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Kapitel 7

Author: Faithful
last update publish date: 2026-11-05 10:22:01

Serenas Sicht

Drei Tage nachdem ich mit Anwalt Marquez gesprochen habe, piept mein Handy, während ich gerade Kaffee koche. Als ich seinen Namen in der Absenderzeile sehe, öffne ich die E-Mail langsam.

„Scheidungsverfahren: Erste Unterlagen“, lese ich leise vor mich hin. „Sieht so aus, als würde Bill endlich begreifen, dass ich es mit der Trennung ernst meine.“

Ich nehme die frisch ausgedruckten Scheidungspapiere an mich. Ohne lange nachzudenken, rufe ich ein Taxi. Meine Hände zittern leicht, als ich die Wohnungstür hinter mir abschließe.

Auf dem Rücksitz sitze ich stocksteif und umklammere die Unterlagen. Mein Blick ist auf die vorbeiziehende Stadt gerichtet, während ich im Stillen immer wieder durchgehe, was ich Bill sagen werde.

Kaum betrete ich das Bürogebäude von Bills Firma, schlägt mir der Luxus der Eingangshalle entgegen. Der Marmorboden glänzt makellos, von modernen Deckenleuchten fällt sanftes Licht herab. Hinter einem imposanten Empfangstresen aus dunklem Holz und Glas sitzen adrett gekleidete Mitarbeiter.

Es ist eine Ewigkeit her, seit ich das letzte Mal hier gewesen bin. Andererseits war Bill noch nie begeistert davon, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte.

Mein Blick fällt auf ein älteres Ehepaar, das gerade auf den Ausgang zusteuert. Die beiden lächeln und unterhalten sich angeregt. Unwillkürlich bekomme ich einen Teil ihres Gesprächs mit.

„Bills Präsentation war wirklich beeindruckend“, sagt die Frau mit leuchtenden Augen. „Er hat großartige Zahlen und vielversprechende Pläne vorgestellt.“

„Ja, und die Dame an seiner Seite kannte sich mit dem Konzept ebenfalls bestens aus. Sie war wirklich kompetent und außerdem bildhübsch“, bemerkt der Mann.

„Ich glaube, das war Bills Frau. Die beiden sind ein tolles Team. Fast wie wir früher, George“, sagt die Frau lächelnd.

Seine Frau?

Verwirrt bleibe ich stehen. Wie kann Bill bei dieser Besprechung mit seiner Frau sein, wenn ich doch hier bin?

Moment mal. Reden die etwa von einer anderen Frau?

Hier stimmt etwas nicht. Ich muss Bill finden und herausbekommen, was hier vor sich geht.

Ich gehe auf den Empfang zu. Die Mitarbeiterin dort kenne ich von meinen früheren Besuchen nicht. Als ich näher komme, sieht sie mich mit einem gelangweilten, beinahe unhöflichen Blick an.

„Entschuldigung, ist Bill Richardson da?“, frage ich.

Die Empfangsdame verengt die Augen, als sie mich mustert. Ihre hochgezogenen Augenbrauen lassen mich unwillkürlich unruhig werden.

„Haben Sie einen Termin bei ihm?“, fragt sie in scharfem Ton.

„Nein, aber ich bin seine Frau“, erwidere ich.

Verärgert ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Mein Kiefer spannt sich an, während ich antworte. Die unverschämte Art dieser Frau geht mir mehr unter die Haut, als mir lieb ist.

Bevor sie einen spöttischen Kommentar abgeben kann, drehe ich mich abrupt um und gehe direkt auf Bills Büro zu.

„Warten Sie!“, ruft sie mir überrascht hinterher.

Ich ignoriere sie und beschleunige meine Schritte. Mein verstauchtes Knie macht heute zum Glück gut mit. Hinter mir höre ich, wie sie nach dem Sicherheitsdienst ruft. Doch ich konzentriere mich nur darauf, so schnell wie möglich zu Bills Büro zu gelangen. Niemand wird mich jetzt aufhalten.

Als ich an den Sicherheitsleuten vorbeieile, entdeckt mich Sarah, Bills Assistentin. Sie war immer freundlich zu mir.

„Mrs. Richardson, was ist denn los?“, fragt sie besorgt. Ihr Blick wandert über mein Gesicht, als wollte sie herausfinden, warum ich es so eilig habe.

„Wo ist Bill? Ich muss mit ihm reden.“ Ich ringe kurz nach Luft, bevor ich antworte.

Noch ehe ich Sarah etwas erklären kann, bemerkt sie die beiden Sicherheitsleute, die mir hinterherjagen. Ihre Augen weiten sich ungläubig.

„Was zum Teufel glauben Sie eigentlich, was Sie da tun?!“, fährt sie die beiden an. Sie stemmt die Hände in die Hüften, ihr Gesichtsausdruck eine Mischung aus Empörung und Fassungslosigkeit. „Das ist die Ehefrau unseres Chefs! Wollen Sie gefeuert werden?“

Einer der beiden wird sichtlich verlegen und entschuldigt sich hastig.

„Entschuldigung, Mrs. Richardson. Das wussten wir nicht.“

Der andere nickt nur stumm.

Sarah lässt die beiden nicht aus den Augen.

„Verschwinden Sie, bevor ich Mr. Richardson erzähle, was Sie sich geleistet haben“, warnt sie sie.

Die Sicherheitsleute wirken nun noch betretenener. Ohne ein weiteres Wort drehen sie sich um und gehen davon.

Als sie außer Sichtweite sind, wendet Sarah sich wieder mir zu. Ihr Gesichtsausdruck wird weicher.

„Tut mir leid, dass das passiert ist“, sagt sie mit aufrichtigem Bedauern. „Dein Mann ist übrigens im Konferenzraum.“

„Danke, Sarah“, sage ich hastig und mache mich auf den Weg dorthin.

Vor der Tür atme ich tief durch. Dann höre ich Doris sprechen.

Plötzlich muss ich wieder an das ältere Ehepaar in der Eingangshalle denken. Jetzt wird mir klar, dass die beiden Doris für Bills Frau gehalten haben.

Ein ganzes Durcheinander an Gefühlen steigt in mir auf. Ohne es zu merken, presse ich die Scheidungspapiere in meiner Hand so fest zusammen, dass sie leicht zerknittern.

Ohne anzuklopfen, stoße ich die Tür zum Konferenzraum auf und trete ein.

Doris unterbricht mitten im Satz ihre Präsentation. Überrascht sieht sie zu mir.

„Serena? Was machst du denn hier?“, fragt sie.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass die Besprechung noch in vollem Gange ist. Sämtliche Anwesenden drehen sich zu mir um und mustern mich verwundert. Offenbar fragt sich jeder, wer zur Hölle ich bin.

Bill dreht sich auf seinem Stuhl zu mir um. Als er mich erkennt, weicht ihm die Farbe aus dem Gesicht.

Ich halte seinen Blick fest, während sich die Aufmerksamkeit im Raum zunehmend auf uns richtet.

„Ich ... muss mit Bill sprechen“, sage ich. „Es ist dringend.“

Doris lässt den Blick durch den Raum schweifen und sieht mich dann wieder an.

„Wir sind gerade mitten in einer wichtigen Besprechung“, entgegnet sie.

Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen. Dann richte ich mich auf und sage laut und deutlich:

„Hallo zusammen. Ich bin Serena, Bills Ehefrau.“

Kaum habe ich die Worte ausgesprochen, geht ein Raunen durch den Raum. Irgendwo höre ich jemanden flüstern:

„Das ist Bills Frau? Ich dachte, Doris wäre seine Frau.“

„Sie haben richtig gehört. Ich bin Bills Frau, nicht Doris“, stelle ich klar und versuche, das Missverständnis ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.

Dann drehe ich mich zu Bill um und warte darauf, dass er etwas sagt.

Doch er bleibt stumm auf seinem Stuhl sitzen. Sein Gesicht ist vor unterdrückter Wut wie versteinert.

„Bill, warum sagst du nichts? Es wirkt fast so, als wäre dir Doris als Ehefrau lieber als ich“, sage ich.

Plötzlich springt Bill auf, packt meinen Arm und beugt sich zu mir, um mir leise ins Ohr zu zischen:

„Nicht hier, Serena. Blamier mich nicht vor allen Leuten.“

Er versucht, mich nach draußen zu ziehen, doch ich reiße meinen Arm mit einer schnellen Bewegung los.

In diesem Moment bemerke ich nicht, dass Sarah mit einer Tasse Kaffee hereinkommt. Durch meine abrupte Bewegung stoße ich mit ihr zusammen, und der Kaffee ergießt sich über mich.

Ich spüre, wie die warme Flüssigkeit durch mein Oberteil sickert. Doch der Schreck sitzt noch viel tiefer als die Hitze des Kaffees.

„Oh mein Gott! Ist alles in Ordnung mit dir?“, ruft Doris erschrocken.

Eilig kommt sie auf mich zu, zieht ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und versucht, die Kaffeeflecken damit abzutupfen. Doch die Flecken lassen sich nicht so einfach entfernen.

Als sie merkt, dass ihre Bemühungen kaum etwas bringen, schlägt Doris vor:

„Weißt du was? Komm mit in den Aufenthaltsraum. Dort kannst du dich in Ruhe sauber machen.“

Dann wendet sie sich an die anderen.

„Machen wir alle kurz Pause.“

Ich folge Doris in den Aufenthaltsraum. Während ich hinter ihr hergehe, kommen mir plötzlich Erinnerungen an eine frühere Abendveranstaltung in den Sinn.

Und auf einmal fällt mir etwas auf: Wann immer ich mich blamiere oder in eine peinliche Situation gerate, ist Doris irgendwie mit von der Partie.

Verdammt, ich habe die Nase voll von ihren hinterhältigen Spielchen!

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