ANMELDENDer erste Schnee fällt an einem Dienstag.Ich wache auf, weil die Stille anders ist. Nicht die gewöhnliche Stille des frühen Morgens. Eine tiefere Stille, eine weichere Stille, als ob die ganze Welt in Watte gepackt wäre. Ich öffne die Augen und sehe durch das Fenster einen Himmel, der so weiß ist, dass er fast blau erscheint.Miho steht am Fenster, den cremefarbenen Mantel über ihr Nachthemd gezogen. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt und sieht hinaus, reglos, wie eine Statue aus einer anderen Zeit."Es schneit", sagt sie, ohne sich umzudrehen.Ich stehe auf und trete neben sie. Die Stadt unter uns verschwindet langsam unter einer weißen Decke. Die Dächer der Häuser, die Straßen, die Bäume, alles wird leise und gleichmäßig zugedeckt, als ob der Schnee alles zudecken will, was hässlich ist, und nur das Schöne übrig lassen."Der erste Schnee", sage ich."Ja.""Du hast das tausendmal gesehen."Sie dreht sich zu mir um. "Mehr als tausendmal. Aber nie von diesem Fenster aus. Nie m
Es ist Vollmond.Der erste Vollmond, seit wir den Imoogi besiegt haben. Der erste Vollmond, seit ich meine neun Schweife zurückhabe. Der erste Vollmond, seit ich verheiratet bin.Ich stehe an unserem Fenster und sehe den Mond über den Hügeln aufgehen, rund und golden und so hell, dass er Schatten wirft. Mein Körper summt. Nicht vor Gefahr. Vor Kraft. Vor Fülle. Vor der uralten Magie, die in mir wohnt und die heute Nacht nicht zu verbergen ist."Du leuchtest", sagt Seojun hinter mir.Ich drehe mich um. Er sitzt im Bett, das Laken um seine Hüften, sein Haar zerzaust vom Schlaf, obwohl er noch nicht geschlafen hat. Seine Augen sind dunkel und warm und sehen mich an, als ob ich das Einzige im Raum bin, das zählt."Ich leuchte nicht.""Doch. Deine Haut. Deine Augen. Sogar dein Haar. Als ob das Mondlicht durch dich hindurchscheint."Ich sehe an mir hinab. Er hat recht. Ein sanftes silbernes Leuchten geht von mir aus, kaum sichtbar, aber da. Es ist der Vollmond. Er zieht meine wahre Natur an
Wir heiraten an einem Morgen im späten Herbst.Der Himmel ist blau und klar, als ob er sich extra für uns herausgeputzt hat. Die Luft ist kalt, aber nicht unangenehm, und die Sonne scheint so golden, dass alles um uns herum in warmes Licht getaucht ist. Die Blätter an den Bäumen sind rot und orange und gelb, und manche fallen langsam zu Boden, als ob sie sich Zeit lassen wollen.Wir stehen auf der Lichtung, vor dem Kirschbaum.Er hat sich verändert in den Wochen, seit ich ihn gepflanzt habe. Sein Stamm ist ein wenig dicker geworden, seine Äste ein wenig länger. Im Frühjahr wird er blühen. Heute steht er als stiller Zeuge neben uns, und die kleinen Ritzungen in seiner Rinde, das Schwert und der Fuchs mit den neun Schweifen, sind noch deutlich zu sehen.Miho trägt ein weißes Kleid. Es ist schlicht, ohne Spitze oder Glitzer, nur ein weicher Stoff, der ihr bis zu den Knöcheln fällt und im Licht der Herbstsonne warm schimmert. Ihr Haar ist offen und fällt in dunklen Wellen über ihre Schult
Am Samstagmorgen steht Kim Minjae vor unserer Tür.Ich habe ihn eingeladen. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich will, dass er Teil von dem ist, was wir haben. Er ist der Einzige, der mich lächeln sah, bevor ich selbst wusste, dass ich lächelte. Er ist der Einzige, der fragte, ob ich glücklich bin. Solche Menschen sind selten.Er steht auf der Schwelle, einen kleinen Blumentopf in den Händen, und sieht aus, als ob er nicht weiß, ob er anklopfen soll oder wegrennen."Professor", sagt er und verbeugt sich zu schnell."Herr Kim. Keine Vorlesung heute. Nur Samstag.""Ich weiß. Ich bin trotzdem gekommen.""Das sehe ich. Komm herein."Er tritt zögernd ein und sieht sich um. Das kleine Haus, die Kaffeemaschine in der Ecke, der Jasmin mit seinen vielen Blüten auf der Fensterbank, das Schwert an der Wand. Seine Augen bleiben an Cheonjang hängen, dann wandern sie weiter zu Miho, die am Fenster steht und ihn anlächelt."Minjae", sagt sie. "Schön, dass du da bist.""Ich habe eine Pflanze mit
Sie weckt mich, bevor die Sonne aufgeht.Ihre Hand liegt auf meiner Brust, sanft, aber bestimmt. Ihre Stimme ist leise, dicht an meinem Ohr. "Steh auf, Seojun."Ich öffne die Augen. Es ist noch dunkel, das Fenster nur ein graues Rechteck in der Schwärze. Ich sehe sie an, ihre Umrisse, ihre Augen, die im schwachen Licht schimmern."Es ist mitten in der Nacht", sage ich."Es ist kurz vor Morgengrauen. Die beste Zeit.""Für was?""Die Überraschung."Ich setze mich auf und reibe mir die Augen. "Deine Überraschung findet vor Sonnenaufgang statt?""Vertraust du mir?""Immer.""Dann zieh dich an. Etwas Warmes. Wir gehen noch einmal in die Stadt."Ich tue, was sie sagt. Ich ziehe meinen dunklen Mantel an, und sie trägt ihren cremefarbenen, und Hand in Hand verlassen wir das schlafende Haus. Die Straße ist still, die Luft kalt und klar, der Himmel über den Hügeln färbt sich langsam von Schwarz zu tiefem Blau.Wir gehen nicht zum Fluss und nicht zum Markt und nicht zum Campus. Wir gehen tiefer
Ich stehe vor dem Hörsaal und atme einmal tief durch.Es ist seltsam. Ich habe diesen Raum tausendmal betreten, aber heute fühlt es sich anders an. Heute ist Miho bei mir. Nicht draußen an der Wand lehnend, unsichtbar für alle außer mir. Sondern hier, direkt neben mir, ihre Hand in meiner, ihr blaues Kleid unter dem cremefarbenen Mantel, den sie immer noch trägt, weil er zu ihr gehört. Der Mondstein an ihrem Finger funkelt im Neonlicht des Flurs."Bist du nervös?" fragt sie."Nein. Nur... anders.""Anders?""Ich habe dich noch nie in meinen Hörsaal mitgenommen. Die Studenten werden dich anstarren.""Sollen sie. Ich bin eine Füchsin mit neun Schweifen. Ich kann mit Blicken umgehen."Ich lächle. "Das weiß ich. Aber sie werden sich auch fragen, warum ihr Professor plötzlich eine Frau an seiner Seite hat, die aussieht, als ob sie aus einer anderen Welt kommt.""Weil sie aus einer anderen Welt kommt.""Das kann ich ihnen schlecht erklären.""Dann erklär es ihnen nicht. Sag einfach, ich bin







