallen schwebten noch immer gefährlich nah an meinem Hals. Vor wenigen Sekunden hatte seine dunkle Magie das gesamte Büro verwüstet. Jetzt war sie verschwunden, als hätte jemand eine unsichtbare Klinge durch sie gezogen.

Meine Hand lag noch auf seiner Brust.

Unter meiner Handfläche hämmerte sein Herz.

„Nimm deine Hand weg“, sagte er.

Ich hob eine Augenbraue. „Du könntest zuerst deine Krallen einziehen.“

Sein Blick veränderte sich. Für einen kurzen Moment schien er nicht zu wissen, ob er mich erwürgen oder aus dem Raum werfen sollte.

Dann zog er seine Hand zurück.

Ich tat dasselbe und trat einen Schritt zur Seite. Meine Knie fühlten sich noch immer schwach an. Die Berührung hatte mich mehr Kraft gekostet, als ich zugeben wollte. Ein stechender Schmerz saß hinter meinen Augen, und meine Finger zitterten leicht.

Ich schloss sie zur Faust.

Kael bemerkte es trotzdem.

„Was hast du mit mir gemacht?“

„Ich habe dir das Leben gerettet. Ein Dankeschön wäre ein Anfang.“

„Spiel nicht mit mir, Elena.“

„Dann hör auf, dich wie ein Monster zu benehmen.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

Für einen Augenblick sah ich wieder den Mann, der vor fünf Jahren vor dem gesamten Rudel gestanden und mich zurückgewiesen hatte. Damals hatte ich geglaubt, der Schmerz würde mich umbringen. Heute wusste ich es besser.

Schmerz brachte einen nicht immer um.

Manchmal machte er einen nur klüger.

Ich rieb mir unauffällig die Handfläche an meiner Hose ab.

„Mein Bruder heißt Lukas“, sagte ich. „Er liegt im Krankenhaus. Ein Fluch zehrt an seinem Leben. Die Ärzte können ihn nicht heilen. Sie sagen, nur das Elixier des Black Rock Rudels kann ihm helfen.“

Kaels Blick blieb auf mir.

„Und du erwartest, dass ich dir einfach etwas gebe, das Fremde nicht einmal zu Gesicht bekommen dürfen?“

„Ich erwarte gar nichts. Ich biete dir etwas an, das du dringend brauchst.“

Sein Mund verzog sich.

„Du hast fünf Jahre gebraucht, um zurückzukommen. Und jetzt glaubst du, du könntest hier hereinspazieren und mir Bedingungen stellen?“

„Ich bin nicht zurückgekommen, weil ich dich vermisst habe.“

Die Worte trafen härter, als ich erwartet hatte. Nicht, weil ich ihn verletzen wollte. Sondern weil ich sie selbst hören musste.

Kael wandte sich ab und sah auf die zerbrochenen Möbel. Ein Schreibtisch lag auf der Seite. Die Schubladen waren herausgerissen, Papier bedeckte den Boden. An der Wand zog sich ein dunkler Riss durch den Putz.

„Du hast gesehen, was meine Magie anrichten kann“, sagte er. „Sie gehorcht mir nicht mehr. Manchmal kann ich sie kaum zurückhalten. Manchmal erkenne ich nicht einmal mehr, wen ich vor mir habe.“

„Das habe ich bemerkt.“

Sein Kopf fuhr zu mir herum.

„Du solltest Angst haben.“

„Habe ich auch.“

Ich hielt seinem Blick stand.

„Aber Angst bezahlt keine Krankenhausrechnung. Und sie rettet meinen Bruder nicht.“

Einen Moment lang sagte er nichts.

Dann kam er näher. Der Geruch von Kiefernholz und Regen stieg mir in die Nase, vermischt mit dem metallischen Duft seines Blutes. Mein Wolf regte sich tief in mir. Fünf Jahre hatte ich versucht, die Verbindung zu diesem Mann zu vergessen. Mein Körper hatte offenbar andere Pläne.

Ich hasste ihn dafür.

„Du behauptest, deine Berührung könne meine Magie beruhigen“, sagte er. „Wie lange hält das an?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wie oft musst du mich berühren?“

„Das weiß ich ebenfalls nicht.“

Sein Blick wurde eisig. „Du bietest mir eine Lösung an, von der du nicht einmal weißt, ob sie funktioniert.“

„Ich habe deine Magie gerade gestoppt. Das ist mehr, als du in letzter Zeit selbst geschafft hast.“

Seine Kiefermuskeln spannten sich an.

Ich wusste, dass ich ihn reizte. Doch ich konnte es mir nicht leisten, vor ihm klein beizugeben.

„Ein Jahr“, sagte ich. „Ich bleibe ein Jahr hier. Ich helfe dir, deine Magie unter Kontrolle zu halten. Im Gegenzug bekomme ich das Elixier für Lukas. Du machst mich auf dem Papier zu deiner Luna. Nach Ablauf des Vertrags gehe ich.“

„Du verlangst, dass ich dich heirate.“

„Nur auf dem Papier.“

„Du willst in mein Haus zurückkehren, nachdem du fünf Jahre außerhalb meines Territoriums gelebt hast, und glaubst, unsere Verbindung ließe sich mit einer Unterschrift auslöschen?“

„Ich glaube, eine Unterschrift ist das Einzige, was mich davor schützt, wieder von dir abhängig zu sein.“

Sein Gesicht verlor für einen Herzschlag jede Regung.

Gut.

Er sollte wissen, dass ich mich erinnerte.

Ich erinnerte mich an den Kreis aus Rudelmitgliedern. An die Augen, die mich angestarrt hatten. An seine Stimme, die mir mit einer einzigen Erklärung den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.

Ich erinnerte mich daran, wie ich Black Rock verlassen hatte, ohne mich umzudrehen.

„Du hast dich verändert“, sagte er leise.

„Du hast mir beigebracht, dass ich es muss.“

Ich sah, wie seine Finger zuckten. Schwarze Adern zeichneten sich für einen Sekundenbruchteil unter seiner Haut ab, verschwanden aber wieder.

Er brauchte mich.

Diese Erkenntnis gab mir zum ersten Mal seit meiner Rückkehr ein wenig Macht.

„Einverstanden“, sagte Kael schließlich.

Ich traute meinen Ohren nicht.

„Was?“

„Du bekommst deinen Vertrag. Dein Bruder bekommt das Elixier, sobald die Vereinbarung unterschrieben ist und ich die Lieferung veranlasst habe.“

„Nein.“

Seine Augen verengten sich. „Nein?“

„Das Elixier muss noch heute zum Krankenhaus gebracht werden. Ich werde nicht ein Jahr lang deine Magie kontrollieren, während du meinen Bruder als Druckmittel benutzt.“

„Du bist in keiner Position, mir Vorschriften zu machen.“

„Dann such dir jemand anderen, der dich aufhält, wenn deine Magie wieder ausbricht.“

Stille.

Ich wusste nicht, ob ich gerade mein Leben oder meine letzte Chance auf Lukas' Rettung aufs Spiel setzte. Mein Magen war so fest zusammengezogen, dass mir übel wurde. Trotzdem hielt ich den Blick auf Kael gerichtet.

Schließlich atmete er langsam aus.

„Das Elixier wird heute geliefert.“

„Und du mischst dich nicht in die Behandlung meines Bruders ein. Du benutzt ihn nicht, um mich zu kontrollieren.“

„Du verhandelst hart für jemanden, der etwas von mir braucht.“

„Ich habe auf die harte Tour gelernt, was passiert, wenn ich es nicht tue.“

Sein Blick glitt über mein Gesicht, als suchte er nach dem Mädchen, das er einst zurückgewiesen hatte. Dieses Mädchen war fort. Ich hatte sie begraben, lange bevor ich Black Rock verlassen hatte.

„Eine weitere Bedingung“, sagte er.

Natürlich.

„Welche?“

„Du wirst nicht in den Gästezimmern wohnen.“

„Das ist mir egal.“

„Du wirst in meinen Gemächern schlafen.“

Ich starrte ihn an.

„Du hast den Verstand verloren.“

„Möglicherweise. Meine Magie ist außer Kontrolle, falls du das vergessen hast. Wenn sie wieder ausbricht, muss ich dich sofort erreichen können.“

„Dann stell ein Bett in dein Büro.“

„Nein.“

„Ein Zimmer neben deinem.“

„Nein.“

„Du bist wirklich unerträglich.“

„Und du bist die Einzige, die mich beruhigen kann.“

Die Worte blieben zwischen uns hängen.

Ich wollte nicht daran denken, was es bedeutete, mit ihm ein Zimmer zu teilen. Ich wollte nicht an den Geruch seiner Haut denken oder daran, wie mein Wolf auf seine Nähe reagierte. Vor allem wollte ich nicht daran denken, dass ein Teil von mir noch immer auf etwas hoffte, das ich mir längst verboten hatte.

„Getrennte Betten“, sagte ich.

Sein Blick wurde dunkel.

„Was?“

„Wenn ich in deinen Gemächern wohnen soll, gibt es getrennte Betten. Du fasst mich nicht an, ohne dass ich es erlaube. Und du bringst Seraphina nicht in unser Schlafzimmer.“

Zum ersten Mal zeigte sich etwas wie Überraschung in seinem Gesicht.

„Du stellst Bedingungen über Seraphina?“

„Ich stelle Bedingungen über mein Leben. Wenn du mit ihr eine Beziehung anfängst oder mich zwingst, sie in unserem Schlafzimmer zu dulden, endet der Vertrag. Dann gehe ich.“

Ich wusste, dass ich damit eine gefährliche Grenze überschritt. Seraphina war die Tochter des Obersten Ältesten. Seit Jahren behandelte das Rudel sie, als wäre ihre Zukunft bereits entschieden.

Als wäre sie für Kael bestimmt.

„Du hast also Angst vor ihr“, sagte Kael.

Ich lachte trocken.

„Ich habe keine Angst vor Frauen, die glauben, ein Mann sei ein Preis, den man gewinnen kann.“

Sein Mundwinkel bewegte sich kaum merklich.

„Du hältst dich für sehr klug.“

„Nein. Ich halte mich für verzweifelt. Das ist ein Unterschied.“

Ich dachte an Lukas, an seine eingefallenen Wangen und seine kalten Finger. Ich hatte ihm versprochen, zurückzukommen. Ich würde dieses Versprechen halten, selbst wenn ich dafür jede Nacht neben dem Mann schlafen musste, der mein Herz gebrochen hatte.

Kael streckte die Hand aus.

„Dann haben wir einen Vertrag.“

Ich betrachtete seine Hand, bevor ich sie nahm.

Seine Finger schlossen sich um meine. Die Verbindung flammte zwischen uns auf, heiß und schmerzhaft. Für einen Moment hörte ich seinen Herzschlag, als wäre er meiner. Dann ließ die Spannung nach.

Ich zog meine Hand zurück.

„Das Elixier zuerst“, sagte ich.

„Du wirst es bekommen.“

„Und Lukas bleibt aus unseren Angelegenheiten heraus.“

„Solange du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Ich wollte ihm sagen, dass ich keine Angst vor ihm hatte. Dass ich ihn nicht mehr liebte. Dass seine Stimme nichts mehr in mir auslösen konnte.

Doch bevor ich den Mund öffnen konnte, flog die Tür auf.

Ein Tablett krachte auf den Boden. Gläser zersprangen auf dem Stein, und eine silberne Kanne rollte bis an meinen Stiefel.

Seraphina stand im Türrahmen.

Ihr blondes Haar fiel in makellosen Wellen über ihre Schultern. Ihr Kleid saß perfekt. Nur ihre Finger verrieten sie. Sie umklammerte den Türgriff so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Ihr Blick sprang von den zerstörten Möbeln zu Kael und dann zu unseren Händen.

„Was macht sie hier?“

Kael stellte sich neben mich.

„Das geht dich nichts an.“

Seraphinas Augen wurden schmal. „Sie ist eine Ausgestoßene. Du hast sie vor fünf Jahren zurückgewiesen. Du hast ihr verboten, jemals wieder hierherzukommen.“

„Und trotzdem steht sie hier.“

„Warum?“

Kael sah sie an, ohne mit der Wimper zu zucken.

Dann legte er seinen Arm um meine Taille und zog mich an seine Seite.

Mein Körper versteifte sich. Ich wollte seine Hand abschütteln. Doch ich erkannte, dass er nicht mich ansah, sondern Seraphina. Er wollte, dass sie es sah. Er wollte, dass sie verstand, dass sich gerade etwas verändert hatte.

Das machte mich nicht zu seiner Verbündeten.

Es machte mich zu einer Frau, die wusste, wie man eine Gelegenheit nutzte.

Ich hob das Kinn und ließ mir nicht anmerken, wie sehr mich seine Nähe aus dem Gleichgewicht brachte.

Kaels Stimme schnitt durch den Raum.

„Verschwinde, Seraphina.“

Sie starrte ihn an.

„Kael, du kannst nicht ernsthaft glauben, dass diese Frau deine Luna werden kann.“

Er zog mich einen Hauch näher.

„Meine Luna und ich müssen unsere Hochzeit besprechen.“

Seraphina wurde blass.

Dann fiel ihr Blick auf mich, und der Schock in ihren Augen verwandelte sich in etwas Kaltes.

„Du wirst es bereuen, Elena.“

Ich lächelte, obwohl mein Herz raste.

„Stell dich hinten an.“

Seraphina wich zurück. Doch bevor sie die Tür schloss, sah ich, wie ihre Hand sich zur Faust ballte.

Ich wusste nicht, was sie als Nächstes tun würde.

Aber ich wusste, dass mein Leben in Black Rock gerade erst begonnen hatte.

Und diesmal würde ich nicht gehen, ohne zu bekommen, wofür ich gekommen war.

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