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Die Apokalypse beginnt in 60 Tagen
Die Apokalypse beginnt in 60 Tagen
Author: Alia Writes

Sechzig Tage vor dem Ende

Author: Alia Writes
last update Petsa ng paglalathala: 2026-10-12 08:10:45

Das Erste, was Evelyn Carter bemerkte, war, dass sie atmen konnte.

Kein eiskaltes Wasser füllte ihre Lungen. Kein verzweifelter Druck erdrückte ihre Brust. Keine scharfen Trümmerteile rissen ihre Haut auf.

Sie atmete.

Evelyn fuhr ruckartig hoch, ihre Hände flogen an ihren Hals.

Ein erstickter Laut entfuhr ihren Lippen.

Sie konnte mehrere Sekunden lang nur da sitzen und nach Luft schnappen, als ob ihr jemand sie jeden Moment wieder nehmen könnte.

Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass sie ertrunken war.

Schwarzes Hochwasser hatte den Eingang zum Notunterkunft verschluckt. Sie hatte vor der verstärkten Stahltür gestanden und so lange dagegen gehämmert, bis ihre Knöchel rissen.

"Nathaniel! Bitte!"

Durch das schmale Glasfenster hatte sie ihren Mann gesehen.

Er stand mit Vanessa Reed im Arm im Inneren des Schutzraums.

Vanessas geschwollener Bauch war unter ihrem Mantel unverkennbar.

„Es ist nicht genug Platz!“, hatte Nathaniel gerufen.

Evelyn hatte an ihm vorbeigeschaut.

Neben dem Notstromaggregat war Platz. Genug, dass eine Person hindurchpasste.

"Bitte, Nathaniel. Ich bin deine Frau!"

Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert.

„Vanessa trägt mein Kind. Ich kann ihr Leben nicht riskieren.“

Die Worte hatten härter getroffen als das eiskalte Wasser.

"Ihr Kind?"

Vanessa war näher an das Glas herangetreten.

Selbst dann, als der Tod nahte, gelang es ihr noch zu lächeln.

"Schau nicht so überrascht, Evelyn. Nathaniel und ich sind schon seit Jahren zusammen."

Evelyn hatte den Kopf geschüttelt.

"Nein, Oliver..."

„Oliver gehört mir“, unterbrach Vanessa. „Mir und Nathaniel. Hast du diese lächerliche Geschichte von der Geburt nach deinem Unfall wirklich geglaubt?“

Evelyns Hände waren von der Tür gefallen.

Sechs Jahre.

Sechs Jahre lang hatte sie Oliver geliebt, ihn großgezogen und war immer an seinem Bett wach geblieben, wenn er krank war.

Sie hatte den Ärzten geglaubt, als diese ihr sagten, der Unfall habe ihre Erinnerung an seine Geburt beeinträchtigt.

Und Nathaniel hatte mit ansehen müssen, wie sie es glaubte.

Hinter dem Glas hatte sich Oliver an Vanessas Mantel geklammert.

"Mama, können wir jetzt gehen?"

Er hatte Evelyn nicht angesehen.

Dann griff Nathaniel nach dem Notverschluss.

"Nathaniel!", schrie Evelyn.

Die Stahltür war versiegelt.

Einen Augenblick später traf eine heftige Welle das Gebäude.

Das Wasser reichte ihr bis über die Schultern.

Ihre Finger kratzten vergeblich am Glas.

Das Letzte, was sie sah, war, wie ihr Mann sich abwandte.

Dann Dunkelheit.

"Evelyn!"

Eine schrille Stimme zerstörte die Erinnerung.

Evelyn zuckte zusammen.

Sonnenlicht strömte durch riesige, cremefarbene Vorhänge. Über dem Bett hing ein Kristalllüster. Aus einer Vase auf dem Schminktisch stieg ein zarter Rosenduft auf.

Sie kannte dieses Zimmer.

Das Hauptschlafzimmer der Carter-Villa.

Das war jedoch unmöglich.

Das Herrenhaus war im dritten Monat der Apokalypse eingestürzt.

"Evelyn! Bist du taub?"

Jemand hämmerte gegen die Schlafzimmertür.

Evelyn drehte sich langsam zum Nachttisch um.

Ihr Handy lag neben einem Glas Wasser.

Sie schnappte es sich.

12. April 2028.

Ihre Finger umklammerten das Gerät fester.

12. April.

NEIN.

Das konnte nicht stimmen.

Sie erinnerte sich an das Datum, an dem die Apokalypse begann.

11. Juni 2028.

Genau in sechzig Tagen.

Evelyn starrte auf den Bildschirm, bis die Zahlen verschwammen.

Sie öffnete ihren Kalender. Sah das Jahr nach. Öffnete die Nachrichten.

Die Aktienmärkte funktionierten. Prominente stritten online. Restaurants warben mit Wochenendrabatten.

Vor ihrem Fenster fuhren die Autos friedlich die private Zufahrtsstraße entlang.

Die Welt war nicht untergegangen.

Noch nicht.

Ein seltsamer Laut entfuhr ihrer Kehle.

Halb Lachen, halb Schluchzen.

Sie presste sich mit zitternder Hand die Hand vor den Mund.

Sie lebte.

Irgendwie war sie zurückgekehrt.

"Evelyn Carter!"

Die Schlafzimmertür flog auf.

Margaret Carter schritt herein, bekleidet mit einer Perlenkette und einer teuren Seidenbluse.

Nathaniels Mutter.

In Evelyns vorherigem Leben hatte Margaret sieben Jahre lang damit verbracht, sie daran zu erinnern, wie glücklich sie sich schätzen könne, in die Familie Carter eingeheiratet zu haben.

Während der Apokalypse hatte Evelyn ihre letzten Antibiotika abgegeben, um Margaret vor einer infizierten Wunde zu retten.

Drei Tage später stimmte Margaret dafür, sie vor dem Schutzraum zu lassen.

Nun stand die Frau am Fußende ihres Bettes und blickte finster drein.

Haben Sie eine Ahnung, wie spät es ist?

Evelyn sagte nichts.

Margaret verschränkte die Arme.

„Vanessa wartet unten auf das Frühstück. Nathaniel hat ein wichtiges Meeting, und sein blauer Anzug ist noch nicht bereit. Wollen Sie etwa den ganzen Morgen im Bett liegen bleiben?“

Evelyn betrachtete ihre Hände.

Glatte Haut.

Keine Erfrierungen. Keine infizierten Schnittwunden. Keine abgebrochenen Fingernägel.

Langsam ballte sie die Hände zu Fäusten.

„Hast du mich gehört?“, fragte Margaret.

"Ja."

"Dann steh auf."

Evelyn hob den Blick.

"NEIN."

Margaret blinzelte.

"Was hast du gesagt?"

"Ich habe Nein gesagt."

Einen Moment lang herrschte absolute Stille im Raum.

Margaret starrte sie an, als ob sie plötzlich eine andere Sprache zu sprechen begonnen hätte.

"Hast du den Verstand verloren?"

Evelyn schob die Decke beiseite und stieg aus dem Bett.

Ihre Beine fühlten sich wackelig an, aber sie zwang sich aufzustehen.

„Du bist durchaus in der Lage, das Frühstück zuzubereiten, Margaret. Und Nathaniel ist zweiunddreißig Jahre alt. Er kann seine Kleidung selbst aussuchen.“

Margarets Gesicht rötete sich.

"Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden?"

Evelyn ging auf den Schminktisch zu.

Im Spiegel stand eine Frau, die sie kaum wiedererkannte.

Ihr dunkles Haar fiel ihr über die Schultern. Ihre Haut war rein, ihre Wangen voll. Unter ihren Augen waren keine dunklen Schatten.

Sie sah gesund aus.

Wunderschön sogar.

Nichts ist vergleichbar mit der hungernden Frau, die ihre letzten Wochen damit verbracht hatte, um das Leben einer undankbaren Familie zu kämpfen.

"Evelyn!"

Sie drehte sich um.

Margaret deutete zur Tür.

„Geh sofort nach unten und entschuldige dich bei Vanessa. Sie ist extra so weit gekommen, um dich zu besuchen.“

Vanessa.

Bei dem Namen drehte sich Evelyn der Magen um.

Sie erinnerte sich daran, Vanessa während des ersten Schneesturms ihren Wintermantel gegeben zu haben.

Sie erinnerte sich daran, wie sie ihr Essen teilte, als die Vorräte knapp wurden.

Sie erinnerte sich daran, wie sie sie verteidigte, wann immer andere Überlebende hinterfragten, warum Nathaniel so beschützerisch ihr gegenüber zu sein schien.

Evelyn hatte Verrat mit Freundschaft verwechselt.

Nie wieder.

"Vanessa ist nicht meine Verantwortung."

Margaret riss den Mund auf.

„Das Mädchen gehört praktisch zur Familie!“

Evelyn musste sich ein Lachen verkneifen.

Du ahnst gar nicht, wie recht du hast.

Bevor Margaret fortfahren konnte, näherten sich Schritte.

Nathaniel erschien in der Tür.

Er trug einen anthrazitgrauen Anzug, sein dunkles Haar war ordentlich frisiert.

Jahrelang hatte Evelyn ihn für den schönsten Mann gehalten, den sie je gesehen hatte.

Jetzt konnte sie sich sein Gesicht nur noch hinter verstärktem Glas vorstellen.

"Evelyn, was ist los?"

Seine Stimme klang gereizt.

Margaret drehte sich sofort zu ihm um.

„Ihre Frau hat jegliche Manieren verloren! Sie weigert sich, das Frühstück zuzubereiten, und spricht mit mir wie mit einer gewöhnlichen Dienerin!“

Nathaniel seufzte.

"Evelyn, nicht heute."

Er ging auf sie zu und rückte seine Manschettenknöpfe zurecht.

„Mutter verlangt nicht viel. Vanessa ist unser Gast, und ich habe in vierzig Minuten eine Besprechung.“

Evelyn beobachtete ihn.

Er sah so entspannt aus.

So sicher, dass sie gehorchen würde.

In ihrem früheren Leben hatte sie diese Gewissheit mit Sicherheit verwechselt.

Jetzt erkannte sie, was es war.

Eigentum.

„Dann sollten Sie zu Ihrem Meeting aufbrechen“, sagte sie.

Nathaniel runzelte die Stirn.

"Was soll das bedeuten?"

„Das bedeutet, dass ich dein Frühstück nicht zubereite.“

Er starrte sie an.

"Bist du über etwas wütend?"

Evelyns Blick fiel kurz auf seinen Ehering.

Sieben Jahre.

Sieben Jahre lang hatte sie Jahrestage allein geplant. Geburtstage hatte sie mit teuren Geschenken gefeiert. Nächte verbrachte sie wartend auf einen Ehemann, der immer behauptete, Überstunden machen zu müssen.

Wie viele dieser Nächte hatte er mit Vanessa verbracht?

„Evelyn.“ Nathaniels Tonfall wurde härter. „Ich rede mit dir.“

„Ich habe dich gehört.“

„Dann hör auf, dich wie ein Kind zu benehmen.“

Er griff nach ihrem Handgelenk.

Evelyn wich zurück, bevor seine Finger sie berührten.

Die Bewegung überraschte beide.

Nathaniels Gesichtsausdruck verfinsterte sich.

"Was stimmt nicht mit dir?"

Einen schrecklichen Augenblick lang sah sie die Tür des Schutzraums wieder.

Seine Hand griff nach dem Schloss.

Seine Augen mieden ihren Blick.

Ihr Atem beschleunigte sich.

Sie presste ihre Fingernägel in ihre Handflächen, bis die Erinnerung ihren Griff lockerte.

„Nichts“, sagte sie leise. „Ich verstehe endlich etwas.“

"Und was wäre das?"

Evelyn blickte ihm direkt in die Augen.

„Dass ich sieben Jahre meines Lebens verschwendet habe.“

Margaret keuchte auf.

Nathaniel erstarrte.

Dann stieß er ein kurzes, ungläubiges Lachen aus.

"Liegt das daran, dass ich unser Jahrestagsessen vergessen habe?"

Evelyn erinnerte sich an dieses Abendessen.

Sie hatte bis Mitternacht in einem Restaurant gewartet, während Nathaniel behauptete, an einer dringenden Vorstandssitzung teilzunehmen.

Am darauffolgenden Morgen hatte Vanessa Fotos von einem romantischen Abend in einem privaten Resort veröffentlicht.

Evelyn hatte die beiden Dinge nie miteinander in Verbindung gebracht.

Wie töricht sie doch gewesen war.

"Nein", antwortete sie.

Nathaniel lockerte seine Krawatte.

„Was willst du denn dann? Noch eine Handtasche? Einen Urlaub? Sag es mir einfach, anstatt unnötig Drama zu machen.“

Evelyn spürte, wie sich etwas in ihr beruhigte.

Der Zorn blieb, aber er war nicht mehr ungestüm.

Es war kalt geworden und bemerkenswert klar.

Sie warf einen Blick auf die Uhr.

Sechzig Tage.

Vierzehnhundertvierzig Stunden.

Das war die gesamte Zeit, die ihr blieb, um ihr Leben zurückzuerobern, ihr Erbe zu sichern, eine Festung zu errichten und stark genug zu werden, um das Kommende zu überstehen.

Sie konnte es sich nicht leisten, noch eine Minute zu vergeuden.

"Evelyn, antworte mir."

Sie ging an ihm vorbei in Richtung Kleiderschrank.

"Aussteigen."

Nathaniel drehte sich abrupt um.

"Verzeihung?"

„Ich muss mich anziehen. Ihr solltet beide gehen.“

Margaret stammelte.

"Das ist das Haus meines Sohnes!"

„Dann wird er sich sicher einen anderen Platz zum Stehen suchen.“

Nathaniel packte die Kleiderschranktür, bevor sie sie öffnen konnte.

"Genug!"

Seine erhobene Stimme hallte durch das Schlafzimmer.

Früher hätte Evelyn sich sofort entschuldigt.

Diesmal rührte sie sich nicht.

Nathaniel beugte sich näher.

„Egal welches Spiel du da spielst, beende es jetzt. Du blamierst dich nur.“

Evelyn betrachtete sein Gesicht.

Einst hatte sie jedes einzelne Detail geliebt.

Nun fragte sie sich, wie sie die Grausamkeit hinter seinem charmanten Lächeln übersehen hatte.

„In einem Punkt hast du recht“, sagte sie.

Nathaniel kniff die Augen zusammen.

"Was?"

„Das hat jetzt lange genug so gedauert.“

Sie ging um ihn herum, öffnete die Nachttischschublade und holte eine Mappe heraus, die ihre Heiratsurkunde und andere persönliche Dokumente enthielt.

Nathaniel beobachtete sie mit zunehmender Verwirrung.

"Was machst du?"

Evelyn legte den Ordner auf das Bett.

Ihr Herz raste, aber ihre Stimme blieb ruhig.

Sie war schon einmal gestorben, weil sie sich ein Leben ohne diesen Mann nicht vorstellen konnte.

Nun hatte sie sechzig Tage Zeit, sich eine Zukunft aufzubauen, in der er nie wieder Macht über sie haben würde.

"Nathaniel."

Irgendetwas in ihrem Gesichtsausdruck brachte ihn schließlich zum Schweigen.

Evelyn sah ihm in die Augen.

„Ich will die Scheidung.“

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