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Kapitel 4: Die Jagd

Penulis: Ifie
last update Tanggal publikasi: 2026-11-03 01:48:12

Die zweite Prüfung heißt die Jagd, und sie beginnt um Mitternacht.

Neunzig von uns stehen am Rand des Waldes unterhalb der Schule, in der Dunkelheit und der Kälte. Die Zehn, die nach der ersten Prüfung genommen wurden, sind einfach weg. Niemand spricht ihre Namen aus. Wir halten ein einziges Seil in einer langen Reihe und warten darauf, dass das Tor geöffnet wird.

Die Regeln knistern erneut aus den Lautsprechern. Ein wilder Wolf wurde in den Wald freigelassen. Ein silbernes Zeichen hängt an seinem Halsband. Wer das Zeichen als Erster zu den Toren zurückbringt, erhält Rang Eins. Alle anderen werden nach der Reihenfolge ihres Zurückkehrens gerankt. Wer bei Tagesanbruch noch fehlt, wird von den Listen gestrichen.

„Einander wehzutun ist erlaubt“, flüstert Pip neben mir. „Offensichtlich.“

„Offensichtlich.“

Die Erben stehen weiter vorne. Cassian fängt meinen Blick und zwinkert. Dorian sieht mich an, als wolle er mich schon tot sehen. Mara ist blass und still und reibt immer wieder mit dem Daumen über ihre Handfläche. Torin bleibt am äußersten Ende der Reihe und schaut mich kein einziges Mal an.

Das Horn ertönt.

Der Wald verschlingt uns.

Ich renne. Ich bin schnell in der Dunkelheit, schneller als die meisten, und der Wald fühlt sich vertraut an, auf eine Art, die ich nicht näher untersuche. Innerhalb von zehn Minuten habe ich den Geruch des Wilden. Die Spur führt durch nasse Farne und die zerbrochenen Überreste alter Steinmauern hinauf, bis sie sich in einer Lichtung öffnet, die vom Halbmond erleuchtet wird.

Der Wolf ist da – riesig, grau und an eiserne Pfähle gekettet, die tief in die Erde getrieben sind. Das Halsband glänzt an seiner Kehle.

Zwei Schritte. Das Halsband abschneiden. Rennen.

Ich trete in die Lichtung.

Dorian tritt auf der anderen Seite aus den Bäumen.

„Rang Eins“, sagt er. „Niemand hat mir gesagt, dass du tatsächlich kämpfen kannst.“

„Niemand hat mir gesagt, dass du sprechen kannst.“

Er kommt hart und schnell auf mich zu. Ich treffe ihn. Wir krachen im Schlamm und im mondbeschienenen Gras zusammen. Er ist stärker, aber ich bin schneller und gemeiner. Ich nehme einen Schlag über die Rippen hin, der mir den Atem raubt, dann drehe ich mich in seine Reichweite, stoße meinen Ellbogen in seine Kehle und zwinge ihn zu Boden. Sein Arm wird hinter seinem Rücken versperrt. Sein Gesicht reibt sich in den Dreck. Das Halsband ist nur noch ein paar Schritte entfernt.

Ich bin fast da.

Dann beginnt das Klopfen.

Einmal.  

Zweimal.  

Dreimal.

Silber spaltet sich über meine Rippen, heiß und hell. Etwas Großes und Ruhiges gleitet in meine Hände, als hätte es schon immer dorthin gehört.

*Lass mich.*

„Nein“, sage ich laut. „Nein. Tu es nicht. Ich habe es fast.“

*Du bist zu sanft.*

Ich kämpfe, um zu bleiben. Ich grabe meine Nägel in den Dreck, in Dorian, in mich selbst. Es fühlt sich an, als würde jemand mich aus meinem eigenen Körper heben und beiseite setzen. Die Welt schrumpft auf einen schmalen Lichtpunkt. Ich höre Dorian schreien – diesmal einen echten Schrei, roh und erschrocken. Ich höre meine eigene Stimme Worte sprechen, die nicht meine sind.

Dann wird alles schwarz.

Ich wache im Dreck unter einem grauen Morgenhimmel auf. Pip hält meinen Kopf in ihrem Schoß. Ihre Hände zittern.

„Wren? Wren, kannst du mich hören? Ich bin’s. Ich bin Pip.“ Ihre Stimme bricht. „Du warst fast zwei Stunden bewusstlos.“

Mein Mund schmeckt nach Metall. Blut bedeckt meine Hände und Handgelenke. Es ist nicht meins.

„Dorian“, bringe ich hervor.

„Er lebt. Sie haben ihn in den medizinischen Trakt gebracht.“ Pip schluckt schwer. „Du hast seinen Arm an zwei Stellen und drei seiner Rippen gebrochen. Du wusstest es nicht?“

Ich schüttle den Kopf. Es tut weh.

„Das Halsband ist weg. Cassian hat es.“ Sie versucht, mir beim Aufsetzen zu helfen. „Alle sind schon an den Toren. Sie lesen die Rankings vor. Wren… du warst so lange in der Lichtung, dass…“

Sie kann den Satz nicht beenden.

Ich weiß es bereits.

Ich lande auf Platz achtzig. Einen Rang über den letzten Zehn.

Die Erben warten an den Toren. Cassian steht vorne, lächelt, das silberne Zeichen baumelt an seinen Fingern. Dorian fehlt. Torin steht etwas abseits von den anderen. Er beobachtet, wie ich mit Pip unter dem Arm den Weg heraufhumpelt. Seine Augen senken sich auf das Blut an meinen Händen und bleiben dort. Diesmal schaut er nicht weg.

Ich bin zu müde, um mich darum zu kümmern, was er sieht.

*Du hättest mich nicht bekämpfen sollen*, sagt die Stimme, ruhig und fast vernünftig. *Ich habe nur beendet, was er angefangen hat.*

Ich antworte nicht. Ich greife nach der Küche, so wie Nell es mich gelehrt hat. Blauer Kessel. Rissiger Tisch. Der Geruch von anbrennendem Brot, während sie falsch sang.

Ich greife nach ihrem Gesicht.

Es ist nicht da.

Ich weiß noch ihren Namen. Ich weiß noch den Kessel und den Tisch und das Lied. Aber das Gesicht der Frau – die Form ihres Mundes, die Falten an den Augenwinkeln, der genaue Farbton ihrer Haare – ist sauber weggewischt. Wie nach Rauch greifen. Ich stehe im grauen Morgenlicht mit Blut, das an meinen Händen trocknet, und Pip, die meinen Namen ruft, und ich verstehe, was das Silber genommen hat.

Es hat Nells Gesicht genommen.

Und ich weiß schon, dass es nicht das Letzte sein wird, was es nimmt.

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