LOGINViviennes Telefon klingelte, noch bevor sie richtig wach war oder sich einen Kaffee hatte kochen können – ein Umstand, der ihr eigentlich sofort hätte signalisieren müssen, dass der Tag bereits eine ungute Wendung nahm.
Sie schaltete den Klingelton stumm, während sie unter der Dusche stand, und tat es erneut, während sie sich fertig machte.
Damit hörte sie auf, als Marcus innerhalb von nur elf Minuten bereits zum vierten Mal anrief; so ein Verhalten war schlichtweg ungesund – besonders wenn es um Menschen in ihrem Leben ging, die einen normalerweise nicht viermal hintereinander anriefen.
„Sag mir, dass es nichts Schlimmes ist“, sagte sie beim vierten Anruf und schaltete auf Lautsprecher, während sie nach ihrem anderen Schuh kramte.
„Definiere ‚schlimm‘.“
„Marcus.“
„Es gibt ein Foto von dir, wie du gestern Abend um elf Uhr Luciens Hotel verlässt.“
„Es ist schon auf vier Klatschseiten zu sehen“, fügte er hinzu, „und in zwei Ländern ein Trendthema.“
Vivienne hielt mitten in der Bewegung inne. „Ich war gestern Abend nicht in seinem Hotel.“
„Ich weiß das. Du weißt das. Aber das Internet weiß es nicht – und es interessiert sich auch nicht dafür.“ Sie wollte widersprechen, doch er unterbrach sie, noch bevor sie einen Ton von sich geben konnte.
„Du bist es, Vivienne. Falscher Winkel, falsche Beleuchtung, aber es ist dein Mantel, es sind deine Haare, und die Ähnlichkeit ist groß genug, dass niemand Fragen stellen wird, wenn sich die Schlagzeilen erst einmal von selbst schreiben.“
Vivienne setzte sich auf die Bettkante – einen Schuh an, den anderen aus – und starrte an die Wand, als könnte diese ihr eine Antwort liefern. Schließlich stieß sie scharf Luft durch die Nase aus.
„Schick es mir.“
Eine Sekunde später landete das Foto auf ihrem Handy. Sie starrte weiterhin an die Wand, während sie das Bild betrachtete; ihr Kiefer spannte sich an, denn trotz Marcus’ Worten war die Ähnlichkeit tatsächlich verblüffend groß.
Eine Frau in einem Mantel, der ihrem eigenen verdächtig ähnelte, verließ ein Hotel – und zwar ausgerechnet eines der Lokale, in denen Lucien Cross am liebsten verkehrte.
Die Aufnahme war aus genau dem richtigen Winkel entstanden, sodass es für die Öffentlichkeit so aussah, als hätte Lucien Cross gestern Abend um Punkt elf Uhr eine Liaison mit ihr beendet. „Das ist nicht echt“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Dann bring es in Ordnung.“
„Ich kann eine Glocke, die bereits über sechs Zeitzonen hinweg geläutet hat, nicht wieder zum Schweigen bringen. Was ich aber tun kann, ist zu entscheiden, wie wir das Ganze verkaufen – denn ehrlich gesagt könnte uns das sogar nützen.“
„Uns nützen?“
„Die Welt glaubt ohnehin schon, dass ihr beiden etwas miteinander habt. Wir hatten sowieso vor, diese Geschichte zu inszenieren. Jemand hat uns die Arbeit einfach abgenommen.“
„Jemand hat unsere Arbeit verdammt schlecht gemacht“, fuhr Vivienne ihn an. „Das hier ist nicht kontrolliert, Marcus; das ist eine Lüge, die mit meinem Gesicht verknüpft ist und der ich nie zugestimmt habe.“
„Willkommen in der Welt von Lucien Cross“, sagte eine Stimme, die nicht Marcus gehörte.
Sie ruckte mit dem Kopf herum und sah Lucien in der Tür stehen – zweifellos, weil ihr Portier keinen großen Widerstand geleistet hatte, als ein Mann mit Sonnenbrille ihn anlächelte; genau das tat er nämlich in diesem Moment.
„Wie bist du hier reingekommen?“
„Dein Gebäude liebt mich. Was sich als gut erweist, denn ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen.“ Er legte die Sonnenbrille auf die Kante ihres Schreibtischs.
Und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, konnte Vivienne den Mann hinter dem Grinsen, das er aufgesetzt hatte, nicht recht durchschauen. „Ich war das nicht.“
„Nein, aber irgendjemand wollte, dass die Leute glauben, ich sei es gewesen – oder hielt es für gut für uns, oder für eine gute Möglichkeit, den eigenen Namen in die Zeitung zu bringen und so zu tun, als wäre es eine Exklusivmeldung. Oder vielleicht sind sie einfach besonders gut darin, Hotels mit Teleobjektiven zu beobachten.“
Seine Lippen zuckten. „Es spielt keine Rolle.“
„Es ist passiert, weil jemand dein Hotel ausspioniert“, sagte sie nachdrücklich.
„Das ist nicht dasselbe.“
„Von meinem Standpunkt aus fühlt es sich genauso an.“ Sie stand auf und zwängte sich aus purer Sturheit in den zweiten Schuh; sie brauchte etwas, womit sie ihre Hände beschäftigen konnte, während sie sich ihm zuwandte.
„Marcus“, sagte sie, „ich rufe dich zurück.“
„Vivienne …“
Sie beendete das Gespräch.
Lucien beobachtete sie dabei, während ein seltsamer Ausdruck über sein Gesicht huschte. „Das hättest du nicht tun müssen.“
„Ich wollte mit dir reden – ohne Publikum.“
„Vorsicht.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Die Leute werden auch über dich reden.“
„Die Leute reden ohnehin schon“, sagte sie trocken. „Weshalb du ja auch hier bist.“
Lucien überquerte den Raum, bis er direkt vor ihr stand – die Hände in den Taschen seiner Stoffhose –, und hielt so nah inne, dass sie sich bewusst beherrschen musste, um nicht einen Schritt zurückzuweichen. Das tat sie vor allem aus purer Sturheit, denn sie war sich nicht ganz sicher, was sie sonst tun würde, sollte sie tatsächlich zurückweichen.
„Nur so am Rande“, sagte er, „ich fand es gar nicht schlimm, meinen Namen neben deinem in einer Schlagzeile zu sehen. Selbst in einer erfundenen.“
„Das ist ein seltsames Geständnis.“
„Ich habe auch eine seltsame Woche.“
„Das ist kein Scherz, Lucien. Meine ganze Karriere basiert darauf, dass ich die Person bin, über die niemand spricht. Die Leute kommen zu mir, weil ich Geschichten geradebiege. Ich werde nicht selbst zur Geschichte.“
„Du bist in dem Moment zur Geschichte geworden, als du dich auf die zwölf Wochen mit mir eingelassen hast.“
„Ich habe einer kontrollierten Darstellung zugestimmt“, sagte sie mit gepresster Stimme. „Das hier …“
Sie deutete vage auf ihr Handy und das Foto, das dort noch immer zu sehen war und sie vom Bildschirm aus geradezu anstarrte; doch eigentlich meinte sie die Situation, dieses ganze verfluchte Szenario.
„Das hier ist nicht kontrolliert.“
„Dann kontrollieren wir es eben“, sagte er schlicht. „Sag mir, was ich sagen soll.“
„Ich brauche es, dass du mich nicht anlügst.“
„Ich lüge dich nicht an.“
„Doch, gleich schon. Sobald Kameras auftauchen, wirst du lächeln, etwas Charmantes sagen und die Welt schreiben lassen, was immer sie will – denn das wird sie ohnehin tun. Und ich muss, dass du verstehst: Ich bin keine Schlagzeile, die du nach Belieben verfassen kannst.“
Etwas in Luciens Gesichtsausdruck – falls man es überhaupt so nennen konnte – brach auf, gerade weit genug, dass sie den echten Mann hinter der sorgsam konstruierten Maske erkennen konnte, die er so oft trug. „Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn eine Geschichte über mich geschrieben wird, die ich gar nicht wollte“, sagte er leise, und Vivienne hatte den deutlichen Eindruck, dass er eher mit sich selbst sprach als mit ihr.
„Sechs Jahre lang war ich jede Woche genau das, was die Kameras sehen wollten. Also nein, das werde ich dir nicht antun. Nicht mit Absicht.“
Vivienne wusste darauf nichts zu erwidern – ein Umstand, der so ungewöhnlich war, dass er sie beunruhigte.
„Marcus will, dass wir heute gemeinsam fotografiert werden“, sagte sie schließlich. „Zu unseren Bedingungen. Das Gerücht mit der Wahrheit ersticken – oder zumindest mit der kontrollierten Version der Wahrheit.“
„Einverstanden“, sagte Lucien.
„Kaffee. In der Öffentlichkeit. Mit eingeladenen Kameras, nicht als Überfall.“
„Einverstanden“, wiederholte er, diesmal leiser, und strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr; er berührte sie zwar nicht, war ihr aber so nah, dass sie die Wärme seiner Hand spüren konnte, die nur wenige Zentimeter über ihrer eigenen schwebte.
„Vivienne.“
„Was?“
„Nur so am Rande“, murmelte er und beugte sich so nah zu ihr, dass seine Stimme die Luft zwischen ihnen kaum durchschnitt, sondern tief in ihrer Brust vibrierte, statt in ihrem Kopf widerzuhallen: „Wenn sie uns ohnehin fotografieren, dann soll es wenigstens echt wirken – auch wenn es inszeniert ist.“
Sie wollte gerade etwas unglaublich Scharfes, Bissiges und völlig Unangemessenes erwidern, als ihr die Bedeutung seiner Worte endlich klar wurde; stattdessen wich sie einen Schritt zurück, weil sie nicht wusste, wohin mit sich.
„Kaffee“, sagte sie, und ihre Stimme klang kaum mehr als wie ein Hauch. „In zehn Minuten. Trag keine Sonnenbrille; du siehst aus, als würdest du etwas verbergen.“
„Ich verberge ja auch etwas.“
„Was?“
Er war schon auf halbem Weg zur Tür, sein nervtötendes Lächeln wieder fest auf den Lippen, als wäre nichts davon geschehen, und sie begann zu glauben, dass es ihm vielleicht ganz recht war, wenn es niemanden etwas anging.
„Du wirst schon noch dahinterkommen“, sagte er gelassen und drehte den Kopf gerade weit genug, um ihr über die Schulter einen Blick zuzuwerfen. „Du bist schließlich die Strategin.“ Ihr Handy klingelte erneut, gerade als er nach der Klinke griff, und Vivienne starrte darauf, als könnte sie das Gerät allein durch ihren Willen dazu bringen, auf ihrem Schoß aufzuhören zu vibrieren.
Ihr Mantel hing noch über der Stuhllehne; als sie ihn sich überstreifte, schlug ihr Herz aus irgendeinem Grund viel zu schnell.
Sie blickte nicht zur Tür auf, während sie sich den Mantel um die Schultern legte, sondern auf das Foto, das noch immer auf dem Display ihres Handys zu sehen war.
Zum ersten Mal, seit Marcus sie angerufen hatte, wollte sie die Sache nicht in Ordnung bringen. Sie wünschte sich fast, es wäre bereits zu spät dafür.
Es klopfte an der Tür, gerade als Vivienne sich in das rote Kleid zwängte, das Lucien ihr besorgt hatte.„Ich komme“, murmelte sie, ging zur Tür und öffnete sie. „Was hat so lange gedauert?“„Ich musste ein paar Besorgungen machen.“ Priya trat mit einigen Akten in der Hand ein. „Hast du lange gewartet?“„Du willst nicht, dass ich darauf antworte, glaub mir.“ Vivienne öffnete ihren Kleiderschrank und holte ein Paar schwarze Schuhe heraus.„Tut mir leid.“ Priya legte die Akten ab und half ihr, den Reißverschluss hochzuziehen. „Schönes Kleid.“„Lass das.“ Vivienne warf ihr einen bösen Blick zu.„Was denn?“„Ich weiß, dass es ein schreckliches Kleid ist; ich bekomme kaum Luft darin.“ Sie atmete langsam aus.„Schrecklich?“ Priya blinzelte. „Ist dir überhaupt klar, was das ist?“„Ein Kleid?“„Ja. Aber es ist das neueste Design von Oscar de la Renta; es ist sehr schwer zu bekommen.“„Okay …“„Dein Freund hat eindeutig einen tollen Geschmack.“ Sie grinste.Vivienne runzelte bei dieser Bemerku
Vivienne betrat das Café „Black Bubbles“; in der einen Hand hielt sie eine Ledermappe, in der anderen ihr Handy.Schnellen Schrittes ging sie zu dem Tisch in der Fensternische hinüber. Dort saß eine Frau, die bedächtig an ihrem Kaffee nippte und dabei immer wieder auf ihre Armbanduhr blickte.„Hallo, Martha.“ Sie schenkte der Frau ein Lächeln, bevor sie sich setzte. „Danke, dass du dich so kurzfristig mit mir triffst.“„Natürlich.“ Martha rückte ihre Sonnenbrille zurecht. „Du klangst am Telefon ziemlich dringlich.“„Ja“, seufzte Vivienne und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.Martha war eine alte Freundin aus Studienzeiten. Sie war eine landesweit bekannte Journalistin – eine der wenigen Personen, die es verstanden, mit einer einzigen Geschichte jede Situation in eine bestimmte Richtung zu lenken.Sie und Vivienne hatten in der Vergangenheit schon einige Male zusammengearbeitet, und genau sie war es, die sie jetzt brauchten, wenn sie Luciens Ruf innerhalb der vorgegebenen Zeit tatsäc
Der Wecker auf dem Nachttisch klingelte zum zweiten Mal.Vivienne streckte die Hand aus und schlug ihn gegen die Wand, ohne die Augen zu öffnen. Es war bereits acht Uhr morgens, doch sie hatte in der Nacht kaum geschlafen.Wegen Mr. Renauds neuem Vorschlag hatte sie die ganze Nacht wach gelegen und überlegt, wie sie Luciens öffentliches Image innerhalb von dreißig Tagen retten könnte – ein absurdes und fast unmögliches Unterfangen angesichts der völlig verfahrenen Situation.„Irgendwann treibt er mich noch in den Wahnsinn“, murmelte sie vor sich hin, bevor sie sich aus dem Bett zwang.Ihr Handy klingelte, gerade als sie aus der Dusche kam. Sie überlegte kurz, den Anruf zu ignorieren, doch das konnte sie natürlich nicht; er würde sonst so lange anrufen, bis ihre Nerven blank lagen.„Ja, Marcus.“ Sie schaltete auf Freisprechen und legte das Handy auf die Frühstückstheke, während sie sich einen Kaffee zubereitete.„Hast du schon einen Plan?“, fragte er am anderen Ende der Leitung.„Warum
Das Büro des Sponsors roch nach Leder und Geld – ein Geruch, den Vivienne in den letzten Jahren mit dem drohenden Unheil eines höflichen Gesprächs verknüpft hatte, hinter dem sich die Enttäuschungen eines ganzen Lebens verbargen.„Mr. Renaud empfängt Sie jetzt“, sagte die Assistentin. Vivienne betrat das Büro und sah dem Gespräch bereits mit Bangen entgegen; am Morgen hatte sie zwei Textnachrichten von Marcus erhalten, die jeweils nur ein einziges Wort enthielten: *Wappne dich*.Damien Renaud – der Mann, der einen Sponsorenvertrag in neunstelliger Höhe unterzeichnet hatte – wirkte jünger, als sie es bei jemandem Mitte vierzig erwartet hätte; das Grau an seinen Schläfen milderte sein Profil nicht im Geringsten, auch wenn der Haarschnitt zweifellos ein Vermögen gekostet hatte.Der Mann hinter dem Schreibtisch erhob sich nicht, als sie eintraten, was Vivienne ihn augenblicklich unsympathisch finden ließ.„Lucien“, sagte Renaud und musterte bereits den Mann an ihrer Seite, „und Sie müssen
Vivienne breitete die Unterlagen um Mitternacht auf ihrem Küchentisch aus, denn das war offenbar die einzige Zeit, in der ihre Gehirnzellen noch wussten, wie man funktioniert.Sie starrte auf die öffentlichen Aufzeichnungen zu Lucien Cross aus den letzten sechs Jahren, bis die Worte vor ihren Augen zu verschwimmen begannen.„Okay“, sagte Priya, ihre Assistentin, während sie ihr Handy zwischen Schulter und Ohr balancierte und gleichzeitig auf dem Laptop auf ihrem Schoß nachsah. „Ich habe die Vorfallsberichte gefunden. Alle. Willst du nur die Highlights oder das volle Programm?“„Das volle Programm“, sagte Vivienne. „Ich biege nichts gerade, was ich nicht voll und ganz verstehe.“„Mit zweiundzwanzig: eine Schlägerei in einer Bar in Mailand, keine Anzeige, drei Zeugen, die aussagten, dass Cross den ersten Schlag geführt hat“, begann Priya. „Das Video ist anscheinend nicht eindeutig – was ihm natürlich in die Karten spielt.“„Weiter.“„Mit dreiundzwanzig wurde er zum Kapitän ernannt und g
Viviennes Telefon klingelte, noch bevor sie richtig wach war oder sich einen Kaffee hatte kochen können – ein Umstand, der ihr eigentlich sofort hätte signalisieren müssen, dass der Tag bereits eine ungute Wendung nahm.Sie schaltete den Klingelton stumm, während sie unter der Dusche stand, und tat es erneut, während sie sich fertig machte.Damit hörte sie auf, als Marcus innerhalb von nur elf Minuten bereits zum vierten Mal anrief; so ein Verhalten war schlichtweg ungesund – besonders wenn es um Menschen in ihrem Leben ging, die einen normalerweise nicht viermal hintereinander anriefen.„Sag mir, dass es nichts Schlimmes ist“, sagte sie beim vierten Anruf und schaltete auf Lautsprecher, während sie nach ihrem anderen Schuh kramte.„Definiere ‚schlimm‘.“„Marcus.“„Es gibt ein Foto von dir, wie du gestern Abend um elf Uhr Luciens Hotel verlässt.“„Es ist schon auf vier Klatschseiten zu sehen“, fügte er hinzu, „und in zwei Ländern ein Trendthema.“Vivienne hielt mitten in der Bewegung







