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Kapitel 6

Author: Faithful
last update publish date: 2026-11-05 10:21:24

Serenas Sicht

Warum sieht Elena in mir immer die Böse, ganz gleich, was ich tue?

Wütend lege ich auf und schleudere mein Handy aufs Bett. Es landet mit einem dumpfen Geräusch auf der weichen Bettdecke und hüpft noch zweimal auf und ab. Zum Glück fällt es nicht auf den Boden und geht kaputt.

Dass Bills Mutter so schlecht über mich redet, lässt mich unsere Ehe nur noch mehr verabscheuen. Sie hält mich für unanständig, nur weil ich nicht so reich bin wie Doris? Und was ist mit ihrem geliebten Sohn? Der ist schließlich auch kein Unschuldslamm. Ganz im Gegenteil!

In den drei Jahren, die ich nun mit Bill verheiratet bin, musste ich mir von seiner Familie so einiges gefallen lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bill all das nicht mitbekommt. Er sieht einfach nur zu, wie ein verdammter Waschlappen, während ich immer wieder beleidigt und gedemütigt werde.

Und Doris ist noch mal ein ganz anderes Kapitel. Sie gibt sich stets gebildet und kultiviert, doch das ist alles nur Fassade. Lässt sie diese Maske fallen, kommt ihr wahres Gesicht zum Vorschein: berechnend und boshaft. Allerdings zeigt sie diese Seite nur mir gegenüber, niemals Bill oder seiner Familie.

Vielleicht weiß Doris einfach, dass sie mich nicht beeindrucken muss. In ihren Augen bin ich schließlich nur eine Rivalin, die ihr Bills Liebe und Aufmerksamkeit streitig macht.

Ich könnte dir unzählige Situationen nennen, in denen sie ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Da war zum Beispiel der Tag, an dem ich Bill mit einem selbst gemachten Mittagessen im Büro überraschen wollte.

Als ich dort ankam, stand Doris direkt neben seinem Schreibtisch. Kaum hatte sie mich entdeckt, verengten sich ihre Augen.

„Na, was haben wir denn da? Spielst du jetzt die fürsorgliche Ehefrau?“, höhnte sie und würdigte die sorgfältig verpackte Mahlzeit in meinen Händen kaum eines Blickes. „Bill isst normalerweise lieber auswärts. Du weißt schon, in Restaurants, in denen richtige Köche arbeiten.“

Ich versuchte, ruhig zu bleiben. „Ich dachte, ein selbst gekochtes Essen wäre mal eine nette Abwechslung.“

Doris lachte spöttisch.

„Wenn du meinst, dass er das zu schätzen weiß. Aber mal ganz unter uns: Ich bezweifle, dass er seine Gourmet-Salate und Wagyu-Steaks gegen ... was auch immer das da ist, eintauschen möchte.“

Ich umklammerte die Tasche mit dem Essen so fest, dass ich am liebsten ausgeholt und Doris eine Ohrfeige verpasst hätte. Doch dann fiel mir ein, dass ich mich in Bills Büro befand. Wenn ich hier eine Szene machte, würde das auf ihn zurückfallen. Und das wollte ich nicht.

Also stellte ich die Tasche einfach auf Bills Schreibtisch und ignorierte Doris so gut es ging. Es fühlte sich an, als hätte ich ihr einen kleinen Sieg überlassen, weil sie mich getroffen hatte. Trotzdem beschloss ich, die Fassung zu bewahren und mich nicht auf ihr Niveau herabzulassen.

Das Traurigste daran war, dass mir wahrscheinlich niemand glauben würde, wenn ich jemandem davon erzählte. Alle würden vermutlich nur denken, ich sei eifersüchtig auf Doris. Offenbar würde mir niemand glauben. In ihren Augen war ich schließlich nichts weiter als Bills unzufriedene Ehefrau.

Ich habe genug davon, nach den Regeln anderer zu spielen. Wenn Bill seine Arbeit und Doris' Gesellschaft unserer Ehe vorzieht, dann soll er eben. Ich bin weg.

Hastig hole ich einen Koffer hervor und beginne, meine Sachen zu packen. Mein Blick wandert durch den Kleiderschrank, in dem sich vor allem Designerkleider und teure Accessoires befinden. All diese Dinge habe ich mir für die unzähligen eleganten Veranstaltungen mit Bill angeschafft.

Doch jetzt, da ich sie betrachte, kommen sie mir eher wie Kostüme vor als wie wertvolle Besitztümer. Sie erinnern mich an ein Leben, das nie wirklich zu mir gepasst hat.

Ich beschließe, alles zurückzulassen. Stattdessen packe ich nur das Nötigste ein. Dabei wird mir bewusst, wie wenig ich tatsächlich besitze, das wirklich mir gehört, in diesem luxuriösen, aber seelenlosen Zuhause.

Während ich meine Kleidung zusammenfalte, kommt mir ein Gedanke: Bill hat mir nur selten etwas Persönliches geschenkt. Nichts, das gezeigt hätte, dass er mich wirklich kennt. Ein einziges Mal drückte er mir eine Platin-Kreditkarte in die Hand und meinte beiläufig, ich solle sie ruhig ordentlich ausreizen.

Als ich fertig gepackt habe, nehme ich mein Handy zur Hand. Ich weiß genau, was ich jetzt tun muss.

Ich rufe Grace an, meine frühere Vermieterin. Während ich die Nummer wähle, zittern meine Finger leicht.

„Hallo, Grace, hier ist Serena. Ich wollte fragen ... Ist meine alte Wohnung noch frei?“, erkundige ich mich. Meine Stimme klingt hoffnungsvoll, aber auch unsicher.

Graces Stimme klingt warm und überrascht. „Serena! Na, die Wohnung ist tatsächlich noch frei, aber ... Ich habe inzwischen auch viel schönere Wohnungen, gerade für jemanden wie dich.“

Ich weiß, worauf sie anspielt: auf meinen Status als Milliardärsgattin. Doch genau dieses Leben versuche ich gerade hinter mir zu lassen.

„Nein, Grace. Ich möchte meine alte Wohnung zurück. Genau das brauche ich jetzt.“

Am anderen Ende der Leitung herrscht kurz Stille. Dann wird Graces Stimme sanfter.

„Na gut, Liebes. Wenn du dir sicher bist, gehört sie dir.“

Ich spüre, wie eine Last von meiner Brust fällt.

„Danke, Grace.“

Während ich im Taxi sitze und das vornehme Wohnviertel hinter mir lasse, beobachte ich die Veränderungen vor dem Fenster.

Die prächtigen, makellosen Villen weichen nach und nach kleineren, schlichteren Häusern. Die Straßen werden belebter, das Leben wirkt geschäftiger. Ich sehe immer mehr kleine Läden und immer weniger luxuriöse Boutiquen. Auch die Menschen scheinen anders zu sein. Sie wirken entspannter und gehen einfach ihrem Alltag nach.

Es ist, als würde ich von einer Welt in eine andere wechseln. Weg vom Luxus, hinein ins ganz normale Leben. Und ausgerechnet das fühlt sich echter an. Vertrauter. Wie das Leben, das ich früher kannte.

Vor der Tür meiner alten Wohnung wartet Grace bereits auf mich. Sie beobachtet mich aufmerksam und scheint auf meine Reaktion zu warten.

„Also, da wären wir. Was meinst du?“, fragt sie.

Ich sehe mich in den vertrauten Räumen um. Die Wohnung ist kleiner, als ich sie in Erinnerung habe, aber sie strahlt eine angenehme Wärme aus. Die Wände erinnern mich an eine einfachere, glücklichere Zeit.

„Es fühlt sich an, als wäre ich nach Hause gekommen“, antworte ich.

Ein Gefühl aus Freude und innerer Ruhe breitet sich in mir aus. Die Wohnung ist nicht luxuriös, aber sie fühlt sich richtig an. Ich trete ein und bin bereit, noch einmal von vorn anzufangen.

Mein Blick wandert durch die Räume. In der Decke entdecke ich einen Riss, an den ich mich nicht erinnern kann. Mein altes Sofa ist inzwischen ziemlich abgenutzt. Außerdem fallen mir Dinge auf, die nicht mir gehören: andere Vorhänge und neue Bücher im Regal. Es ist offensichtlich, dass nach mir noch andere Menschen hier gelebt haben.

Nachdem ich mich in meiner alten Wohnung eingerichtet habe, weiß ich, dass der nächste große Schritt ansteht.

Ich nehme mein Handy zur Hand. Mein Herz fühlt sich schwer an, während ich mich auf die Entscheidung vorbereite, die ich gleich treffen werde.

Ich wähle die Nummer einer Kanzlei, die ich im Internet gefunden habe, und warte, bis jemand abnimmt.

„Hallo, spreche ich mit Marquez und Garcia Associates?“, frage ich und bemühe mich, meine Stimme ruhig zu halten.

Eine Mitarbeiterin am Empfang antwortet mit professioneller Höflichkeit: „Ja, Ma'am. Wie können wir Ihnen helfen?“

Ich atme tief durch. Dann bringe ich die Worte über die Lippen, die mein Leben für immer verändern werden.

„Ich brauche Ihre Hilfe bei der Aufsetzung der Scheidungspapiere.“

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