MasukOlivia
„Moment mal … was?!“ Ich starrte ihn an, meine Hände zitterten so heftig, dass ich sie gegen die Wand pressen musste, um nicht umzufallen.„Das meinst du nicht ernst, Drey. Sieh mich an! Du bist mein Gefährte. So etwas kannst du nicht einfach sagen!“
Drey zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er starrte mich nur mit diesen kalten, distanzierten bernsteinfarbenen Augen an, die einst vor absoluter Verehrung für mich gebrannt hatten.„Du hast mich schon verstanden.“ „Drey, bitte …“ Ein Schluchzen schnürte mir die Kehle zu. „Wir sind seit Jahren zusammen. Wir haben dieses Rudel aufgebaut. Ich bin deine wahre Gefährtin, von der Göttin auserwählt!“
Die schweren Türen hinter ihm öffneten sich. Yetty trat in den Flur. Die blasse, zerbrechliche, zitternde Witwe, die Sekunden zuvor noch auf dem Sofa gehustet hatte, war verschwunden. Sie stand aufrecht da, die Arme vor der Brust verschränkt, ein langsames, giftiges Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie auf mich herabsah.
„Eigentlich wollte ich dich hier wohnen lassen, Olivia“, sagte Yetty mit aufgesetztem Mitleid in der Stimme. „Aber du hast dich selbst dafür entschieden. Es ist offensichtlich, dass du die Realität dessen, was diese Familie braucht, nicht mehr ertragen kannst.“
Ich starrte sie an, der Ekel in mir kochte hoch, bis er die Trauer übertönte. „Nach allem, was wir für dich getan haben? Nachdem ich dich mit offenen Armen in unser Rudel aufgenommen habe, als mein Schwager starb? Das war also von Anfang an dein Plan, nicht wahr? Dich in das Bett meines Gefährten zu legen, sobald dein Mann begraben war?“
Yetty stieß ein leises, höhnisches Lachen aus, trat näher an Drey heran und streifte absichtlich mit der Schulter seinen Arm. Drey wich nicht zurück.„Gib mir nicht die Schuld für dein Versagen als Frau, Olivia“, spottete Yetty, ihre Augen blitzten vor Bosheit. „Der Alpha hat dir ein Ultimatum gestellt. Benehme dich und verschwinde aus diesem Haus. Oder, falls du die Zurschaustellung von Zuneigung von nun an ertragen kannst, kannst du natürlich bleiben. Du kannst das fünfte Rad am Wagen sein. Wir haben nichts gegen Gesellschaft, oder, Drey?“
Mein Blut kochte. Ich sah ihr verzerrtes, selbstgefälliges Gesicht an und schüttelte den Kopf. „Du bist ein Parasit, Yetty. Ich mache das nicht wirklich mit dir. Du bist nicht mal den Atem wert, den es kostet, mit dir zu diskutieren.“ Ich ignorierte sie, stürzte mich auf ihn und packte ihn an den Revers seiner Jacke. Ich zwang ihn, mich anzusehen, Tränen rannen über meine brennenden, fiebrigen Wangen. „Drey, sieh mich an! Sieh deinen Gefährten an! Wann bist du so geworden? Wann bist du zu diesem herzlosen Monster geworden?!“ Drey blickte auf meine Hände auf seiner Brust. Er stieß mich nicht von sich, aber sein Körper blieb völlig steif, wie eine Statue.„Es tut mir leid, Olivia“, sagte er leise, doch in seinen Augen lag keine echte Entschuldigung. „Aber ich kann mich nicht zwingen, etwas zu fühlen, das nicht mehr da ist. Die Verbindung ist tot. Sie ist schon lange tot.“
„Sie ist nicht tot!“, schrie ich mit zitternder Stimme. „Du erstickst sie! Du lässt sie deinen Verstand vergiften!“
„Papa! Papa, guck mal!“
Andrea rannte in den Flur. Die kleine, vierjährige Hündin hielt eine bunte Zeichnung in der Hand, ihr Gesicht strahlte vor unschuldiger Begeisterung. „Ich habe den perfekten Platz für meine Geburtstagsparty gefunden! Wir können die Hüpfburg direkt auf den Rasen vor dem Rudeltor stellen! Komm her!“
Dreys Verwandlung war augenblicklich und brach mir das letzte bisschen Herz.
Sein strenges Gesicht wich einem warmen, liebevollen Ausdruck. Sofort kniete er sich hin und fing Andrea in seinen Armen auf, als sie auf ihn zugerannt kam.
„Oh, wow“, murmelte Drey, ein ehrliches, wunderschönes Lächeln huschte über sein Gesicht, während er ihr durch die dunklen Locken strich. „Der Rasen vor dem Haus? Das klingt nach einer perfekten Idee, Liebling. Zeig mir mal die Zeichnung.“
Yetty ging hinüber, kniete sich neben Drey und legte einen Arm um seine Taille. Beide betrachteten das Papier des Kindes. Sie sahen perfekt aus. Sie wirkten wie eine wunderschöne, trauernde Familie, die in den Armen des anderen Trost gefunden hatte.
Und ich war nur der Geist.
„Drey“, flüsterte ich.
„Wir sind noch nicht fertig.“
Drey hob den Blick nicht von Andreas Zeichnung.„Wir sind fertig, Olivia. Geh nach oben und pack deine Sachen. Wenn du bleibst, ziehst du in die Dienerschaftsräume im Westflügel. Wenn nicht, kannst du jederzeit gehen.“
„Du gibst ihr mein Zimmer?“, keuchte ich.
„Du wirfst deine Gefährtin in die Dienerschaftshalle?“ Yetty blickte über Dreys Schulter hinweg, ihre Augen trafen meine. Mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr – sodass ich den Platinring „Luna“ an ihrem Finger glänzen sah.
Mein Ring. Der, den Drey vor drei Wochen unter dem Vorwand, ihn reinigen zu lassen, aus meinem Schmuckkästchen genommen hatte.
„Na los, Olivia“, murmelte Yetty mit triumphierender Genugtuung in der Stimme. „Verdirb nicht die Geburtstagsplanung für das Baby. Du hast den Alpha gehört. Du gehörst nicht mehr in diesen Kreis.“ Drey schwieg, den Rücken mir zugewandt, während er dem kichernden Kind etwas zuflüsterte. Er verteidigte mich nicht. Er hatte mich komplett aus seinem Leben gestrichen.
Aus Olivias Sicht„Nein“, sagte ich.„Mama …“„Auf keinen Fall.“„Mama, bitte.“ Elara wandte sich vom Fenster ab. Ihr Gesicht war blass, doch sie hob entschlossen das Kinn. „Sie werden mir nichts tun, während wir miteinander sprechen. Sie sagten, sie hätten Zeit bis morgen. Sie wollen, dass ich eine Entscheidung treffe.“„Du bist sechs Jahre alt.“„Ich bin sechs und dreiviertel.“ Sie versuchte zu lächeln. „Und ich bin die Hüterin. Die Wächter haben Angst vor Türen. Ich bin die Einzige hier, die weiß, wie sich eine Tür von innen anfühlt.“Ich sah Cameron an. Sein Kiefer war angespannt, und durch unsere Verbindung spürte ich, wie seine Angst auf mich übertrug. Doch darunter nahm ich noch etwas anderes wahr. Er dachte angestrengt nach.„Lira“, sagte er. „Gibt es dazu eine Regel? Ein Gesetz, an das sich die Wächter halten müssen?“Lira, die sich an den Bettpfosten lehnte, nickte langsam. „Wächter dürfen die Bitte einer Hüterin um ein Gespräch nicht ablehnen. Es ist die älteste Regel, die
Camerons SichtweiseDer Himmel färbte sich von den Rändern her weiß.Es sah nicht nach Wolken oder Schnee aus. Es wirkte, als würde ein Tuch straff über die Welt gezogen. Die Farben wichen aus den Hügeln, dann aus den Bäumen, schließlich aus den toten Vögeln auf dem Boden. Selbst Pebbles silberner Körper verlor seinen Glanz und wurde bleich wie Milch.„Alle hinein“, sagte ich. „Sofort.“„In die Hütte?“, fragte Harlan. „Sie hat nur eine Tür und keinen Ausgang nach hinten.“„Ich weiß. Geht trotzdem.“Ich verschwieg, was ich eigentlich dachte: Draußen im Freien konnte uns nichts retten – und drinnen vielleicht auch nicht. Doch ein Dach über dem Kopf fühlte sich besser an als gar keines.Wir trugen Lira hinein und legten sie auf das schmale Bett. Olivia hüllte sie in Decken. Mirelle zündete jede Kerze an, die sie finden konnte. Elara stand am Fenster, die Hand gegen die Scheibe gepresst; ihr silbernes Mal leuchtete schwach auf.„Sie kommen herab“, flüsterte sie.Ich trat zur Tür und sah h
Aus Olivias SichtWir brachen im Morgengrauen auf – und wir ritten nicht auf Pferden.„Zu Pferd würde es sechs Tage dauern“, sagte Cameron und studierte die Karte. „Das Gelände im Osten ist unwegsam. Wir wären zu spät dran.“*„Ich könnte euch tragen“*, sagte Pebble.Wir alle drehten uns um und starrten ihn an. Der Riese saß an der Nordmauer, wie ein Hügel, der aus der Landschaft herausragte. In seiner Armbeuge schlief noch immer ein Kind; er hielt sich vollkommen regungslos, um sie nicht zu wecken.*„Ich bin ziemlich schnell“*, sagte er schüchtern. *„Wenn ich nicht gerade aufpassen muss, dass ich nichts zerquetsche.“*„Du würdest uns tragen?“, fragte Cameron.*„Elara hat mir einen Namen gegeben“*, sagte Pebble. *„Ich würde euch bis ans Ende der Welt tragen.“*Elara klatschte in die Hände. „Darf ich auf seinem Kopf sitzen?“„Nein“, sagten Cameron und ich gleichzeitig.„Auf seiner Schulter?“„...Na gut“, sagte ich. „Auf seiner Schulter. Aber mit einem Seil um die Taille.“---Diesen Rit
Camerons SichtweiseEs gefiel mir nicht. Überhaupt nicht.Meine Tochter stand auf einer rissigen Mauer, klein wie ein Spatz, die Hand auf dem Stein. Ein Riese aus schwarzem Wasser ragte über ihr auf. Jeder Wolf auf der Mauer hielt den Atem an.Doch im letzten Jahr hatte ich etwas gelernt. Elara verlangte nicht von mir, dass ich ihr erlaubte, unvorsichtig zu sein. Sie bat mich, ihr zu vertrauen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.„Rylan“, sagte ich leise. „Stell dich hinter sie. Wenn es sich bewegt, zieh sie zurück.“„Ja, Alpha.“„Sera, halte deinen Bogen bereit.“„Immer“, antwortete Sera.Ich kletterte zu meiner Tochter hinauf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie sah mich nicht an. Sie blickte zu dem Riesen hinauf, und der Riese blickte auf sie herab.---„Ich kann dir keine Mutter geben“, sagte Elara sanft. „Sie ist fort. Es tut mir leid.“*„Ich weiß“*, sagte der Riese. Seine hundert Stimmen zitterten. *„Ich habe gespürt, wie sie ging.“*„Aber ich kann dir etwas andere
Aus Olivias SichtIch habe nicht geschlafen. Niemand hat geschlafen.Wir saßen auf dem Boden des Burgfrieds, bis das erste graue Licht durch die schmalen Schlitze sickerte. Der schwarze Kreis war nun dunkel. Er war nur noch ein großer, rissiger Stein, so still wie ein Grabstein. Niemand wollte ihn ansehen.Elara lag auf meinem Schoß, den Kopf auf meinem Arm. Sie war wach, aber so erschöpft, dass ihr immer wieder die Augen zufielen. Cameron saß neben uns, eine Hand auf ihrem Rücken, und starrte auf den Stein.„Cameron?“, sagte ich leise.„Ja?“„Erinnerst du dich an die alte Frau?“Er runzelte die Stirn. „Welche alte Frau?“„Die, die die Tür aufgehalten hat. Die, die Hesper hindurchgeführt hat.“Er dachte lange nach. Ich konnte sehen, wie er in seinem Gedächtnis kramte – so wie jemand, der seine Taschen nach einem Schlüssel absucht. Schließlich schüttelte er den Kopf, und sein Gesicht verzog sich schmerzlich.„Da war jemand“, flüsterte er. „Ich weiß, dass da jemand war. Ich kann ihre Ge
Camerons SichtweiseNoch nie in meinem Leben habe ich mich so schnell bewegt.Einen Moment lang kniete ich noch auf dem kalten Stein. Im nächsten befand ich mich auf der anderen Seite der Burg, die Arme fest um die Taille meiner Tochter geschlungen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, den Raum durchquert zu haben. Ich wusste nur, dass Hesper sie am Handgelenk hielt – und ich würde sie ganz sicher nicht loslassen.„PAPA!“, rief Elara.„Ich hab dich!“, schrie ich zurück. „Ich hab dich, kleiner Wolf!“Hesper zog an der einen Seite, ich an der anderen. Elara hing zwischen uns wie ein Seil bei einem Tauziehspiel; ihre kleinen Füße rutschten über den Boden. Ihr silbernes Mal leuchtete auf, wurde schwächer und flammte dann erneut auf.„Lass sie los!“, brüllte ich.„Sie ist der Schlüssel!“, schrie Hesper. Ihr Zopf hatte sich gelöst, ihre Augen wirkten wild. „Sie ist der einzige Schlüssel! Ich habe vierzig Jahre lang darauf hingearbeitet – ich werde ihn jetzt nicht verlieren!“„Sie ist ein K







