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Kapitel 3

Auteur: Apples
Am nächsten Morgen trug ich den frisch ausgedruckten Versetzungsantrag in den Verwaltungstrakt der Zentralen Wolfsakademie.

Die Sachbearbeiterin setzte den Stempel auf das Dokument.

Genau in diesem Moment trat mir jemand in den Weg.

Lucien zog leicht die Stirn zusammen. Früher hätte dieser eine Ausdruck schon genügt, um in mir sofort den Impuls auszulösen, ihn zu besänftigen, ihm entgegenzukommen, die Verantwortung für sein Unbehagen still auf mich zu nehmen.

Doch dieser Impuls regte sich nicht.

„Vivienne“, sagte er, mit einem Anflug leisen Missfallens in der Stimme, „hast du die Duftsperren bei dir zu Hause neu gesetzt?“

Er sprach, als würden zwischen uns noch immer dieselben alten Selbstverständlichkeiten gelten.

„Nachdem ich Olivia gestern Abend nach Hause gebracht hatte, bin ich noch einmal zu dir gefahren“, fuhr er fort, „die äußere Sperre hat mich komplett abgewiesen.“

Ich ließ ihn nicht ausreden.

„Ja“, sagte ich, „ich habe sie neu gesetzt.“

Er schwieg einen Moment. Sein Kiefer spannte sich an. Verärgert, aber noch nicht beunruhigt.

„Dann gib mir den Zugang wieder frei“, sagte er, „so kann ich leichter vorbeikommen und mich um dich kümmern.“

„Das ist nicht nötig“, erwiderte ich ruhig, „sobald ich die Schule gewechselt habe, werde ich dort ohnehin nicht mehr wohnen.“

Erst da fiel sein Blick auf das gefaltete Dokument in meiner Hand.

„Ach ja, richtig“, sagte er leichthin, „das hätte ich fast vergessen. Keine Sorge. Ich komme morgen vorbei und stemple es dir ab.“

So neben ihm herzugehen, oberflächliche Worte mit ihm zu wechseln und den Anschein von Vertrautheit aufrechtzuerhalten, war immer seltener geworden, seit Olivia Miller an der Zentralen Akademie aufgenommen worden war.

Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ich wollte nur noch ein letztes Mal Gewissheit.

Dann fragte ich leise, „Lucien, was genau sind wir jetzt eigentlich füreinander?“

Lucien erstarrte.

Für einen Moment sah es so aus, als würde er endlich einmal die Wahrheit sagen.

„Vivienne, eigentlich, ich-“

„Lucien.“

Olivia Miller tauchte hinter ihm auf. Ihr Omega-Duft war so sorgfältig zurückgenommen, dass nur etwas Weiches, Unaufdringliches davon übrigblieb.

„Hatten wir nicht abgemacht, dass du mir heute beim Lernen hilfst?“, fragte sie sanft, „ich habe gewartet, aber du warst plötzlich verschwunden.“

Sie reichte ihm die Hefte.

„Ich habe gesehen, dass du meinen Lernplan fast einen Monat im Voraus für mich ausgearbeitet hast“, fügte sie hinzu, „also habe ich alles passend dazu vorbereitet.“

Dann lächelte sie. Etwas unsicher, etwas rücksichtsvoll, beinahe zu durchdacht.

„Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich es gesehen habe. Ich weiß, dass ich nur aufgenommen wurde, weil der Rat mir nach dem Tod meiner Eltern bei der Verteidigung des Rudelgebiets eine Sonderzulassung gewährt hat. Ich will diese Chance nicht verschwenden.“

Ihre Worte waren makellos.

„Natürlich stört mich das nicht“, erwiderte Lucien sofort.

Während er sprach, glitt sein Blick kurz zu mir. Ein Hauch von Schuld huschte über sein Gesicht, erstarrte jedoch sofort, als er sah, dass ich keinerlei Reaktion zeigte.

Aus Schuld wurde Unruhe.

In diesem Augenblick begriff ich, dass er mich längst von sich wegstieß, während er schon begann, jemand anderen an meine Stelle zu setzen.

Mein Gesicht blieb ruhig, auch wenn sich leise Bitterkeit in meiner Brust ausbreitete.

„Redet ihr nur“, sagte ich, „ich gehe.“

Da sah Olivia mich an, als hätte sie meine Anwesenheit erst jetzt bemerkt.

„Vivienne ...“

Sie zögerte kurz, dann wählte sie ihre Worte mit sichtbarer Sorgfalt.

„Bist du verärgert, weil Lucien mir beim Lernen hilft?“

Ihr Blick senkte sich.

„Ich habe keinen Zugang zu Lehrern meiner Blutlinie oder privaten Mentoren wie du. Wenn ich eine Grenze überschritten habe, tut es mir leid.“

Kein Vorwurf. Nur Andeutung.

Ich ging nicht darauf ein. „Aus dem weg.“

Luciens letzte Zurückhaltung riss.

Er packte mein Handgelenk, die Krallen gerade tief genug in die Haut gedrückt, dass es brannte.

„Vivienne Everhart“, sagte er kalt, „achte auf deinen Ton.“

Er zog mich nach vorn, bis ich direkt vor Olivia stand.

„Entschuldige dich.“

Etwas in mir kam endgültig zur Ruhe.

Ich zögerte nicht.

Meine Hand traf sein Gesicht in einer klaren, entschlossenen Bewegung.

Das Geräusch war scharf und unüberhörbar und hallte durch den Korridor, während die Schüler in der Nähe wie erstarrt stehen blieben und sich zu uns umdrehten.

„Lucien“, sagte ich ruhig und hielt seinem Blick stand, „derjenige, der sich entschuldigen sollte, bist du.“

Ich ließ die Hand sinken.

„Nicht bei Olivia Miller“, fuhr ich mit gleichbleibender Stimme fort, „sondern bei mir.“

Zum ersten Mal bäumte sich sein Wolf nicht vor Wut auf.

Er wich zurück.

Lucien blieb wie betäubt stehen, der Mund leicht geöffnet, als wäre ihm etwas, das er immer für selbstverständlich gehalten hatte, in diesem Moment endgültig entglitten.

Ich wandte mich ab und ging an ihm vorbei.

Im Flur breitete sich eine spröde Stille aus.

Niemand wagte es, einen Schritt nach vorn zu machen.
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