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Amelias POV
Das Geräusch von zersplitterndem Glas ließ mich zusammenzucken. Ich starrte auf das Kristallweinglas, das in Scherben zu meinen Füßen lag. Ein ungutes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Die Art von Gefühl, die immer auftauchte, bevor etwas Schlimmes geschah. „Mrs. Blackwood!“ Eine der Dienstmädchen eilte auf mich zu. Ihr Gesicht war voller Besorgnis. „Haben Sie sich verletzt?“ Ich blickte an mir hinunter, bevor ich mich zu einem Lächeln zwang. „Nein. Mir geht es gut“, antwortete ich. Das Dienstmädchen atmete erleichtert aus. „Gott sei Dank. Bitte treten Sie einen Schritt zurück.“ Ich nickte und ging zur Seite, während sie die Glasscherben sorgfältig zusammenkehrte. Ich hätte die Sache einfach vergessen sollen. Es war nur ein Glas. Doch ich konnte mir nicht erklären, warum mich dieser Anblick so sehr beunruhigte. Die Villa wirkte heute Abend ungewöhnlich still. Das riesige Esszimmer wurde von sanftem goldenem Licht erhellt. Kerzen flackerten leise auf dem Tisch, frische weiße Rosen standen in der Mitte. Alles war perfekt vorbereitet. Mein Blick wanderte zur Standuhr. Halb acht. Ich überprüfte erneut mein Handy. Keine Nachricht. Die vertraute Enttäuschung breitete sich in mir aus, doch ich konnte nicht aufhören zu hoffen. Heute war nicht einfach irgendein Tag. Heute war unser dritter Hochzeitstag. Vor drei Jahren war ich Amelia Blackwood geworden. Die Ehefrau von Damian Blackwood. Dem Mann, den ich schon viel länger liebte, als er jemals wusste. Plötzlich vibrierte mein Handy. Lilys Name erschien auf dem Bildschirm. Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Im Gegensatz zu meinem Ehemann vergaß Lily niemals wichtige Tage. Ich nahm den Anruf an. „Hi.“ „Sag bloß nicht 'Hi' zu mir“, sagte sie sofort. Ich lachte leise. „Was habe ich denn getan?“, fragte ich. „Was hast du getan? Die bessere Frage ist: Was macht dein Ehemann?“ Ich wusste bereits, wohin dieses Gespräch führen würde. „Er arbeitet“, antwortete ich. Lily stöhnte dramatisch. „Amelia, wenn du diesen Mann noch ein einziges Mal in Schutz nimmst, verliere ich wirklich den Verstand.“ „Er hat Verantwortung.“ „Er hat immer Verantwortung.“ Ich antwortete nicht, denn sie hatte nicht unrecht. „Bitte sag mir, dass er an euren Hochzeitstag gedacht hat?“, fragte sie. Mein Schweigen beantwortete ihre Frage. „Oh mein Gott“, sagte sie enttäuscht. „Lily...“ „Nein. Fang gar nicht erst damit an.“ Ich konnte sie mir praktisch vorstellen, wie sie in ihrer Wohnung auf und ab lief. „Drei Jahre, Amelia. Drei Jahre.“ „Ich weiß“, sagte ich und seufzte. „Du hast etwas so viel Besseres verdient.“ Mein Blick fiel auf den leeren Stuhl mir gegenüber. Den Platz, den ich für Damian vorbereitet hatte, mit seinem Lieblingsessen und seinem Lieblingswein. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in meiner Brust aus. „Mir wird es gut gehen“, sagte ich. Lilys Stimme wurde sanfter. „Genau das macht mir Sorgen.“ Bevor ich antworten konnte, ertönte draußen das vertraute Geräusch eines Motors. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der Range Rover. Damian war zu Hause. „Lily, ich rufe dich später zurück“, sagte ich hastig. „Warte...“ Ich legte auf, bevor sie weitersprechen konnte. Unten öffnete sich die Haustür. Alle Bediensteten richteten sich sofort auf, und die Atmosphäre veränderte sich. Es gefiel mir nicht, wie schnell mein Herz auf seine Anwesenheit reagierte. Wie schnell die Hoffnung zurückkehrte. Als hätte ich nicht schon jahrelang Enttäuschungen erlebt. Schritte hallten durch die Eingangshalle, bevor ich ihn sah. Damian Blackwood. Groß, gutaussehend und makellos gekleidet. Sein dunkles Haar war vom Wind draußen leicht zerzaust, und sein teurer anthrazitfarbener Anzug sah wie immer perfekt aus. Die Leute nannten ihn oft kalt. Aber sie irrten sich. Kalte Dinge konnte man wenigstens noch berühren. Sein Blick glitt durch den Raum, bevor er auf mir ruhte. „Du bist zu Hause“, sagte ich. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. „Hm.“ Mehr sagte er nicht. Der vertraute Schmerz kehrte zurück. Sein Blick fiel auf den Esstisch. Seine Stirn zog sich zusammen. Er war genervt. Ich kannte diesen Ausdruck. Drei Jahre lang hatte ich jede Form seiner Gleichgültigkeit kennengelernt. „Ich habe das Abendessen vorbereitet“, sagte ich. „Ich habe bereits gegessen“, erwiderte er knapp. Die Antwort kam sofort. Ohne das geringste Zögern. Meine Finger krümmten sich. „Oh.“ Damian ging auf die Treppe zu. Panik stieg in mir auf. Wenn er jetzt ging, würde wieder eine Gelegenheit verstreichen. Und ein weiterer Hochzeitstag würde genauso enden wie alle vorherigen. „Damian.“ Seine Schritte verstummten. Er drehte sich leicht um. „Was?“ Ich schluckte. „Können wir reden?“ Sein Gesicht wurde verschlossen. „Worüber?“ „Über uns.“ Das darauffolgende Schweigen schien endlos. Seine Augen wurden noch kälter. „Es gibt heute Abend kein 'Uns', über das wir reden müssten.“ Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. „Heute ist unser Hochzeitstag.“ „Ich weiß.“ Ich blinzelte. Er hatte daran gedacht. Er wusste es tatsächlich. Und genau das tat noch mehr weh. Denn sich daran zu erinnern bedeutete nur, dass es ihm einfach egal war. „Wir haben überhaupt keine Zeit miteinander verbracht“, sagte ich. Seine Geduld schwand sichtbar. „Ich bin müde, Amelia.“ „Ich auch.“ Die Worte rutschten mir einfach heraus. Überraschung huschte über sein Gesicht. Ich widersprach ihm nur selten. „Wie bitte?“ Mein Puls beschleunigte sich, aber jetzt konnte ich nicht mehr zurückweichen. „Ich bin auch müde.“ Sein Blick verengte sich. „Wovon bist du müde?“ Diese Frage ließ mich bitter auflachen. „Davon, mich in meiner eigenen Ehe wie eine Fremde zu fühlen.“ Sein Gesicht verschloss sich sofort wieder. Die Mauer zwischen uns erhob sich erneut. Dieselbe Mauer, die ich seit drei Jahren vergeblich zu überwinden versuchte. „Es gibt nichts mehr zu besprechen.“ „Damian...“ „Gute Nacht.“ Dann ging er einfach. Und ließ mich dort stehen. Stunden vergingen. Die Kerzen brannten immer weiter herunter. Das Essen wurde kalt. Nach und nach verschwanden die Bediensteten nach oben. Schließlich saß ich allein im Esszimmer. Unser Hochzeitstagsessen blieb unberührt. Die Uhr schlug zehn. Erst dann stand ich auf. Vielleicht hatte Lily recht. Vielleicht war ich töricht. Vielleicht sollte sich Liebe nicht so einsam anfühlen. Ich hatte kaum zwei Schritte gemacht, als erneut Schritte von der Treppe widerhallten. Damian kam wieder herunter. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Warum? Was hatte sich geändert? Er ging direkt auf mich zu. Sein Gesicht war nicht zu lesen. Ich bemerkte die Unterlagen in seiner Hand. Eine dicke Akte. Er blieb vor mir stehen. Ohne ein Wort streckte er sie mir entgegen. „Nimm sie.“ Ich starrte auf die Unterlagen. „Was ist das?“, fragte ich. „Lies es.“ Das ungute Gefühl von vorhin kehrte zurück. Meine Finger zitterten, als ich die Akte entgegennahm. Langsam öffnete ich sie. Der Titel stand in großen Buchstaben auf der ersten Seite. SCHEIDUNGSVEREINBARUNG In meinen Augen verschwand die ganze Welt. Mein Atem stockte. Mein Verstand wurde vollkommen leer. Das konnte nicht wahr sein. Mein Blick wanderte nach unten zur Unterschriftszeile. Damian Blackwood hatte bereits unterschrieben. Nur meine Unterschrift fehlte noch. Die Unterlagen rutschten leicht in meinen zitternden Händen. Ich blickte direkt zu meinem Ehemann auf. Dem Mann, den ich drei Jahre lang geliebt hatte. „Damian...“ Meine Stimme brach. „Was... was ist das?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos. „Ich will die Scheidung“, sagte er sofort.Damians SichtIch saß noch lange in meinem Büro, nachdem Grace aufgelegt hatte, das Telefon immer noch in der Hand, als hätte ich vergessen, wie man es hinlegt.Ein Kind. Mein Kind. Ich ging alle möglichen Gefühle durch, die man dazu haben könnte, und landete bei etwas, das ich nicht erwartet hatte – nicht Triumph, nicht die stille Hoffnung, dass dies Amelia vielleicht zurück in mein Leben ziehen würde. Nur eine seltsame, schwere Art von Beständigkeit. Als hätte etwas in mir länger auf diese Nachricht gewartet, als mir bewusst war.Marcus klopfte und trat ein paar Minuten später ein. Mein Gesichtsausdruck schien etwas zu verraten.„Sir? Ist alles in Ordnung?“„Ich brauche, dass du Amelia’s Büro kontaktierst.“ sagte ich. „Einfach eine Nachricht, ob sie Zeit für ein Gespräch hat. Wann immer es für sie passt.“Er musterte mich einen Moment. „Geht es um die Vaterschaftsgeschichte, die gerade die Runde macht?“„Es ist b
Amelias SichtIch rief ihn schließlich gar nicht an. Stattdessen schickte ich eine SMS, nur eine einzige Zeile.„Kann ich rüberkommen? Es ist wichtig. Ich weiß, es ist spät.“Seine Antwort kam schneller, als ich erwartet hatte. „Ja. Komm jetzt.“Ich fuhr in Jogginghose hin, ohne Make-up, die Haare zu einem halbwegs ordentlichen Knoten hochgesteckt, den ich in unter einer Minute hinbekommen hatte, weil das kein Gespräch war, bei dem ich zurechtgemacht aussehen musste. Im Gegenteil: Zurechtgemacht hätte sich falsch angefühlt.Er öffnete die Tür, bevor ich überhaupt klopfen konnte, als hätte er genau dort gestanden und gewartet.„Du siehst aus, als wäre etwas nicht in Ordnung.“ Er trat zur Seite und ließ mich herein.„Die Ergebnisse sind da.“ Ich setzte mich nicht einmal erst hin.Sein ganzer Körper erstarrte. „Okay.“„Es ist Damians.“Er sagte eine Sekunde lang nichts. Er stand einfach nur in seiner Küche, eine Hand gegen die Arbeitsplatte gestützt, und starrte auf irgendeinen Punkt auf
Amelias POVIch saß da und starrte fünf volle Minuten auf die E-Mail, bevor ich sie überhaupt anklickte.Nicht, weil ich bewusst Spannung aufbauen wollte. Ich konnte meine Hand einfach nicht bewegen. Jedes Mal, wenn ich mir sagte, ich solle sie öffnen, baute ein anderer Teil meines Gehirns eine Mauer auf, als wäre das Nichtwissen irgendwie sicherer, als es tatsächlich herauszufinden.Schließlich öffnete ich sie, denn da sitzen und erstarren würde das Ergebnis ohnehin nicht ändern.Die E-Mail enthielt einen sicheren Link, ein Portal, in das ich mich mit einem Code einloggen musste, den sie mir separat per SMS geschickt hatten. Ich fummelte mich durch, tippte den Code beim ersten Mal falsch – meine Hände zitterten zu sehr, um es auf Anhieb richtig hinzubekommen.Beim zweiten Mal klappte es. Die Seite lud so langsam, dass ich ein paar extra Sekunden purem Grauen hatte, bevor das eigentliche Dokument erschien. Ein PDF. Klinisch, formell
Amelias PerspektiveAdrian rief um sieben an. Ich ließ es zweimal klingeln, bevor ich abhob – hauptsächlich, weil ich diese paar Sekunden extra brauchte, um überhaupt zu überlegen, was ich sagen sollte.„Hey“, sagte ich.„Hey.“ Seine Stimme war leise. Nicht gerade kalt, aber auch nicht seine gewohnte Wärme. „Kann ich vorbeikommen?“„Ja. Natürlich.“Zwanzig Minuten später stand er vor der Tür, noch in den Kleidern, die er wahrscheinlich im Sekundentakt übergeworfen hatte, als er die Schlagzeile gesehen hatte, das Haar nicht richtig gekämmt, wie ein Mann, der in der Nacht zuvor ebenfalls kaum geschlafen hatte.Ich ließ ihn herein, und wir standen einen Moment lang in meinem Wohnzimmer, ohne etwas zu sagen. Das Ganze hing zwischen uns wie etwas, das keiner von uns als Erster anfassen wollte.„Ich habe den Artikel gesehen“, sagte er schließlich.„Ich weiß.“„Stimmt das?“„Zum Teil“, sagte ich. „Ich bin schwanger. Das stimmt. Die Sache mit dem Zeitpunkt – das weiß ich noch nicht. Deshalb h
Amelias PerspektiveIch habe es Lily nicht sofort gesagt. Ich weiß, wie das klingt, wo sie doch diejenige war, die es vorhergesagt hat, noch bevor ich den Test gemacht habe. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Ich glaube, ich bin schwanger“ und „Ich könnte drei Wochen vor meiner Hochzeit mit dem Kind meines Ex-Mannes schwanger sein.“ Das eine ist eine freudige Nachricht. Das andere fühlte sich an, als müsste ich erst allein damit fertigwerden, damit ich nicht vor jemandem zusammenbreche.Ich habe zwei Tage durchgehalten. Sie tauchte am Donnerstagabend mit Takeaway und einer Flasche alkoholfreiem Sekt bei mir in der Wohnung auf, klar davon ausgehend, dass wir feiern würden.„Okay“, sagte sie und stellte die Tüten auf meine Küchentheke, „raten wir schon das Geschlecht oder ist das noch zu früh?“„Lily.“Irgendetwas in meiner Stimme muss es verraten haben, denn sie hörte auf, das Essen auszupacken, und schaute mich nur an.„Was.“Ich erzählte ihr alles. Den Ultraschall. Die Maße.
Amelias PerspektiveIch hatte vier Morgen hintereinander erbrochen, bevor ich mir überhaupt erlaubte, darüber nachzudenken, was das bedeutete.Ich redete mir ein, es sei der Stress. Die Hochzeitsplanung allein reichte aus, um jedem den Magen zu verderben – die Caterer riefen zweimal am Tag an, Adrians Mutter wollte bei den Blumen mitreden, die mich nicht interessierten, und der Vorstand von Hart Global gewöhnte sich immer noch an die Idee, dass ihre Präsidentin bald wieder jemandes Frau werden würde. Dazu kam die Erschöpfung von Sophias Prozessvorbereitung, und Erbrechen vor dem Frühstück wirkte beinahe vernünftig.Lily glaubte mir kein Wort.„Du bist seit zwei Wochen seltsam“, sagte sie und ließ sich unaufgefordert auf die Couch in meinem Büro fallen. „Seltsam, müde. Seltsam blass. Gestern hast du nicht einmal deinen Kaffee ausgetrunken, und den liebst du mehr als die meisten Menschen.“„Ich habe viel um die Ohren.“„Klar.“ Sie musterte mich. „Wann hattest du das letzte Mal deine Per







