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Kapitel 5: Das erste Stück

Author: Ifie
last update publish date: 2026-11-03 01:51:50

Sie halten mich einen ganzen Tag lang hier auf der Krankenstation. Niemand muss das eine Strafe nennen.

Aber ich bin jetzt sauber. Die Heilerin hat meine Hände gereinigt, während ich an die Decke starrte und mich weigerte, an das Blut zu denken, das einmal an meinen Händen war. Dorian liegt in einem Zimmer zwei Türen von meinem entfernt, mit dem Arm im Gips und drei gebrochenen Rippen. Jedes Mal, wenn eine Krankenschwester an meinem Zimmer vorbeigeht, schaut sie hinein, als erwarte sie, dass ich auf sie lospringe.

Die Luft im Zimmer riecht nach Wolfsbann und scharfer Seife. Regentropfen schlagen gegen die hohen Fenster. Irgendwo den Flur hinunter stöhnt ein Junge im Schlaf. Ich liege still und erinnere mich an das, was mir noch geblieben ist: Nells Name. Die Form der Küche. Der blaue Kessel. Der Tisch mit den Rissen. Das falsch gestimmte Lied, das sie singt, wann immer das Brot anbrennt. Es gibt kein Gesicht mehr, aber der Rest ist noch da, wenn ich ihn richtig festhalten kann.

Als es Nacht ist, als die Lichter gedimmt sind und der Flur still geworden ist, kommt jemand, der zweimal klopft und eintritt, noch bevor geantwortet werden kann. Professorin Crane schließt die Tür und lehnt sich dagegen, lauscht auf Schritte. Sie lässt einen langen Atemzug los, als keine kommen.

„Hat sie dich genommen?“, fragt sie.

Ich frage nicht, wen. „Ja.“

„Was hat es gekostet?“

Ich lüge fast. Die Worte liegen einfach da. Aber ich kann es nicht, wenn Cranes Gesicht so abgenutzt aussieht, so zusammengesetzt.

„Ein Gesicht“, sage ich. „Die Frau, die mich großgezogen hat. Ich kenne ihren Namen und ihre Küche. Ich kann ihr Gesicht nicht mehr sehen.“

Crane schließt die Augen. Einen Moment lang sieht sie viel älter aus, als ich sie je in der Gründerhalle gesehen habe.

„Damit beginnt alles“, sagt sie leise. „Die kleinen Dinge werden immer zuerst genommen. Gesichter, Stimmen, die Art, wie jemand zu lachen pflegte. Und es lässt den Rest zurück, damit du glaubst, du seist noch ganz.“

„Nimmt was? Wer ist sie?“

Crane setzt sich auf die Kante eines leeren Bettes neben meinem. Ihre Hände ruhen in ihrem Schoß. Sehr lange schaut sie auf den Boden, bevor sie etwas sagt.

„Ich werde dir heute Nacht eine Wahrheit sagen. Nur eine. Wenn ich dir heute Nacht alles gebe, wirst du weglaufen und etwas Törichtes und Mutiges tun und bis Freitag tot sein.“

„Das ist nicht fair.“

„Nein“, sagt sie. „Ist es nicht.“ Sie hebt den Kopf. „Es gibt vier Statuen im Hof von Hollowmere. Fünf Menschen haben die Schule gegründet. Fünf Gründer. Eine von ihnen war eine Frau namens Seraphine Vale. Sie war mächtiger als die vier anderen zusammen, und sie haben sie deswegen ermordet. Dann haben sie ihren Namen von dem Sockel gemeißelt und jede Generation davon überzeugt, dass sie nie gelebt hat.“

Ich kenne Bruchstücke davon. Den Namen laut in einem geschlossenen Raum auszusprechen, fühlt sich anders an. Es sickert ein wie Eiswasser.

„Der Rektor hat ihren Namen benutzt, als er mich sah“, sage ich.

„Weil du ihr Gesicht hast.“

Meine Kehle zieht sich zusammen. „Ist sie meine—“

„Ich habe eine Sache gesagt.“ Cranes Stimme ist weich und fest. „Ich gebe dir noch eine, weil du klug genug warst zu fragen. Die offiziellen Dokumente erklären, dass Seraphine in jener Nacht mit ihrer Babytochter gestorben ist. Beide. Mutter und Kind.“ Sie sieht mich eindringlich an. „Die Dokumente lügen.“

Der Raum wird still. Regen klopft gegen die Fensterscheiben. Irgendwo unter uns knallt eine Tür zu.

Meine Hände sind eiskalt in meinem Schoß. „Wer hat mir den Brief geschrieben?“

„Nicht ich.“ Ein Hauch von Angst huscht über ihr Gesicht. „Hätte ich gewusst, dass er kommt, hätte ich ihn verbrannt. Du solltest nicht einmal hier sein, Wren. Das ist der eine Ort auf der Welt, an den du niemals hättest kommen dürfen.“

„Warum hilfst du mir dann?“

„Weil du schon hier bist.“ Sie steht auf. „Weil jemand ihr hätte helfen sollen, solange noch Zeit war.“

Sie geht zur Tür und hält inne, dreht sich um, eine Hand am Riegel.

„Die Stimme. Hast du sie gehört, wenn du wach bist?“

Ich nicke.

„Kämpfe nicht gegen sie. Folge ihr nicht. Antworte nicht, es sei denn, du musst unbedingt.“ Sie hält inne. „Was tust du, wenn das Licht unter deiner Haut erscheint?“

„Ich denke an die Küche. Nells Küche.“ Meine Stimme zittert. „Aber ich kann ihr Gesicht nicht mehr sehen.“

„Dann benutze, was übrig ist.“ Cranes Griff um das Metall festigt sich. „Den Kessel. Den Tisch. Das falsch gestimmte Singen. Gesichter verblassen zuerst. Die kleinen Dinge bleiben am längsten. Halte dich an sie. Erinnere dich an sie. Bring sie zum Leben, jedes Mal, wenn das Silber sich zu rühren beginnt.“

Sie öffnet die Tür, hält aber noch einmal an.

„Und Wren, geh nirgends in die Nähe der Steintür, die hinter dem Hof liegt. Die, durch die die Wächter nach den Rankings gegangen sind. Egal, was Torin Ashgrove sagt – geh nirgends in ihre Nähe.“

Ich verenge die Augen. „Warum sollte er etwas darüber sagen?“

Crane sagt kein Wort. Sie sieht mich nur einen Moment lang schweigend an, misst das Ausmaß des Schadens, der bereits angerichtet wurde, bevor sie entschwindet. Das Schloss klickt leise hinter ihr.

Ich liege in der Dunkelheit und starre an die Decke. Das Baby, das nicht hätte weiterleben sollen. Der Name, der aus dem Stein gekratzt wurde. Eine Stimme, die neunzehn Jahre gewartet hat, um aus meinen Knochen zu sprechen.

*Eine hübsche Geschichte*, sagt die Stimme, sehr leise, sogar mit einem Hauch von Zuneigung. *Sie hat eine Menge weggelassen.*

„Ich kenne den Rest der Geschichte“, flüstere ich laut in den stillen Raum.

*Natürlich tust du das.* Eine weitere Pause, sanft und weich. *Aber du bist noch nicht bereit, sie zu hören. Sie auch nicht.*

Ich sage nichts. Stattdessen wälze ich die Stücke in meinem Kopf umher: den namenlosen Brief, den unbesetzten Sockel, die Art, wie der Rektor mich angesehen hat, als hätte er etwas gefunden, wonach er gesucht hatte, den Riss, der im Stein erschien, sobald das Silber mein Fleisch aufgerissen hat.

Es dauert eine Weile, aber schließlich stehe ich auf, ziehe meine Schuhe an und gehe zum hohen Fenster.

Der Hof ist in das harte Licht des kalten Mondes getaucht. Die vier Statuen stehen im Kreis und schauen herab mit Gesichtern, als hielten sie immer noch die Erde unter sich. Zwischen der dritten und der vierten Statue liegt der blasse, leere Sockel. Es gibt einen kleinen Riss, den ich nach der ersten Prüfung bemerkt habe; er ist immer noch da, nicht größer als ein Fingernagel.

Jemand steht daneben.

Ein hochgewachsener Mann in einem dunklen Mantel, der seine Hand flach gegen die Oberfläche des Steins drückt, als könne er etwas darunter sich bewegen spüren.

Torin.

Er hebt den Kopf nicht, bleibt nur dort, mit der Hand auf dem Sockel, als der Regen beginnt und der Mond sich hinter Wolken versteckt.

Ich beobachte ihn, bis ich sehe, wie mein Atem das Fenster beschlägt.

Danach ziehe ich mich in die Schatten des medizinischen Trakts zurück und warte auf den kommenden Tag.

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