Se connecter„Nein“, sagte Garrick.„Ich habe doch noch gar nichts gesagt.“„Du warst gerade dabei. Du hast diesen Blick.“ Er hatte beide Hände flach auf das Eichenholz gelegt, die unversehrte und die andere, und stützte sich darauf, als könnte der Tisch jeden Moment etwas versuchen. „Ich sage es vorab. Nein.“Es war der Morgen nach der Nacht im Korridor. Ariana hatte vier Stunden im Sitzen geschlafen und war mit einem steifen Nacken und einer Decke über sich aufgewacht, die sie sich nicht selbst übergelegt hatte. Sie hatte beschlossen, nicht danach zu fragen. Nun stand sie am Fußende des Tisches im Kriegsraum, ein Blatt abgeschabtes Schafsleder in der Hand, das beidseitig mit ihrer kleinen, kantigen Handschrift beschrieben war, während ein fünfzehnjähriger Junge mit aufgeplatzter Lippe an der Wand lehnte und versuchte, von niemandem bemerkt zu werden.„Noch einmal“, sagte Hale. „Langsam.“Der Junge ging es noch einmal durch, langsam. Skells Rudel war vor drei Tagen die Oststraße heraufgekommen, d
Die Halle ist zu groß.Vierzig Menschen, beim ersten Mal. Jetzt sind es Hunderte, Tische, die sich in einer Dunkelheit verlieren, wo eigentlich das Dach sein sollte, und Kerzen zu Tausenden, die keine Wärme spenden. Sie trägt Grau. Sie steht am Ostbogen, genau dort, wo sie damals stand, und niemand will sie ansehen, und jeder tut es.Kael kommt durch die Menge. Sie teilt sich für ihn. Er berührt niemanden.„Nicht hier“, sagt sie.„Hier.“Sein Mund bewegt sich. Sie weiß, was er sagt. Sie könnte es mit ihm zusammen sprechen; jahrelang hat sie es in der Dunkelheit vor sich hin gesagt, eine halbe Sekunde im Voraus, wie ein falsch gelerntes Gebet. Vier Worte. Es sind immer vier. Sie beginnt, sie zu zählen, und der Boden gibt nach.Schon gut, versucht sie zu sagen. Schon gut. Das war alles, was sie damals gesagt hatte. Es war das Einzige, was ihr geblieben war, und ihr Mund ist voller Wasser.Der Boden ist der Fluss. Lautlos ist er durch die Dielen gestiegen. Die Kälte reicht ihr bis zu den
Garrick zählte Dinge. Es war eine schlechte Gewohnheit, wie Ysolde ihm etwa einmal am Tag sagte, aber ein Mann, der eine Nachhut durch zwei Winter geführt hat, lernt zu wissen, wie viel von allem ihm noch bleibt.Türen in der Halle: vier. Menschen am langen Tisch: zweiundsechzig. Brennende Fackeln: achtzehn. Kinder: sechs bis vor einer Woche, jetzt sieben, und das siebte war bei seiner dritten Schüssel Eintopf angelangt und erklärte Bram, der nicht darum gebeten hatte, wie sich ein Auerhahn anhört, wenn man sich an ihn heranschleicht. Wie oft die Frau seit ihrem Hinsetzen zur Tür gesehen hatte: elfmal, in der Zeit, die Garrick gebraucht hatte, um seine eigene Schüssel leer zu essen.Sie hatte sich den Platz nicht ausgesucht. Tamsin hatte das getan, weil er der Küche am nächsten lag, und Tamsin war eine Frau, die das Problem anpackte, das gerade vor ihr lag, und sich darüber keine weiteren Gedanken machte. Das brachte die Mondgeborene auf die Hälfte der linken Seite des Tisches, mit de
Am sechsten Morgen konnte Ariana einen Raum durchqueren, ohne dass der Boden schwankte, und sie hatte eine Liste.Sie hatte am zweiten Tag im Kopf damit begonnen, weil niemand daran gedacht hatte, ihr eine Schreibfeder dazulassen. Ausgänge: drei, von denen sie wusste, einer, den sie vermutete. Personen: einundsechzig, die sie gesehen hatte, wahrscheinlich mehr in den Nebengebäuden. Waffen: die Waffenkammer am Hof, deren Schloss laut Tamsin im Jahr der Flut verloren gegangen war. Dinge, die sie nicht wusste: Darius’ anderer Name, falls er einen hatte; wer ihm diesen tiefen Schnitt in der Seite zugefügt hatte; woher die Wache ihr Salz bezog; was sie tun würde, wenn der Schnee kam und sie noch immer hier war. Letzteres behielt sie ganz unten, wo man es von oben nicht sehen konnte.Vor dem Morgengrauen ging sie hinauf auf die Mauer. Sie hatte den Ort noch nicht von außen gesehen, und es war die Stunde, bevor alle anderen aufstanden.Die Wache war auf die Kuppe eines schwarzen Felsrückens
Die Regel im Kriegsraum besagte, dass niemand Hale unterbrach, während er die Grenzberichte vorlas. Sie hatte neun Jahre lang Bestand gehabt, zwei Überschwemmungen und einen Kaminbrand überdauert, und sie wurde an einem Donnerstagnachmittag gebrochen, als ein Sechsjähriger hereinspazierte, der seine Stiefel an den falschen Füßen trug.Ysolde spürte ihn, bevor sie ihn sah. Ein Druck legte sich auf ihren Nacken, als hätte sie einen Raum betreten, in dem gerade jemand ihren Namen gesagt hatte. Die Haare auf beiden Armen stellten sich auf. Ihr Wolf, ein vernünftiges Tier, das sie vierzig Jahre und zwei Brüder lang am Leben erhalten hatte, rollte sich auf den Rücken und präsentierte seinen Bauch.Sie hatte sich schon halb aus ihrem Stuhl erhoben. Sie konnte sich nicht erinnern, das entschieden zu haben. Sie setzte sich wieder, hart, und starrte den Tisch böse an, als trüge er die Schuld.Der Kriegsraum lag über dem Torhaus, eine lange, kalte Kammer, in der die alten Kommandanten der Wache
Eine Weile rührte sich niemand. Draußen vor dem Felsüberhang wich der Frost in dunklen Streifen aus dem Gras, wo die Sonne es erreichte, und der Wolf lag mit dem Kinn auf seinen Vorderpfoten und den Augen auf sie gerichtet, stetig wie eine Lampe.„Ich bin Ariana“, sagte sie, weil es jemand sagen musste. „Das ist Elias. Du musst uns deinen nicht verraten. Wir haben vereinbart, nicht zu raten.“Das Ohr des Wolfs bewegte sich, jenes kleine Zucken, das Elias seit zwei Wochen als Zuneigung deutete, und zum ersten Mal dachte sie, dass er recht haben könnte.„Die Vögel haben aufgehört“, sagte Elias.Das hatten sie. Die Eichelhäher in den Lärchen hatten sich seit dem Morgengrauen gezankt, und jetzt gab es nur noch den Bach und das Feuer und eine dünne, kalte Stille, die sie aus sechs Jahren Leben darin kannte. Der Kopf des Wolfs hob sich, die Ohren zur Baumgrenze gedreht.„Hinter das Gestell, Elias. Sofort.“Er ging. Sie hatte es ihm so früh beigebracht, dass es ein Reflex war. Sie hatte das







